Interview »Das Experiment steht im Vordergrund«

Interview
»Das Experiment steht im Vordergrund«


Der Künstler Florian Kuhlmann (*1978) und der Kunstwissenschaftler Emmanuel Mir (*1972) im Gespräch mit Artblog Cologne über ihr Kunstblog Perisphere (vormals vierwaende-off), das seit 2010 über die unabhängige Kunstszene in Düsseldorf berichtet.

Die Grenzen zwischen Off und On sind ja fließend – Galerien und Museen leisten sich zusätzliche Projekträume, Off-Spaces entscheiden sich, kommerziell zu werden und im Grunde braucht man sich ja auch gegenseitig. Wo zieht Ihr die Grenzen?

Mir: Wenn ein Off-Space kommerziell wird und sich in eine Galerie verwandelt (ein nicht seltener Fall), dann hört es auf, Off zu sein. Wenn ein Museum eine Dependance eröffnet, die mit der Spontaneität und Offenheit des Off kokettiert, dann bleibt die Dependance trotzdem an der Struktur des Museums gebunden und wird nie zum Off-Space.
Es gibt ein unnötiges Geplänkel um den Begriff „Off“, und einige Künstler und Kunsthistoriker, die sich mit diesem Sujet auseinandersetzen, reagieren irritiert, wenn sie ihn hören. Sie reden lieber von „selbstorganisierte Künstlerschaft“, „Künstlerraum“ oder „Freie Szene“ Für mich ist es nur ein operativer Begriff. Private Projekte, die sich um die Vermittlung von Kunst bemühen, und dies in einem nicht-institutionellen und nicht-kommerziellen Rahmen, sind für mich Off-Räume.

Kuhlmann: In Teilen gebe ich Manu durchaus Recht. Off ist als operativer Begriff in Ordnung, weil man damit in etwa weiß, was gemeint ist wenn man über einen bestimmten Bereich des Kunstsystems sprechen will.
Bei näherer Betrachtung macht der Off-Begriff und die damit verbundene Abgrenzung für mich aber eigentlich keinen Sinn mehr.
Zum einen impliziert Off ja, dass es irgendwo ein On geben würde. Ich sehe das aber nicht wirklich und kunsthistorisch ist das doch eigentlich auch nicht so recht tragbar.
Zu oft wäre das vermeintliche On rückblickend ein Off gewesen und umgekehrt ja genauso.
Und dann gibt es, wie von Dir auch schon angedeutet, diese ganzen Wechselwirkungen, es gibt darüber hinaus Dinge wie Imagetransfer, das ganze Networking und im optimalen Fall den Reputationsgewinn durch das betreiben eines Projektes oder Projektraumes. All das greift ja gerade im Kunstsystem ineinander und spielt bei der Rezeption und auch bei der Monetarisierung von Kunst eine entscheidende Rolle. Damit wird dann auch das Merkmal des Unkommerziellen schnell schwammig und schwierig.
Ich will überhaupt nicht bestreiten, dass es Leute gibt, die ihre Projekte aus einer intrinsischen Kraft heraus voran treiben und das ist auch gut so. Aber es soll ja auch noch ein paar Galeristen geben, denen es nicht ausschließlich ums Geld geht.

Was macht die Düsseldorfer Off-Szene aus und was interessiert Euch persönlich daran?

Kuhlmann: Ich würde mal behaupten, dass sich die Düsseldorfer Szene zumindest nach Außen hin weniger politisch gibt, als das beispielsweise in Hamburg der Fall ist.
Von dort etwa stammt das Konzept von Off als Praxis‘ welches bewusst versucht, Off als Abgrenzung zum etablierten Kunstbegriff zu definieren. Hier erscheint der Off-Begriff – auch durch die Nähe zu Hausbesetzungen wie etwa im Gängeviertel oder den politischen Kämpfen um das Frappantgebäude – stärker in einem politischen Kontext. Da macht Off dann für mich auch einen gewissen Sinn, weil dadurch eine gemeinsame Position artikuliert werden kann.
Düsseldorf hat mit den Freiräumen-für-Bewegung zwar auch eine aktive politisch motivierte Fraktion, irgendwie gibt es da aber auch ein diffuse Grenze zwischen denen die sich als professionelle Künstler positionieren wollen und den Aktivisten dort. Das sind unterschiedliche Qualitäten, die nicht zwangsläufig besser oder schlechter aber definitiv anders sind. Durch die vergleichsweise gute Förderung in Düsseldorf ist der Druck und damit das Interesse sich stärker politisch zu organisieren aber eventuell auch einfach nicht so groß.

