The World of Tim Burton

The World of Tim Burton


“Thank you for comin´ to my funeral” – Andreas Richartz über Tim Burton im Max-Ernst-Museum, Brühl, bis 3.1.16

Hätten die Autoren der 9. Episode der 3. Staffel von Breaking Bad gewollt, dass Jesse Pinkman von so ziemlich jedem Kid eines einigermaßen westlichen Kulturkreises zwischen 15 und 20 Jahren verstanden wird, dann hätten sie ihn nicht ausrufen lassen: YO, that´s kafkaesk !“ Sie wollten aber nicht. Vielleicht nur, weil sie ihre Bildungsbeflissenheit zur Schau stellen wollten wie einen überreifen Munster-Käse. Vielleicht aber auch, weil sie es nicht besser gewusst haben. Es heißt nämlich längst schon burtonesk, und das zu sagen hätte man selbst dem Underdog Pinkman zugetraut.

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Tim Burton, Ohne Titel (The World of Stainboy), 2000, Tusche und Aquarell auf Papier, 22,9 x 30,5 cm, Privatsammlung © 2015 Tim Burton, All Rights Reserved

Tim Burton mag es völlig gleichgültig sein, hängt er doch seit Jahren nicht mehr ab von dem Betrieb, der ihn wohlnährt. Er hat lange bereits seine Schäfchen im Trockenen, nachdem diese fast ebenso lange vollgesogen waren mit kindlicher Schwermut. Eigentlich wäre Tim Burtons Leben ein gelungenes Beispiel für geglückte Inklusion. Ist es aber nicht. Es ist dafür umso mehr ein Beispiel dafür, wie sich ein Mensch seine überbordende Phantasie nicht zerdrücken lässt, obwohl er bereits in den Fängen einer nur im Akkord funktionierenden Unterhaltungs-Industrie namens Disney verloren schien. Und wie sich so einer am eigenen Schopf packt, um, ja um letztlich doch zu denen zu gehören, die so einen wie ihn schon immer sauber exkludieren wollten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Geschichte der Befreiung eines Mannes, der sein Talent von Beginn an mit großem Fleiß unterfüttert, bis er zu einem der skurrilsten Erzähler unserer Tage wird, diese Geschichte wird nach New York und Melbourne, Toronto, Los-Angeles, nach Paris und Seoul, Prag, Osaka und Tokio binnen sechs Jahren nun in Brühl bereits zum zehnten Mal nacherzählt: Das Max-Ernst-Museum Brühl zeigt – in seinem 10. Jahr als erstes Haus in Deutschland überhaupt – Tim Burton in einer Einzel-Show und landet damit nach seiner David Lynch-Schau 2009, die in Brühl seinerzeit zeitgleich zu Burtons-MoMa-Exposititon gezeigt wurde, seinen zweiten richtig großen Coup. Fast möchte man sagen, erst seinen zweiten „Big Fish“ in zehn Jahren. Aber auch das ist so nicht.

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Tim Burton, Blue Girl with Wine, um 1997, Öl auf Leinwand, 71,1 x 55,9 cm, Privatsammlung © 2015 Tim Burton, All Rights Reserved

Eine Dekade bereits erfreut dieses Haus an der Peripherie einer mit geballter Kunst-Kraft gesegneten Region. Mit Ausstellungen, die wunderbar gefügt waren in die Möglichkeiten der Räume, die zuletzt – so schien es – aber auch verrieten, dass in den Gefilden der bis dahin reich unterstützen Brühler der Spar-Gürtel enger geschnallt werden musste. Und die darüber hinaus bemerken ließen, dass Werner Spies quasi über Nacht dem Haus den Rücken gekehrt hatte. Für Burton hat man jetzt also in Brühl zu alter Herrlichkeit in NRW zurück gefunden, zur besonderen Stellung eines Hauses, das gern das Besondere wählt.

Wie ist die Ausstellung also geworden? Unterteilt ist sie im Luise-Strauss-Ernst-Saal in acht thematische Sektionen (der Schwarzraum enthält Bilder anderer Sektionen und kann nicht selbst als eine solche bezeichnet werden). Ihnen voran steht ein Prolog Einflüsse und ein Objekte-Exkurs (Drei Kreaturen), die in die Sammlung Max Ernst im Stockwerk darüber eingebettet wurden. Was zuvor keinem der je ausgestellten KünstlerInnen zugestanden wurde. Ein fast 40 Seiten starker Ausstellungsguide verhilft angesichts des ungeheuren Konvoluts mittels knapp gehaltener Einführungen zu einer Übersicht über die Sektionen der Show. Der Guide ersetzt durch Nummerierung der häufig titellosen Arbeiten die Labelisierung an den Ausstellungswänden. Das macht Sinn. Wirklich transparent macht der Guide dem geneigten Publikum seine Nummerierungsfolgen allerdings nicht. Fehlende Fokussierung betrifft auch ein von Burton im Schwarzraum exklusiv für Brühl gefertigtes Bild, das zur Eröffnung keinen gesonderten Hinweis auf seine Exklusivität erhalten hat. Hier darf bei einer Ausstellung, die möglicherweise länger als fünf Monate dauert, durchaus Optimierung erwartet werden.

