„Garage sind wir schon“

„Garage sind wir schon“


Ein Email Interview mit Sigrid Gareis, Generalsekretärin der neuen Akademie der Künste der Welt Köln

Artblog Cologne: Frau Gareis, einige Gründungsmitglieder der Akademie, darunter Künstler und Wissenschaftler wie Rosemarie Trockel, Walid Raad, Tom Holert und Hans Ulrich Obrist haben sich kürzlich zum ersten Mal in Köln getroffen. Ist man sich bereits einig darüber, welchen Weg die Akademie einschlagen soll?

Sigrid Gareis: Es war sehr schön, zu sehen, dass sich innerhalb sehr kurzer Zeit unter den Mitgliedern ein sehr gutes Einvernehmen entwickelte. Da die meisten Mitglieder sich vorher nicht persönlich kannten, war dies ja nicht selbstverständlich vorauszusetzen. Dieses erste Treffen hat mich daher für die Entwicklung der Akademie insgesamt sehr optimistisch gemacht. An konkreten inhaltlichen Tendenzen zeichnet sich einerseits ab, dass die Akademie keine Scheu hat, sich auch bewusst politischen Fragen zuzuwenden. Andererseits war ein großes Interesse zu bemerken, Köln in seiner ganzen kulturellen Vielfalt zu begreifen und hier sukzessive eine Öffnung zu den migrantischen Communities bewirken zu wollen.

Sehen die Mitglieder, die beispielsweise aus dem Iran, Libanon, Israel, Indien oder China kommen, gleichermaßen Kunst als Grundlage für die Gestaltung einer sich wandelnden Gesellschaft? Oder gibt es Unterschiede in der Auffassung und vor allem der Vermittlung von Kunst und Kultur?

Für die Beantwortung dieser Frage ist es noch zu früh. Das erste Treffen stand wirklich ganz im Zeichen dieses ersten Kennenlernens – und das nicht nur der Mitglieder untereinander: Sie stellten ihre künstlerische Arbeit zunächst individuell vor, wozu bewusst auch Kölner KünstlerInnen und KollegInnen eingeladen waren. In einer speziellen Stadtführung, die Regina Wyrwoll wunderbar gestaltete, bekamen sie Einblicke ins Stadtbild und in die Stadtgeschichte – vom römischen und katholischen Köln bis hin zu kulturellen Vielfalt der Stadt und ihrer Bedeutung für die Entwicklung der zeitgenössischen Kunst. Auch lernten sie die politischen Verantwortlichen mit ihren Erwartungen an die Akademie kennen. Sie wurden darüber hinaus gezielt mit künstlerischen Arbeiten und Programmen ihrer Kölner KollegInnen aus dem Bereich Musik und Literatur bekannt gemacht. Erst über dieses Kennenlernen kann meines Erachtens die Basis für eine zukünftige Auseinandersetzung, Debatte und Diskussion entstehen.

Wenngleich sich selbstverständlich in den Gesprächen kulturelle Unterschiede abzeichneten, sollte man sich hier jedoch vor jeder Art von Exotismus und ähnlichem hüten. Alle Mitglieder sind renommierte internationale Künstlerpersönlichkeiten, die natürlich alle über die aktuellen Kunstdiskurse informiert sind. Sogar explizit verwehren sich die Mitglieder, dass die Akademie als eine Art „Zoo“ von globalen Kunstschaffenden angesehen wird – was durchaus eine Gefahr darstellt.

Dennoch stelle ich mir schon aus logistischen Gründen die gemeinsame Arbeit an den Zielen der Akademie – Stärkung der internationalen Vernetzung Kölns, Einbindung lokaler Künstler, Berücksichtigung der veränderten demographischen Bevölkerungsstruktur im Kulturangebot – beim meist kurzen Zusammentreffen von Mitglieder aus so verschiedenen Kulturkreisen schwierig vor. Wie genau soll dieses Ziel erreicht werden?

