Hands-on Tele-Trivia

Hands-on Tele-Trivia


Ellen Wagner über Cosima von Bonin & Claus Richter „Thing 1 Thing 2“ in der Kunsthalle Nürnberg, 15.2.–17.5.2020

Ein Küken, gestopft wie eine Weihnachtsgans, doch etwas weniger festlich, begrüßte noch vor wenigen Wochen Besucher_innen in der Kunsthalle Nürnberg. Auf der cremefarbenen Brust des Plüschtiers prangte ein leicht unappetitlicher Fleck Erbrochenes, als hätte es sich übergessen oder zu viele Achterbahnfahrten zugemutet. Man ahnt: Das wird noch heiter werden, für das Herz-Kreislauf- und Verdauungssystem des ästhetischen Durchhaltevermögens. Die Kondition der Rezeption an ihre Grenzen zu treiben, scheint wichtiger Teil des Trainingsplans der Ausstellung zu sein.
Cosima von Bonins und Claus Richters Thing 1 Thing 2 ist vollgestopft mit Tieren: Ein weißer Hai posiert mit gequält verzogenen Mundwinkeln an einem Pult. Auf dem Rücken niedergestreckt liegt ein überdimensionierter Hase, bereit, so scheint es, um Ostern zu verschlafen. Mehrere der oben erwähnten Küken hängen eingesunken auf erlahmten Raketen. Im Sitzen und im Liegen lümmeln die Tiere in anthropomorphen Körperhaltungen. Sie bleiben farbig matt, in gefühlt entsättigten, ausgelaugten Tönen, manchmal ganz in Schwarz und Weiß.
Richter komplettiert von Bonins Streichelzoo aus Plüsch mit Elefanten-Ballons, staksig federnd auf Hexentreppenbeinchen. Mit der singenden Plastik-Orchidee Omi Ursula (2017). Und mit Ratten. Gleich eine ganze Straßenkulisse voller Ratten wie in einem Broadway-Musical – auch der Titel der Arbeit RATS! (2009) erinnert an sein solches – stellt Richter in die Kunsthalle. Man denkt an Jack the Ripper und Charles Dickens, an die (Un-)Möglichkeit sozialen Aufstiegs aus dem Elend als beliebtes Motiv der (Auto-)Fiktion, über allem schwebt der Abgrund.

Claus Richter Greeting Bunnies (1-2), 2017 Holz, Lack, Keramik, Metall, 120 x 75 x 10 cm Courtesy Claus Richter und Clages, Köln; © Claus Richter, Foto: Annette Kradisch

Richter und Bonin sind eng befreundet. Sie interessieren sich offensichtlich für denselben Ernst desselben Quatsches und schenken sich nach eigenen Angaben gern auch mal den ein oder anderen Trash-Artikel, der dann als Inspiration nicht selten zu neuen Arbeiten gedeiht. „Cliquenkunstwerk“ nannte Diedrich Diederichsen die Praxis ausgiebigen Verweisens auf Kollegen, den Insider-Diskurs einer engen Peergroup – hier der Kölner Kunst- und Galerienszene der 1980er und 1990er.

Tatsächlich ist das Übernehmen von Vorgedachtem und Vorgefertigtem, das Zitieren und Referenzieren ja gängige, wenn nicht zentrale Praxis im Kunstschaffen. Auch Bonin delegiert ihre Produktion bewusst an Haute-Couture-Näherinnen. Die auf die lappigen Textilbilder gestickten Zitate wiederum stammen oft aus Tocotronic-Songs. Vielleicht wäre dies, gegenläufig zur Illusion des aus dem Nichts schöpfenden Genies, als kreativer Mundraub zu bezeichnen – der einvernehmlich als Kooperation oder künstlerische „Verschränkung“ erfolgt, doch von Bonin offensiv als „links und rechts gestohlen und zurückgeklaut“ bezeichnet wird.

Richter bastelt selber. Doch auch er scheint den Mechanismus des Verwertens von Einflüssen, vor allem an der Schnittstelle zwischen Selbstverwirklichung, Kunstbetrieb und Trivialkultur, verinnerlicht zu haben. Richter lockt mit einem lustvollen, aber auch eskapistischen Hängenbleiben an fast schon oder gerade eben obsolet gewordenen künstlichen Welten – Shoppingparadiesen, Freizeitparks, Geisterbahnen, alles etwas zu bunt und laut und überlaufen mit Versprechungen und Gruseleffekten, die sich in den Augen der Figuren spiegeln: Eine schaut im Bett liegend Ambient-Videos. Eine andere versucht sich als Alleinunterhalter, als Büste etwas amputiert und ramponiert anmutend. Eine dritte empfängt Besucher_innen an einem tristen Info-Desk. Aufregung und Auslaugung plätschern dahin. That‘s Showbiz, Baby.

