Neue Kolumne

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von Claus Richter

Hallo und herzlich willkommen zu „Sammlung Richter“, der neuen Kolumne im Artblog Cologne.

Ich bin vor knapp vier Jahren nach Köln gekommen und habe in einer exorbitant großen Kutsche einhundertdreiundsiebzig silberbeschlagene Truhen voller alter Bücher, Spielzeuge und anderer gar köstlicher Artefakte mitgebracht. Einen Siebeneinhalbtonner, wie man so sagt. In den letzten vier Jahren sind wahrscheinlich noch mal zwei Tonnen dazugekommen, es wird langsam die „Sammlung Richter“. Daraus werden nun hier monatlich ein oder zwei der oftmals recht entzückenden Dinge vorgestellt, die zumindest mein Herz aufs Äußerste erfreuen.

Heute geht es ganz nostalgisch los mit zwei knapp hundert Jahre alten Dingen, einer Zeitschrift und einer Mappe mit Drucken:

„Kind und Kunst“ (Alexander Koch Verlag Darmstadt 1904-1905)

„Papier-Schneide-und Klebearbeiten. Ihre technischen Grundlagen und ihre erzieherische Bedeutung“ herausgegeben von Franz Cizek, Wien 1914

Beginnen wir mit der Zeitschriftenreihe „Kind und Kunst“, die der Darmstädter Verleger Alexander Koch zwischen 1904 und 1905 herausbrachte. „Kind und Kunst“ richtete sich, genau wie die ebenfalls von Koch herausgegebene Zeitschriftenreihe „Deutsche Kunst und Dekoration“ an das gehobene Großbürgertum. Ich konnte vor einigen Monaten alle Ausgaben in vier gebundene Büchern erwerben und blättere seitdem unentwegt und sehr großbürgerlich darin herum. Um die Jahrhundertwende florierten die Kunst-und Dekorationszeitschriften, britische Publikationen wie das „Yellow Book“ oder das kurzlebige aber legendäre „Savoy“ waren die Vorlagen für Alexander Koch´s Darmstädter Publikationen. Es brodelte überall, so erscheint es jedenfalls im Nachhinein. Die Reformbewegung richtete sich genau wie die flamboyant-dekadenten Groteskerien von Beardsley & Co. gegen das moralisch verstockte Weltbild der damaligen Zeit. Alles sollte anders werden, der Sex, die Kunst, das Denken, das Wohnen und natürlich die Erziehung.

„Kind und Kunst“ (Alexander Koch Verlag Darmstadt 1904-1905)

Was für eine gute Idee! Die schwedische Reformpädagogin Ellen Key verfasste 1903 ihr Buch „Das Jahrhundert des Kindes“, ein Text der sich heute einerseits nur mit Gruseln lesen lässt, schlägt Frau Key doch Euthanasie für behinderte Kinder und Enthaltsamkeit für Alkoholiker und Erbkranke vor, andererseits aber, und da ist das tolle an diesem Buch, spricht sie sich massivst und überzeugend gegen die Bevormundung, Gewalt und Entmündigung aus, der die meisten Kinder bis dahin ausgesetzt waren. Rousseau hatte zwar schon 1762 in „Emile“ eine Lanze für das Kind als gleichberechtigtem Wesen gebrochen, doch erst um die Jahrhundertwende wurde breiter darüber diskutiert Kindheit als Lebensphase mit Eigenwert zu sehen und vielleicht die kleinen Leute doch nicht ständig zu gängeln und grün und blau zu schlagen, wo es nur geht.

„Kind und Kunst“ (Alexander Koch Verlag Darmstadt 1904-1905)

All das ging nicht von Heute auf Morgen, wie gesagt „Kind und Kunst“ war ein Blatt für die Upper Class, die sich aber wahrscheinlich wie heute auch aus netten und nicht so netten Menschen zusammensetzte. Ich stelle mir vor, dass „Kind und Kunst“ von eher netten reichen Menschen gelesen wurde, in meiner Ausgabe zumindest findet sich als vergessenes Lesezeichen die Karte einer wohl älteren adeligen Dame, die vielleicht ihre Enkel damals mit dicken Küssen und lustigen Künstlerholzfiguren erfreut hat, so dass aus ihnen später dann aufrechte und herzensgute Förderer der Künste und des Humanismus wurden.
Wie alle Reformkünste der Zeit scheiterte der Versuch der Durchsetzung eines Alltags mit all den neu erdachten Schönheiten letztendlich an den hohen Kosten der Produktion. Selbst großartige und steinreiche Mäzene wie Fritz Wärndorfer, der ab 1902 die Wiener Werkstätte unterstützte, ritt mit eben diesen nach stürmischen Zeiten in den kompletten Konkurs.
Viele der Entwürfe sind nur in Kleinstauflagen produziert worden, manche bleiben für immer Entwürfe. Die Dresdner Werkstätten Hellerau und die Wiener Werkstätte brachten einige Spielzeuge in die Produktion, doch auch hier scheiterte es letztendlich am Geld und den hohen Produktionskosten, so dass selbst diese Objekte heute nur ab und an in Museen zu finden sind.

