Besprechung Scheiternd zum Erfolg

Besprechung
Scheiternd zum Erfolg


Noemi Smolik über Martin Kippenberger „Sehr Gut/Very Good“ im Hamburger Bahnhof, Berlin, bis 18. August

Kippenberger – ein Komödiant, Possenreißer und Angeber, so sehen ihn die einen. Und wer ihn nachts in einer Bar auf einem Tisch mit heruntergelassenen Hosen tanzen sah, wird geneigt sein, dem zuzustimmen. Ein begnadeter Künstler, meinen die anderen, und begegnen ihm mit einer fast schon kultischen Verehrung.

Kippenberger starb im März 1997 mit 44 Jahren an den Folgen seines exessiven Lebens. In diesen Wochen wäre er 60 geworden und aus diesem Anlass – Kippenberger selbst liebte es, seine Geburtstage ausgiebig zu feiern – veranstaltet der Hamburger Bahnhof in Berlin eine große Schau. Es ist die überhaupt erste in Berlin und das 16 Jahre nach seinem Tod, obwohl Kippenberger in dieser Stadt seine künstlerische Karriere begann. Scheinbar brauchte man diesen zeitlichen Abstand, um sich diesem Quälgeist, Provokateur, Randalierer und Stimmungsanheizer zu nähern. Noch lange hatte man in Erinnerung, wie gekonnt er auf den Gefühlen anderer trampeln konnte. Jetzt endlich haben sich Udo Kittelmann und Britta Schmitz des Werkes dieses vielseitigen Künstler, Musikers, Barbesitzers, Tänzers und Filmemachers als Kuratoren angenommen.

Aber eher als Provokateur und Possenreißer wollen diese beiden Kuratoren Kippenberger im Sinne seines Spruches „Jeder Künstler ist auch ein Mensch“ als Antwort auf die Beuys’sche Doktrin von jedem Menschen als Künstler vorstellen. Und um es gleich zu sagen; das ist ihnen gut gelungen. Kippenberger – ein Mensch! Gleich das erste mit Öl gemalte Bild der Ausstellung von 1983 zeigt den noch jugendlichen Kippenberger mit tief traurig blickenden Augen und einem Schild um den Hals „Bitte nicht nach Hause schicken“. Ist es der erste Ausbruch von Zuhause, der scheinbar kläglich scheitert? Selbstverständlich evoziert dieses Bild auch Erinnerungen an die Pranger-Schilder, die den Juden von den Nazis umgehängt wurden und vielleicht auch noch an die Fotos der Opfer der deutschen Terroristen. In dieser Vielschichtigkeit liegt eben auch die Stärke dieses Bildes. Aber den gescheiterten Ausbrecher malt Kippenberger in ein schwarzes Quadrat auf weißem Grund. Sogar das Quadrat ist genauso schief gemalt wie im Malewitschs schwarzen Quadrat, diesem ultimativen Bild des 20. Jahrhunderts.

Seit seiner Kindheit wollte Kippenberger als Maler berühmt werden und tatsächlich malt er noch in den 70ern wie ein Besessener zum Beispiel die Serie „ Uno di voi, un tedesco in Firenze“, die auch in Berlin zu sehen ist. Als Maler berühmt zu sein ist ein gewaltiger Anspruch, den die Angst vor dem Scheitern wie ein treuherziger Hund – und Kippenbergers Gesichtsausdruck, eingerahmt in ein schwarzes Quadrat ähnelt einem Hund – begleitet. Sich als junger Maler mit Malewitsch und Picasso zu vergleichen ist gewagt. Gleich im nächsten Raum der Ausstellung sind Kippenbergers berühmte Selbstporträts in weißen Unterhosen zu sehen, auf denen er sich, um Picasso noch näher zu kommen, entsprechend dem berühmten Foto dieses Meisters in Unterhose mit stolz vor sich getragenem Bauch, ebenfalls in Schlüpfer und mit dicker Wampe malt. Solche Nähe gebiert Versagensängste. Und obwohl Kippenberger unentwegt auf alles, vor allem aber auf Briefpapier einschlägiger Hotels – eine ganze Reihe davon ist auch in Berlin zu sehen – zeichnet, überlässt er eine zeitlang das Malen lieber einem Plakatmaler, den er damit beauftragt, ihm etwa als einen gut situierten Maler mit Hut und Pelzmantel vor einer Wand mit DDR-Emblemen zu malen. Die Serie „Lieber Maler, male mir“ von 1981 entsteht und bewahrt ihn wenigstens vorübergehend davor – da er sie nicht selbst gemalt hat – als Maler zu scheitern. Auch so, nicht nur konzeptuell, kann man diese Serie sehen.

