Tony Sarg

Tony Sarg


und warum mir sein Leben inmitten von Marionetten, Ballons und Büchern wie ein gutes Leben vorkommt, wenn man von so etwas wie „gutem“ und „schlechtem“ Leben überhaupt sprechen kann, aber mal angenommen man könnte, wenn auch mit leichter Scham wegen der subjektiven Wertung, aber egal jetzt.

Hallo und willkommen zu einer neuen Ausgabe der Sammlung Richter. Die Tage werden wieder kürzer und nach und nach kommen alle (außer mir) gebräunt aus ihren Urlauben zurück. Nun wird es Zeit, es sich für den Herbst gemütlich zu machen, Bücher zurechtzulegen und vielleicht mal wieder ins Theater zu gehen. Der Künstler um den es dieses Mal gehen soll war Puppenspieler. Unter anderem! Tony Sarg, so heisst er, wurde 1880 geboren und wuchs als Sohn eines deutschen Konsuls und einer englischen Lady in Guatemala und Deutschland auf. Später verschlug es die Familie über London nach Amerika, wo auch all die wunderbaren Dinge entstanden sind die ich nun hier vorstellen will.

Tony Sarg

Tony Sarg

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Die Sammlung Richter beherbergt hauptsächlich Bücher und Spielzeuge, doch Sargs Wirkungskreis geht weit darüber hinaus. 1917 wurde Tony Sarg Puppenspieler. Die von seiner Großmutter an ihn vererbten Handpuppen und Marionetten hatten ihn stets fasziniert und so leicht heute dahergesagt ist „Er machte seine Passion zum Beruf“, so sehr tat er es denn wirklich. Das erste Buch aus der Sammlung ist daher „The Tony Sarg Marionette Book“ aus dem Jahr 1930. Sarg war inzwischen erfolgreich mit seinen Puppen, das kleinformatige Buch zeigt jungen und alten Lesern, wie es hinter den Kulissen zugeht, wie man selber Puppen und Bühnen baut und liefert gleich noch zwei Marionettenstücke, die man mit den eigenen Puppen aufführen kann.

The Tony Sarg Marionette Book

The Tony Sarg Marionette Book

The Tony Sarg Marionette Book

The Tony Sarg Marionette Book

The Tony Sarg Marionette Book

The Tony Sarg Marionette Book

Im Vorwort erfährt der Leser, dass Sarg ein eifriger Spielzeugsammler war, eine Passion die mir sofort sympathisch ist! Seine ersten Aufführungen inszenierte er in London, er hatte mit einem Freund ein altes Geschäft mit dem Charles-Dickens-haften Namen „The Old Curiosity Shop“ gemietet und das Obergeschoss in eine begehbare Kulisse eines Dickens-Romans verwandelt. Dort begann er Puppenstücke zu inszenieren, alles noch privat und ohne weiterführende Pläne. In New York änderte sich das einige Jahre später. Tony Sarg hatte sein Studio dort im Dachgeschoss des Flatiron-Hochhauses, ein ähnlich aufregender Ort wie der „Old Curiosity Shop“, von dort plante und inszenierte Sarg mit Hilfe eines geneigten Unterstützers sein erstes offizielles Puppenspiel. Es war spannend für mich zu lesen, dass auf der Liste der geplanten Stücke nicht nur Klassiker wie Franz von Pocci´s „Die drei Wünsche“ standen, sondern, ganz im Stil des von Paul Brann geleiteten Marionettentheaters, Münchner Künstler tatsächlich auch Marice Maeterlincks avantgardistisches Marionettenstück „Tod des Tintagiles“ unter den in Erwägung gezogenen Stoffen war! Im Endeffekt wurde es aber dann eine eigene Geschichte, durchzogen mit Figuren, die sich verändern, fliegen und zaubern konnten. Die erste Zeit war, ganz wie es sich gehört, von ständigen finanziellen Problemen überschattet. Doch, und auch das gehört ja in eine ordentliche Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Künstlers, irgendwann lief es gut. Los gehts also! Tony Sargs Figuren waren voller komplizierter Verwandlungsmechanismen, von denen er einige in seinem Buch beschreibt. Die Puppen konnten rauchen, größer und kleiner werden, sich in Türgriffe verwandeln und allerhand Unglaubliches vollführen.

Um Verwandlungen und mechanische Tricks geht es eigentlich in fast allem was Tony Sarg produziert hat, eines der schönsten Beispiele ist sein aufwändig gestaltetes „Treasure Book“.

