Sammlung Richter Come with me to Neverland

Sammlung Richter Come with me to Neverland

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Ein Spaziergang über die Expo 1900, beziehungsweise dessen Simulation anhand etlicher Abbildungen einiger altehrwürdiger Bücher der Sammlung Richter

Die Exposition Universelle des Jahres 1900 ist ein Traum. Es ist wirklich, und ich lüge nicht, wirklich ein Zufall, dass ich hier und beim „kaput“-Magazin über meine zwei Lieblings-Expos schreibe, wo doch in Mailand gerade die Expo 2015 eröffnet. Ich hatte das verdrängt, denn ich hasse moderne Expos. Sie langweilen mich zu Tode. Warum das so ist, soll nun schnell anhand unzähliger Dokumente aus längst vergangenen Tagen dargelegt werden.

Aus der Sammlung Richter greife ich hierfür auf einige zeitgenössische Bücher über die Expo 1900 zurück, auf Drucke und Begleitmaterialien, die es sich bei mir in der Expo-Ecke gemütlich gemacht haben. Albert Robida wird eine größere Rolle spielen, und es ist daher als Glück zu bezeichnen, dass ich schon länger Robida verehre und sammele, denn so können wir am Rande einen kleine Ausflug in die Welt dieses zu Unrecht fast vergessenen Künstlers machen.

Die Exposition Universelle von 1900 war, wie die Expo 2000 eine Jahrhundertwende-Expo. Die Expo 2000 war ja sogar eine Jahrtausendwende-Expo, aber im Vergleich zu dem, was im Paris des Jahres 1900 geboten wurde, war sie ein Schluck Wasser in der Kurve.

Mal sehen, ob ich übertreibe. Auf zur Eröffnung:

Eröffnung

Der Eiffelturm, DAS Expo-Gebäude überhaupt, stand bereits, als 1900 zum fünften Mal eine Weltausstellung ausgerichtet wurde. Man musste sich also ins Zeug legen, um diesem schönsten aller technoiden Bauten etwas hinzuzufügen. Und so erstreckte sich rund um das Gelände und entlang der Seine ein wahrer Theme-Park der Attraktionen, eine spektakulärer als die andere. Beginnen wir unseren Rundgang bei der „Tour du Monde“ einer Art Schau der Kulturen der Welt, das Gebäude sah so aus:

La Tour du Monde

Im Inneren und in angrenzenden Freiflächen befand sich ein aufwändig angelegtes Terrain, auf dem der noch reiseungeübte Europäer fremde Länder und Sitten bestaunen konnte. Heute ist diese Praxis zurecht in Verruf geraten, es gibt Doktorarbeiten über den Exotismus des frühen 20. Jahrhunderts, und auf vielen Expos wurden z.B. Afrikanische Menschen wie im Zoo vorgeführt. Und doch war der Versuch, die Welt an einen Ort zu bringen vielleicht auch der Beginn eines Verständnisses für andere Kulturen. Man denke nur an den immensen Einfluss, den die auch auf frühen Expos gezeigte japanische Kunst auf die Entwicklung europäischer Kunst hatte oder wie afrikanische Kunst die Dadaisten und Expressionisten begeisterte. Hier also ein Blick in die asiatische Welt der „Tour du Monde“:

La Tour du Monde 02

Exotisch war damals vieles und exotisch war beliebt. Aufregend und neu war die Welt und auch ein idyllisches schweizer Bergdorf konnte so zur Attraktion werden. In einer Art Prä-Disneyland-Szenerie wurde damals ebenso ein Dorf als begehbare bespielte Kulissenwelt in Paris errichtet, inklusive Wasserfall, Bergen und See.

La Village Suisse Wasserfall

Das Panoramabild zeigt deutlich die Gebautheit des Ensembles, und gerade diese Theatralität der Architektur entzückt mich:

La Village Suisse Panorama 02

Ein etwas weiter gefasster Blick zeigt, wie groß allein diese Anlage war:

La Village Suisse Panorama

Ich wüsste zu gerne ob in den künstlichen Bergen auch künstliche Höhlen waren, oder ob da z.B. die Mitarbeiter kleine Rückzugsräume hatten, in denen sie mitgebrachte Brote picknickten, seitdem ich weiss, dass im künstlichen Matterhorn in Disneyland im oberen Bereich ein geheimes Basketballspielfeld ist, bin ich besessen von Geheimräumen in Kulissenbauten.

Ziehen wir ein bisschen weiter um die Welt, es ist schließlich eine Weltausstellung.

Der französische Kolonialismus führte zu einer Präsentation von Kambodja, man zeigte 1900 einen Nachbau unterirdischer Tempelanlagen. Eine Konstruktion, die ich bis heute sehr beeindruckend finde, ich meine, das da unten, die kleinen Zwerglein, das sind Menschen!

