Wo ist Rocky II, Mr. Ruscha?

Wo ist Rocky II, Mr. Ruscha?


Annika Turkowski über Pierre Bismuths Filmdebut „Where is Rocky II?“ (F, D, B, It 2016, 93 Min., mit Ed Ruscha, Robert Knepper, Milo Ventimiglia, Drehbuch D. V. DeVincentis und Anthony Peckham)

‚Verraten Sie uns: Wo ist Rocky II?

Wo ist…?

…Rocky II .

Rocky II, ja…Rocky II ist ein… Ähm…- Sie haben sich also mit dieser Geschichte befasst.’

Bei einer direkten und scheinbar einfachen Frage zu seinem Werk Rocky II verschlägt es dem kalifornischen Künstler Ed Ruscha, einem der bedeutendsten Vertreter der Amerikanischen Pop- und Konzeptkunst des 20. Jahrhunderts, während der Pressekonferenz zu seiner großen Retrospektive in der Londoner Hayward Gallery 2009 die Sprache. Er stammelt vor sich hin, macht lange Pausen, schmunzelt zwischendurch und weicht schlussendlich einer klaren Antwort aus, bestätigt jedoch die Existenz des Werkes.

Die Stimme aus dem Publikum, die Ruscha vor laufenden Kameras und der versammelten Presse aus der sonst so lässigen Kontenance bringt, gehört dem französischen Künstler und Filmregisseur Pierre Bismuth, Drehbuchautor des Oscar prämierten Kultfilms Eternal Sunshine of a Spotless Mind (2004). Die unverblümte Konfrontation, die Bismuth gekonnt inszeniert und mithilfe eines Kameramanns filmisch festhält, bildet die dramatische Anfangssequenz zu einem der ungewöhnlichsten Filme des Jahres.

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Where is Rocky II? ist zum einen ein Dokumentarfilm. Er zeigt Bismuth auf der Suche nach einer wenig bekannten und mysteriösen Skulptur Ruscha’s, der in erster Linie für sein fotografisches und malerisches Werk bekannt ist: Ein künstlicher Stein aus Harz, den der Künstler 1979 geschaffen und kurz nach der Fertigstellung irgendwo in der nordamerikanischen Mojave-Wüste platziert haben soll, wo er offenbar seither inkognito sein Dasein fristet.

Sonderbar ist, dass die Arbeit bis heute weder in einer der unzähligen Ausstellungen Ruscha’s aufgetaucht ist, noch in den Catalogue Raisonnés des Künstlers Erwähnung findet. Es ist fast so, als handle es sich dabei um einen Mythos oder aber um ein Werk das so konzeptuell ist, dass es nur als mündliche Überlieferung existiert. Beides ist, in Anbetracht des trockenen Humors für den Ruscha berühmt geworden ist, durchaus möglich, wäre da nicht ein kurzer Dokumentarfilm der BBC von 1980, der den Künstler nicht nur bei der Konzeption des nie ausgestellten Werkes zeigt, sondern ihn sogar bei der Deponierung des Kunststeins irgendwo zwischen den Felsformationen der Mojave-Wüste begleitet.

Während der Suche stößt Bismuth immer wieder an Grenzen, denn keiner, selbst die Sammler und Kuratoren die Ruscha am nächsten stehen, will von dem Werk wissen oder gar je etwas gehört haben. So heuert der Französische Filmemacher einen Privatdetektiv namens Michael Scott an. Scott, ein pensionierter Kriminalbeamter von der Mordkommission, ist der heimliche Held des Films. Mit staubtrockener Ernsthaftigkeit widmet er sich der Suche nach dem Kunstwerk als handele es sich dabei um die Aufklärung eines Verbrechens und verwandelt den Film damit in eine Art Kunst-Krimi. Doch obwohl Scott sich systematisch dem Objekt nähert, Sammler, Kuratoren und Freunde des Künstlers interviewt, nach London reist um die archivierte BBC-Doku zu sehen und sogar Jim Ganzer, einen alten Künstlerfreund Ruscha’s ausfindig macht, der in die Konzeption von Rocky II involviert war, scheint eine Aufklärung des Falls unmöglich.

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Where is Rocky II? ist aber auch eine Fiktion. Der Film enthält mehrere Binnenerzählungen, die das Material des Dokumentarteils aufnehmen und in eine fiktive Narration umwandeln. Denn zusätzlich zu dem Privatdetektiv, engagiert Bismuth zwei erfolgreiche Hollywood-Drehbuchautoren, DV DeVincentis (Autor von High Fidelity und Grosse Point Blank) und Anthony Peckham (Invictus und Sherlock Holmes), die damit beauftragt werden die Suche des Ermittlers in eine fiktive Geschichte zu verwandeln. Szenen dieser frei erfundenen Narration sind dann wiederum in die Gesamthandlung eingeflochten und versuchen durch fiktive Erzählelemente dem Geheimnis auf die Spur zu kommen und herauszufinden was Ruscha dazu bewegt haben könnte einen falschen Stein in der Wüste zu verstecken und dann nie wieder davon zu sprechen. Wie weit kann Konzeptkunst gehen? Ist es noch Kunst, wenn man das Kunstwerk nicht nur nicht sehen kann, sondern noch nicht einmal um seine Existenz weiß?

Bismuth spinnt die Suche nach Antworten zu diesen Fragen in eine filmische Tour de Force, die durch kluge und kreative Verschmelzung von Realität und Fiktion, selbst zu einem konzeptuellen Kunstwerk wird. Das Ergebnis ist eine schräge und irrwitzige Entenjagd durch die westamerikanische Kunstszene á la Hollywood. Auf der Crowdfunding-Seite des Films, über die das Projekt zum größten Teil finanziert werden konnte, schreibt Bismuth: „Where is Rocky II? handelt nicht bloß von einem versteckten Kunstwerk. Es geht bei ihm auch um Fantasie und wie Kunst das perfekte Objekt der Fantasie sein kann.“

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Mit seinem verrückten Regiedebüt präsentiert Pierre Bismuth einen Film, der immer wieder Genre- und Stilgrenzen überschreitet oder gänzlich verschwinden lässt und in dem mit einer unglaublichen Leichtigkeit zwischen Ernst und Ironie, Dokumentation und Kunst gewechselt wird. Die größte Errungenschaft des Werkes ist jedoch die Verkörperung des Deadpan-Humors, einer überaus trockenen Form der Komik, die Ed Ruscha über die Jahre perfektioniert hat und die bis heute nur in Fotografien und Gemälden Form angenommen hat.

So macht es schlussendlich auch nichts aus, dass es weder Bismuth, noch dem Detektiv oder den beiden Drehbuchautoren gelingt, Ruscha’s Werk ausfindig zu machen. Oft ist der Weg das Ziel und in keinem anderen Fall ist dies näher an der Wahrheit als in Where is Rocky II?

Die Crowdfunding-Website und der Trailer zum Film:

https://www.indiegogo.com/projects/where-is-rocky-ii#/

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