Tony Sarg's Treasure Book

Das Buch, 1942 erschienen, wirkt auf den ersten Blick wie ein großer Spielzeugkarton. Zwei dicke Pappboxen umschließen das eigentlich dünne Heft, doch diese Pappboxen sind mechanische Bühnen mit raffinierten beweglichen Szenerien. Greift man in die Piratenhöhle des Buchdeckels, setzt sich ein Schiff in dramatisch wogenden Wellen in Bewegung und abwechselnd tauchen ein Schiffbrüchiger und ein verschmitzt grinsender Hai aus den Wogen auf. Im Inneren des Buches lässt sich alles bewegen, kleine Briefe öffnen sich, ein Fisch kann gefangen werden, in Fässern verstecken sich Schiffsjungen und selbst der Mond lässt sich wie ein Ballon verformen und zu grotesken Witzgesichtern verkneten. Auch die Rückwand des Buches bietet eine plastische Pappszenerie, die durch versteckte Drehmechanismen zum Leben erweckt werden kann. Es ist heute noch eine wahre Freude, vorsichtig an all den kleinen Rädern und Schiebern zu ziehen und zu drehen, der Fernseher bleibt aus!

Tony Sarg's Treasure Book

Tony Sarg's Treasure Book

Tony Sarg's Treasure Book

Tony Sarg's Treasure Book

Tony Sarg’s Treasure Book

Sarg wurde ein gefragter Illustrator. Etliche Bücher, gespickt mit kleinen Überraschungen und Mechaniken entstanden bis zu seinem Tod im Jahre 1942.
Eines davon ist das „Surprise Book“ aus dem Jahr 1942, das mit der Unterschrift „Open this Book- It will Open Your Eyes- For Each Of Your Senses It Brings A Surprise“ lockt. Und nicht zu Unrecht.

Tony Sarg's Surprise Book

Tony Sarg’s Surprise Book

In meiner Ausgabe fehlt leider der echte Penny, den Simple Simon auf der ersten Seite in der aus Pappe ausgeschnittenen Tasche stecken hat, ich hoffe, ein Kind hat sich 1942 dafür einige klebrige Bonbons gekauft. Auf Seite vier kann man ein schwarzes Schaf streicheln, sein Fell besteht aus Leder. Jack auf Seite Sechs klettert mechanisch bewegt ins Fenster der Riesen, eine Kuh springt über den Mond und auf der vorletzten Seite kann man sogar die große Fiedel der ganzseitigen Illustration spielen, die eingefügten Gummibänder sind bis heute erhalten!

Tony Sarg's Surprise Book

Tony Sarg’s Surprise Book

Tony Sarg's Surprise Book

Tony Sarg’s Surprise Book

Tony Sarg's Surprise Book

Tony Sarg’s Surprise Book

So geht es zu in Tony Sargs Welt, alles dreht sich, alles bewegt sich!
Im „Magic Movie Book“, posthum 1943 veröffentlicht, gibt es auch etliche Dreh-und Ziehmechanismen, die Hauptattraktion sind aber Rot-Grün gedruckte Bilder, die man mit den beiliegenden Spezialbrillen in scheinbare Bewegung versetzen kann. Die Brillen sind bei der letzten Präsentation der Sammlung Richter in irgendeinem anderen Karton gelandet, sie sehen toll aus, es ist mir aber leider nicht gelungen, sie in den Bergen an Büchern und Spielzeugen zu lokalisieren, die meine kleine Wohnung in ein chaotischen Merzbau verwandeln. Tauchen sie jemals wieder auf, zeig ich sie in einer der nächsten Kolumnen!

Tony Sarg's Magic Movie Box

Tony Sarg’s Magic Movie Box

Tony Sarg's Magic Movie Box

Tony Sarg’s Magic Movie Box

Tony Sarg's Magic Movie Box

Tony Sarg’s Magic Movie Box

Nicht verloren gegangen ist hier aber „Kernel Cob and Little Miss Sweetclover“ aus dem Jahr 1918. Im grandiosen Volland-Verlag erschienen, erzählt es die Geschichte zweier grotesker Figuren, die von Kinderhand gebastelt, vom Wind fortgeweht und in die Welt getragen werden. Kernel Cob besteht aus einem Maiskolben, während die zarte Miss Sweetclover aus Blütenblättern zusammengeflickt ist. Es ist klar, dass einige ziemlich wüste Abenteuer überlebt werden müssen, was als Maiskolben und Blütenwesen natürlich nicht so einfach ist… HIER kann der geneigte Leser selbst nachlesen, wie die Geschichte ausgeht.

