Kartierung der Geheimnisse

Kartierung der Geheimnisse


Oliver Tepel über Tjibbe Hooghiemstra „Wâldman“, Galerie Der Spiegel, Köln, bis 30.6.19, Künstlerbuch „Wâldman“, 15 Euro.

Auf einsamen Wanderungen zieht der Waldmensch durch die ausgedehnten Wälder der Holländischen Nordseeküste. – Nein, das macht er nicht.

„Jemand sagte mir einmal, es gäbe gar keine Wälder in den Friese Wouden
Dennoch gibt’s genügend Bäume, sich dahinter zu verstecken.“

Diese Worte, mit denen Nyk de Vries sein Gedicht in Tjibbe Hooghiemstras Künstlerbuch „Wâldman“ beginnt, entsprechen wohl eher der Realität der Fauna des trotzallem „Friesische Wälder“ genannten Landstrichs, Heimat des Malers Hooghiemstra und Ausgangspunkt einer Expedition, die dann doch durch dunkle Waldgebiete führt. Manchmal distanzierte Idyllen der Kargheit, dann wieder innere Landschaften, Erinnerungen an erlebte Zumutungen in eben dieser ländlichen Idylle, die, erlebt man die schreckliche Seite mancher Bewohner, dann unweigerlich zur Tristesse wird.

So erscheinen die Blicke auf Baumgruppen bar jeder Perspektive: Stämme, ohne Grün, ja mit nur wenigen sich schamvoll abzweigenden Ãsten, gleich einem versperrten Weg in einem ewigen Winter. Und doch sind Hooghiemstras Werke auf Leinwand und Papier zugleich von fragiler Zartheit, Spuren einer Zuneigung zu der abgebildeten kargen Öde, die sich dort Raum schafft, wo dunkle Wolken (Nord, 2006) oder klirrende Kälte (Wit Landschap, 2017) für einen Moment weichen.
Die vertikalen Linien der Bäume treffen auf horizontale Faltspuren mancher Materialien und auf diagonal aufmontierte Papierstreifen. Was in der frontalen Ansicht als Verschluss der Perspektive erscheint und auch tatsächlich das Gefühl des genommenen Raums, des untersagten Zutritts aufkommen lässt. Erscheint in der Draufsicht dann eher gleich der Planquadrate des Kartenmaterials, welches vielleicht zur Bewältigung von Wanderrouten vonnöten ist.

Es sei, man ist ein Hund. Ein gelber Nebel zieht sich über Teilbereiche des Bodens eines der Waldbilder, im Künstlerbuch zur Ausstellung wird dann klar, daß es die Geruchsspur eines anderen Wesens ist, die Fährte, welcher der Jagdhund folgt und die ihn zu einem Löwen führt. – In der Interpretation von Douwe Koostra der Migrant, versteckt im Unterholz und doch so vertraut mit Land und Leuten, daß der Hund bass staunt. Man könnte argumentieren, daß sich ein Löwe als Wappentier der Niederlande gleich heimisch fühlen müsste und Hooghiemstras Profilbild der Großkatze erinnert sogar an Löwen auf Wappen und Fahnen, doch diese Auslegung scheint nicht im Werk angelegt.

Tatsächlich sind auch die anderen Tiere, welche im Kontext von „Wâldman‘ erscheinen von einer stolzen, zumindest sich selbst genügenden Präsenz. Die Krähe, ein weiterer großer Singvogel, der Fuchs und ein Affe. Lebt der ebenfalls im Wald? Oder hastet er rastlos durch einen Geist in vermeindlich, stoischer Genügesamkeit? Nicht in der Ausstellung, aber im Buch erscheinen auch Menschen, ein junges, offenbar traurig gestimmtes Mädchen, ein bebrillter Mann, vielleicht ein Selbstporträt. Ihre Präsenz scheint weniger flüchtig als die der Tiere, eher wirkt es, als seien sie mit all ihrem Begehren im dem Wald aus seinen gitternetzartigen Linien gefangen.

Mit Blick auf die nicht selten karg abweisend und trist präsentierte Landschaft, beginnt man sich zu wundern, daß Tjibbe Hooghiemstra tatsächlich der friesischen Künste treu blieb, obwohl für Freude in dieser intensiven, wie zugleich variantenarmen Welt wenig Raum scheint. Dafür bietet sie viel Raum für Details und Material für die Permutationen unter bestimmten mal künstlerisch definierten, mal vom Künstler unbeeinflussbaren Zuständen. Einzelne Blicke auf Orte werden variiert, vom ausgebleichten Photo über abklatschartige Techniken hin zum Aquarell und der kargen Zeichnung einer Flussbiegung, welche das gegenüberliegende Ufer einer Insel gleich erscheinen lässt.

Vielleicht liegt hier auch die Antwort auf die sich wundernde Frage, denn die Landschaft liefert, was Hooghiemstra ins Zentrum seiner Kunst rückte: Das Alte, nie frisch und neu Erscheinende, die Details, welche insbesondere im der Art, wie der Künstler diverse, auch vorgestaltete Materialien einsetzt, als eine Art Code erscheint und so den Blick des Betrachters zusehends bannt, ihn selbst zum Entdecker macht – und nicht zuletzt eine Landschaft, deren Linien und Formen der Tiefe des Raums entsagen. Vom Objekt zur Abstraktion, oder vom Objekt zu dessen Kartierung, es scheint stets nur ein kleiner Schritt und nie ein endgültiger.
Vielleicht aufgrund der Bewegungen, der auch im Formalen dennoch erzählerischen Perspektive, ist das Buch für Tjibbe Hooghiemstra ein derart interessantes Medium. Neben „Wâldman“ werden einige weitere seiner Künstlertbücher gezeigt. Die Galerie Der Spiegel, die an ihrem jetzigen Ort übrigens 1997 mit einer Ausstellung von Tjibbe Hooghiemstra wiedereröffnete, unterstützte stets Buchprojekte. Wie zum Beleg, eröffnete am Tag der Vernissage von „Wâldman“ in der Kunst und Museumsbibliothek die Ausstellung „tunke den finger ins tintenmeer“ zum Buchwerk Max Ernsts mit diversen Leihgaben der Galerie Der Spiegel.

Nicht zuletzt verbildlicht Hooghiemstras Kunst den Namen seiner Kölner Galerie – Der Spiegel als ein Objekt der Moderne, dessen Abbildfunktion sich von den Verpflichtungen der reinen Kopie befreit. Was zeigt ein Bild? – Die romantische oder symbolistische Idee, daß jede Landschaft letztlich die Seele abbildet, sie prägt auch das Schaffen des niederländischen Malers der verzweigten Linien und beiläufigen Details.

Alle Werkabbildungen aus Tjibbe Hooghiemstra “Wâldman”, verschiedene Materialien auf Leinen, 2017/’18.


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