Aftermieter

Aftermieter


Sabine Elsa Müller über die Eröffnungsausstellung „Aftermieter“ im Haus Mödrath – Räume für Kunst, Kerpen, bis 15.11.

Wem sich das miese Herbstwetter dieser Tage aufs Gemüt legt, dem sei ein Ausflug nach Kerpen wärmstens empfohlen. Aber auch bei schönster Oktobersonne sollte man sich die Ausstellung „Aftermieter“ im neuen Kunststandort Haus Mödrath nicht entgehen lassen. Dieser sehr spezielle Ort mit dem halb verwilderten, halb herrschaftlichen Park um ein Haus, das sich vom Keller bis zum Dachboden über vier Etagen ganz in den Dienst einer thematisch ausgerichteten Ausstellung stellt, verändert sich mit den Jahreszeiten. Und der sich gerade vollziehende Auflösungsprozess der Natur, der die Rasenflächen allmählich in Sumpfland verwandelt und die alten Bäume im Sturm ächzen und stöhnen lässt, passt hervorragend zu diesem Thema. „Aftermieter“ – der Begriff findet sich in einem der Ausstellung sehr passend als Motto vorangestellten Zitat aus Kafkas Erzählung „Der Prozeß“ als Synonym für Untermieter – handelt vom Wirken roher Naturgewalten ebenso wie von den unterschwelligen, subtileren Einwirkungen dessen, was in Unterscheidung zum Rationalen wahlweise als Natur, das Unbewusste oder das Vegetabile bezeichnet wird.

AJAY KURIAN, God’s Wisdom, 2016, Stahl, Stahlwolle, Magic Sculp, blauer Schaum, Montageschaum, Farbe, Kunsthaar, Band, Plastik, LED-Lampen, Laken, Daunendecke, Queen-Size-Bett / Steel, brass wool, Magic Sculp, blue foam, expanding foam, paint, fake hair, ribbon, plastic, LED lights, custom duvet, down comforter, queen bed, Installationsmaße variabel / Installation dimensions variable Courtesy Ajay Kurian und / and 47 Canal, New York Foto / Photo: Sven Vogel, Haus Mödrath – Räume für Kunst

Der „begehbare Film mit künstlerischen Arbeiten“, als den sich der Kurator Veit Loers seine Ausstellung wünscht, verändert sich durch die intensive Durchdringung von innen und außen permanent, schon mit jedem Wechsel des Lichts. Das hat mit der Architektur zu tun, die zusätzlich zu den großen Sprossenfenstern des ehemaligen Herrenhauses die einmalige Lage inmitten eines waldähnlichen Parks mit einem über die gesamte Geschosshöhe reichenden Panoramafenster zu nutzen weiß. Und mit der Erweiterung des Parcours in den Park hinein, der von einer nur von außen einsehbaren Installation vom Gartenparterre (Kai Althoff ) über einen gläsernen Pavillon (Ajay Kurian) bis zu einem mobilen Militärzelt (Thomas Zipp) immer tiefer ins Gelände führt.

Fast möchte man sagen: in die Wildnis. Denn Loers´ „Aftermieter“ sind keine zahmen Hausgenossen. Nicht nur hier draußen, auch in den stilsicher, hell und elegant renovierten Räumen des Hauptgebäudes scheint etwas Lauerndes zu hocken. Womöglich hat es sich hier eingenistet, als das aufgelassene Anwesen über Jahre sich selbst überlassen war. Veit Loers – vor allem als langjähriger Leiter des Museum Abteiberg in Mönchengladbach bekannt – ist es gelungen, Werke von 28 bekannten und weniger bekannten Künstlerinnen und Künstlern in sinnfällige Beziehungen zu setzen. Tiere spielen dabei eine wichtige Rolle. Aber auch Puppen, Kunst von Außenseitern, szenische Installationen und Artefakte des häuslichen Lebens werden so zusammengeführt, dass ihre unterschwelligen, wilden, nicht domestizierten Anteile mit einem Mal deutlich hervortreten, frei vom üblichen Kunst-Pathos.

Georg Herold, La nourrice, 2017, Farbfotografie auf Dibond / Color photograph on Dibond, 100,6 × 150 cm; Georg Herold, Foto / Photo: Sven Vogel, Haus Mödrath – Räume für Kunst und Georg Herold, Mount Parnass, 2015, Polyurethan-Schaum, Lack, Stahl / Polyurethane foam, lacquer, steel, Ca. 237 x 390 x 85 cm Georg Herold, Foto / Photo: Sven Vogel, Haus Mödrath – Räume für Kunst

Das betrifft sogar Arbeiten, die schon seit langem durch den Kunstmarkt neutralisiert schienen wie Franz Wests bunt bemalte Figurengruppe „Kain naht Abel“ (2009) aus Epoxidharz mit ihrer geballten Aggressionslust. Auch Georg Herolds „mount parnasse“ (2015) aus der Gruppe seiner Polyurethan-Figuren schraubt sich mit entgrenzter Dynamik aus der Wand weit in den Raum. Seine Fotografie „La nourrice“ (2017), im Vergleich zur raumgreifenden Skulptur formal eher zurückhaltend, verstört durch die subtile Überblendung von Knien und Brüsten, in Kombination mit der faltigen Hand einer sehr alten Frau.

