Portrait Boris Becker

Portrait
Boris Becker


Drei Jahre nach seiner großen Retrospektive in der SK Stiftung Kultur macht der in Köln lebende Künstler Boris Becker, Jahrgang 1961, gleich in mehrfacher Hinsicht von sich reden. Während in der Galerie Heinz Holtmann neue Arbeiten von ihm zu sehen sind, präsentiert er im Projektraum „Sprungturm“ Fotografien seines Vaters, des Lyrikers und Schriftstellers Jürgen Becker. Anlass ist der aufwendige Fotoband, den Boris Becker im eigenen Verlag herausgegeben hat. Und im Oktober kommt sein neuer Film ins Kino.

Ungewohnt nah rückt Boris Becker den Menschen in seinen neuesten Arbeiten auf den Leib. Für die Serie „Total Desaster“ geht er in Wohnungen, Werkstätten und Hinterhöfe und fotografiert Lebens- und Arbeitsbereiche, die offenbar ohne Ikea zurechtkommen. Diese individuellen, dem Wildwuchs abgetrotzten Formen des Sich-Einrichtens sind wie Organismen gewachsen und zwar über eine lange Zeit hinweg. Hier drückt sich Lebenszeit unmittelbar aus, in verschachtelten, auf eine ganz bestimmte Person zugeschnittenen und bis in den letzten Winkel nur ihr vertrauten Ordnungssystemen. Das Bild ist Stellvertreter dieser Person wie jedes gute Portrait.

Massive, der Zeit trotzende Bunker und äußerst flüchtige, nur als temporäre Täuschungsmanöver inszenierte Fakes: Das sind die beiden Pole, zwischen denen Boris Becker seit den 80er Jahren dem zutiefst menschlichen Bedürfnis nach Gestaltung auf der Spur ist. Seine wertvollsten Funde entdeckt er in den Übergangszonen, dort wo Funktionalität leer läuft oder sich gerade neue Ordnungsmuster durchsetzen. Es ist die unverbrauchte und noch nicht definierte Form an sich, die sich am ehesten in ein gültiges Bild retten lässt. Dazu bedarf es einer Loslösung von anekdotischem Beiwerk, von touristischen Hinweisen auf den geographischen Ort oder räumlichen Orientierungspunkten durch Horizontlinien und perspektivischen Verkürzungen. „Ich fotografiere so, dass die Orte wirken, als seien sie überall“, begründet er die verblüffende Fähigkeit, Bekanntes so in ein Bild zu übersetzen, als sähe man es zum ersten Mal.

Boris Becker arbeitet hochkonzentriert. Er umkreist den Gegenstand, bis sich das Wesentliche herauskristallisiert. Es geht nicht um Zusammenhänge. Im Gegenteil, Beziehungen werden abgeschnitten, aus dem Bild ausgeblendet, bis der innere Kern frei daliegt. Anfangs waren es Hochbunker, die von ihm monolithisch und monumental in das Bildzentrum gestellt wurden. Insgesamt hat er 700 Bunker fotografiert, erst schwarzweiß, später kam die Farbe dazu. Natürlich denkt man dabei sofort an die Typologien von Bernd und Hilla Becher, ihre wie Setzkästen einander zugeordneten Fördertürme, Fachwerkhäuser, Wassertürme und die vielen anderen Architekturgruppen. Becker, der zuerst in Berlin an der Hochschule der Künste und danach an der Düsseldorfer Akademie studierte und zur zweiten Generation der Becher-Schüler zählt, sucht nicht das Gemeinsame, sondern das Besondere. Statt an einer Typologie arbeitet er an einer Sammlung von Einzelobjekten. Jedes neu in die Serie aufgenommene Objekt ist ein weiterer Triumph der Vielfalt, Differenz, Fantasie und anarchischen Eigenwilligkeit gegenüber dem Typus.