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Tim Burton, Ohne Titel (The Melancholy Death of Oyster Boy and Other Stories), 1997, Tusche und Pastell auf Papier, 15,2 x 20,3 cm, Privatsammlung © 2015 Tim Burton, All Rights Reserved

Seinen ersten Volltreffer landet das Team um Achim Sommer und Co-Kurator Patrick Blümel, indem es Ernsts überdimensionales Wandgemälde der Nymphe Ancolie von 1934 mit Burtons Drei Kreaturen von 2009 korrespondieren lässt und sich damit gleich zu Beginn der Ausstellung des Verdachts entledigt, Burton habe etwa nichts mit Ernst zu schaffen. Den schlagenden Beweis dafür, dass es doch so ist, führen die Kelchblätter und Fruchtknoten bei Ernst, die direkten Kontakt zu den sich windenden schwarzen Kreaturen aufnehmen, die ihre riesigen Mäuler aufreißen wie fleischfressende Pflanzen. Überhaupt befinden sich unter dem Burtonschen Frühwerk des Kapitels Einflüsse echte Entdeckungen: Etwa die Blätter 44, Untitled (Trick or Treat), 1980; 45, Untitled (Beetlejuice), 1988 und 46, Untitled (Trick or Treat), 1980, deren extrem schräg-gebrochene Perspektiven und ihr Schachbrettmuster der Böden an Hitchcocks Zusammenarbeit mit Dali in Spellbound (1945) und an expressionistische Schatten-Architekturen der deutschen Stummfilmära erinnern. Oder Blatt 47, Untitled (A Trip tot he moon), 1988, das als kleinformatige Hommage an den großen französischen Kinomagier Georges Méliès und dessen 1902 gedrehtes Meisterwerk „Die Reise zum Mond“ erscheint ; frühe Bezüge, die vielleicht erwartbar waren, vor denen man dann dennoch überrascht steht.

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Tim Burton, Ohne Titel (Creature Series), um 1980–1989, Tusche, Marker und Buntstift auf Papier, 38,1 x 15,2 cm, Privatsammlung © 2015 Tim Burton, All Rights Reserved

Im Hauptausstellungsraum bestätigt sich schnell, was sich bereits in der Anfangsphase der Ausstellung ankündigt. Die visuelle Überwältigung, der man schnell erliegt, wird nicht allein durch die schiere Menge der Arbeiten befördert. Natürlich, es sind immer wieder – und wer hätte etwas anderes erwartet – die Sujets und Figuren, die man aus Burtons Filmen kennt, die hier in ihren Frühphasen präsentiert werden. Aufflackernde erste Eingebungen, die zu Skizzen, Storyboards, manchmal auch zu Servietten-Zeichnungen während seiner weltweiten Hotel-Aufenthalte verarbeitet wurden. Überraschend ist, dass wenige skizzenhafte Blätter weitaus mehr filigranen Ausarbeitungen gegenüber stehen. Wo insgesamt mit mehr Beiläufigkeit gerechnet werden konnte, zieht ein ums andere Mal die zeichnerische Vollendung in ihren Bann. Blätter wie Bild 87, Untitled (Trick or Treat), 1980 und 88, Untitled (Trick or Treat), 1980, auf denen wir aus haarsträubenden Perspektiven einen finsteren Grusel-Clown a la King auf uns zukommen sehen, offenbaren Burtons ganze zeichnerische Brillanz . Herrlich auch, wenn z.B. in Bild 81, Untitled (Trick or Treat), 1980, bereits ein Gardener ganz klar als eine erste Eingebung der später unter dem Heldennamen Edward Sccissorhand berühmt gewordenen Filmfigur erscheint. Schnell wird klar: Hier haben wir einen multipel talentierten Künstler, einen – auch darin Ernst ähnlich – Workaholic, der sein Talent mit Tusche, Filz- und Buntstiften, Aquarell, Pastell und sogar Öl jederzeit zu reproduzieren in der Lage sich zeigt.

Auf der Pressekonferenz betonte Burton immer wieder, er entstamme weder der Hochkunst, noch lege er Wert darauf, mit ihr in Verbindung gebracht zu werden. Sein zeichnerisches Repertoire hält er für limitiert und die Idee, sich bewusst an Themen und Stilen der klassischen Moderne abzuarbeiten, erscheint ihm abwegig. Selbst die Frage von Patrick Blümel (im wunderschön gestalteten Katalog), welche Rolle surrealistische Techniken, wie die „ecriture automatique“ für ihn spielen, entlockt ihm nur ein Achselzucken und den Hinweis, dass die Serviette einzig dem schnellen Auffangen von Ideen-Geflatter gilt.

