Doris Frohnapfel

Doris Frohnapfel


Das Dokumentarische als offene Konstruktion – Sabine Fabo über die Künstlerin Doris Frohnapfel

Das Dokumentarische ist der Ausgangspunkt der Arbeiten von Doris Frohnapfel, aber das Anliegen der in Köln lebenden Künstlerin geht weit darüber hinaus. Im Zentrum ihres Werks stehen dokumentarische Fotografien, die sie oft mit der Erkundung eines fremden Ortes verbindet. Diese Reisen sind politisch motiviert und setzen sich konzentriert mit der Geschichte und der politischen Gegenwart eines Ortes auseinander. Die subjektive Perspektive der Reise wird ergänzt durch eine intensive Spurensuche, die das Gesehene räumlich und zeitlich verortet, seine Vergangenheit und Geschichte in textlichen und bildlichen Notizen festhält und rekonstruiert. Die Erfahrungen der Reisenden sind zu komplex, als dass sie sich nur in einem Medium spiegeln könnten: Begegnungen, Reisenotizen, Gesprächserinnerungen, vor Ort gefundene Dinge, Materialien zur Geschichte des Ortes, begleitende Literatur, aber auch Bilder anderer Herkunft, Postkarten vom Flohmarkt oder Ausschnitte aus alten Filmen, finden Eingang in die Bildprojekte und zeigen die Vielstimmigkeit der Begegnung mit dem Anderen. Frohnapfel, die von 1998 bis 2005 Professorin für Fotografie an der Kunstakademie in Bergen, Norwegen war, spricht von einem „dokumentarischen Konzept“.

Dieses Konzept des Dokumentarischen ist sich bewusst, dass Räume kontinuierlich geschichtlich und politisch beschrieben werden, die Naivität des unschuldigen Augenblicks hat hier keinen Platz. So nimmt etwa die Arbeit Border Horizons – Photographs from Europe, 2003-2005, den europäischen Raum während seiner Definition als offenen Schengenraum in den Blick. Die Errichtung eines internen offenen grenzfreien Raums mit der gleichzeitigen Verstärkung der äußeren Grenzen des Schengenraums stellt ein widersprüchliches Konstrukt dar. Die Fotografien zu Border Horizons sind über einen Zeitraum von drei Jahren entstanden und zeigen, wie sich Grenzräume durch ihre Entgrenzung verändert haben: funktionslos gewordene Grenzarchitektur, weithin sichtbare Warnhinweise, Schlagbäume, die in stolzem Rot-Weiß ins graue Nichts ragen, Grenzschilder, die sich ihres obsoleten Zustands zu schämen scheinen. Der stolzen Selbstdefinition Europas wird die vielfältige melancholische Atmosphäre der Grenz-Wirklichkeit vor Augen geführt, mit dem Verschwinden alter Grenzsituationen und dem Sichtbarwerden neuer Demarkationslinien. Der Verkehr von Menschen und Dingen bahnt sich neue Wege, während sich woanders die Abwesenheit von menschlichem Austauschs beobachten lässt. Border Horizons äußert sich subtil und nachdenklich über die Utopie eines grenzenlosen Europas, wobei die Kritik an dem ausgrenzenden Moment der europäischen Vision nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat.

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Doris Frohnapfel, Fence and wall at the border checkpoint to Morocco, Ceuta (E), 29.12.2003, aus: aus: Border Horizons-Photographs from Europe, 2003-2005

Frohnapfel versteht ihre Arbeit an den Grenzen Europas als Feldstudie, die sich neben der Fotografie auf unterschiedliche Medien stützt. In einer „Retour, Reportage“ werden die visuellen Grenzerfahrungen textlich durch einen Reiseessay begleitet, der Begegnungen und Anekdoten aufführt, die sich der bildlichen Notierung entzogen haben. Eine Recherche über die Diskussion des Schengenraums in verschiedenen Pressemedien findet sich im Anhang des Katalogs. Weitere Perspektiven ergeben sich durch mehrere Email-Interviews, welche Frohnapfel mit anderen Künstlern gemacht hat, die sich aufgrund ihrer Arbeit zwischen den Grenzen Europas bewegen. So zeigt der Katalog zu Border Horizons auch alte Andenkenkarten, die auf dem Flohmarkt gekauft wurden sowie Standbilder von Überwachungskameras an Grenzorten. In der Ausstellung wurden einige Fotos in eine große Monitorprojektion gezeigt, die das Publikum in eine romantische Betrachterposition versetzte. Die verbrauchten und vernutzten Grenzlandschaften erwiesen sich als die postnationale Antwort auf die erhabenen Naturausblicke eines Casper David Friedrichs.

