The Abstract Turn

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Zurück zur Abstraktion – Ein Essay von Noemi Smolik

Kurz vor Jahresende präsentierten die Kölner Galeristen Alexander Warhus und Luisa Rittershaus in den ehemaligen Räumen der Galerie Zwirner, dem heutigen Projektraum WERTHEIM eine bemerkenswerte Malerei-Ausstellung. Die 10tägige Schau zeigte Werke junger, im Rheinland lebender Künstler, denen, neben den kuratorisch festgelegten, nahezu gleich großen Bildformaten eines gemeinsam war: die Abstraktion. Doch wieso begeistern sich junge Künstler heute für die Abstraktion? Und was fasziniert ihre Sammler?

links: Sabrina Fritsch, Stst (acea), 2013, Öl, Acryl auf Rupfen auf Leinwand, 220 x 165 cm, Courtesy VAN HORN; rechts: Chris Succo, I want everything fun always to happy, 2014 Öl und Lack auf Leinen, 230 x 172,5 cm, Courtesy Almine Rech Gallery

links: Sabrina Fritsch, Stst (acea), 2013, Öl, Acryl auf Rupfen auf Leinwand, 220 x 165 cm, Courtesy VAN HORN; rechts: Chris Succo, I want everything fun always to happy, 2014, Öl und Lack auf Leinen, 230 x 172,5 cm, Courtesy Almine Rech Gallery; Foto: bildpark.net

Es lag sicherlich auch am historischen Ort, dass die Ausstellung mit ihren 17 Leinwänden, jeweils in selbstbewussten ca. 2×2 Meter Formaten einen Zeitgeist zu behaupten vermochte. Dabei waren die hier versammelten künstlerischen Stile denkbar unterschiedlich: Schwarze, nahezu monochrom aufgetragenen Pigmente auf Aluminium von Philip Seibel trafen auf blaue Verzweigungen und Verstrebungen von Martin Weidemann und die scheinbar spontan aufgetragene, fragile Konstruktionen von Matthias Schaufler. Andreas Breunigs surreale Bildwelten und die märchenhaften Schlieren von Jan-Ole Schiemann standen den strengen, von Linien durchzogenen Bildflächen von Peppi Bottrop gegenüber, verschachtelte Vierecke von Stefan Müller den in fröhlicher Farbigkeit zerlaufenen Streifen auf Nessel von Ralf Schauff. Kaum etwas zu sehen gab es hingegen auf der Leinwand von David Ostrowski, der weißes Papier auf weißer Leinwand präsentierte.

Ebenso unterschiedlich wie die Motivik sind auch die Entstehungsgeschichten der Bilder: während Sabrina Fritsch präzise geometrische Raumstrukturen schafft, entstehen Fabian Herkenhöners Werke durch das Schleifen der Leinwand über den dreckigen Boden.

von links: Martin Weidemann, Zimmer Nr. 4 (Detail), 2014 Öl auf Leinwand, 200 x 170 cm, Courtesy Warhus Rittershaus; Matthias Schaufler, Ohne Titel (K2), 2014, Öl auf Leinwand, 210 x 190 cm, Courtesy Galerie Hammelehle und Ahrens; Philip Seibel, Tafel 25 (Fluß und Floß), 2014, Öl, Pigment und Lack auf Aluminium 220 x 145 cm, Courtesy Berthold Pott; Jan-Ole Schneemann, Fusel, 2014, Öl auf Leinwand 180 x 155 cm, Courtesy the artist

von links: Martin Weidemann, Zimmer Nr. 4 (Detail), 2014 Öl auf Leinwand, 200 x 170 cm, Courtesy Warhus Rittershaus; Matthias Schaufler, Ohne Titel (K2), 2014, Öl auf Leinwand, 210 x 190 cm, Courtesy Galerie Hammelehle und Ahrens; Philip Seibel, Tafel 25 (Fluß und Floß), 2014, Öl, Pigment und Lack auf Aluminium 220 x 145 cm, Courtesy Berthold Pott; Jan-Ole Schiemann, Fusel, 2014, Öl auf Leinwand 180 x 155 cm, Courtesy the artist; Foto: bildpark.net