Mir: Die Szene hier ist unheimlich vielfältig, was an den zahlreichen Künstlern in der Stadt liegt. Wir haben Strukturen wie MAP oder Volker Bradtke, die auf hohem Niveau arbeiten und international vernetzt sind, oder, wie das Parkhaus oder dok.25a., die ein hochwertiges Programm mit jungen und wenig exponierten Positionen gestalten. Wir haben gut organisierte Vereine wie plan.d oder d-52, die ihr Ding einfach tun und eine zusätzliche Plattform für Kunst anbieten. Wir haben geselligen Treffpunkte für Künstler wie die wg oder das WP8, die immer spannende Veranstaltungen anbieten. Es gibt Diskussionszirkeln, White Cube-Räume und Sponti-Trash-Kellern; Räume für Malerei, für Bildhauerei, für Sozio-Kunst und für Grafik. Die Bandbreite ist enorm! Schließlich muss auch der Stellenwert des Kulturamts unterstrichen werden. Ich kenne keine andere Stadt in Deutschland, die sich so systematisch hinter ihren Künstlern und Off-Spaces stellt, wie Düsseldorf. Von dieser politischen Wille profitieren viele, auch wenn immer wieder gemeckert wird.
Für mich ist diese Szene ein unheimlich fruchtbares Biotop, zugleich üppig und fragil. Sie wird kaum wahrgenommen, obwohl dort möglicherweise die Namen und Tendenzen von Morgen artikuliert werden. Als Kunstwissenschaftler habe ich ein Interesse an der Erfassung dieses sehr kurzlebigen Phänomens und will ein kritisch-dokumentarisches Material anlegen, das eine langfristige Relevanz für mein Fach haben kann. Mit unserem Web-Magazin bauen wir ein Archiv der Jetzt-Zeit.

Der Blog Vier-Wände-Kunst ist aus dem Festival Vier Wände Kunst für die Off-Szene in Düsseldorf hervor gegangen. Wie waren Eure Erfahrungen mit dem Event?

Mir: Gemischt. Im Nachhinein fand ich das Rahmenprogramm, mit dem Symposium und der dokumentarischen Ausstellung, gelungener als das Parcours, das die verschiedene Off-Spaces verbinden sollte. Einen wilden Haufen von Individualisten zu koordinieren war eine undankbare Herausforderung. Aber was mich am meisten gestört hat, war dass das Parcours teilweise den faden Nachgeschmack eines Kultur-Events wie viele andere hatte und unwillkürlich in die Maschinerie des großen Spektakels integriert wurde. So etwas braucht die Off-Szene nicht. Die Diskussionen über das Phänomen Off im Symposium waren da deutlich lohnenswerter. Sie sollen übrigens in einem Katalog aufgenommen werden, der am Ende des Jahres publiziert wird.

Kuhlmann: Das sehe ich eigentlich genau so. Es war eine interessante Erfahrung, hat zeitweise auch wirklich Spaß gemacht. Wir haben versucht das alles auf einer sehr freiwilligen und relativ offenen Basis zu organisieren und uns damit ziemlich verausgabt. Es ist unglaublich anstrengend eine so lose organisierte Gruppe von Vereinen, Einzelpersonen und Projekten zu organisieren, zumal die allermeisten Aktiven dort, das ja selber Ehrenamtlich, als Hobby und nebenberuflich machen.
Ich finde die Idee eines gemeinsamen Festivals über die verschiedenen Räume einer Stadt verteilt eigentlich nach wie vor sehr schön. Ich würde es heute aber sehr viel straffer organisieren, stärker kuratieren und mit einer viel kleineren Auswahl zusammen arbeiten, so dass man auch ein richtiges Programm planen und koordinieren könnte.