Die Annäherung an Europa über eine detaillierte Spurensicherung setzt sich auch in Athen 487 – die Ausgeschlossenen, 2008, fort. Die Arbeit erinnert an die 1992 unterzeichneten Maastrichter Verträge zur Europäischen Union. Während der Ausstellungstitel auf das antike Verfahren des Scherbengerichtes und des damit verbundenen Ausschlusses von Bürgern anspielt, werden in 27 Vitrinen 277 Porzellanscherben aus einer verlassenen Maastrichter Keramikproduktion gezeigt. Fotografien jeder einzelnen Scherbe sind im Boden der Vitrinen eingelassen. Scherben stehen für einen gleichgültigen, unachtsamen Umgang mit der Geschichte bis hin zur trostlosen Anhäufung eines Trümmerbergs. Erst durch ihre fotografische Visualisierung werden die einzelnen Scherben individualisiert und in einer raumfüllenden Wandinstallation präsentiert. Indem man diesen Bruchstücken wieder Aufmerksamkeit schenkt und sie in die rituellen Handlungen von Nummerierung, Benennung, Beschriftung und Anordnung einbindet, erfahren sie eine neue Wertschätzung und werden rekonstruktiv mit Bedeutung versehen. Durch das Zitieren wissenschaftlicher Ordnungsverfahren wird die Subjektivität des Sammelns gar nicht erst dem Status zufälliger Beliebigkeit ausgesetzt.

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Doris Frohnapfel, Athen 487, die Ausgeschlossenen, 2008, 27 Vitrinen, 277 Scherben, 277 Fotografien, Installationsansicht (Detail) und schematische Darstellung der Vitrinen, Krings-Ernst Galerie, Köln

Die Vitrinen fungieren hier als Medien, die das Sehen im Raum konstituieren und als eine Art Fenster ein Schauen aus vielen Perspektiven ermöglichen. Auch in der Ausstellung als begehbarem Raum wird der Ablauf der Objekte und Fotografien stets neu ausbalanciert. In der künstlerischen Inszenierung von Fotografien, Collagen, Karten, Objekten und Vitrinen wird keine geschlossene Erzählung angeboten, stattdessen werden dem Publikum die Mittel für den Plural individueller Erzählungen an die Hand gegeben. Frohnapfels Ordnungen des Materials zeigen die intersubjektive Verständigung über unsere Fiktionen und behaupten einmal mehr, dass unsere Annäherungen an die Wirklichkeit Konstruktionen sind, die sich der Realität asymptotisch nähern, sie aber nie innerhalb eines umfassenden Anspruchs erreichen können.

Die Grenzen zwischen wertloser Scherbe und Ausstellungsstück werden auch in Frohnapfels Ausstellung Mengen und Teile im KERAMION in Frechen (2010) fließend. Hier lenkt sie ihren Blick vor allem auf Objekte und Scherben, die aufgrund ihrer minderen Bedeutung im Depot des Museums aufbewahrt werden. In den auf dem Boden liegenden Vitrinen werden die Trümmer verschiedener Exkursionsorte wie Frechen, Rom, Mailand, Leipzig zusammengeführt und in neue Vergleichssituationen gebracht. Die klare und transparente Ordnung hebt das Chaos der Trümmerberge auf, deutet sie neu und wertet sie auf. In einer bildlichen Bearbeitung zeigt sie die Scherben in abstrahierten Umrissen, gruppiert zu je vierzig Objekten. Die farbenfrohen Gruppierungen der Inkjetprints scheinen alle Spuren der Geschichte getilgt zu haben und überführen die Scherbenumrisse bewusst in ein zeitgemäßes, attraktives Ornament. Als eine Arbeit der „Vergegenwärtigung“ versteht die Künstlerin Abstraktionsprozesse dieser Art.

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Doris Frohnapfel, Mengen und Teile, Tableau Nr. 6, 2010, Inkjetprint auf Forex, 196 x 110 cm

Doris Frohnapfels Kritik an den ökonomischen Verhältnissen unserer Zeit äußert sich in ihrer Auseinandersetzung mit Orten finanzieller Transaktionen. In der Arbeit Paperworks &, 2009/2011, wird die Situation des Börsenparketts nach dem abendlichen Abschluss der Börse nachgestellt. Die zerrissenen Zettel der Broker, die ungeordnet auf dem Boden liegen, werden als Papierschnipsel imitiert und im Atelier der Künstlerin erneut auf den Boden geworfen, angeordnet, fotografiert, im Computer überarbeitet und als reine Papierarbeiten umgesetzt. Diese haben sich weit von einer realitätsnahen Darstellung entfernt und nähern sich der Abstraktion. Durch die harten Schwarz-Weiß-Kontraste werden die konkreten Spuren der liegen gelassenen Zettel immer mehr der Sichtbarkeit entzogen, was sich durch die Hinzunahme von Fotogrammen als ergänzendem Medium intensiviert. Da die Fotogramme gegenüber dem Abzug der Fotografie auf dem Status des Originals insistieren, gerät die Arbeit auch zu einem kunstimmanenten Kommentar hinsichtlich des ökonomischen Wert der künstlerischen Arbeit, der sich im Kunstbetrieb häufig an der Trennlinie von Unikat und Serie niederschlägt.