„Kind und Kunst“ (Alexander Koch Verlag Darmstadt 1904-1905)

Wer künstlerisches Spielzeug der Jahrhundertwende genau so mag wie ich muss nicht sofort zum Arzt, sondern sofort in den ICE und damit nach Nürnberg fahren, dort zeigt das Spielzeugmuseum im Erdgeschoss unglaublich schöne Einzelentwürfe der damaligen Zeit. Die Dresdner Werkstätten produzieren heute wieder einige ausgesuchte Replicas von Richard Kuöhl, Otto Froebel, Hermann Urban und Richard Riemerschmid.
In „Kind und Kunst“ mischt sich das „Who is Who“ damaliger Gestalter aus besagten Werkstätten mit heute vergessenen Künstlern. Koloman Moser hat tolle Städte aus Holz entworfen, Carl-Otto Czeschka zeigt hölzerne Ritter, die direkt seinen Illustrationen entsprungen zu sein scheinen, Heinrich Vogeler illustriert den ersten Sommertag im Leben eines kleinen Babies, Dagobert Peche´s opulente Spielzeugstädte wären das perfekte Zuhause für die von den Dresdner Werkstätten präsentierten lustigen Holzfiguren, die, gefolgt von düster-magischen Illustrationen des genialen Ivan Bilibin, auf der nächsten Seite vielleicht mit den grotesken Spielzeugentwürfen der Geschwister Kleinhempel ein Tänzchen wagen würden, ganz so wie die Kinder im Bericht über die Kindertanzgruppe des revolutionären Tanzpädagogen Emile Jaques-Dalcroze.

„Kind und Kunst“ (Alexander Koch Verlag Darmstadt 1904-1905)

„Kind und Kunst“ ist zur Hälfte eine Art Werbeblatt für das neueste künstlerische Spielzeug, berichtet aber in der anderen Hälfte in Editorials über die neuesten reformpädagogischen Ansätze. Kinder tanzen da in wehenden Reformkleidern zu den neuen Ideen des oben erwähnten Emile Jaques-Dalcroze, der später Tänzerinnen wie Mary Wigman unterrichtete und aus dessen Klasse auch Marie Rambert kam, die Nijinsky half „Le Sacre du Printemps“ zu choreographieren. Jaques-Dalcroze verbrachte natürlich zudem ein halbes Jahr auf dem sagenumwobenen Monte Verita. Das Ganze ist sicherlich furchtbar elitistisch, aber ich finde es besser ein wohlhabendes Kind in die Hände eines Revoluzzers zu geben, als ihm zehn Fremdsprachen und Wirtschaftswissenschaften einzutrichtern während die Anderen draussen im Dreck spielen dürfen. Es werden in „Kind und Kunst“ Kinderzeichnungen publiziert und regelmäßig wird über die Kinderkunstklassen der Welt berichtet, in denen Kinder (dazu kommen wir gleich genauer) frei und ungezwungen malen, basteln und bauen dürfen und stolz ihre Werke präsentieren. Blättert man durch die Seiten entdeckt man eine Kunst, die lustig und vermittelnd sein darf, sich nicht ihres dekorativen und spielerischen Charakters schämt und erst recht keine Angst vor ihrem menschlichen Ursprung hat.
Ich weiss nicht, wie so eine Zeitschrift heute aussehen könnte? Die „Kind und Kunst“-Fotostrecke über „Das nackte Kind in der Natur“ wären so aber wahrscheinlich heute nicht mehr möglich, ich höre schon einige sehr sehr sehr besorgte Mütter nach der Todesstrafe rufen.

„Kind und Kunst“ (Alexander Koch Verlag Darmstadt 1904-1905)

Die Spielzeuge, Raumentwürfe und viele der Illustrationen aus „Kind und Kunst“ sind für mich heute noch bestechend schön. Damit ist kein glattgebügelter Kitsch gemeint und auch kein „Design“, es geht nicht um das naive Ausgrenzen von Spannungen und Problemen, es ist der Versuch, einfach das Beste draus zu machen. Ein Bemühen, eine Aufgabe. Man dachte: Schöne Dinge machen feine Menschen. Karl Staudinger schrieb dazu 1923 in seinem Buch „Entschiedene Schulreform – Kind und Spielzeug“ folgendes: „Nicht Allermanns Kinder haben güldene Wiegen zwischen Palastmauern. Oftmals wachsen sie in mehr als ärmlicher Umgebung auf. Wo sollen sie dann ihre ersten Eindrücke vom Schönen hernehmen, Eindrücke, welche fest haften bleiben das ganze Leben lang? Soll man die Kleinen ins Museum schleppen und ihnen Dinge zeigen, welche ihnen lebensfremd sind, oder soll man warten, bis sie später selbst bei Glücklicheren Dinge sehen, welche ihren Neid erwecken, ohne dass sie dabei eine Genussfreude haben? Wer mit irdischen Gütern wenig gesegnet ist, ist ja doch zumeist nur auf innere Freuden angewiesen. Aber diese zufrieden zu geniessen muß auch erst gelernt sein, und der Weg dahin führt über die Erkenntnis des Schönen. – Diese entschädigt für manche Entbehrung und Kümmernis und wer die Schönheit erkannt hat, der sucht sie und weiss sie zu finden, ohne daß er sie erst mit Gold aufwägen muss. Aber gelernt muss das erst werden – Tatsächlich ertragen alle, welche sich mit künstlerischen Dingen abgeben, den grauen Alltag leichter als mancher Bessergestellte bei einer nüchternen Beschäftigung.“