Sicher wird es einige Zeit dauern, bis die Idee der Akademie im Stadtleben direkt spürbar sein wird, denn es sind berechtigt KünstlerInnen und TheoretikerInnen ausgewählt worden, die weltweit immens gefragt sind. Auf ein Ehrenamt in Köln haben sie wohl nicht gewartet. Es war jedoch das Interesse an der Stadt Köln erfreulich stark zu spüren oder anders ausgedrückt: Die Stadt Köln als zukünftige Basis künstlerischer und kuratorischer Aktivitäten konnte sich den Mitgliedern wirklich sehr gut vermitteln. Es gibt auch bereits erste Projektideen einzelner Mitglieder in und für Köln. Der samoanische Choreograph Lemi Ponifasio, der im Moment bei der Ruhrtriennale produziert, hat auch bereits Kontakt zur Kölner Tanzszene aufgenommen.

Kooperation, Dialog und Vernetzung ist der Akademie gleichsam in die DNA eingeschrieben: Die Akademiemitglieder haben Möglichkeiten und Mittel in der Stadt künstlerisch zu wirken. Da die Akademie bewusst nur Büroräumlichkeiten besitzt, braucht sie dazu aber die veranstalterischen Strukturen der KollegInnen in der Stadt. Parallel können KünstlerInnen und VeranstalterInnen auch extern Projektideen einbringen, die dann von der Akademie unterstützt werden.
Meines Erachtens ist die Akademie aufgrund ihre Srtuktur auch weniger für den kurzfristigen „Eventbetrieb“ geeignet, als vielmehr für nachhaltige Entwicklungen. Und darum sollte es doch gehen!

 

In Köln gab es mit dem groß angelegten und interndisziplinären Ausstellungs- und Forschungsprojekt „Projekt Migration“ bereits erste Bestrebungen, das Thema Migration mit künstlerischen Mitteln zu diskutieren. Das Projekt fand viel Aufmerksamkeit im Kunstdiskurs und in der Wissenschaft, die Migranten aus Köln fühlten sich davon jedoch nicht so richtig angesprochen. Wie wird es die Akademie erreichen, künstlerisch anregende Projekte zu realisieren und dabei Schwellenängste beim Publikum niedrig zu halten?

Die Grundzielsetzung der Akademie ist es, in der Vernetzung der vorhandenen Kulturinstitutionen der Stadt Köln globale künstlerische Fragestellungen und den Bereich Migration noch stärker ins Blickfeld zu rücken. In diesem Sinne steht auch die Idee im Raum, einen Roundtable mit verschiedenen Kunst- und Kulturinstitutionen einzurichten, die Erfahrung in der Kommunikation mit unterschiedlichen Kölner Communities haben. Da diese Problematik alle verbindet, sehen wir hier die Chance in der Bündelung und Erweiterung der bisherigen Erfahrungen gemeinsam noch mehr leisten zu können. Unser Ausgangspunkt dabei ist, dass natürlich in die migrantischen Communities deutlich mehr kommuniziert werden sollte, aber vor allem auch MIT ihnen. Hier könnte eine Stärke der neuen Akademie sein: Da die Mitglieder zum größten Teil nicht nationale bzw. europäische Künstler sind, besteht die Möglichkeit ein migrantisches Publikum selbstverständlich anzusprechen, ohne mit einer „westlichen“ und oft paternalistischen Sichtweise dieser Problematik gegenüber aufzutreten.

Gibt es für die Akademie z.B. internationale Vorbilder, an denen sie sich inhaltlich/programmatisch orientieren?

Persönlich bin ich in Bewunderung für die Pionierarbeit, die das Metropolitan Museum im Bereich des Multicultural Audience Development geleistet hat. Direkte Vorbilder zu finden ist aber schwierig, denn obwohl das Thema Migration ein internationales ist, müssen die Lösungsansätze stets regional den jeweiligen politischen und sozio-ökonomischen Gegebenheiten und der speziellen Bevölkerungszusammensetzung sowie der damit einhergehenden Dynamik angepasst werden.

Derzeit läuft ein Aufruf an Künstler, Theoretiker, Kuratoren und Veranstalter für Projekte mit interkulturellem bzw. migrantischem Charakter (www.academycologne.org). Welche Art Einreichungen wünschen Sie sich genau?

Es ist dies unsere erster Call mit dem Einreichdatum 1. September 2012. Ganz bewusst haben wir hier versucht formale Bedingungen und (Ausschluss-)Kriterien so weit es nur geht zu vermeiden. In seiner „Unreglementierung“ und geringen Formalisierung sorgt der Call daher sogar zum Teil für gewisse Verwirrung in der Szene.