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Doris Frohnapfel, Parkett/Floor Nr. 4, 2010, Papier, schwarzer Passepartoutkarton, 140 cm x 100 cm, Rahmen

Die Reisen in den Mittelmeerraum nach Tunesien, Algerien und in den Libanon nehmen von 2012 bis jetzt einen großen Raum im Werk von Doris Frohnapfel ein. Es sind Länder, die nahe an Europa sind und zum Teil als ehemalige Kolonialgebiete auch Spuren dieser gemeinsamen Geschichte zeigen. Die Reisen der Künstlerin sind alles andere als touristisch motiviert. Die Fotografien verweigern sich einer genießenden Haltung, das Exotische wird bewusst vermieden. Die eindimensionale Haltung des touristischen Erlebenwollens weicht dem präzisen Blick für die Unstimmigkeiten und Widersprüche eines Ortes, in dem unterschiedliche Akteure und Interessen aufeinander treffen. Gemeinsam ist den Orten, die Frohnapfel zeigt, dass sie aller einer kapitalistischen Neuinterpretation unterworfen werden. Der Widerspruch zwischen der zähen Trägheit des Vorhandenen und einem zukunftsgetränkten, planerischen Blick wird überall lesbar.

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Doris Frohnapfel, Rubble of Reconstruction, 2012/13, Vitrine, 56 x 85 x 9 cm, Achtzehn Scherben (Hausschutt)

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Rubble of Reconstruction, 2012/13, Plakat, digitale Montage, Inkjetprint, 130 x 95 cm

Vor dem Eindruck der Architektur der Stadt Algier imaginiert Frohnapfel in der Arbeit
L’Etranger Le Corbusier, 2012, eine möglichen Begegnung zwischen Albert Camus und Le Corbusier. Diese fiktive Begegnung liegt aufgrund der historischen Daten durchaus im Bereich des Möglichen. Der Schriftsteller und der Architekt hielten sich vermutlich zur selben Zeit in Algier auf, beide setzten sich der Hitze und dem fremden Licht dieses Ortes aus. Die von Le Corbusier geplanten Eingriffe in die Stadt werden in den Postkarten-Collagen von Light and Shade, 2012, als lichtvolle Schraffur zitiert, das Gelb des Pigmentmarkers dringt stellvertretend für den universellen Anspruch moderner Architektur in die traditionsgebundenen Räume der Kasbah ein.

Am Beispiel des 1962 von Oscar Niemeyer entworfenen internationalen Messegebäudes in Tripoli, dem Rashid Karami International Fair, lässt sich die ganze Komplexität modernen Bauens im Nahen Osten nachvollziehen. 1975 mussten wegen des Krieges im Libanon die Bauarbeiten an dem Gebäude eingestellt werden. Der Internationale Stil traf auf die staubige und gleichgültige Wirklichkeit eines Landes, das von Bürgerkriegen und gewaltsamen Konflikten gekennzeichnet ist. Frohnapfels Fotografien zeigen das Messegebäude als eine Ruine der Moderne, die wechselnden Nutzungen unterliegt und an ihren Außenrändern zunehmend an Kontur und Festigkeit verliert. Begleitend zu den Fotografien von Tripoli thematisiert die Vitrine Nails and Dividers, 2013, die Chronologie des von Niemeyer entworfenen Messegeländes. Betonstückchen des Niemeyer-Gebäudes, rostige Nägel und eine Anordnung von Zirkeln versinnbildlichen die Vergeblichkeit der großen planerischen Geste, die im selbstbewussten Zirkelschlag des Architekten Raum erschließen und neu deuten wollte. Die Sprache der Moderne wird irritiert und aufgeraut durch die Dialekte von Desinteresse, Vergessen, langsamem Verfall und kontinuierlicher Beschädigung. Die von der Architektur der Moderne behauptete Zeitlosigkeit und ihr überregionaler Anspruch werden in der Wirklichkeit des Nahen Ostens unentwegt überschrieben.