„Papier-Schneide-und Klebearbeiten. Ihre technischen Grundlagen und ihre erzieherische Bedeutung“ herausgegeben von Franz Cizek, Wien 1914

Soweit der Plan, doch es kam leider dann doch anders. Nach dem zweiten Weltkrieg gelangte die reformatorische Ideenwelt erst in den späten 1960ern und frühen 1970ern wieder ans Tageslicht, ich sage nur Kitas, Charles & Ray Eames, Sesamstrasse, Rappelkiste, Kinderläden.
Eine Art frühen Kinderladen mit künstlerischer Ausrichtung wurde jedoch bereits um die Jahrhundertwende von Franz Cizek gegründet. In Wien versammelte er in seinen Kursen Kinder um sich und erlaubte ihnen frei zu wählen über was und mit welchen Materialien sie arbeiten möchten. Die Ergebnisse sind bis heute spektakulär. Als zweites Objekt zeige ich daher: „Papier-Schneide-und Klebearbeiten. Ihre technischen Grundlagen und ihre erzieherische Bedeutung“, herausgegeben von Cizek im Jahr 1914, hier in der Ausgabe von 1916.

„Papier-Schneide-und Klebearbeiten. Ihre technischen Grundlagen und ihre erzieherische Bedeutung“ herausgegeben von Franz Cizek, Wien 1914

Alle Arbeiten in dieser Mappe sind von Kindern, die nicht älter als 14 Jahre sind. Als Cizek 1905 die erste Ausstellungen mit Werken der Kinder präsentierte, gab es noch Unterschriftenaktionen gegen diese unglaubliche Unverschämtheit, die Nationalsozialisten schlossen 1939 Cizeks Schule. Es war also kein Spaziergang, wenn auch Cizeks freigeistiger Ansatz international einiges Aufsehen erregte. So schrieb beispielsweise niemand geringeres als Edmund Dulac die Einleitung zu Cizeks Publikation „Christmas Pictures by Children“, die 1922 in Buchform erschien und so voll mit fantastischen Zeichnungen ist, dass einem ganz Schwindelig wird. In den Kursen arbeiteten die Kinder oft zu Musik, Cizek betonte, keine Lehrmethode zu haben, sondern als quasi unsichtbarer Lehrer die Kinder in ihrer Formfindung zu unterstützen. Manchmal gab es Themenvorgaben wie „Die Stadt“ oder „Der Zirkus“, oft arbeiteten die Kinder auch ganz frei. Ich muss zugeben, dass ich mit einem gewissen Neid auf die Kunstfertigkeit und Raffinesse mancher Arbeiten schaue. Doch auch Krikeleien und weniger feinmotorisches wurden bei Cizek gleichwertig gelobt und gefördert. Es ging nicht darum, kleine Künstler und Künstlerinnen zu formen, sondern Selbstvertrauen und Freude zu fördern. So waren die Kurse eben auch keine „Eliteschmiede“, ein Siegel, dass sich heut gerne so manche Akademie verleiht, sondern Schutzraum für Spiel und Bastelei.

„ Papier-Schneide-und Klebearbeiten. Ihre technischen Grundlagen und ihre erzieherische Bedeutung“ Herausgegeben von Franz Cizek, Wien 1914

All das ist über hundert Jahre her, die Welt ist anders heute und da die zeitgenössische Kunst immer wieder gerne auch alten Wein in neuen Schläuchen verkauft, wäre es zwar lustig, wenn nun zur Abwechslung das grosse Reform-Revival anbräche (die entsprechenden Themenausstellungen gab es ja bereits hier und da und es finden sich durchaus immer wieder Zitate der Bildsprache und Formfindung auch bei zeitgenössischen Kollegen), vielleicht reicht es aber schon, das es einmal da war. Immerhin. Ich blättere mit nostalgisch verklärtem Ausdruck in diesen Büchern und plane für 2014 eine Reihe Kinderspielzeuge zu entwerfen, die dann leider so teuer in der Herstellung sind, dass sie mich und meine Galerie in den Ruin treiben. „Its better to be a flamboyant failure than any kind of benign success“ hat Malcolm McLaren gesagt und so steht es auch auf seinem Grabstein. Irgendwann gehe ich mal Blumen drauflegen. Nächsten Monat dann etwas ganz anderes, ich verbleibe mit einem zierlichen Knicks und einem leicht koketten Wimpernaufschlag, yours truely, Claus Richter.

Claus Richter ist Künstler und lebt in Köln.

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