Das Motiv ist gut gewählt: Die Hochbunker erweisen sich als ideale Projektionsfläche jeder nur denkbaren Art von Mimikry und Vortäuschung falscher Tatsachen. Bei den im städtischen Raum integrierten Hochbunkern spiegelt die Form gerade nicht die Funktion, sondern sie soll über den Zweck hinwegtäuschen, indem sie sich der Umgebung anpasst. Mal gibt der Bunker die Kirche, mal den Kornspeicher, mal das Regenbogentor ins Abenteuerland. Die Bunkerserie erfüllt weder die Befürchtung monotoner Serialität, noch erschöpft sie sich im reinen Unterhaltungswert einer von der Popkultur geprägten Gestaltungsvielfalt. Boris Becker geht es nicht um billige Effekte und er führt die Dinge auch nicht vor. Er betrachtet sie aus der Perspektive des Forschers, der mit lakonischer Distanz eine Sammlung anlegt, um etwas über diejenigen zu erfahren, die diese Dinge in die Welt gesetzt haben. Es sind letztlich alles von Menschen hergestellte Gegenstände, Artefakte, wie sie in der Archäologie bezeichnet werden. Als Indizien der dahinter verborgenen Kulturen setzen sie herkömmliche Kategorien wie schön oder hässlich, bedeutend oder banal außer Kraft.

Die Idee des Artefakts spielt bei Becker eine zentrale Rolle. Eine ganze Werkgruppe, die 1999 einsetzt und bis heute fortgeführt wird, fasst er unter diesem Begriff zusammen. Dazu gehört auch das irritierende Bild „Gestohlene Gummistiefel“ aus dem Jahr 2005. Die Gummistiefel liegen, säuberlich nach einer Richtung ausgerichtet, in Paaren auf dem Boden. Es sind Kinder-Gummistiefel in Froschgrün, Prinzessinnenrosa und Friesennerzgelb, mehrfarbig oder mit lustigen Komikfiguren versehen. Ihre fröhliche Buntheit kann das Unbehagen nicht verscheuchen, das ein Haufen herrenloser Schuhpaare unwillkürlich auslöst. Aber warum Kinder-Gummistiefel? Gibt es eine bundesweite Sammelstelle für gestohlene Gummistiefel, die ihre Bestände nach Größen sortiert? Die Auflösung des Rätsels führt in die dunkle Parallelwelt der Forensik, die übrigens in Bezug auf kriminalistisches Beweismaterial ebenfalls von Artefakten spricht. In diesem Fall handelt es sich um die Ausbeute eines Fetischisten, der sich auf gebrauchte Kinder-Gummistiefel spezialisierte.

Zeitgleich mit den Artefakten begann Becker die Serie der „Fakes“, die man als Untergruppe der Artefakte bezeichnen könnte: Eine katalogartige Abfolge scheinbar harmloser Gegenstände. Man sieht ihnen nicht an, dass sie vom Zoll als Schmugglerware beschlagnahmt worden waren. Es geht also um eine ähnliche Thematik wie bei den Bunkern – aber unter verschärften Bedingungen. Die Camouflage ist perfekt. Die heiße Ware wird nicht in einem Gegenstand versteckt, sondern in den Gegenstand selbst verwandelt. Aus Kokain werden Spielkarten oder Damensandaletten hergestellt, oder die Substanz wird der Farbe von Ölbildern beigemischt. Ein recht hübscher kleiner Teppich entpuppt sich als hundertprozentiges Haschischprodukt. Becker fotografiert diese Dinge nach allen Regeln der Werbeästhetik, vorteilhaft ausgeleuchtet und vor neutralem Hintergrund. Dass ihr geheimes Innenleben dabei so wenig sichtbar wie begreifbar bleibt, ist etwas, das sie letztlich von der legalen Warenwelt nicht unterscheidet.