Die Kuratoren sind besonders stolz darauf, dass ihre Ausstellung auch Kippenbergs selten gesehene „Weiße Bilder“ zeigt. Auf 11 weißen in die Wand eingelassen Leinwänden benotet und beschreibt ein 9jährige Junge mit seiner krakeligen Schrift Kippenbergers Bilder. Sehr gut ist die häufigste Note – daher der Titel dieser Berliner Ausstellung „Sehr Gut/Very Good“. Sehr gut war eine Note, die Kippenberger in der Schule kaum zu sehen bekam, denn schon damals war Scheitern sein Programm. Sich in Nachkriegsdeutschland, wo das gerade erlebte Scheitern wie eine bleierne Wolke über dem Land hängt, des Themas Scheitern anzunehmen ist eine harte Kost. Das hält man nur mit einer gehörigen Portion Humor aus, am besten Galgenhumor. Den kannte Kippenberger zur genüge, schließlich hat die eigene Vatergeneration mit bierernstem Humor den bitteren Nachgeschmack des kollektiven Naziwahn-Scheiterns herunterzuspülen versucht.

Mit Humor begegnete Kippenberger auch dem Schmerz als immer wieder seine Kollegen aber nicht er zur documenta oder zur einer der Biennalen in Venedig eingeladen worden waren. 1992 fälscht er ein documenta-Plakat und lässt seine Säufer-Laterne, eine Träne vergießend, vor dem Fridericianum samt Schwanenlogo erscheinen. 1996 stolziert er im schwarzen Mantel vor dem Deutschen Pavillon in Venedig. Nur, 1996 gab es keine Biennale. So gesehen sind seine wunderbar witzig, oft sehr aufwendig gestalteten Plakate, die in Berlin eine meterlange Wand einnehmen, Pflaster auf seine Wunden, die ihm die hartnäckige institutionelle Nichtbeachtung immer wieder zugefügt hat.

Das Scheitern als Thema führt Kippenberger zu Franz Kafka, diesem Inbegriff des bekennenden Scheiterns. Ihm widmet er 1994 eine seiner überhaupt wichtigsten Installationen, die leider in Berlin nicht zu sehen ist, „The Happy End of Franz Kafka’s Amerika’“. Immer wieder inszeniert Kippenberger in dieser fast fußballfeldgroßen Installation die Situation eines Bewerbungsgesprächs: werde ich erfolgreich? oder scheitere ich wieder? Nein, diesmal nimmt das Ganze, anders als bei Kafka, einen glücklichen Ausgang – wie der Titel sagt.

Als Kippenberger dann vor dem endgültigen Scheitern steht, dem eigenen Tod, stellt er sich mit vollem Ernst noch einmal der Malerei. Unter dem Titel „Floß der Meduse“, mit dem er an das Bild des Untergangs von Thédore Géricault anspielt, entsteht eine ganze Reihe von Selbstporträts, die schonungslos sein krankes, aufgedunsenes Gesicht zeigen. Und siehe da, das ist – wie in Berlin schon die wenigen Bilder aus dieser Serie zeigen – eine hervorragende Malerei.

Nein, Kippenberger war kein Komödiant, sondern ein ernster Künstler, der sich mit einer fast kindlich trotzigen Entschlossenheit dem Scheitern, das wie ein Damokles Schwert über jedem Künstler schwebt, stellte. „In seinem Scheitern findet der Gläubige sein Triumpf“, sagt Søren Kierkegaard. Ein Gläubiger musste auch Kippenberger sein. Prost Kippi, auf den Erfolg!



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