Kambodja Tempelnachbau

Ich finde, das ist ein ziemlich beeindruckendes Set. Wie wurde so etwas gebaut? Beeindruckend genug für ein weiteres Detailfoto:

Kambodja Tempel 02

Auch die „Pagode de Vichnou“ zeigt sich imposant:

La Pagode de Vichnou Detail

Obwohl all diese kolonial vereinnahmten Kulturen nicht als gleichwertige „Kunst“ sondern eher als exotische Attraktion präsentiert wurden, beeindruckten sie Künstler wie Rodin und Eric Satie so nachhaltig, dass diese sich in die Recherche über die fremde Kultur vertieften, ihre Schönheit priesen und Teile der fremden Welt für sich vereinnahmten und in eigene Arbeiten einbrachten. Kulturelle Globalisierung, da ging’s los.

Zur Ehrenrettung der Expo 1900 muss erwähnt werden, dass in einer Zeit, in der Menschen nichteuropäischer Kulturen oft wirklich wie Zootiere präsentiert wurden, auf der Expo 1900 Frances Benjamin Johnston ihre, in Booker Washingtons Hampton Institute aufgenommenen, grandiosen Fotos afro-amerikanischer Studenten zeigte, ein Akt großer emanzipatorischer Stärke in der damaligen, unfassbar rassistisch geprägten Kultur.

Booker Washington war saucool und Frances Benjamin Johnston auch, ihr 1896 aufgenommes Selbstportrait mit Bier und Zigarette spricht Bände für den, der Zeichen lesen kann:

Frances_Benjamin_Johnston,_full-length_portrait,_seated_in_front_of_fireplace,_1896

Nicht nur der exotische Reiz fremder Länder war relativ neu für die europäische Bevölkerung, auch die Elektrizität war etwas, das durchaus noch präsentierenswert war. Und zwar im „Palais de l´electricité“, hier zusammen mit dem „Chateau d´eau aufgenommen. Ich meine: „Chateau d´eau“, das klingt schon grandios!

Le Palais de L´electricité & Le Chateau d´Eau

Nachts waren diese Gebäude von unzähligen elektrischen Birnchen beleuchtet, ein Effekt, der damals auch in frühen Vergnügungsparks wie dem Luna Park auf Coney Island eingesetzt wurde. Von so großer Schönheit müssen dieses nächtlichen Welten gewesen sein, dass z.B. Windsor McCay für „Little Nemo“ etliche seiner grandiosen Zeichnungen auf eben diese Licht-Architektur aufbaute. Einen Eindruck der Pariser Szenerie gewinnt man hier:

Palais de L´Electricité

Auch eines der künstlerichsten Bauwerke, die „Porte Monumentale“ des Architekten René Binet leuchtete nachts wie ein geheimnisvoller Kristall. Die Pariser selbst hassten den Bau, zu kitschig und übertrieben schien er schon damals. In den Durchgängen befanden sich die Ticket-Schalter für die Expo und jede erdenkliche Fläche war angefüllt mit Dekor und Abbildungen von Naturstrukturen, wie Bienenwaben, Dinosaurierknochen und Blumenblättern. Man sprach damals in Anlehnung an Gustave Flauberts grandioses fiebriges und ornamentales Buch vom „Salammbo-Style“, ich finde heutzutage sowohl Buch als auch Tor toll:

La Porte Monumentale

Wirklich in einer Welt aus Licht und Magie versinken konnte der Besucher im „Palais des Illusions“, einer durch Spiegel und Lichteffekte sich ins scheinbar unendlich fortsetzenden Säulenhalle, in der verschiedene Stimmungen durch farbiges elektrisches Licht, Musik und mechanisch bewegliche Säulenelemente hervorgerufen wurden:

Le Palais des Illusions

Ich habe einen zeitgenössischen Druck, der nochmal in Farbe zeigt, wie beeindruckend die Illusion wohl war.

PALAIS ILLUSIONS 02

War? Ist!

Das Palais des Mirages wurde als eine der ganz wenigen Attraktionen gerettet und befindet sich heute im Pariser Musée Grevin, ich bin mir nicht ganz sicher, ob es wirklich das Palais des Illusions (so benannt auf allen Dokumenten ) ist und nun einfach statt „Illusions“ „Mirages“ heisst, oder ob es zusätzlich noch ein Palais des Mirages gab, auf jeden Fall ist es ein wirklich schönes Stück Zeitkultur, stammt von der Expo 1900 und sei jedem Parisbesucher empfohlen, ich war schon dreimal drin.

