Evamaria Schaller

Evamaria Schaller



– mit Blick auf die künstlerische Arbeit von Evamaria Schaller

Man könnte dem Glauben anhängen, ein Klassiker des Heimatfilmgenres habe mittlerweile ausgedient: das Drama um die sozialen Rebellen der Berge, die Wilderer in den österreichischen Alpen. Als ferner Nachfahre versuchte sich 2002 allerdings noch mal die Tatort-Folge ‚Elvis lebt!’ mit mäßiger Resonanz an dieses ausgelaufene Format. Ohne allzu große Wehmut hatte man eine feste Größe der Nachkriegsfilmgeschichte aus der Mottenkiste hervorgekramt, in postmoderner Manier als das Unwahre entlarvt, im genüsslichen Zitat abgehakt und zu Grabe getragen. War da noch was?

Und ob! – sagt die Kunst, und belegt damit aufs Neue, wie gern sie sich vermeintlich ad Acta gelegten Themen oder Medien zuwendet und sich ihrer bedient, sobald diese aus einem erschöpften und nachgerade ideologisch behafteten Diskurs entlassen wurden und etwas Gras über die Sache gewachsen zu sein scheint.

So geschehen also auch im uns beschäftigenden Fall einer Arbeit der in Köln lebenden Künstlerin Evamaria Schaller. Bei ihrer Geste des Entstaubens kann es demnach nicht darum gehen, die alten Grabenkämpfe wieder ans Licht zu zerren. Vielmehr erfolgt der Zugriff, weil erst jetzt ein befreiter und experimenteller Umgang mit diesem abgelegten Sujet wieder möglich geworden ist und erlaubt, der Frage nachzugehen, was das Ganze mitsamt seinen archetypischen Bildern und seinem symbolischen Inventar mit einem selbst zu tun haben könnte. An dieser Stelle darf vielleicht schon mal angemerkt werden, dass Evamaria Schaller, 1980 in Graz geboren, streckenweise auf einem Bauerhof in den österreichischen Voralpen aufwuchs und den Kontakt zu den Bergregionen ihrer Heimat nie hat abreißen lassen. So ließ sie sich für ihre beeindruckende Diplomarbeit an der Kölner Kunst- und Medienhochschule, die im Juli diesen Jahres in der Moltkerei-Werkstatt zu sehen war, ausgelöst durch eine lapidare Meldung, vom Jagdfieber packen. Sie stellte einer Frau nach, die vor knapp 20 Jahren in den Vorarlberger Wäldern und Bergen als Wilderin vom Montafon, so auch der Titel dieser Arbeit, eine gewisse mediale Berühmtheit erlangte, hatte sie doch fast 10 Jahre lang diese mythisch behaftete, illegale Männerdomäne ausgeübt. Schallers filmische Annäherung, die gleichsam als Identitätssuche fungierte, zeugt dabei von einer Intimität der Wahrnehmung und impliziert selbstverständlich die Aufgabe eines rein distanzierenden und registrierenden Beobachtens. Schaller selbst übernahm daher im Film folgerichtig die Rolle der Protagonistin, sowohl als Jägerin und als Gejagte, als Wilderin und als argloses Wild.

Bei ihrer Suche nach Grenzerfahrungen, ihren Aktionen an der Schwelle zum Unbekannten, dem Ausloten der Schnittstellen von Kunst und Gefühl, Freiheit und Angst, Schönheit und Schmerz, lässt Schaller sich von der Einsicht leiten, dass uns unsere innere Natur nie als solche transparent ist. Vielmehr erscheint sie uns zugänglich nur im Modus des Ereignisses. Daher kennzeichnet die künstlerische Welterfahrung von Evamaria Schaller stets das Einbeziehen von Handlungen und Aktionen. Kunst verändert und transformiert und ist daher als Machen, Tat und Arbeit zu verstehen. Dem Anteil körperlicher Energien kommt hierbei eine nicht gering zu achtende Bedeutung zu. Aus einer vorbehaltlos kreativen Wahrnehmung erscheint der charmant wie akribisch erzeugte Kreislauf des Lebens in all seinen ereignishaften Segmenten als ein unablässiger Prozess, in dem lustvolle Heiterkeit und elementares Wissen von der existenziellen Vielfalt der Welt miteinander verschmelzen.

Schallers performatives Plädoyer für die Unmittelbarkeit der Erfahrung und die Ich-Ekstase vermag sich in ihren gelingenden Momenten durchaus auf die Betrachter übertragen. Manchmal eben kann die Kunst, wenn du ihr begegnest, deine Atmung verändern oder du bekommst einen kleinen Schweißausbruch, in jedem Fall erzählt sie davon, dass es da draußen auch noch andere Menschen gibt. Für das Subjekt gibt es nämlich die Freiheit nur in einer Dynamik des Zwischen, in der ihm gerade das ihm Eigentümlichste, seine innere Natur, immer nur durch die Erfahrung einer Entäußerung an andere und Anderes gegeben ist.
Vor diesem Hintergrund erscheint es mehr als plausibel, dass die Beschäftigung mit den Zwischenräumen im Fokus von Schallers künstlerischen Grundlagenforschung steht. Befragt wird etwa das Niemandsland zwischen Innen und Außen, zwischen öffentlichem und privatem Raum, zwischen gesellschaftlicher Relevanz und individuellem Standpunkt.

Mit ihren performativen und filmischen Raumbesetzungen nähert sich die Künstlerin dabei vornehmlich dem eigentlich relevanten Raum an, dem Beziehungs- und Resonanzraum zwischen den Menschen. Für dieses Unterfangen dient dann eben der eigene Körper gelegentlich als Werkzeug, als Vermittler zwischen Ausdruck und Kommunikation. Hierzu gilt es, den Körper mitunter als eine unbekannte Landschaft anzusehen, der dazu einlädt, seine verborgenen Erscheinungen zu entdecken, während Empfindungen, Gefühle, Bewegungen und Sinneswahrnehmungen den unaufhaltsamen Fluss bilden, der durch ihn hindurch strömt.