Claus Richter Very large self-portrait with train and colored lights, 2015 (Detail) Holz, Papier, Spielzeugeisenbahn, Lichterkette mit Glühlampen, Modelliermasse, Stoff, Geschenkbänder, Dimension variabel Privatsammlung, © Claus Richter, Foto: Annette Kradisch

Claus Richter 4.00 am, 2017 Lampe, Laptop, Holz, Stoff, Kunststoff, Glasaugen, Bettgestell, Matratze, Bettdecke, Kopfkissen, Bettwäsche, Figur: ca. 180 x 100 x 48 cm, Bett: 208 x 147 x 77 cm Courtesy Claus Richter und Clages, Köln; © Claus Richter Cosima von Bonin EINSERKANDIDAT (THE APPRENTICE #3), 2009 Wolle, Baumwolle, Vlies, 208 x 150,5 x 3 cm; Privatsammlung; © Cosima von Bonin Foto: Annette Kradisch

Materialreich führt der Künstler ein ständiges Zu-Viel-Wollen und Nicht-Mehr-Können auf, indem er Figuren in den Ausstellungsraum setzt, deren monologische Entertainment-Anstrengungen in Leerlauf geraten, stellvertretend für unser aller Bemühungen, uns und andere zu unterhalten. Zumindest entspräche dies dem Subjektbild einer bereits selbst bis zum Leerlauf wiedergegebenen Diagnose zum Geist der „Kreativgesellschaft“.
Richters mitunter symmetrisch komponierte Abgründe haben auf Materialebene etwas gleichmäßig Getrimmtes. Dennoch verleihen kleine Imperfektionen, etwa beim Anzeichnen und Aussägen, den kunstgewordenen „Demotivationsmantras“, wie man die Bilder und Objekte bezeichnen könnte, eine werktechnische Nervosität. Eine leise Do-it-Yourself-Unruhe, die das eigenhändige Machen als Notwendigkeit, als Steckenpferd, als Bürde und als Experimentierfeld in den Blick rückt.
Tun die Bilder aber mehr als ein Schmunzeln über das Scheitern an Erwartungen der Leistungsgesellschaft, die noch das Pflegen von Hobbys, Beziehungen und – ja, Kreativität dem Primat des verwertbar Produktiven unterzuordnen sucht, hervorzukitzeln? Kann das Herumfläzen, auf das die erschlafften Figuren stellvertretend vielleicht für unsere eigene Alltagserschöpfung verweisen, gesellschaftliches Umwälzungspotenzial entfalten? Vielleicht, wenn man sich so lange hin- und herwälzt, bis man nicht mehr anders kann als aufzustehen.

Claus Richter Rock Bottom 01, 2018 Holz, Stoff, Kunstleder, Metall, Karton/wood, fabric, artificial leather, metal, cardboard, 190 x 140 cm Privatsammlung/private collection, Foto/photo: Anne Pöhlmann

Zu den etwas weniger mit Volumen und Effekt aufspielenden Arbeiten gehört Richters Reihe Rock bottom (2018). Zwischen Patchwork und Laubsägerei zeigen die Leinwände Teufel in Ohrensesseln und auf Kanapees umgeben von Bücherstapeln. Die Buchrücken tragen Titel wie „Everyone Else Is Happy“, „Insecurity“, „Shattered Dreams“, „Paralysis“, „Angst“ oder „More Angst”. Der Teufel nimmt seine Krise mit Humor. Es scheint beinahe so, als spiele er sie als eine Pose, angelehnt an Vorläufer der Kunstgeschichte, etwa Tischbeins Goethe in der Kampagna. Ein süffisantes Grinsen spielt ihm um die Lippen, das ein wenig an die Maske der Internet-Aktivisten von Anonymous erinnert.
Ist der Teufel selbst in der misslichen Lage der Überforderung? Oder holt er sich bei der Lektüre Anregungen, anderen das Leben zur Hölle zu machen? Oder steht er allegorisch für das In-Eins-Fallen der Rollen des Teufels und des armen Tropfs, wenn wir uns quälen, indem wir versuchen, gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden, und uns permanent beschweren, über die Beschwerden des Prekären?
Die Frage, ob geteiltes Leid, in der Kommunikationsschleife auf Dauer gestellt, sich halbiert oder stärker nach unten zieht, wenn es nur in engen Kreisen zirkuliert, scheint klar beantwortet. Was ist schwerer: Ein Kilo Klicks oder ein Kilo Gallensteine?

Cosima von Bonin WUZBIAN (#34), 2001 Baumwolle, Schaumstoff, Holz, Plexiglas, 220 x 100 cm HASBIAN (#33), 2001 Baumwolle, Schaumstoff, Holz, Plexiglas, 200 x 95 cm Sammlung Grässlin, St. Georgen; © Cosima von Bonin, Foto: Annette Kradisch

Cosima von Bonin MISSY MISDEMEANOUR #02 (THE BEIGE VOMITING CHICK, MISS RILEY LOOP [LOOP #2, 2006], MVO’S VOODOO BEAT & MVO’S ROCKET BLAST BEAT), 2011 Plastik, Metall. DVD-Player, Lautsprecher, Elektrokabel, Wolle, Vlies, Stofffüllung, Rakete: 162 x 132 x 900 cm, Küken: 160 x 114 x 120 cm Sammlung Grässlin, St. Georgen, © Cosima von Bonin, Foto: Annette Kradisch

