Michael Buthe

Michael Buthe


Noemi Smolik über „Michael Buthe – Retrospective (1944-94)“ im S.M.A.K., Gent, bis 5.6.2016

Harald Szeemann lud ihn 1969 zur legendären Ausstellung When Attitudes Become Form ein. Da war er 25 Jahre alt. Er nahm viermal an der documenta in Kassel teil. Er war in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen vertreten. Und trotzdem ist er außerhalb von Köln, wo er gelebt hatte, kaum bekannt. Vor allem nicht der jungen Generation. Dabei hat er dieser Generation einiges zu sagen. Denn vieles, was heute in der aktuellen Kunstdebatte verhandelt wird, hat er in seinem Werk zum Thema gemacht.

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Michael Buthe, Le Musée du Echnaton (Sun Room) 1976, Installationsansicht, Atelier des Künstlers, Köln

Der 1944 im Allgäu geborene und in Höxter bei Kassel aufgewachsene Buthe war in Köln eine schillernde Figur. Seine Wohn- und Arbeitsstätte, ein ehemaliges Straßenbahndepot, war ein Begegnungsort, wo auch mal Musiker aus Marokko wohnten und wo unvergessliche Aktionen und Feste stattfanden. Nach seinem Tod 1994 wurde es jedoch um ihn und sein Werk still. Bis jetzt. Denn nach dem Kunstmuseum Luzern zeigt nun auch das S.M.A.K. Gent die Retrospektive des Künstlers, die im Anschluss an das Haus der Kunst München geht.

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Installationsansicht, Michael Buthe, Retrospective © Dirk Pauwels, S.M.A.K., 2016

Während der Ausstellung When Attitudes Become Form zeigte Buthe sein Weißes Bild von 1969. Es bestand aus einem Holzgitter, an dem weiße Stofffetzen hingen. Und bereits hier in diesem Bild, obwohl es noch der konzeptuellen Strategie verpflichtet war, kündigte sich bereits etwas an, das Buthe bald von den klassischen konzeptuellen Künstlern unterscheiden und was anschließend sein gesamtes Werk prägen sollte: sein Umgang mit Material. Buthe suchte nicht mehr die Wahrheit in dem, was das Material repräsentiert – wie die konzeptuelle Kunst -, sondern in der Beschaffenheit und der Konfiguration des Materials selbst. Die Retrospektive beginnt daher mit solchen Stoffbildern, die zwischen 1969 und 1970 entstanden sind, und die bereits seine „Materialbessesenheit“ ankündigen. Danach, Anfang der 70 Jahre geht Buthe auf Reisen. Er bereist Nordafrika, Iran und Afghanistan. Und diese Reisen ändern alles. Denn die Konfrontation mit außereuropäischen Kulturen, bestätigt ihn nicht nur in seinem Umgang mit Materialien wie Stoff oder Holz. Er entdeckt auf diesen Reisen auch die visuelle Kraft des Ornaments und der Farbe und, was für sein weiteres Schaffen entscheidend wird, den kultischen, den rituellen und den heilenden Aspekt der Kunst.

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Michael Buthe, Boulli Afrikaa, 1972 (Detail) verschiedene Materialien, Privatbesitz, Courtesy Alexander and Bonin, New York, Foto: Jörg Lohse

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Michael Buthe, Boulli Afrikaa, 1972, verschiedene Materialien, Privatbesitz, Courtesy Alexander and Bonin, New York, Foto: Jörg Lohse

Zurückgekehrt tritt das Objekt in seiner reinen Materialität in Vordergrund. Denn ein Objekt schwebt nie jungfräulich unberührt jenseits der jeweiligen Machtstrukturen. Die Gewalt, das Leid aber auch die Hoffnung sind jedem Objekt eingeschrieben. Die Ausstellung in Gent zeigt Le roi est mort, entstanden zwischen 1974 und 1977: Ein auf einem Podest stehender Thonetstuhl mit aufgespießten Büffelhörnern und eine davor abgelegte goldene Kugel, die beide Spinnweben artig mit Schnur verspannt sind. Wer mag kann angesichts dieser Verschnürung an Marcel Duchamps Inszenierung der Ausstellung First Paper of Surrealism im Jahre 1942 in New York denken. Hinter dem Stuhl hängt eine gelbe monochrome Tafel – ein minimalistisches Bild, wenn man so will -, die seitlich von Federn geschmückt ist: Der König ist tot, die Objekte leben weiter.