Eric Bainbridge, Dark Style Swan, 1985 , Plüsch, Draht, Gips / Fur fabric, wire, plaster, 270 × 162,5 × 272 cm, Collezione Salvatore Ala, Mailand / Milan, Foto / Photo: Sven Vogel, Haus Mödrath – Räume für Kunst

Apokalyptisch und banal zugleich thront der „Dark Style Swan“ (1985) des britischen Bildhauers Eric Bainbridge im Hauptraum der Bel Étage mit dem Panoramafenster zum Park. Er ist ein aufmerksamer Wächter der Eingangspforte in diese surreale Parallelwelt dort, wo sich innen und außen überschneiden. Der fast drei Meter hohe, mit plüschigem Ozelot-Imitat übertüpfelte Schwan ist beladen mit einer absurden Fracht aus einer riesigen, nachgebauten Niere mitsamt Harnleiter und Blutgefäßen, einem Spielzeugschiffchen, einer mannshohen Rose und dem Drehgriff eines Wasserhahns, der auch als Propeller fungieren könnte. Diese halluzinatorische Erscheinung könnte kaum in größerem Kontrast stehen zu dem bescheidenen, verdunkelten Zimmerchen nebenan, in dem Björn Braun nichts ausstellt und stattdessen das einzige Fenster zumauert. Doch das Mauerwerk besteht aus einem Gemisch aus Sonnenblumenkernen und anderen Lebensmitteln. Vogelfutter, das sich bereits Dieter Roth als ideales Material für ephemere Skulpturen vorstellte. In den obersten Reihen haben die Vögel auch schon faustgroße Löcher gefressen. Wie weit werden sie bis zum Ende der Ausstellung vorgedrungen sein?

ED ATKINS, Hisser, 2015, Videoprojektion mit 5.1-Surround-Sound / Video projection with 5.1 surround sound, 22 min; Auflage/Edition: 6 Courtesy Ed Atkins, dépendance, Brüssel/Brussels, and Cabinet Gallery, London, Foto / Photo: Sven Vogel, Haus Mödrath – Räume für Kunst

Schon das Erdgeschoss machte die Implosion des Gebäudes zum Thema. Der Brite Ed Atkins zeigt auf verdoppelten Screens seine 22-minütige Videoprojektion „Hisser“ (2015) mit einem Avatar als einsamen Helden, der ein sehr konventionelles Zimmer bewohnt, im Bett liegt, singt, pfeift und onaniert, bis sich irgendwann die Erde öffnet und ihn mitsamt seinem Bett in die Tiefe reißt. Irritierend ist nicht nur, sich beim Rundgang durch die Ausstellung plötzlich einem realen Bücherregal mit denselben Büchern wie im Zimmer des Avatars gegenüberzusehen, sondern auch die Parallelität zur Geschichte des Hauses: Das seit dem Mittelalter nachweisbare Dorf gleichen Namens wurde in den 1950er Jahren dem Tagebau geopfert und ist heute ebenso wie vom Erdboden verschluckt. Fiktion und Realität bilden eine Einheit.

Mary-Audrey Ramirez, Rose & Jack, kill me plz, 2017 Leinen, Füllwatte, Sprühfarbe, Schaumstoff, Pelz, Holz, Metall / Canvas, absorbent cotton, spray paint, foam material, fur, wood, metal 550 × 200 × 200 cm Courtesy Mary-Audrey Ramirez und / and Martinetz, Köln / Cologne Foto / Photo: Sven Vogel, Haus Mödrath – Räume für Kunst

Auf diesen Schrecken folgt ein Raum, der sich kaum harmloser geben könnte. Katja Novitskova, wie Ed Atkins ebenfalls in den 1980er Jahren geboren, genügt ein auf Aluminium aufkaschierter Digitaldruck eines Seelöwen, dem sie eine rote, aus Stahl gebogene Evaluationskurve zuordnet. Sie wirft durch eine fast unmerkliche Verschiebung des Reklameklischees aus seiner gewohnten Position ein grelles Licht auf unser bigottes Verhältnis zu Tieren. Mary-Audrey Ramirez, 1990 in Luxemburg geboren, türmt im Treppenhaus Kissen zwischen aus Stoff genähte und mit Schaumstoff ausgestopfte Tiere zu einer eigenwilligen Evolutionsspirale, an deren Spitze es zwei Nacktmulls geschafft haben. Diese traurig-komische Himmelsleiter bildet das Rückgrat und Zentrum der Ausstellung. Von hier aus laufen die Verbindungslinien durch das gesamte Haus, vom Keller mit der traumartigen, aus Film-Footage zusammengestellten Videosequenz „Radio at Night“ (2015) von James Richards bis zum Dachboden, auf dem die Tschechin Eva Kot´átková mit ihrem „Work of Nature“ (2013) einen Zwinger für Menschenkinder eingerichtet hat.

Haus Mödrath – Räume für Kunst Foto / Photo: Sven Vogel, Haus Mödrath – Räume für Kunst

In den Außeninstallationen, Richtung Wald, mehren sich die Zeichen von Auflösung und Vergänglichkeit. Kai Althoffs verhüllte Schöne stammt aus seiner legendären, 2004 in der Kölner Simultanhalle gezeigten Ausstellung IMMO. Seine Stoffdraperien heben wie schon zu den Zeiten der gotischen Skulpturen die Körperlichkeit auf zugunsten einer Illusion des Überirdischen. Die Installation „God´s Wisdom“ (2016) von Ajay Kurian treibt dieses Spiel mit Puppen und bühnenbildartigen Settings noch weiter. Der amerikanische Künstler indischer Abstammung hat in einem gläsernen, in rotes Licht getauchten Pavillon im Park ein großes Bett aufgebaut. Auf dem leblosen Körper, der darauf ausgestreckt ist, hockt ein gespenstisches Wesen. Seine aufleuchtenden Dioden-Augen sind das einzig Lebendige an diesem klammen Ort, dessen Boden von welken Blättern und verrottendem Material aus dem Wald übersät ist, ähnlich vielleicht, wie es im Haus Mödrath vor der Inbesitznahme durch die Kunst der Fall war.

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