Besprechung Von Fallen und Fernbedienungen

Besprechung
Von Fallen und Fernbedienungen


Omer Fast im Kölnischen Kunstverein, bis 18.12.

Wir befinden uns im zehnten Jahr der Besetzung Afghanistans und bis heute möchte so manch einer nicht von Krieg sprechen. Hingegangen sind viele. Zurück kamen nicht so viele. Der eine oder andere amerikanische Soldat muss schon gar nicht mehr hin, denn er nimmt sein Pausenbrot nach dem Frühstück mit zum Krieg.

Zuvor stolpert er über das Playmobil – Flugzeug des Jüngsten, der Pilot werden will, sagt dem Ältesten er solle am Nachmittag nicht so lange mit Call of Duty auf der Spielkonsole verbringen und wünscht seiner Frau einen schönen Tag mit der Großmutter. Im Pontiac schaltet er das Radio an und hört sich die Acht Uhr Nachrichten an, die den stationären Truppenabzug, aber auch einen erneuten Anschlag auf Kameraden melden. Die Sicherheitsschleuse passiert und mit dem Kameraden kurz über das Spiel vom gestrigen Abend geplänkelt, setzt er sich vor seine Konsole und beginnt mit der Arbeit. Die Pflicht ruft.

Hier holt uns Omer Fasts Arbeit Five Thousand Feet is the Best ab. In dieser Flughöhe befinden wir uns, nämlich an Bord einer unbemannten, bewaffneten Drohne. Wir sitzen im Auge einer Kamera, die zunächst über Gebiete in Pakistan und Afghanistan steuert, dann plötzlich über ein Lichtermeer. Der Nachtflug über Las Vegas, dem Inbegriff des urbanen Spaßparks, dessen kleine drolligen Lichter es als gigantischen Spielautomaten erscheinen lassen, bringt uns zu einem Hotelzimmer. Cineastisch eingewoben referiert hier eine Interviewszene auf Gespräche des Künstlers mit ehemaligen ‚Home-office‘-Kriegspiloten am Joystick.

„What’s the difference between you and someone who sits in an airplane?

– There’s no difference. We do the same job.

But you’re not a real pilot.

– So what? You’re not a real journalist.“

Wir kennen diese Fast‘schen geschickten Wechsel der Ebenen von Fiktion und Dokumentation, Re-enactment und Berichterstattung, Schauspielern und Zeitzeugen, die er etwa bei Casting (2007) oder ebenso sehr begeisternd bei Spielberg‘s List (2003), in der er den Statisten und Produktionsabläufen aus Schindlers Liste nachging und damit an der Viskosität fließender Mediengrenzen arbeitete.

Die in Five Thousand Feet is the Best thematisierte ,saubere Kriegsführung‘ illustriert über eine gewaltgeladene Szene die wirkliche Perversion zwischen der realen Möglichkeit der Parallexistenz von Familienidylle und Tötungsindustrie. Die Präzision der ,Finger Gottes‘, die von fünftausend Fuß aus die Kaffeetasse des Verdächtigen erfassen können, greift nicht selten fehl – ob technischem oder menschlichem Unvermögen geschuldet. Der Zynismus, der in dieser ferngesteuerten Zerstörung liegt, erinnert an eine Zeile aus Wolfgang Sofskys Operation Freiheit. Der Krieg im Irak, die sich auf Bombenangriffe bezieht: „Der Adressat der Luftangriffe ist nicht die irakische Bevölkerung. Sie ist nur das Publikum einer titanischen Schlagkraft“ – nur dass diese Titanen nun daheim – im sicheren Vaterland – sitzende Scharfschützen vor Monitoren sind. Mitnichten bleiben sie von Traumata weniger verschont als herkömmliche Veteranen, auch wenn sie pünktlich zum Abendessen zu Hause sind. Wie würde eigentlich ein Carl von Clausewitz diese bitterernsten Videospiele einordnen?

Der neueren Arbeit zur Seite steht Omer Fasts dreiteilige Videoinstallation Nostalgia I-III von 2009, in der er unterschiedliche narrative Schleifen um eine archaische technische Fertigkeit zieht: Den Bau einer einfachen Falle aus Naturmaterial. Das eingewobene Bild der Falle umgarnt den Komplex des Rassismus – und verknüpft über spielerische Reflexionen cinematischer Techniken verschiedene Erzählstränge:

In Nostalgia I, einem relativ kurzen Video, schildert ein Nigerianer den Bau einer Rebhuhn-Falle aus elastischem Holz und Zwirn, während ein weißer Soldat in einem Waldstück eine genau derartige Fallenarchitektur bastelt und damit auf Techniken des Guerillakampfes abhebt. Fast ordnet der Stimme in der Doppelprojektion Nostalgia II ein Gesicht zu – nun in einem Interview zwischen dem Nigerianer und einem weißen Briten, der ein Filmprojekt zum Thema Afrika plant. Immer wieder köchelt im Dialog der Interviewpartner in absurd humoristischer Art und Weise der Vorwurf der Kulturimperialismus hoch, etwa im Zusammenhang mit dem Wissen um den Unterschied von Rebhuhn und Truthahn oder der Erinnerung des Nigerianers an seine Zeit als Kindersoldat. Der dritte und längste Teil, Nostalgia III schließlich entzieht sich trotz seiner schlagenden zentralen Narrationen einer dem Thema nahe liegenden Flachheit: Ein Europäer beantragt in einem demokratischen afrikanischen Staat Asyl, schwarze Grenzsoldaten hetzen weiße Flüchtlinge mit Hunden in einem Tunnel zu Tode, durchschnitten von einer dramatisch rührenden Szene eines afrikanischen Vaters, der am leeren Bette seines Kindes weint und die Geschichte der „Monsterfalle“ erzählt.

Omer Fasts Trilogie Nostalgia I-III ist eine Allegorie des Verlustes, ein narrativ und editorisch geschickt artikuliertes Stück Filmproduktion, das von einer Grundskepsis jedweder Bildsprache ausgeht.

Die beiden scheidenden Direktorinnen des KKVs schenken der Stadt eine hoch interessante Ausstellung – gerade denjenigen, die in Venedig keine Zeit fanden, Omer Fasts jüngste Arbeit in voller Länge zu sehen. In Köln beschert die interessante und mit Bedacht gewählte Raumsituation dem Besucher einen sehr angemessenen Rahmen für zwei Arbeiten des 1972 in Jerusalem geborenen Künstlers, die seine weitsichtige Expertise auf dem Gebiet des Films mit intelligentem erzählerischen Volumen zusammen bringen. Einfach Eintreten, denn nicht zuletzt seien die geschickt gesetzten Loops erwähnt, die dem Besucher mühelos Eingang in Fasts Erzählungen, großer immer drängende Themen wie Krieg, Gewalt, Rassismus und dem Problem ihrer medialen Bilder verschaffen.

Türen schließen und zurück in das friedliche Rauschen der Domstadt – jetzt erstmal Abendessen.

Christoph Platz ist seit 2010 curatorial assistant bei der dOCUMENTA (13).

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