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Bruno Larek, den es nicht gab, Galerie des Polnischen Instituts Düsseldorf, Citadellstr. 7, 40213 Düsseldorf, Di – Mi: 11 – 20,
Do – Fr: 11 – 17 Uhr, bis 4. Mai 2012, www.polnisches-institut.de

Gewicht haben Künstler, die einen Namen haben, Einfluss und Anerkennung. Kunstwerke verkaufen sich über das Renommee des Namens. Junge, noch nicht etablierte Künstler müssen sich erst einmal einen Namen aufbauen, zusammen mit einer Galerie oder durch entsprechende Ausstellungen bekannt werden, um sich vermarkten zu können. Doch Ausnahmen bestätigen die Regel und dann wird es sensationell, wenn ein Unbekannter ausgegraben wird – es sei der Verweis auf die Präsentation von Billy Childish auf der Art Basel 2010 auf dem Stand der Galerie neugerriemschneider erlaubt, die Wellen schlug – in welche Richtung auch immer.

Bruno Larek? Den Namen kennt man nicht, zumindest nicht in der Kunstwelt . Zeitgenössischer Künstler? Nein. Avantgarde! Das heißt, die goldenen 1920er Jahre in Europa. Kubismus, Futurismus, Dada und all die „ismen“, die mit der Emanzipation des künstlerischen Schaffens aufgerufen werden.

Und Bruno Larek war irgendwie mit dabei. Der polnische Maler, Zeichner, Objektkünstler und Dichter (1901-1936) war seit Jahren vergessen und wurde 2010 zufällig wiederentdeckt, von der jungen polnischen Kuratorin Helena Karauda: „I found some of his collages by accident in the local antique shop in the east of Poland and I started to seek for more and ask people if they knew anything. They have some works in their attics. I hope that there is more.“
Es gibt nicht viel, das über Larek bekannt ist. Geboren wurde er 1901, studierte Maschinenbau an der Technischen Hochschule sowie Malerei an der Kunstakademie in Warschau. Beides gab er auf, um nach Berlin und Paris zu reisen. Im Alter von 35 Jahren kam er in Warschau bei einem Brand ums Leben. Das ist schon alles, zumindest bisher.
Die beiden Weltkriege, als einschneidende gesellschaftliche wie historische Ereignisse, erlebte er nicht mit. Trotzdem traf er mit seiner Kunst genau ins Zentrum der avantgardistischen Entwicklung.

Der erste Eindruck der Ausstellung Bruno Larek, den es nicht gab im ersten Geschoss des polnischen Institutes ist museal. Die Werke sind fein säuberlich in dem historischen Gebäude in der Citadellstraße platziert und inszeniert, die Collagen von den Objekten getrennt. Der Anspruch, der hinter der Ausstellung steckt ist kein geringerer als der, sehr gute und außergewöhnliche Arbeiten zu zeigen, die noch nie präsentiert worden sind. Die Ausstellung zieht den Besucher in den Bann, fängt ihn ein und versetzt ihn in die Zeit und Atmosphäre der Avantgarde der 1920er und 1930er Jahre zurück, die vom Surrealismus und Dadaismus geprägt waren.
Seit 1993 ermöglicht das Polnische Institut, als Außenstelle des polnischen Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten, das im Westen Deutschlands seit fast 20 Jahren im Bereich der public & cultural diplomacy tätig ist, von diesem Ort in Düsseldorf aus, den kreativen und gesellschaftlichen Dialog mit polnischen Künstlern, unterstützt Ausstellungen und Projekte, besonders auch in anderen Häusern. Namen, wie Pawel Althamer, Miroslaw Balka, Agata Bogacka, Rafal Bujnowski, Marta Deskur, Zbigniew Libera, Wilhelm Sasnal, Monika Sosnowska, Leon Tarasewicz, Artur Żmijewski und viele andere sind bekannt und geschätzt im Kunstbetrieb.
In der hauseigenen Galerie präsentieren sie einerseits das, was die Klassik der polnischen Kunst genannt wird, aber gleichzeitig stellen sie junge, aktuelle, oft gesellschaftlich orientierte polnische Kunst aus. Die Ausstellungen sollen einen kleinen Vorgeschmack auf das geben, was die polnische Kunst beschäftigte, vor 1989 und danach, und was aktuell in Polen passiert.