Die Kölner Ausstellung steht für einen Trend in der aktuellen Kunst, der sich wohl auch in diesem Jahr weiter verstärken wird. Abstrakte Malerei erfreut sich derzeit großer Beliebtheit. Die Summen, die insbesondere für junge amerikanische Künstler bei den internationalen Auktionen für Werke gegenstandsloser Malerei erzielt werden, verschlagen einem den Atem. Aber auch die Bilder des 1982 geborenen, in Köln lebenden David Ostrowski verkaufen sich schon für mehr als 250.000 Dollar, die Malerei des erst 1986 geborenen Kolumbianers Oscar Murillos für fast das Doppelte. Der gerade mal 31jährige Alex Israel aus LA überschritt mit einer seiner Leinwände bereits die Millionengrenze.

Auch die Museen reagieren ungewöhnlich schnell, reihen die jungen Abstrakten schon in die über hundertjährige Tradition organischer und geometrischer Formensprache ein. So eröffnete die Londoner Whitechapel Gallery gerade die Ausstellung „Abstract Art and Society 1915 -2015“, die die Jungstars als Erben von Malewitschs schwarzem Quadrat reflektiert. Das MoMA zeigt aktuell „The Forever Now: Contemporary Painting in an Atemporal World“ mit Werken von Murillo und Matt Connors monochrome Leinwände mit dem Titel „What ist the Third Question?“, eine Anspielung auf Barnett Newmans legendäres Bild „Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue“ von 1970.

Kunstmarktexperten machen es sich einfach und erklären den aktuellen Boom der abstrakten Malerei mit dem Auftauchen einer neuen Sammlerschicht, die Kunst kauft, um sie so schnell wie möglich wieder gewinnbringend zu verkaufen: „Artflipping“, die neue Form der Gewinnmaximierung. Tatsächlich kosteten Bilder von Murillo, die heute für sechsstellige Summen versteigert werden, noch vor zwei Jahren 40 000 Dollar. Die Flachware Bild ist immer noch das lohnendste Objekt, wissen Geldanleger.

von links nach rechts: Markus Golz, Alla Prima / WBiN 4, 2014, Öl, Acryl und Lack auf Leinwand 180 x 130 cm, Courtesy Warhus Rittershaus; Ralf Schauff, Untitled, 2014, Acryl auf Nessel, 180 x 130 cm, Courtesy the artist; Peppi Bottrop, All nine, 2014 Graphit auf Leinwand 250 x 210 cm, Courtesy Jan Kaps

von links nach rechts: Markus Golz, Alla Prima / WBiN 4, 2014, Öl, Acryl und Lack auf Leinwand 180 x 130 cm, Courtesy Warhus Rittershaus; Ralf Schauff, Untitled, 2014, Acryl auf Nessel, 180 x 130 cm, Courtesy the artist; Peppi Bottrop, All nine, 2014 Graphit auf Leinwand 250 x 210 cm, Courtesy Jan Kaps; Foto: bildpark.net

Viele Kunstkritiker hingegen sind skeptisch, sprechen von einem kurzfristigen, marktgemachten Trend. Walter Robinson nennt die Abstrakten, angesichts des immer wieder heraufbeschworenen Todes der Malerei „Zombies“, Jerry Saltz gibt dem „gierigen“ Markt die Schuld am „Abklatsch“ und verfällt damit selber in den Abklatsch der ewigen Schuldzuweisungen gegenüber dem Markt.
Andere Kritiker wiederum, wie André Rottmann, erkennen in diesem Boom der bemalten Leinwand eine „bemerkenswerten Beharrlichkeit“. Woher aber kommt diese Beharrlichkeit? Und warum ausgerechnet die abstrakten Malerei? Gibt es auf dem Markt nicht genügend poppig Figuratives, das auch erotische Sehnsüchte befriedigt?