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Tim Burton, The Last of Its Kind, 1994, Acryl auf Leinwand, 50,8 x 40,6 cm, Privatsammlung © 2015 Tim Burton, All Rights Reserved

Brühl: Max Ernst Museum: Tim Burton Ausstellung

Selfie im Museum: Tim Burton in Brühl

Burton ist Burton und was er macht ist eben selbst schon burtonesk. Was als Dilemma erscheint, wird durch seine Antwort auf die Frage entkräftet, ob er den Moment kenne, vor einer halb angefangenen Zeichnung zu erschrecken, weil er begreife, dass sie dem Label, zu dem er leibhaftig geworden sei, nämlich um jeden Preis „creepy and scary“ sein zu müssen, nicht gerecht werde? Selbst jetzt noch, bei einer eigentlich eingemachten Frage nach Künstler-Autonomie, -Authentizität und –Identität, bleibt Burton völlig gelassen. Er steckt in keinem Dilemma und Druck fühlt er schon gar nicht. Klar, es sei im Hinblick auf seine zunehmende museale Aufbereitung immer noch das Gefühl vorherrschend, den Leuten einen Einblick in seine Dreckwäsche-Kammer zu gestatten, aber Druck verspüre er darüber nicht. Eher ist er überrascht, genießt aber auch sichtlich eine weitere Seite seiner Erfolgsstory. Wie ein Mantra wiederholt Burton die amerikanischste aller Formeln der Erfolgreichen: „Just be pure to yourself!“ Und wenn Burton es sagt, der ja als Berufs-Außenseiter par excellence gilt, dann erwartet man das nicht nur, man spürt, dass er es ernst meint. Auch das macht seine ungeheure Popularität aus: Burton tröstet seit 30 Jahren alle introvertierten Freaks dieser Welt.

Und wer mit „Alice in Wonderland“ 2010 weltweit eine Milliarde Dollar eingespielt hat, hat kein Identitätsproblem. Die Botschaft kommt an. Mainstream oder Independent? Burton ist größer als solche Fragen. Er bringt das Wirre, das flirrend Nervöse unserer ADHS-Kultur seit Jahrzehnten in den Mainstream, er ist der Freund zahlreicher Finanz-Giganten, eben weil – nicht obwohl – er so ist wie er ist. Das ist vielleicht das einzige kulturkritische Dilemma, dass der moralische Klugschwätzer aufrecht erhalten kann: Den Außenseiter und Missverstandenen, den die Journaille noch immer für Burton reklamiert, hat es zuletzt gegeben, als er Anfang 20 war und die Stürme in seinem pubertierenden Schädel sich langsam legten. Dieser Hinweis ist in etwa so abgestanden wie die Behauptung, dass Baselitz jemals als Einzelkämpfer zum künstlerischen Underground zählte.

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Tim Burton, Saucer and Aliens, um 1972–1974, Öl und Acryl auf Leinwand, 61 x 76,2 cm, Privatsammlung © 2015 Tim Burton, All Rights Reserved

The World of Tim Burton birgt echte Schätze, die einem Sesam-Öffne-Dich seiner schrägen Szenarien gleichen und ein Assoziations-Feuerwerk befördern, das immer wieder über Burton hinausweist: Die fünf Pastell-Arbeiten auf schwarzem Papier z.B. (161 – 165, Untitled – Alien Series, 1983), die im Schwarzlichtraum mit einer Taschenlampe entdeckt werden können und die noch einmal Méliès zitieren. In der Sektion Figurative Arbeiten sind es einzelne Blätter, die Burtons genuine Handschrift verwischen, ihn verschwinden lassen und gerade darum groß wirken; eine fiese, fratzenhafte Reagan-Karikatur (322, Untitled – Boy Series, um 1980 – 1990) oder ein Blatt, dass plötzlich den Ingrimm eines Horst Janssen aufblitzen lässt (319, Untitles – Boy Series, um 1980 – 1995). Wir treffen auf Iggy Pop-Punk-Wracks und Russ Meyer-Boobies, auf die Plastic-Surgery-Desaster eines Films wie Brazil, in den Number-Series auf kindlich-verschnörkelte Ausarbeitungen der Zahlenfolge von Kapitelnummerierungen für ein Buchprojekt und immer wieder auf Blätter, die als nichts anders als ein resolutes Disney-Bashing verstanden werden dürfen (131, Untitled – True Love – um 1981-1983).

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Tim Burton, Ohne Titel (Cartoons), um 1979–1984, Bleistift auf Papier, 32,1 x 39,7 cm, Privatsammlung © 2015 Tim Burton, All Rights Reserved

Die größte Überraschung aber stellt die Sektion Karnevaleskes: Hier gelingen Burton bitterböse Bleistift-Zeichnungen, die in ihrem grotesken Duktus an einen anderen großen noch lebenden Zeichner erinnern, der mit seinen Bänden Fornicon, America und Babylon in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts brave Bildungsbürger aufschreckte, die ihn für einen reinen Kinderbuch-Autoren hielten: Tomi Ungerer, selbst im Jahre 2009 mit einer großen Show in Brühl bedacht. Doch während Ungerer auch garstig sein und mit Understatement Sätze abfeuern kann wie „Das Beste ist ein schlechter Ruf“, erscheint Burton versöhnlich auf ganzer Linie. Und um keine Pointe verlegen, wenn er seine tiefe Verwunderung über weltweit stattfindende Retrospektiven bereits zur Lebenszeit mit einem süffisanten „Thank you for coming to my funeral“ kommentiert. Das ist ja burtonesk, YO !

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