It´s Only a Paper Moon

It´s Only a Paper Moon


Neun Aufstellspiele aus der Sammlung Richter

Huhu! Fünfte Kolumne. Passend zum Dezember und meiner neurotischen Liebe zu Weihnachten habe ich neun Aufstellspielzeuge aus meiner Sammlung herausgesucht, die zumindest mich vor dem wohlig bollernden Ofen in andere Welten versinken lassen.

Aufstellspielzeuge sind wie kleine Bühnen, Figuren, Gebäude und Kulissenteile werden zu Szenerien arrangiert, die betrachtet oder auch bespielt werden können. Die meisten dieser Spielzeuge sind entweder aus Metall (so zum Beispiel Zinnsoldaten), aus Holz oder aus Papier. Papierspielzeug ist nicht leicht zu sammeln. Wie schnell wird es weggeworfen, zerknüllt oder landet nach einigen Wochen in der Mülltonne. Dabei finden sich hier wahre Schätze, sechs der hier gezeigten Aufstellspielzeuge sind aus Papier, sie haben der Zeit getrotzt. Eines ist knapp 100 Jahre alt und es liegt eine gewisse Verantwortung darin, die fragilen und oft brüchigen kleinen Laschen und Verbindungen mit zittrigen Händen vorsichtig zusammenzufügen, man fühlt sich, als müsse man einem Schmetterling ein Gipsbein anlegen. Einige der hier gezeigten Papierwelten sind nicht aufgebaut, es wäre zu schade, die Teile aus ihren Bögen zu trennen, und wie so oft liegt der Reiz vielleicht auch darin, sich vorzustellen wie das alles aufgebaut aussähe. Eines Tages werde ich die Bögen vielleicht kopieren und daraus dann die Modelle bauen, grade aber bin ich schon einmal froh, dass die fragilen Artefakte es sich hier trocken und lichtgeschützt gemütlich machen können.

Ich war schon als Kind besessen von Bühnen, von Aufbauten, Dark-Ride-Kulissen, von gebauten Szenerien. Ich habe unter meinem Tisch mit Playmobil Dioramen gebaut, die mit kleinen Lämpchen beleuchtet und mit Motoren bewegt werden konnten, die Bastelbögen aus YPS, Fix und Foxi und Micky Maus waren Highlights meines an Highlights nicht grade raren Kinderlebens. Aus so einem einfachen Material wie Papier ganze Städte, verrückte Maschinen oder bewegliche Modelle bauen zu können glich einem Wunder. Mein ebenfalls sammelwütiger Vater hat viele dieser Basteleien aufgehoben, eines Tages werde ich auch die hier vorstellen.

Jetzt aber reisen wir erst einmal zurück in eine Zeit, in der andere Kinder zur Schere griffen, wir beginnen mit den frühen 1960ern. So vermute ich zumindest, denn das erste Modell zeigt keinerlei Hinweise auf seinen Ursprung oder eine Herstellerfirma. Ein prototypisches Weihnachtsszenario wie von Dylan Thomas wird dort en miniature real. Es ist alles vorhanden: Schneemann, Schlittschuhläufer, Weihnachtsbaum, ein wärmendes Feuerchen und natürlich Santa Claus, mein Namensvetter. Die Häuser sind pittoresk und voller Details, es gibt kleine Ladenschilder und rußige Schornsteine, selbst ein Storch fehlt nicht. Es macht Spaß zu sehen wie hier ein kleines bisschen altbackener Humor die üblichen Weihnachtsklischees umweht. Ein heulendes Kind und ein vorsorglich ums Hinterteil gebundenes Kissen machen die Schlittschuhszene zumindest ein wenig weniger grazil.

XmasDorf 01

XMAS Village 02

XMAS Village 03

XMAs VIllage 04

XMAS Village 05

Ein ganz kleines bisschen heiliger geht es dann bei dieser wunderschönen Papierkrippe von Josef Wenig (1885-1939) vor sich. Mein Exemplar ist nicht ganz vollständig, es fehlt der Stall, aber nichtsdestotrotz ist hier auch ohne Dach über dem Kopf einiges los. Josef Wenig war ein tschechischer Bühnenbildner, Künstler und Illustrator. Man sieht den Papierfiguren seine Liebe zu detaillierten Kostümen und theatralen Charakteren an. Neben der klassischen Staffage traben nämlich bei ihm auch feine Bürger, rotbäckige Bäuerinnen und Bäcker zum Stall, der anscheinend vor den Toren von Prag steht. Entworfen hat Wenig diese Krippe anscheinend um 1919 herum. Wie in einem Wimmelbild kann man in seinen Illustrationen immer wieder neue Details entdecken, die klare Linie und die fast flächige Kolorierung treten dabei der oftmals entrückt-süßlichen Krippenästhetik der Zeit entgegen, man könnte sich Wenig´s Figuren auch in einem modernen Kinderbuch oder einem Comic vorstellen. Josef Wenig ist ein Künstler über den ich gerne mehr erfahren würde, er ist hierzulande kaum bekannt, aber das Internet spuckt langsam aber sicher immer mehr aus. Mal sehen, wie weit ich in ein paar Jahren bin mit meiner Recherche!