Es erscheint uns aber gerade für eine neue Künstlergesellschaft wie die Akademie der Künste der Welt einfach wichtig, nicht mit der Einschränkung oder Formalisierung, sondern vielmehr mit der größtmöglichen Offenheit zu beginnen. Was wir uns aber ganz allgemein wünschen, sind Einreichungen von künstlerischen Projekten, die einen signifikante, im besten Fall neue, gerne auch überraschende Sicht auf die Auseinandersetzung mit globalen – nicht eurozentrischen – Fragestellungen in der Kunst aufwerfen oder der so häufig ignorierten Tatsache Rechnung tragen, dass wir längst schon in einer Zuwanderungsgesellschaft leben. Eine künstlerische oder konzeptuelle Qualität des Projekts sollte selbstverständlich sein. Wenn die eingereichten Projekte zudem einen beispielhaften Charakter haben oder schlüsselhaft für diese Fragestellungen sind, ist das sicherlich nicht von Schaden;-))

Gibt es bereits Entscheidungen bezüglich des Residency Programms? Nutzen Mitglieder diese Möglichkeit, um wegen ihrer Arbeit an der Akademie nach Köln zu ziehen?

Eine der ersten inhaltlichen Diskussionen der Akademie war, dass die Mitglieder das Residency Programm gerne auch für sich in Anspruch nehmen möchten, um die Möglichkeit zu bekommen, für einen längeren Zeitraum in Köln zu arbeiten und zu leben. Spontan haben vier Mitglieder der Akademie ihr Interesse an einem mehrmonatigen Aufenthalt in der Stadt angemeldet.

Wir haben hier aber eine wichtige Unterscheidung getroffen: Für die Fellows – die Gäste der Akademie – ist das Residenzprogramm bewusst an keinerlei künstlerische Verpflichtungen gebunden. Nutzen aber die Mitglieder der Akademie dieses Programm, müssen sie ein ganz konkretes Projektvorhaben in der Stadt haben.
Erste Fellows aus Australien, China und Palestina haben mit großer Freude und Enthusiasmus ihr Kommen nach Köln angekündigt. Mit ihnen sind wir derzeit in Gesprächen über die ganz konkreten Daten ihres Aufenthalts. Eine erste Residency eines Mitglieds wurde für den nächsten Sommer ins Auge gefasst.

Die Aufgaben der Akademie sind ganz schön komplex und die Erwartungen seitens der Stadt enorm. Wie sehen nun die nächsten Schritte in der Gründungsphase aus? Was hat gerade Priorität?

Da in Bezug auf eine Akademie – und speziell natürlich auch die Kölner Akademie –nur die fundierte und nachhaltige Arbeit interessieren kann, heißt es hier tatsächlich zwischen der Notwendigkeit eines langsamen Zusammenwachsens dieser Künstlergesellschaft und den Erwartungen Kölns zu vermitteln.

Im Moment ist bei uns im Akademiebüro alles gleichzeitig zu machen, wobei oft zwischen Priorität und akuter Wichtigkeit (z.B. „Kreditkarte für Firma besorgen“ oder „Internet für alle im Übergangsbetrieb“) gar nicht so leicht zu unterscheiden ist: Da wegen der vorbehaltlichen Haushaltslage in Köln die GmbH erst vor kurzem gegründet werden konnte, laufen im Aufbau des organisatorischen Betriebes gerade vier Bewerbungsverfahren gleichzeitig, um endlich vom „Ein-Frau-Betrieb mit Praktikumsmöglichkeiten“ wegzukommen. Die ersten Einreichungen zu unserem Call sind bereits eingetroffen. Die Findungskommission für die Junge Akademie wird aufgebaut. Auf Hochtouren gearbeitet wird an der Vorbereitung der zweiten Mitgliederversammlung, die gleichzeitig die offizielle Eröffnung der Akademie darstellt….

Meinen beiden jungen MitarbeiterInnen, die im Moment im Büro mit mir sitzen, sage ich immer: „Garage wie Bill Gates an seinem Beginn sind wir schon. Jetzt müssen wir nur noch erfolgreich werden;-))

Vielen Dank für das Interview!

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