Bei der Betrachtung der Arbeiten Bruno Lareks fällt sofort auf, dass der Künstler von Technik sowie vom Surrealismus und Dadaismus fasziniert war – obwohl Dada unter polnischen Künstlern keine große Beachtung fand. Mit großer Wahrscheinlichkeit hat er sich in Deutschland aufgehalten, aber mit Sicherheit hat er deutsche Magazine und Zeitschriften bei der Schaffung der Collagen genutzt. Die erhaltenen Werke zeugen von Kontakten zu den Dadaisten, er muss sie gekannt haben. Während seiner Aufenthalte in Berlin und Paris begegnete er vermutlich Künstlern wie Hannah Höch, Max Ernst, Raoul Hausmann, Francis Picabia und John Heartfield. Eventuell besuchte er sogar die berühmte Erste Internationale Dada-Messe 1920.
Daraus erwuchs auch die Idee der Kuratorin, die Arbeiten, die noch nicht kanonisiert sind, zuerst in Deutschland zu präsentieren, von wo aus die Avantgarde-Bewegung in alle Richtungen Europas ausstrahlte. Zudem war der historische Boden vorbereitet, denn Die andere Seite des Mondes in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen am Grabbeplatz zeigte unter anderem Werken der polnischen Künstlerin Katarzyna Kobro im europäisch-avantgardistischen Kontext.

Als Material für seine Fotomontagen verwendete Larek freigestellte Motive aus Illustrierten und Magazinen. Die Verwendung von populären Medien stellt ein auf die Konsumenten ausgerichtetes Abbild der Wirklichkeit in Aussicht, die kritische Hinterleuchtung der gesellschaftlichen Konventionen. Soziale Aspekte werden durch die Themenwahl – der Mensch und die Maschine – und die Art und Weise, wie er die Collagen konstruierte, unterstreichen und transportieren sein kritisches, politisches Engagement.
Lässt sich über das Stilmittel der Collage den Namen Larek, seine Interessen und Richtungen in ein zeitliches Raster intergrieren?
Gleichwertige Kombination und Nebeneinanderstellung, anstatt eines malerischer Prozesses, sind die methodischen Kernhandlungen der Collage. Die ersten Schritte machten Pablo Picasso und Georges Braque 1912 im Zuge des Kubismus, als sie fremde Materialien in ihre Gemälde integrierten. Ab 1919 entwickelte Kurt Schwitters in seinen MERZ-Bildern die Collage bis hin zur Assemblage weiter. Dadaismus und Futurismus, wie auch der Konstruktivismus nutzen die Collage als Gestaltungsmittel.
Die Technik der Fotomontage, die noch mehr mit vorgefundenem Abbildungsmaterial arbeitet, wird 1916 im Dadaismus entwickelt. Klar ist jedoch nicht, wer tatsächlicher Erfinder des Mediums war. Sowohl Raoul Hausmann, Hannah Höch, als auch John Heartfield und George Grosz behaupteten, die Fotomontage entdeckt zu haben. Letztere begannen in diesem Jahr, Reklame, Etiketten von Schnaps- und Weinflachen, wie auch Fotografien aus Zeitschriften wild durcheinander zu kleben. Hier schließt sich der historische Kreis um Larek.
Vorerst ist der spontane Impuls der Komposition bei Collage und Fotomontage vorherrschend, die Lust am Zufallsprinzip ist stark ausgeprägt, bis die Arbeitsweise strukturierter und bewusst eingesetzt wurde.
Bei Larek ist der Bezug zum Layout deutlich ausgeprägt, es finden sich Elemente der Seitengestaltung als Elemente in seinen Arbeiten wieder. So sind die blauen Balken, die einige Collagen der „Wolke“ durchziehen, zum einen Kompositionsmittel, andererseits Verweis auf die Beziehungen zum Konstruktivismus. Vertreter der russischen Avantgarde benutzten die Fotomontage, um ihr Eintreten für eine neue, progressive Weltordnung zu demonstrieren. Alexander Rodtschenko vermischt die Ästhetik des Plakates mit der typografischen Aufforderung, kombiniert mit collagierten Fotofragmenten. Er bevorzugte abstrakte Collagen, bei denen er aus nichtfigürlichen Elementen oder durch Kombination von Zeitungs- beziehungsweise Lichtbildfragmenten und nichtfigürlichen Elementen abstrakte Kombinationen bildete.
Die Dadaisten wussten mit dem Medium Werbung umzugehen und sorgten immer wieder für Überraschungen und Skandale. Durch das Verwenden von Fotos wurden die Werke realitätsnäher, provokanter und für den Betrachter zugänglicher. Zusätzlich gewannen die Bilder an bisher unerreichter Unmittelbarkeit und Aktualität. Larek verwendete Magazine und Illustrierte, die er auch als Grundlage offenlegte. Die rote Collage verweist eindeutig auf die reißerischen Aufmachungen der Cover- Gestaltungen – damals wie heute.
Die Collagen-Reihe Der mechanische Mensch bezeugt das populärwissenschaftliche und alternativmedizinische Interesse eines angegangenen Maschinenbauingenieurs, durchzogen von ungezwungener Fantasie und absurdem Humor.