Die unterschiedlichen Blickweisen auf Beirut spiegeln sich in einer bewussten Verwendung analoger und digitaler Bildformate. Die Confrontation Sites, 2012/2013, werden mit einer analogen 6×6 Mittelformat-Kamera mit nur einer Brennweite aufgenommen. Sie zeigen aus einer Fußgänger-Perspektive Bürogebäude und Fassaden der siebziger Jahre und dokumentieren die damaligen Hoffnungen in die Architektur des Internationalen Stils. Demgegenüber steht die Fotoserie der Construction Sites, 2013, die in einem flüchtigeren Modus innerhalb einer Woche digital fotografiert wurde und in der Zusammenführung von Baustellen-Fotografien die Versuche einer Neugestaltung Beiruts im Zeichen ungebremster Investitionsfreude zeigen.

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Doris Frohnapfel, Bourj el Barajneh (26.5.2014), aus: Photogenic Sites, Fotografien, 2014, Inkjetprints, Motiv: 32,4, x 22,4 cm, Blatt: 35 x 28 cm

Doris Frohnapfel, die nach dem Studium der Freien Kunst in Köln auch Architektur an der RWTH in Aachen studiert hatte und in den 90er Jahren in einem Architekturbüro im Bereich der Stadtplanung arbeitete, bewahrt in vielen ihrer Arbeiten das Interesse an der prozesshaften Struktur der Stadt. Eine fotografische Darstellung der Architektur erfolgt immer in Zusammenhang mit der Stadt. Hier wird urbanes Leben in seinem zeitlichen Ablauf, mit seinen sich überschneidenden und oft auch widersprüchlichen Ansprüchen lesbar. Insofern können Reisen auch in das gewohnte Lebensumfeld führen, der forschende Blick der Spurensucherin wird auch im vermeintlich vertrauten Veedel fündig. Das Projekt Commons & Cologne, 2015/2016, das Doris Frohnapfel aktuell zusammen mit der Künstlerin Ina Wudtke im Rahmen des StadtLabors für Kunst im öffentlichen Raum durchführt, versteht sich als eine Kritik an der Kölner Stadtplanung. Die massive kommerzielle Inanspruchnahme und Umdeutung des Breslauer Platzes und des dahinter liegenden Kunibertsviertels wird von Fotografien und Performances begleitet, die den Einzug luftiger Investorenfantasien in ein fest gefügtes, ein wenig aus dem modernen Tritt geratenen Wohn-und Gewerbeviertels problematisieren. Vor Ort geplante Spaziergänge sollen zu einer Bewusstwerdung führen, wie städtische Planung das Lebensumfeld umdeutet, Räume kommerziell und gewerblich neu erschließt und andere Raumdefinitionen verschließt.

Doris Frohnapfel

Doris Frohnapfel, Foto: Tamara Lorenz

Reisen, Suchen, Graben, Finden, Spuren sichern, Dinge neu ordnen, Präsentieren – Doris Frohnapfels künstlerisches Vorgehen führt zu einem subjektiven Blick, der sich seinem Gegenüber intersubjektiv vermittelt, und ihm Material an die Hand gibt, um eine Konstruktion der Kontexte der aufgesuchten Orte zu ermöglichen. Das Moment der Vergegenwärtigung gilt nicht nur werkimmanent, sondern stellt auch eine Umgangsform mit dem Publikum dar. Frohnapfels Sicht auf den Betrachter ist emanzipatorisch. Mithilfe der Fotografien, Vitrinen und Objekte werden neue Konstruktionen erstellt, die im Sinne Umberto Ecos ein offenes Kunstwerk konstituieren, das deutlich macht, dass auch der Umgang mit Geschichte und politischem Handeln nur im kritischen Dialog mit den Lesarten der Anderen erfolgen kann. Frohnapfels Arbeiten verstehen Ästhetik nicht im Sinne einer begrifflich eng gefassten Schönheit, sondern sie argumentieren über den erweiterten Begriff der Aisthesis als Ausdruck menschlicher Wahrnehmung in all ihrer Vielfalt. Die Konstruktionen der Künstlerin sind Zeugnisse und Verdichtungen einer subjektiven Wahrnehmung, die wiederum neue, aktuelle Wahrnehmungen erzeugen kann.

Sabine Fabo ist Professorin für Kunstwissenschaften im medialen Kontext am Fachbereich Gestaltung der FH Aachen

Artikelbild: Doris Frohnapfel, Border checkpoint at the ferry boat landing place near Rousse (BG), 12.10.2004, aus: Border Horizons-Photographs from Europe, 2003-2005

weiterführende Links:
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Commons Cologne

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