So ungefähr sieht es heute aus:

Leider nicht mehr erhalten ist dieses Meisterwerk der Themenarchitektur. „Le Vieux Paris“ ist, seit ich vor Jahren einmal davon gehört habe, ein Steckenpferd, von dem ich selten einmal absitze. So viel steckt hinter dem Erfinder dieser Prä-Theme-Park-Welt, dass es mehrere Einträge hier bräuchte, um ihm gerecht zu werden. Albert Robida.

Robida war seinerzeit ein berühmter Autor und Zeichner, er veröffentlichte unzählige illustrierte Bücher über die langsam verschwindende historische Architektur Frankreichs, zeitgleich war er ein Zukunftsvisionär erster Güte und schuf mit seinem heute auch als Nachdruck erhältlichen Werk „le vingtième siècle“ (aus dem Jahr 1883) einen seiner vielen unfassbaren Science-Fiction voller emanzipierter Frauen, Umweltverschmutzung, Massentourismus, Flachbildschirme, Fernsehübertragungen, Fluggeräte und einem großen Sack weiterer, sehr genauer Zukunftsvorraussagen. Natürlich aufs Feinste illustriert vom Meister persönlich. Wie jeder gute Künstler stand Robida also mit einem Bein tief in der Vergangenheit und mit dem anderen weit in der Zukunft. Ein Spagat, der oft sehr ergiebig ist. Wie gesagt, Robida wird nochmal ein Einzelthema, hier aber ein paar seiner futuristischen Illustrationen:

ROBIDA 01

ROBIDA 02

ROBIDA 03

Für die Expo 1900 entwarf Robida eine ganze Stadt, ein Konvolut historischer Gebäude aus den verschiedenen Architekturepochen Frankreichs. Durchschritt man das mächtige Eingangstor, befand man sich in einer immersiven Kulissenwelt, zusammengetragen aus historischen Vorlagen und bevölkert mit historisch gekleideten Schauspielern:

Le Vieux Paris 01

Es gab Theater, Kneipen und Läden, alles voll bespielt und belebt, man konnte also in dieser Stadt-in-der-Stadt wohl einen ganzen Tag verbringen, ins Theater gehen und danach einkehren. Hier der Übersichtsplan dieses gigantischen Areals:

Le Vieux Paris Plan

Durch die Gassen zogen Schauspieler, um den Eindruck eines Stücks historischer Realität zu erzeugen:

Le Vieux Paris 06

Hier wurde auch eingekauft:

Le Vieux Paris 04

Musiker zogen durch die Hallen und Straßen aus Pappmachée, Gips und Holz, und ich glaube, dass „Le Vieux Paris“ die Welten der Disney Theme-Parks in grandioser Manier vorwegnimmt.

Le Vieux Paris 07

Im „Vieux Paris“ erschien sogar eine eigene Zeitung, auch gestaltet von Robida. Vor einigen Jahren konnte ich eine Mappe mit Entwurfszeichnungen ersteigern, die damals als Souvenir erhältlich war, hier sieht man deutlich, wie Robida einerseits ekletizistisch und andererseits, um historische Genauigkeit bemüht, Gebäude an Gebäude schmiegt, Gassen und Plätze schafft und wirklich jedes noch so kleine Detail in minutiöser Manier ausgestaltet.

Ich bin erschöpft. Nehmen wir erst einmal einen kleinen Kaffee im Restaurant Champeaux, das ebenfalls speziell für die Expo 1900 erbaut wurde:

Le Restaurant Champeaux

Weiter geht’s. Was schauen wir uns jetzt an? Landwirtschaft! Agrikuläre Erzeugnisse! Nichts könnte spannender sein, vor allem, wenn es in einer Kulissenstadt in der umgenutzten Maschinenhalle der vorhergehenden Expo stattfindet. Kulissenstadt! Ich liebe das!

Also willkommen in der Welt der Nahrungsmittel. Ist das Thema der Expo 2015 nicht auch Nahrung?

1900 sah das so aus:

L´Exposition Agricole 02

Als ich vor einigen Jahren zum ersten mal diese Abbildungen gesehen habe, war ich vollkommen verzückt und es hat damals einiges an Recherche gebraucht, um herauszufinden, dass das hier wirklich der Teil der Expo ist, der quasi die landwirtschaftliche Ausstellung darstellt.

L´Exposition Agricole - Le Triumphant

Das da oben ist „Le Triomphant“, ein Schiff, in dem unter Louis dem 14. die erste Ladung Kakao aus den Antillen nach Frankreich gebracht wurde. „Le Triomphant“ war nebenher auch der Messestand des französischen Chocolatiers Menier, im Inneren konnte man sich über die Geschichte der Firma informieren und sicher auch Schoko naschen. Man betrat das Schiff durch die sich aufbäumenden Bugwellen.

