Besprechung Sieht man ja, was es ist

Besprechung
Sieht man ja, was es ist


Noemi Smolik über die Editionen der Galerie Erhard Klein im Bonner Kunstverein, 19.2.-5.5.2013

Es ist das Jahr 1970 und man hat mit der Kunst Großes vor: Sie soll helfen, die Gesellschaft zu verändern, sie soll für jeden zugänglich sein. Aber wie, wenn die meisten Kunstwerke für den Normalverdiener finanziell nicht erreichbar sind? Durch Vervielfältigung einzelner Kunstwerke, die dann billig verkauft werden können. Mit diesem Anliegen eröffnet Erhard Klein, ein gelernter Buchhändler, in einem Bonner Wohnhaus seine Galerie. Sie entwickelt sich schnell zu einem Impulsgeber, der die Rheinische Kunstszene entscheidend prägen wird. Hier trifft Joseph Beuys auf Sigmar Polke, der wiederum Achim Duchow und Katharina Sieverding mitbringt. Dazu kommen Ulrich Rückriem, Jürgen Klauke, Felix Droese und Georg Herold. Man ist viel zusammen, man trinkt nicht selten über Maß, man klopft Sprüche, macht Witze und zieht sich gegenseitig hoch. Vor allem aber, man produziert billige Kunst, aus Alltagsgegenständen und nicht selten in großen Auflagen. Editionen und Multiples füllen die Räume der Galerie.

So stellt Klein 1973 in einer viel beachtete Ausstellung die Multiples von Beuys aus. Bald aber produziert er Editionen und Multiples in eigener Regie. Auf der documenta VI 1977 beschriftet Beuys einen Pappteller, von dem er gerade ein Würstchen gegessen hat. „Ich ernähre mich durch Kraftvergeudung“ steht darauf. Klein erwirbt den Teller und beauftragt Beuys damit, mit dem Beschriften von 120 Papptellern weitere Kräfte zu vergeuden. Das tut Beuys während er mit den Händen gekochte Spargel ist, so dass seine Finger genügend Fettflecken auf den einzelnen Tellern hinterlassen. Für Klein schafft Beuys 1983 auch die heute schon legendäre Edition „Vino F.I.U.“ aus Weinflaschen der Sorte „F.I.U. – Difesa della Natura“, die mit von ihm gestalteten Etiketten versehen sind und in signierten Kartons à 12 Flaschen verkauft werden.

Polke, Rückriem, aber auch Franz Erhard Walther, Imi Knoebel, Johannes Stüttgen und Felix Droese beliefern die Galerie. Und man scheint viel Spaß dabei zu haben. Denn Humor, Ironie, ja Selbstironie sind oft dabei. So entwirft im Jahr seines Todes 1993 Achim Duchow – der noch zu entdecken ist – ein Multiple mit dem Titel „Beuys für Arme“: es besteht aus einer grauen Filzvorlage, auf der ein schon reichlich gammeliger Margarinebecher präsentiert wird. Duchows Spielzeugbus mit der Aufschrift „ Omnibus für direkte Demokratie in Deutschland. Volksabstimmung“ von 1990 braucht in der Nähe von Beuys keinen Kommentar, ebenso wenig wie die getrockneten Kuhfladen auf Unterlagen mit dem Titel „Reine Gesinnung“ von Droese aus dem Jahre 1991. Und die Bezeichnung eines Tuches, auf dem Kaviar klebt, als „Hungertuch“, wie es 1989 Herold tut, nähert sich schon dem Humor eines Martin Kippenberger.

Und immer wieder beziehen sich die Editionen auf den Galeristen, Förderer und Kumpanen Klein. „Erhard Klein unkonzentriert“ schreibt Beuys 1983 über ein Foto seiner signierten Weinkartons. „Erhard Klein vollkonzentriert“, so sehen ihn noch im selben Jahr Albert Oehlen und Kippenberger und Herold gibt 1985 zehn Wodkaflaschen als Multiple heraus mit dem Stempel „Erhard Klein Konzentrat“. Im September 1990 taucht Kippenberger in der Galerie und bittet Klein, sich vor die Wand zu stellen, um ein Polaroid von ihm machen zu können. Auf die Frage nach dem warum, antwortet er: Wirst schon sehen. Drei Monate später, pünktlich zur Feier des 30 jährigen Bestehens der Galerie, bringt er 6 Warhol ähnliche Siebdrucke, die den Gefeierten zeigen, mit der Überschrift „Wahrhol ist nicht Klein“.

Alle diese Kunstwerke sind jetzt im Bonner Kunstverein unter dem Titel „Sieht man ja, was es ist“ in einer Ausstellung zu sehen. Die Schau zeigt über 200 Arbeiten von rund 50 Künstlern und Künstlerinnen und sprüht dabei von dem Witz und der Leichtigkeit, mit der Alltägliches in Kunst verwandelt wurde. Sie zeigt auch, wie vernetzt – würde man heute sagen – die Kunst im Rheinland damals war und den meist rauen Humor, den diese Szene auszeichnete.

erstmals veröffentlicht in FAZ am 12. März 2013

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