Krippe 01

Krippe 02

Krippe 03

Krippe 04

Volkstümlich geht es auch auf diesem Bauernfest zu! Dieses Aufstellspiel scheint ebenfalls aus der Zeit zwischen 1920 und 1930 zu stammen, es ist eine sogenannte Laubsägearbeit, eine damals sehr beliebte Beschäftigung. Sägegierige Kinder hatten die Auswahl aus unzähligen Laubsägevorlagen, von der Blumenampeln bis hin zum Schattentheater gab es kaum etwas, was nicht aus kunstvoll gestalteten Vorlagen, auf Sperrholz übertragen ausgesägt werden konnte. Dieses Bauernfest scheint eine davon zu sein. Wunderschön coloriert und etwas stabiler als Papier hat es die Zeit überdauert. Wie wäre es mit einer frisch gebrühten laktosefreien Wurst oder einem frischen Bio-Apfel aus verantwortungsvollem Anbau? Doch lieber eine Runde Affen-Ponyreiten oder ein Pfeifchen in gemütlicher Runde? Kein Problem, es ist für alles gesorgt. Sogar der Circus Hupfer ist da! Wie bei vielen der hier gezeigten Aufstellspielzeuge ist die Szenerie geradezu überbordend belebt. Man kann in diesen kleinen Papier-und Holzwelten spazierengehen, im Gegensatz zu zeitgenössischer Kunst wird einem dabei irgendwie auch seltener langweilig.

Bauernfest 01

Bauernfest 02

Bauernfest 03

Bauernfest 04

Ein kleines Kunstwerk ist auch dieses augenscheinlich im April 1922 gefertigte Kästchen. Der Stil passt zur Zeit, ich kenne ähnlich bemalte Spielzeugkästchen aus den Wiener Werkstätten, vermute aber, dass mein kleiner Kasten weniger berühmte Schöpfer hatte. Ein kleines Schäferszenario liegt da gut geschützt in der rot lackierten Box und zeigt schon deutliche Zeichen von flächiger Abstraktion. Ähnlich den damals beliebten Buntpapierschnitten (Gertrud Caspari´s seit seiner Erscheinung im Jahr 1909 vielfach aufgelegtes „Anschauungs-und Darstellungsbuch“ und auch Franz Cizeks Mappe zu Papier-und Klebearbeiten“ (hier in meiner ersten Kolumne vorgestellt) sind einige wunderschöne Beispiele für diesen Stil) sind die Figuren hier reduziert auf oft spitz geschnittene farbige Flächen. Nur die Schäfchen ruhen rund und wohlig in diesem fast schon expressiven Wald.

1922 01

1922 02

1922 03

Ähnlich, wenn auch ein bisschen unbeholfener geht es in diesem kleinen Holzzirkus zu.

Die Pappbox lässt wenig Rückschlüsse auf Herstellungsort und Jahr zu, irgendwann vor 1940 würde ich sagen, aber ich bin natürlich kein studierter Experte sondern ein sammelwütiger Künstler. Bei den Figuren geht mir dann auch das Künstlerherz auf. Mit drei oder vier kurzen Pinselstrichen werden da Gesichter angedeutet, die eben so eine herrlich groteske kindliche Ausdruckskraft entwickeln. Allein das Publikum ist Gold wert! Manche haben mehr, manche weniger Lust auf das große Spektakel. Zwillinge sind aber anscheinend gern gesehene Gäste in diesem Zirkus. Auch die kleine Musikparade könnte fantastischer kaum sein. Hier unterstützt die Flächigkeit der Figuren den leicht avantgardistischen Appeal der kleinen Zirkustruppe. Wenn ein junger Mann zum Mitreisen gesucht werden sollte, sollte der zumindest auf einem Holzschwein reiten können, so wie der Artist in der Mitte der Arena. Ich übe das demnächst mal ein.

Holzzirkus 01

Holzzirkus 02

Holzzirkus 03

Holzzirkus 04

Holzzirkus 05

Holzzirkus 06

Wir bleiben im Zirkus. Dieser hier stammt aus dem Jahr 1935 und ist ein Werbegimmick der Marke Ovaltine. Hauptfigur in diesem Zirkus ist Little Orphan Annie, eine berühmte Comicfigur der Zeit, erschaffen von Harold Gray (1894-1968). 1926 bereits war Little Orphan Annie in den regelmäßig erscheinenden Comicstrips im Zirkus gelandet. Hier nun kann man ihr auf ihren Abenteuern folgen. Die Verpackung der Bögen verspricht nicht mehr und nicht weniger als: „Orphan Annie and Her Circus Troupe:“Real trained nodding Head Animals, Funny Clowns, Bare-back Rider & Seal, Famous Puppet Show And Talking Actors, Clown Hat and Mask, Ticket Office, Tickets & Play Money.“ Was will man mehr? Und es ist nicht zuviel versprochen. Durch eine raffinierte Konstruktionsweise können die Tiere des Zirkus tatsächlich frei mit ihren Köpfen wackeln und einige der Zuschauer können ihre Münder wie zum Sprechen öffnen. Herrlich!