Tony Sarg's Book for Children

Tony Sarg’s Book for Children

Tony Sarg's Book for Children

Tony Sarg’s Book for Children

Tony Sarg's Book for Children

Tony Sarg’s Book for Children

Wild ist auch „Tony Sarg’s Book for Children“ aus dem Jahr 1924, natürlich kann man hier auch drehen und ziehen, dieses Mal jedoch liegt der Fokus auf ganzseitigen wuseligen Bildern. In munterem Chaos geraten hier die Akteure von einem Schlamassel in das nächste, ab und an muss man kleine Fenster öffnen, um sie wiederzufinden. Natürlich zieren das Cover Marionetten, man darf ja nicht vergessen, daß nebenher in Tony Sargs Theater die Puppen tanzten.
Eine Aufnahme aus dem Jahr 1929 ist erhalten, damals war ja der Orient als Klischee sehr beliebt, so sehr man heute die Augen über all diese Klischees rollen will, so sehr zeigt doch die lose Nummernrevue wie Sargs Puppen funktionieren: der Elefant ist wundervoll, ein rauchender Sultan (wer Tony Sargs Marionette-Book liest, weiss, wie es funktioniert) und eine sehr bewegliche Tänzerin:

Tony Sargs Puppentheater musste aufgrund hoher Konkurrenz im Jahre 1939 Konkurs anmelden. Sargs Spielzeuge, bedruckte Handtücher und Tischdecken, Spanholzschachteln, Führer durch Weltausstellungen, Puppen und andere Dinge scheinen jedoch davon zu zeugen, dass er weiterhin ein erträgliches Auskommen hatte. Ich wünsche es ihm!

Meine „Musical Blox“ aus den 1930ern geben durch Schütteln lustige Laute von sich und kommen bedruckt mit für Tony Sarg typischen Tieren daher. Die Noten der Lieder im beigefügten Notenheft sind daher logischer Weise auch Tierköpfe. Zweimal Krokodil und einmal Ziege ergibt eine Melodie.

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Ein ganz besonderer Schatz ist für mich das Papiertheater, das Tony Sarg 1926 für die Perforated Wrapping Paper Company entworfen hat. Damals eine Verpackung für, sagen wir es frei heraus: Klopapier, steht es heute hier bei mir und entzückt mich. Zwei Szenenwechsel sind möglich, die Figuren lassen sich mit kleinen Gegenständen bestücken und ein Textheft liegt auch bei! Wenn Klopapierverpackungen heute so aussähen, wäre es eine bessere Welt, auf jedem Fall auf dem Verpackungssektor.

The Marionette Theatre

The Marionette Theatre

Ich wünsche mir zu Weihnachten auch wieder riesengroße bewegliche Karten, so wie diese hier, auch von Tony Sarg, man kann sich gut vorstellen, wie riesig diese Karte in den Händen eines fünfjährigen Kindes sein muss.

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Tony Sarg war aber nicht nur Puppenspieler, Illustrator und Papiermechaniker, er produzierte auch kleine animierte Filme und erschuf im Jahr 1928 riesige fliegende Wesen. Die heute legendäre Macys Parade des New Yorker Kaufhauses wurde in diesem Jahr von Sarg mit bis zu vierzig Meter großen heliumgefüllten Ballons bestückt, die durch die Straßen New Yorks schwebten. Ja, Tony Sarg war’s! Er hat die großen fliegenden Figuren erfunden, die seitdem jährlich durch New York ziehen! Eine besonders schöne Geschichte ist die der „Nantucket Sea Serpant“: Angeregt über Legenden von Seemonstern entschloss sich die Verwaltung von Nantucket im Jahr 1937, dem Affen Zucker zu geben, und Tony Sarg entwarf ein gigantisches aufblasbares Monster, das den Seeort innerhalb kurzer Zeit zu einem gigantischen Zulauf an Touristen verhalf. Die zweite Legende besagt, dass es damals üblich war, die großen Figuren der Macys Parade zum Ende der Veranstaltung hin in den Himmel aufsteigen zu lassen und der Drache seinen Weg selbstständig nach Nantucket fand..

Macy's Parade 1932

Macy’s Parade 1932

Nantucket Sea Serpant

Bestaunt man also zum Beispiel heute Paul McCarthys riesige Ballonskulpturen oder beäugt Pierre Huyghes Puppenspiel, sollte man nächstes Mal einen kleine Gruß gen Himmel schicken, denn da unterhält Tony Sarg (hoffentlich) seit 1942 für die anderen knapp 108 Milliarden Seelen, die seit Anbeginn der Menschheit die Erde verließen ein kleines Puppentheater.

Tony Sargs Tod war so absurd, wie viele seiner Geschichten. Nachdem er das humorvolle Buch „Speaking of Operations“ illustriert hatte, starb Sarg an den Folgen einer Blinddarmoperation. Einige seiner wundervollen Bücher aber stehen hier in Köln und werden von mir gehütet. Ich denke immer, wenn jemand ein Puppentheater betrieben hat, mechanische Bücher ertüftelt, Schaufenster zu Weihnachten mit bühnengleichen mechanischen Displays ausgestattet (hatte ich ganz vergessen, hat er auch gemacht) und wenn jemand dann auch noch große Paraden mit fliegenden Fantasiewesen entworfen und realisiert hat, kann man aus meiner Warte heraus nur von einem guten Leben sprechen.

Macy's Parade 1932

Mit den besten Grüßen verabschiedet sich ein anderer Jemand bis zum nächsten Mal!

 

Claus Richter ist Künstler und lebt in Köln.

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