Die heutige abstrakte Malerei, so scheint es, bezieht sich verstärkt auf die Ideale ihrer klassischen Vorgänger und setzt sich damit bewusst von dem ab, was seit den 1990er Jahren unter dem Begriff der partizipatorischen Kunst zusammen gefasst wird.

Abstrakte Malerei galt als der Gipfel – mancher spricht gar von der Vollendung – einer Entwicklung, die als Modernismus bezeichnet wird und deren letzte Ausläufer bis in die 70 Jahre des vorigen Jahrhunderts reichen. In dieser Entwicklung betrachtete man den Künstler als Helden, der einsam den Kampf mit der Leinwand – es gab ja fast ausschließlich die Leinwand – ausfocht. Individuelle Handschrift, die nach ästhetischen Kriterien beurteilt wurde, war die Voraussetzung des Erfolgs. Die damit verbundene Last der individuellen Verantwortung lag hier auf einigen Künstlern so schwer, dass sie sich nicht selten im Alkohol Erleichterung suchten, Jackson Pollock oder Marc Rothko trieb sie gar in den Selbstmord.

links: Fabian Herkenhöner, WO111 (Dynamism of a dog on a leash), 2014 Staub auf Leinwand, 200 x 150 cm, Courtesy the artist,; rechts: Jan Pleitner as yet untitled, 2014 Öl auf Leinwand, 190 x 130 cm, Courtesy Ancient & Modern / Natalia Hug Gallery

links: Fabian Herkenhöner, WO111 (Dynamism of a dog on a leash), 2014 Staub auf Leinwand, 200 x 150 cm, Courtesy the artist,; rechts: Jan Pleitner, as yet untitled, 2014, Öl auf Leinwand, 190 x 130 cm, Courtesy Ancient & Modern / Natalia Hug Gallery; Foto: bildpark.net

Diese Künstler vertraten, indem sie auf eine eigene, ästhetischen Kriterien unterlegene Handschrift setzten, eine Haltung, die der heutiger – zumeist institutionell unterstützter – Künstler krass gegenüber steht.
Im Glauben, die Kreativität zu steigern, setzt die partizipative Kunst auf ein kollektives Zusammenwirken. Sie erzeugt für den Betrachter Situationen, die Kommunikation, Verständnis, Wohlgefühl und sogar Hilfsbereitschaft fördern sollen. In der Beurteilung ihre sozialen Handlungen – Diskussion, Spaziergang, ein gemeinsames Essen – sind hier weniger die künstlerischen Charakteristika ausschlaggebend, vielmehr entscheidet die soziale Wirkung einer Aktion über das Gelingen.

Eine solche Ästhetisierung von Interaktion hat mittlerweile schon die Institutionen verlassen und findet auf den Straßen statt, so ähneln etwa Protestbewegungen wie die „Occupy“ Bewegung oder die kürzlich in Hongkong stattgefundenen Demonstrationen immer mehr einer künstlerischen Performance. Künstler, Kurator und Museumsdirektor Peter Weibel fand den treffenden Begriff des „globalen Artivismus“ für die derzeitigen Verflechtungen von Kunst, Politik, Wirtschaft, Kommunikation und Wissenschaft. Angesichts dieser verwischten Grenzen zwischen ästhetischem Anspruch und Gesellschaft droht die Kunst ihre kritische Haltung zu verlieren, mahnte die Kunstkritikerin Claire Bishop bereits 2006 in ihrem Text „The Social Turn: Collaboration and its Discontents“.