Annie Circus 01

Annie Circus 02

Annie Circus 04

Annie Circus 05

Heute eher mit einem Fuß im Grab der Geschichte, war der Zirkus vor einiger Zeit quasi das Youtube der Wahl. Hier sah man Abenteuer und Exotik, Fremdes und Bedrohliches, Albernheiten und extrovertierte Körperlichkeit. Kein Wunder also, daß auch das nächste Objekt ein Zirkus ist. Der „Stupendous Colossal General Electric Refrigerator Big Top Circus“ aus dem Jahr 1950 bietet „Big Top Tent with animated G.E. Ringmaster, Merry-Go-Round and Wheel of Fortune, Magic animated Wagon, Wild Animals, Sideshow Freaks, Clowns and Acrobats, Wild West Show with Cowboys, Steer, Broncos and Rubber Band Gun, Nodding Head Elephants, Clown Mask, G.E. Ringmaster Hat, Play Money, Tickets, Pop-Up Sideshow!“ Little Orphan Annies Zirkus kann einpacken! Selbst mich erfasst mit meinen zarten 43 Jahren noch ein Gefühl sehr starken Haben-Wollens wenn ich diese fulminante Aufzählung lese. Und all das in einer ca 50 mal 50 Zentimeter großen Papiertüte! Nicht nur kann man hier eine kleine Welt aufbauen, man kann selbst Teil dieser Welt werden, mit „echten“ Kostümteilen, Masken, Hüten und sogar einer eigene Pistole! Weltflucht und das Versinken im Spiel, zwei der schönsten Dinge überhaupt, werden hier mehr als möglich gemacht. Danke dafür!

Circus 01

Cirkus 02

Cirkus 03

Ein Highlight, wenn auch ebenfalls nicht aufgebaut ist meine „Puppet Parade“ aus dem Jahr 1943. In der großen Box finden sich dutzende von Bögen, mit denen man ein eigenes, beeindruckend großes Revue-Theater erbauen kann. Doch auch die Acts werden gleich mitgeliefert. Die Country & Western Band „The Terrific Trio“, die russische Musikertruppe „Comrade Borscht And Kapusta“ der Moderator „Smoothy Smith“, das Bühnenstück „The Great Drama With Jack And Lily Trueheart And Dastardly Dan“, die Jazzband „Midnight Masters“, das Comedy-Duo „Ham ‚N Eggs“, Professor Discord, die klassischen Musiker „Henry High Pitch and Madame Lotta“, das Bauchrednerteam „Pete And Repete“ und die Skelette Mr. & Mrs. Bones bevölkern nach fleissigem Zusammenstecken die riesige Bühne und können mit unzähligen raffinierten Mechanismen bewegt und zum Singen und Tanzen gebracht werden! Jeder Act bringt dabei auch seine eigenen Kulissen mit. Dieses Papiertheater der 1940er werde ich nächstes Jahr auf jeden Fall anhand von Kopien rekonstruieren, allein die Anleitungsbilder verprechen die unglaublichsten Szenerien.

Puppet Parade 01

Puppet Parade 02

Puppet Parade 03

Puppet Parade 04

Puppet Parade 05

Und nun, zum Abschluss die älteste all dieser Papier-und Holzwelten: „The Giants of Lilliputania-An Animated Fairy Tale“ aus dem Jahr 1916. Dieses große Aufstellspiel wird von einem kleinen Buch begleitet, das man HIER einsehen kann. So also lässt sich die Geschichte der winzigen Stadt Lilliputania nicht nur lesen, sondern auch bauen. Der Unruhestifter „General Di Satisfaction“ (guter Name) hasst seine eigene Winzigkeit und verwandelt mit Hilfe einer magischen Zutat einige seiner Mitbürger in Riesen. (Natürlich in lilliputanischen Maßstäben gesehen) Die nun in der Miniaturstadt herrschende Unruhe ist gut vorstellbar. So erklärt sich auch, warum das Papiermodell von winzigen und nicht ganz so winzigen Figuren bevölkert wird. Steht man vor der beeindruckend großen Kulisse der Lilliputstadt, wird man selbst zum größten aller Riesen, eine für ein ständig von viel zu großen Erwachsenen umgebenes Kind sicher recht reizvolle Idee.

Lilliput 001

Lilliput 01

Lilliput 03

Lilliput 04

Lilliput

Lilliput 05

Ich verabschiede mich hiermit und gehe auf die Suche nach neuen Wundern aus der Spielzeugwelt, das kleine Nachwort des „Giants of Lilliputian“-Buches besteht aus einem kurzen Satz, ein Zitat von Friedrich Schiller, und es lautet „Dare to err and dream. Deep meaning often lies in childish plays.“ und dem habe ich nun wirklich nichts hinzuzufügen!

Vielleicht höchstens das hier:

Bis bald!

Claus Richter

 

Claus Richter ist Künstler und lebt in Köln.

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