Neben den Collagen zeigt das Polnische Institut auch Objekte Bruno Lareks, die frei im Raum aufgestellt sind. Experiment und Spiel kennzeichnen die Objekte wie auch die Collagen des Künstlers. Alltagsgegenstände werden mit menschlichen Elementen verbunden, wie der Staubsauger, aus dessen Düse Haare wachsen – oder das Kind, das mir der Gasmaske vor einem leeren Rollstuhl steht. Einen etwas anderen Charakter hat der Fotoapparat mit angeschlossenen Kopfhörern – ein dadaistischer Prototyp eines Walkmans. Die Umwandlung scheint für Larek von großem Interesse zu sein. Das wiederkehrende Motiv der Maschine, des Fotoapparats, der Musikinstrumente, aber auch die mechanischen Menschen in den Collagen und Objekten zeigen die Notwendigkeit zur Veränderung der Wirklichkeit und auch der menschlichen Körper sowie der Werkzeuge zur sinnlichen Wahrnehmung derselben.

Die historische Verortung des Künstlers ist im Fall von Bruno Larek äußerst wichtig, denn er ist ein Unbekannter. Stil und Material lassen ihn in die zeitliche Kollegenschaft von Hanna Höch, John Heartfield und Alexander Rodtschenko einordnen – auch wenn die ganze Ausstellung im Polnischen Institut unheimlich zeitgenössisch wirkt. Die Auseinandersetzung mit den Massenmedien, das Medium der Collage, sind aktuelle Fragestellungen. In der zeitgenössischen Kunst werden die Zeugnisse vom Beginn der Flut an Informationen und Bildern, die uns heute tagtäglich über die Massenmedien geliefert werden, aufgegriffen – ebenso wie die Bildsprache des Beginnenden 20. Jahrhunderts.
Die nächste Ausstellung mit Arbeiten von Bruno Larek wird mit „neue“ seiner „alten“ Arbeiten im Dezember 2012 in der Galeria Biała in Lublin gezeigt werden.

„With the Polish Institute we decided to make some kind of experiment and abandon the scientific way of research“, ein gewagtes Spiel mit der Aufmerksamkeit des Publikum; einen unbekannten, namenlosen Künstler zu präsentieren. „We just wanted to present the person Larek and his works without saying ‚This is great art. You should know it.‘ We want everybody who visits the exhibition to decide if Bruno Larek is worth seeing and if the fact that he is rediscovered would change anything for us.“ Schlägt Larek vielleicht eine Brücke zwischen Dadaisten und Konstruktivisten?
Es lohnt sich Bruno Larek zu erforschen, denn seine Arbeiten sprechen für sich, nicht nur als rekapitulierende Rehabilitierung, sondern besonders auf der Folie der Aktualität im Zusammenhang der aktuellen Kunst- und Präsentationspraktiken.



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