von links: Andreas Breuning, S-Works: specialized No. 32 , 2014, Öl, Kohle und Graphit auf Leinwand, 210 x 170 x cm, Courtesy Warhus Rittershaus; David Ostrowski, F(3), 2014 Lack und Papier auf Leinwand, Holz 240 x 190 cm, Courtesy Peres Projects; Thomas Arnolds LUFT 2, 2012, Öl auf Leinwand, 250 x 200 cm Courtesy Galerie Hammelehle und Ahrens

von links: Andreas Breuning, S-Works: specialized No. 32 , 2014, Öl, Kohle und Graphit auf Leinwand, 210 x 170 x cm, Courtesy Warhus Rittershaus; David Ostrowski, F(3), 2014, Lack und Papier auf Leinwand, Holz 240 x 190 cm, Courtesy Peres Projects; Thomas Arnolds, LUFT 2, 2012, Öl auf Leinwand, 250 x 200 cm, Courtesy Galerie Hammelehle und Ahrens; Daniel Schubert, Untitled (aus der Serie ´Lay in a Shimmer`), 2012, Eitempera auf Leinwand, 210 x 150 cm, Courtesy Galerie Gebr. Lehmann; Foto: bildpark.net

Die aktuelle abstrakte Malerei widersetzt sich dem Diktat des Kollektivs und der Partizipation. In einer vernetzten Gesellschaft, in der das ständige Sich-Beteiligen, Reagieren, Antworten und Mitmachen erwartet wird, entzieht sie sich dem Terror der nie zum Erliegen kommenden Kommunikation im Ästhetischen. Vielmehr laden diese jungen Künstler wieder ein zum Innehalten und zur Konzentration. Ihre Werke verlangen keine Kennerschaft, können jedoch vom Betrachter als formal attraktiv begriffen werden. So setzen viele Künstler dieser neuen Malergeneration wieder verstärkt auf ästhetische Distanz, ohne es uns zugleich nicht all zu schwer zu machen, eine assoziative, sinnliche Nähe zu ihren Werken aufzubauen. So erklärt sich wohl auch, dass sich die jungen Abstrakten auf dem freien Markt behaupten, während partizipative Kunst, bis auf wenige Ausnahmen, die schützende Hand der Institutionen benötigt.

Es sind die Ideale des Modernismus, die zu den Entwicklungen hin zu immer mehr Eigenständigkeit, Kreativität, Flexibilität, Risikobereitschaft und Eigenverantwortung unserer postkapitalistischen Gesellschaft geführt haben, meinen die Soziologen Luc Boltanski und Ève Chiapello. Demnach eignet sich auch der heute erfolgreiche homo economicus – und damit sind auch die Sammler abstrakter Kunst gemeint – immer mehr die Eigenschaften eines Künstlers des Modernismus an, dessen ästhetischer Ausdruck die abstrakte Malerei war. Abstrakte Kunst steht schließlich immer auch für Individualismus, der in den letzten zwanzig Jahren sogenannter relationaler Ästhetik abgelehnt wurde.

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links: Daniel Schubert, Untitled (aus der Serie ‘Lay in a Shimmer’), 2012 Eitempera auf Leinwand, 210 x 150 cm, Courtesy Galerie Gebr. Lehmann; rechts: Jana Schröder, Spontacts CH M5, 2014 Öl auf Leinwand, 210 x 180 cm, Courtesy the artist; Foto: bildpark.net

In einer vernetzt, verwobenen Gesellschaft ist Distanz eines unserer kostbarsten Güter geworden. Hier stellt die abstrakte Bildsprache die derzeit wohl größtmögliche ästhetische Distanz zum Alltag her. „Eine kritische Kunst ist eine Kunst, die weiß,“ sagt der französische Philosoph Jacques Rancière, „dass sich ihre politische Wirkung durch die ästhetische Distanz vollzieht.“ So befriedigt die aktuelle abstrakte Kunst nicht nur eine Sehnsucht nach Entschleunigung und Kontemplation, sie vertritt in ihrer weniger vordergründig politischen Haltung auch eine kritische Position.

(A.d.R.: Der letzte Absatz dieses Artikels wurde am 19.1.15, 22.16 Uhr minimal überarbeitet)

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