Für die Performance Künstlerin ist es also nahezu unerlässlich, vollständig verwickelt zu sein, unmittelbar und persönlich. Dies schließt aber die Verwendung von bereits erprobten Handlungsmustern, das ‚Wildern’ im Bilder- und Gedankengut anderer nicht unbedingt aus. Unsere Zeit erlebt vielerorts einen Rekurs auf die Hoch- und Frühzeit der Performance Kunst der 60er und 70er Jahre. Vielfach werden die Archive gesichtet und längst vergessene Auftritte und Aktionen nicht nur durch Dokumentationen zurück ins Bewusstsein geholt. Der transformierende Charakter auf das Körperempfinden der Ausübenden und ein daraus resultierender Übergriff auf dasjenige der Zuschauer geht jedenfalls auch bei einem Re-Enactment, oder der Variation einer historischen Performance nicht wirklich verloren. Auch Evamaria Schaller bedient sich gelegentlich aus dem Fundus älterer performativer Darstellungsweisen und behandelt sie nach der zivilrechtlichen Eigentumsordnung als wilde Tiere, die als herrenlos gelten und zunächst, solange noch ein lebender Funken auszumachen ist, nicht eigentumsfähig sind. Dies mag in Teilen an den Topos des Täters erinnern, der genötigt ist, an den Ort der Tat zurückzukehren, um sich des Kicks, den die Tat einstmals ausgelöst hat, erneut zu versichern. Ein solches Vorgehen scheint der künstlerischen Strategie der Künstlerin jedenfalls nicht fremd zu sein, wie ein Blick auf ihre neueste Arbeit zu zeigen vermag.

Als Preisträgerin des diesjährigen Chargesheimer-Stipendiums für Medienkunst der Stadt Köln hat sie jüngst zusammen mit Marcel Hiller, dem das Friedrich-Vordemberge-Stipendium für junge Künstler zugesprochen wurde, eine Ausstellung im Kölner Stapelhaus, dem Ausstellungsraum inmitten der Altstadt am Rheinufer, eingerichtet. Bereits im Vorfeld hatten sich beide verständigt, dass sie jeweils nur zu gerne mit ihren Konzeptionen aufeinander Bezug nehmen möchten. Und herausgekommen ist eine Ausstellung aus einem Guss, der den in Teilen verstaubt anmutenden Ausstellungsraum in einen mysteriösen Tatort verwandelt. Hiller plünderte das Inventar der traditionsreichen Institution und breitet es mit einer souverän destruktiven, aber gleichsam die tragenden Strukturen bloßlegenden und diverse Fährten legenden Geste vor uns aus. Schaller nutzte im Vorfeld des Aufbaus den leeren Raum, um des Nachts geheimnisvoll irritierende Filmaufnahmen ihres handelnden Umgangs mit eben diesem Raum anzufertigen. Auf kleinen Monitoren, die in dem chaotisch zugerichteten Ort verteilt wurden, laufen diese Filmschlaufen ab und verunsichern aufs Nachdrückliste den Besucher, der sich mit der Frage konfrontiert sieht, was hier vorgefallen ist und wo er sich eigentlich befindet. Sollte tatsächlich ein Verbrechen stattgefunden haben, so liefern diese Bilder einer vermeintlichen Überwachungskamera nur wenig Aufschluss über einen wie auch immer gearteten Tathergang. Eher schon wird die potentielle Unheimlichkeit jedweden Ortes evoziert. Die rundweg gelungene Zusammenarbeit der beiden Künstler scheint nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass sie nicht einander nur höfliche Kompromissbereitschaft signalisiert, sondern mit ausgreifender Manier die Arbeit des jeweils anderen für die eigenen Belange vereinnahmt haben.

Nur bedingt sind wir damit an den Ausgangspunkt unserer Ausführungen zurückgekehrt, denn der erneute Rekurs auf den Tatort ist hier mit deutlich anderen Vorzeichen versehen: Nicht mehr das abgehoben teilnahmslose und ironische Spiel mit Zitaten aus dem Zettelkasten abgelegter und verbrauchter Welterklärungsmodelle steht auf der Agenda. Vielmehr eine Neubefragung überkommener und wieder zu entdeckender Bilder und Handlungsoptionen, die mit dem eigenen Körperempfinden im gesellschaftlichen Raum des Hier und Jetzt abgeglichen werden. Als Gradmesser dient eine Dringlichkeit des Anliegens, neue Akte der Selbstbestimmung, neue Justierungen der Gestaltungsmöglichkeiten eigener Lebensentwürfe anzustoßen. Hinter der Anschmiegung an Vorhandenes und Bekanntes setzt daher auch bei Evamaria Schaller eine präzise Bildformung ein, deren Spiel mit der Wirklichkeit weder einfache Wiederholung noch eindeutiger Kommentar ist. Vielmehr gilt es, Irritationen und Störungen für das Überleben produktiv nutzbar zu machen. Denn schließlich formulierte bereits der vermeintliche Theoretiker der Postmoderne, Jean-François Lyotard,: „Seinen Horizont, seine Ausrichtung, seine unbegrenzte Grenze und sein endloses Ende leiht sich das Denken von der körperlichen, sinnlichen, affektiven und kognitiven Erfahrung eines – vielleicht sehr differenziert entwickelten, aber eben doch irdischen Lebens, und schuldet sie ihnen.“



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