Der historische Pressetext sagt, dass man bemüht war, die verschiedenen französischen Nahrungs-und Genussmittel in entsprechend leicht verkleinert nachgebauten Gebäuden zu präsentieren und das Gesamtbild dem einer Nürnberger Spielzeugstadt gleichen sollte. Im ersten Stock der Halle gab es eine VIP Lounge, von der aus man die Anlage überblicken konnte. (Es ist inzwischen unnötig zu erwähnen, daß ich durchdrehe, bei dem Gedanken, dort einmal stehen zu dürfen, durch diese legendäre, noch nicht erfundene Zeitmaschine dort hinversetzt)

Mühlen gab es übrigens auch:

L´Exposition Agricole _ Moulins Abel Leblanc

Da ich extra für diesen Artikel ein sauteures 115 Jahre altes Buch gekauft habe, kann es nicht verhindert werden, dass ich die diesem Werke entnommene Gesamtplan-Ansicht der Halle auch noch präsentiere:

L´Exposition Agricole Plan

und damit sich auch jeder Cent gelohnt hat, hier die andere Seite der Halle:

L´Exposition Agricole Plan 02

So, eine kleine Erfrischung nehmen wir hier noch, und dann geht es weiter.

L´Exposition Agricole 03

Nehmen wir doch den rollenden Bürgersteig, aber vorsicht, gut festhalten!

Mechanischer Bürgersteig

Dieses mechanische Trottoir verlief auf immerhin 3 Kilometer durch das Expogelände und hatte zehn Stationen, auf denen man es betreten und verlassen konnte. Eigentlich war geplant, ganz Paris damit zu versorgen, aber, wie so oft, scheiterte diese Vision.

Thomas Edison persönlich hat uns den Gefallen getan, den rollenden Bürgersteig (den man heute aus den Flughäfen der Welt kennt) auf Film zu bannen:

Moving Sidewalk at the 1900 World’s Fair in Paris from Gizmodo on Vimeo.

Eine Aufrisszeichnung habe ich in meinen Büchern auch gefunden, falls jemand selbst mal sowas bauen mag:

Mechanischer Bürgersteig 02

Es gibt noch so viel zu sehen, wir schaffen nicht alles, die Zeit ist zu knapp.

Vielleicht schauen wir heute noch kurz das Riesenteleskop im Palais de l´optique an, das ein Bild des Mondes in ungeahnter Schärfe und Detailtreue auf eine kleine Leinwand wirft!

Palais de l´optique-La grand Lunette

Oder doch ein bisschen Ausruhen in einem der unzähligen Gewächshäuser der Pflanzenausstellung?

Pflanzenausstellung Detail

Vielleicht ins Maeorama, in dem eine Schiffahrt simuliert wird, so echt, dass einem fast schlecht werden kann dabei:

Maeorama

Oder den Fortschritt der Metallverarbeitung begutachten?

L´Exposition Metallurgique

Oder doch lieber ins „Manoir a l´envers“, das kopfstehende Schloss?

Le Manoir a L´Envers

Man sieht, die Exposition Universelle 1900 wäre der ideale Ort gewesen für jemand, der Kulissen und Fantastereien liebt, also z.B. für mich.

Moderne Expos können da einfach nicht mithalten, der Zeitgeschmack hat sich geändert und das Bild der Welt auch. Nachhaltigkeit und Recycling sind heute Themen, Bevölkerungswachstum und Globalisierung verschieben das Spektrum der Expos hin zu einem eher pädagogischen und reduzierten Umgang mit Spektakel, es ist wahrscheinlich auch besser so. Vielleicht wäre es aber doch möglich, ein bisschen Größenwahnsinn wieder zur Tür reinzulassen, ein bisschen Irrsinn, ein bisschen Spinnerei. Damit meine ich nicht die versackten Gelder, gegen die grade auf Mailands Straßen demonstriert werden, ich meine ein paar Häuser aus Pappmachée in einer alten Halle oder einen Zauberwald mit sprechenden Tieren oder eben ein Land des Unfugs.

Aber auf mich hört ja keiner, ich gehe jetzt noch einen Tee im Palais Lumineux trinken und warte darauf, daß es dunkel wird, damit mein mit 4000 Lichtern besetzter Heissluftballon besser zur Geltung kommt, mit dem ich zu meiner anderen Kolumne im „kaput“ Magazin schwebe, bei der es um die letzte grandiose Expo geht, die Expo70 in Osaka.

Wer mitkommen will:

HIER ENTLANG

Le Palais Lumineux

Und wer, so wie ich, jetzt Expo 1900-Fan ist, dem sei diese grandiose Seite empfohlen:

http://exposition-universelle-paris-1900.com/

 

Claus Richter ist Künstler und lebt in Köln.

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