Doch wo wir über Gewicht räsonieren – mit was sind eigentlich die Körper von Bonins verschlufften Figuren gefüllt? Mit was die Seiten der Bücher, die Richters Teufel selbstversunken verspeist? Was ist es, das durch die Materialien vergegenständlicht wird?
Wir sind voller Sorgen und Nöte, doch diese Floskel meint ja ganz Verschiedenes, manchmal scheinbar gar nicht Übles, was aber zu schaffen macht, wenn man sich übernimmt, als wolle man sich an Projekten überfressen wie an Zuckerwatte, wenn man zu viele Prioritäten in sich hineinstopft, die einem unschön wie Bauschaum aus den Ohren quellen. Man kann viele gute Dinge an- und aufnehmen und sich trotzdem aufgebläht und plusterig im Kopf fühlen. Als sei man selbst mit Luftpolsterfolie gestopft, endo-verpackt, und nach außen macht es leise „plopp“, wenn man von innen dann doch mal berührt wird.
Steht in des Teufels Büchern über Angst und Zweifel aus Richters Rock bottom-Reihe vielleicht dasselbe wie in den teils unausgepackten Bänden, die von Bonin in 2016 wie eine Momentaufnahme intellektueller (Des-)Interessen zwischen herrlich unfunktionalen Buchstützen aus Kuscheltieren aufstapelt? Lexika, Künstlerbücher und mehrere Ausgaben des Whole Earth Catalog – eines US-amerikanischen Magazins, das in den 1960ern und 1970ern gegenkulturelle Produktempfehlungen und DIY-Anleitungen zu einem autarken Leben versammelte. Bücher, die mit jeder Zeile Anlass geben, etwas zu hinterfragen, sich zu sorgen – für sich selbst zu sorgen –, aber auch Neues zu entdecken und zu spinnen, und sich so verletzlich zu machen, angreifbar durch die Umstände des Alltags, in dem man hofft, einen Teil davon zu realisieren.

Cosima von Bonin HAI AM TISCH 1, 2014 8-teilige Installation: Eisen, Tischlerplatte, Lack, Gummi, Baumwolle, Frottee, Schaumstoff, Polyfill, Glühlampe mit Fassung, Kabel, galvanisierter Stahl, Hai: 180 x 50 cm, Tisch: 85 x 74 x 34 cm, Stühle: je 31 x 76 x 40 cm, Lampe: 35 x 30 x 30 cm UNTITLED (Simple Plan 1), mit Michael Krebber, 2014 Leinen, Acrylfarbe, Kohle, Wolle, 75 x 115 cm UNTITLED (Simple Plan 2), mit Michael Krebber, 2014 Loden, 125 x 70 cm UNTITLED (Simple Plan 3), mit Michael Krebber, 2014 Filz, Wolle, Baumwolle, 95 x 75 cm Courtesy Galerie NEU, Berlin; © Cosima von Bonin, Claus Richter Rooftop Melody (right), 2019 (Detail) Holz, Acrylfarbe, Stoff, ca. 368 x 150 x 150 cm; Privatsammlung; © Claus Richter, Foto: Annette Kradisch

Der im Überfluss erschlaffende Trash der Ausstellung ist etwas, in das man eintauchen kann, von dem man aber eigentlich schon mehr als genug hat im Alltag, in den Social Media, wo Memes und Mantras nicht nur motivieren, sondern auch vom Scheitern „am System“ erzählen – mit leicht verquälter Galgen-Ironie. Humor als Schutzmechanismus driftet in Demotivation wie aus dem Knallbonbon geschossen. Auch in Thing 1 Thing 2 ist die Frage berechtigt, wie die Masse an Repräsentationen des Überdrehens und Ausbrennens zu einem neuen Blick auf „die Verhältnisse“ beitragen kann. Das Umschlagspotential liegt mutmaßlich in der Überschwemmung. Sie sorgt dafür, dass man es nach ca. einer Stunde, je nach Tinnitus-Toleranzschwelle, einfach nicht mehr sehen oder hören kann. So dass man überlegt, den müden Vogel abzuschießen von seiner Rakete, um diese, neu betankt, auf etwas anderes und überhaupt etwas zu richten. Das Zielen scheint noch wichtiger als das Machen, zumindest aber als dessen Grundvoraussetzung.
(Mit den richtigen Tools klappt das, medienwirksam, übrigens auch von zu Hause aus.)

 

Artikelbild: Cosima von Bonin, DANDY DOG, 2006, Bestickter Wollstoff, 166 x 167 cm; Privatsammlung; © Cosima von Bonin
Claus Richter, Entertainer, 2015, Holz, Lautsprecheranlage, mp3-Player, elektronische Steuerungselemente, Stoff, Kunststoff, 96 x 50 x 39 cm; Privatsammlung; © Claus Richter; Foto: Annette Kradisch


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