Das heißt, eine Wiederholung des Festivals wird es nicht geben?

Mir: Nicht mit mir!

Kuhlmann: Dem schließe ich mich an. Auf keinen Fall in dieser Form.

Wie geht es weiter mit Eurem Blog?

Mir: Wir haben einen besonders ausgefeilten Plan. Zunächst wollen wir mehr Redakteure gewinnen und unser Netzwerk auf andere Städten erweitern, um mittelfristig zur zentralen Vermittlungsinstanz für Off-Kultur zu werden. Danach ist ein Börsengang geplant, die feindliche Übernahme alle andere deutsche Kunstblogs und die Ausweitung unserer Geschäftsgrundlage auf anderen Sektoren. Wenn alles gut geht beherrschen wir die Welt ab 2015.

Kuhlmann: Manu hat das ja schon mal grob skizziert, klares Ziel ist Weltherrschaft, von daher werden Artspaces und Künstlerprojekte nach wie vor ein wichtiger Teil sein. Ob wir die alleinige Fokussierung darauf behalten, das diskutieren wir gerade. Nachdem wir jetzt das erste Jahr hinter uns haben, wollen wir an der Positionierung arbeiten. Deshalb gab es jetzt einen Relaunch und wir sind von nun an mit neuen Design unter neuem Namen erreichbar: www.perisphere.de – auch um dieses neue Projekt etwas vom vergangenen Festival abzuheben.

Wie es ansonsten weiter geht, ergibt sich dann aus der Arbeit heraus. Für mich steht auf jeden Fall das Experiment im Vordergrund. Insgesamt ist das Thema Kunstblog ja noch ein offenes Feld im deutschsprachigen Raum, so etwas interessiert mich immer. Ich bin neugierig, ob es Dinge gibt, die Blogs anders machen können, als die etablierten Kunstmagazine.
Ein Punkt ist sicherlich die Geschwindigkeit, mit der Sachen verbreitet werden können. Ich habe etwa einen Teil meiner künstlerischen Arbeit, sehr großformatige Collagen, schon immer über das Netz verbreitet. Alleine über die globale Streuung durch Kunst- und Designblogs habe ich so in relativ kurzer Zeit weit über eine Million Menschen erreicht. Blogs sind also bereits an der Verbreitung künstlerischer Arbeiten, Ideen und Konzepte beteiligt. Nun müssen wir herausfinden ob wir auch in der Lage sind, im Kontext dieses Medium eine angemessene Kunstreflexion und -kritik hervorzubringen.
Wichtig ist meines Erachtens dabei, dass wir unseren Weg zwischen der professionellen Kunstkritik und dem adäquatem Umgang mit dem Medium Blog als Teil des Phänomens Web 2.0 und Internet finden. Das ist sicherlich auch ein Spagat, weil Kunst doch immer auch vom elitären Habitus, von Kontemplation und Exzellenz lebt, während Bloggen und Netzkultur zu Weilen auch extrem Trashig sein können. Da wird man sehen müssen, wie diese Positionen zusammen gehen oder ob man am Ende einfach feststellt, dass das gar nicht passt bzw keinen Zugewinn bringt.
Aber wer weiß, eventuell beeinflusst sich das ja auch Gegenseitig und der aktuelle elitär geprägte Kunstbegriff wird durch einen egalitären abgelöst – obwohl ich das, um ehrlich zu sein, derzeit für eher Unwahrscheinlich halte.

Zum Schluss: Habt Ihr noch ein paar Off-Space Tipps für den Februar?

Kuhlmann: Off-Spaces gibt es ja nicht, von daher haben wir da leider keine Tipps. Einer der angesagtesten, von Künstlern organisierten Orte ist aktuell aber sicher der single-club. Allerdings hatten die an Silvester wohl etwas Ärger wegen einer geklauten Kasse, so genau weiß ich es leider nicht, aber auf jeden Fall gab es da eine lange Diskussion mit vielen Kommentaren auf der facebookseite, und ich kann leider nicht sagen ob sich das mittlerweile wieder eingerenkt hat. Aber wenn der single-club weiter macht, dann sollte man da mal hin, das sind jetzt schon legendäre Parties.

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