In den akkuraten Reihen vielfarbiger Salatfelder kommen die gleichen Farb- und Strukturelemente zum Tragen wie in einem abstrakten Gemälde. Die seit Jahrhunderten immer und immer wieder umgepflügten Felder sind ebenso kulturell geprägt wie gebaute Architektur. Urwüchsig und frei von zivilisatorischem Einfluss ist in diesen Landschaften nichts mehr. Becker findet in der Verbindung von nacktem Fels und Stahlbeton eines mächtigen Stauwerks das Bild eines scheinbar friedlichen Arrangements von Mensch und Natur, von dem man weiß, dass die unsichtbaren Spannungen gewaltig sind. Sein halbverrotteter Sprungturm inmitten eines von dichter Bewaldung umgebenen Sees erinnert an die schaurigen Szenarien der TV-Doku „Die Zukunft ohne Menschen“, in denen Computersimulationen vorführen, wie die Natur sich die Erde zurückerobern wird, wenn es einmal keine Menschen mehr gibt. Bei Becker gibt es die Menschen sehr wohl noch, auch wenn sie nie zu sehen sind. Alles deutet auf sie hin, sie sind das heimliche Zentrum der Bilder.

So indirekt Beckers Interesse an sozialen Zusammenhängen in den Fotografien instrumentalisiert wird, so direkt setzt er sich persönlich mit der Arbeit der Kollegen auseinander. Seit Januar 2011 betreibt er mit seiner Ehefrau, der Modedesignerin Gabriele Paulussen-Becker den Projektraum Sprungturm in der Albertusstr. 4. Kontinuierlich werden dort Ausstellungen, Buch- und Katalogpräsentationen, Modeschauen und Filmscreenings veranstaltet. Die aktuelle Fotoausstellung ist etwas ganz Besonderes: Handelt es sich bei den Schwarzweißfotografien, die alle 1972 entlang des Broadway in New York aufgenommen wurden, doch um Aufnahmen seines Vaters, Jürgen Becker. Sie entstanden im Rahmen eines Stipendiums des Goethe-Instituts. Dass sich der renommierte Schriftsteller und Lyriker Jürgen Becker auch einmal stark mit Fotografie beschäftigte, zeigen die dynamischen und das New Yorker Leben Anfang der 70er Jahre wunderbar einfangenden Bilder. Zu seinem 80. Geburtstag hat Sohn Boris einen aufwendigen Fotoband mit diesen Aufnahmen herausgegeben. Es ist das dritte Buch, das er im eigenen Sprungturm Verlag herausgibt – nach zwei kleinen Katalogen und dem Fotoband soll im nächsten Jahr mit dem neuen Roman der Schriftstellerin Roswitha Haring erstmals ein literarisches Buch erscheinen.

Und dann ist da noch der Film. Er habe eigentlich immer schon Filme machen wollen und nach dem Abitur auch ursprünglich ein Filmstudium begonnen, erzählt er. Dass er jetzt wieder zum Film zurückfindet, liegt nicht zuletzt auch an den durch die Digitalisierung viel einfacher gewordenen Produktionsbedingungen. Nach zwei Kurzfilmen wagte er sich mit Christoph Gottwald (Drehbuch) an einen abendfüllenden Spielfilm in Interviewform. Der Titel „baddoginapark.com“ verrät noch nicht wirklich viel über die Geschichten rund um die 33 Darsteller. Aber einige von ihnen werden wir aus dem Kunst- und Kulturbereich wieder erkennen. Man darf gespannt sein.

Galerie Heinz Holtmann, Boris Becker, „Total Desaster“, bis 10. Oktober 2012, Anna-Schneider-Steig 13 (Rheinauhafen), www.galerie-holtmann.de

Große Einzelausstellung: Boris Becker, Rosphoto, Sankt Petersburg, Eröffnung 19. Oktober

Projektraum Sprungturm, Jürgen Becker, New York 1972, bis 26. Oktober 2012, Albertusstr. 4, www.sprungturm.info

Der Fotoband „Jürgen Becker, New York 1972“, erscheint im Sprungturm Verlag, Köln, enthält ca. 190 Schwarzweißfotos und ein Vorwort von Jürgen Becker. 39 €

Der Film „baddoginapark.com“ von Christoph Gottwald und Boris Becker hat am 10.10. 2012 um 22.00 Uhr im Odeon Premiere.

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