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Installationsansicht, Michael Buthe, Retrospective © Dirk Pauwels, S.M.A.K., 2016

Neben diesem objektbezogenen Umgang – der in der heutige Kunst so aktuell ist – führt Buthe auch ein weiteres Phänomen in die Kunst ein: die Vermischung verschiedener Kulturen und Zeitepochen. Und dies bereits Jahrzehnte, bevor es zur Selbstverständlichkeit wird. Der moderne Stuhl, die kultische Goldkugel, die Duchampsche Verschnürung, die monochrome Tafel, die Feder der afrikanischen Schamanen – sie bilden eine Einheit ohne Hierarchien und Ausgrenzung. Und dies Anfang der 70 Jahre, als die Kunst weltweit immer noch durch den New Yorker Modernismus – die Minimal und Concept Art – dominiert ist. Für deren Vertreter gilt nicht nur die Abstraktion als die der Figuration überlegene Form des künstlerischen Ausdrucks. Die Äußerungen anderer Kulturen sind darüber hinaus lediglich eines ethnographischen Interesses würdig. Gegen diese Dogmen des Modernismus beginnt Buthe zu rebellieren und ist damit im damaligen Köln nicht alleine: Sigmar Polke führt den Humor gegen den bitteren Ernst der Modernisten ein, Jürgen Klauke die nackte Tatsache des Körpers gegen die Entkörperlichung und Rune Mields die weibliche Härte gegen das Machogehabe der männlich dominierten Zeit. Der Beitrag dieser Kölner Künstler der 70 Jahre zur Dekonstruktion des Modernismus ist eigentlich noch nicht aufgearbeitet. Doch allmählich beginnt man zu erkennen, dass Buthe in seiner Kunst schon sehr früh eine Form der Anti-Moderne verfolgte, wie es etwa der Kritiker Dominikus Müller in der frieze d/e beschreibt.

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Michael Buthe, Kölnischer Kunstverein, 1973 Foto: Friedrich Rosenstiel

Die außereuropäischen Kulturen machten Buthe die Verknüpfung der Kunst mit dem Rituellen deutlich. Der Höhepunkt der Genter Ausstellung ist die Installation Taufkapelle mit Papa und Mama von 1984, die der damalige Direktor des S.M.A.K. Museum, Jan Hoet, für das Museum erwarb. Es ist ein aufwendig aufgebauter ritueller Ort – was sonst ist eine Kapelle –, der aus Baustämmen, bemalten Leinwänden, einem Korb mit Eiern, einem Kinderwagen und in der Mitte einem mit gelbem Wachs überzogenem Kubus, der an die „Kaaba“ in Mekka erinnert, besteht. Doch das Rituelle bringt bei Buthe auch einen weiteren Aspekt mit sich: Heilung, eine Dimension, die Buthe bereits Jahrzehnte vor der Kuratorin der documenta 13, Carolyn Christov Bakargiev ins Bewusstsein brachte. Seine Installationen und Objekte sind daher eng mit seinem eigenen gelebten Leben verbunden. Sie entstehen meistens über Jahre, werden aufgebaut, verändert, abgebaut und wieder aufgebaut oder für Musikaufführungen und Partys benutzt. Sie sind selten vollendet, den es geht Buthe um den Prozess.

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Michael Buthe, Taufkapelle mit Papa und Mama, 1984, Sammlung S.M.A.K. © Dirk Pauwels

Ein wunderbares Beispiel solch eines prozessualen Werkes ist sein Schrank, der ebenfalls in Gent zu sehen ist. In diesem Schrank findet sich alles, was Buthe wichtig war: Fotos und Steine, Stofffetzen und kleine Silberdosen, Ketten und Reklamentafeln aus Aluminium. Ein Werk getreu nach Buthes Grundsatz: „Was heißt überhaupt Kunst? Es gibt überhaupt keine Kunst, es gibt nur Leben.“

Artikelbild: Michael Buthe, My Love to Etienne, 1969 (Detail), Stoff über Keilrahmen, Kunstmuseum Luzern, © Pro Litteris, Zürich

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