Modi des Minimierens

Modi des Minimierens


Die Galerie Gisela Clement, Bonn geht dem künstlerischen Einfluss von Charlotte Posenenske nach. Sabine Elsa Müller hat sich die Ausstellung angesehen (bis 22.12.16).

Minimalistische Kunst ist nicht jedermanns Sache. Sie gilt als zu spröde, zu ernst, zu konzeptuell. Dabei kann gerade hinter den leisen Tönen viel Humor und ein luftiger, nicht zu sehr am Material klebender Geist stecken. Wer Lust hat, sich einmal von der Poesie der Einfachheit und der präzise auf den Punkt gebrachten Form bezaubern zu lassen, dem sei die von Burkhard Brunn kuratierte Schau „Modi des Minimierens“ in der Bonner Galerie Gisela Clement wärmstens empfohlen.

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Allan McCollum, 1982 – 1990, Gips, Farbe, Satz von fünf unterschiedlich großen plaster surrogates (links); Andreas Exner, 2014, gelber Stoff, ca. 74 x 42 cm (Mitte hinten); Kirstin Arndt, 2015. Edelstahl, pulverbeschichtet, 4-teilig, je Modul 120 x 40 x 40 cm, Aufstellung variabel (rechts)

Denn schließlich ist hier ein wirklicher Kenner am Werk. Burkhard Brunn, einstiger Lebensgefährte der heute mehr als zu ihren Lebzeiten gefeierten Bildhauerin Charlotte Posenenske (1930 – 1985) und Nachlassverwalter ihres Werkes, ist mit den „Modi des Minimierens“ bestens vertraut. Seine Auswahl umfasst 20 Künstlerinnen und Künstler ab Jahrgang 1925 (Erwin Bechtold) bis 1981 (Andreas von Ow), die sich in diesem Stelldichein der Zuspitzungen gegenseitig die Bälle zuwerfen. Dabei bildet Charlotte Posenenske eine Referenzgröße, vor der zu bestehen schon als Gütesiegel gelten kann. Gleichsam als Auftakt grüßt eine ihrer Raumskulpturen aus feuerverzinktem Stahlblech – fünf variabel montierbare Vierkantrohre der Serie D von 1967 – aus dem Innenhof der Galerie und vermittelt mit ihrer kühnen Eleganz, warum das so ist. Bei aller Zurückhaltung des persönlichen Ausdrucks besticht die Arbeit durch das pure für sich selbst Sprechen der Form. Das in Anlehnung an industrielle Fertigungsmethoden konstruierte Artefakt setzt auch noch 50 Jahre nach seiner Erfindung Maßstäbe. Posenenske, die 1968 ihre künstlerische Arbeit einstellte und sich fortan sozialen Projekten widmete, übte auf die deutsche Kunst der 70er Jahre einen großen Einfluss aus und wurde 2007 auf der documenta 12 gerade auch von jüngeren Künstlern wiederentdeckt.

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Charlotte Posenenske, 1967/2016, Vierkantrohre Serie D, Stahlblech, feuerverzinkt, 5 Elemente (im Innenhof der Galerie)

Auch unter den Exponaten in den vier Ausstellungsräumen ist eines ihrer Werke eingereiht. Es handelt sich um eine ihrer frühesten plastischen Arbeiten, ein diagonal geknicktes, grau gespritztes Aluminiumrechteck von 1966. Die Wahrnehmung macht aus dem geknickten planen Rechteck einen komplexen Raumkörper mit perspektivisch verkürzten, unterschiedlich beleuchteten und daher farbig differenzierten Flächen. Mit solchen Phänomenen arbeiten auch zeitgenössische Künstler wie Kirstin Arndt, von der eine sehr klassisch anmutende Arbeit aus weißen Metallwinkeln (2015) eine Etage tiefer zu sehen ist. Die freistehenden Module sind nicht miteinander verbunden und können einander variabel zugeordnet werden, so dass – ähnlich wie bei Posenenske – die Beziehungen zwischen der (ästhetischen) Wirkung und der Positionierung im Raum untrennbarer Bestandteil der Arbeit sind.

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Gerwald Rockenschaub, 2015, 3 transparente, farbige Acrylglasplättchen, Metallschrauben, Unterlegscheiben, 13 x 13 x 0,9 cm

Nicht immer sind die Verwandtschaften so eng, was die Ausstellung desto lebendiger und überraschender macht. Besonderen Lustgewinn verschaffen gerade die Arbeiten, die geistige Nähe und verwandte Haltungen trotz vermeintlich großer formaler Unterschiede entdecken lassen. Wenn beispielsweise Andreas Exner Kleidung verwendet, um den kunstimmanenten Fragestellungen zu Farbe, Fläche, Raum und Material zu Leibe zu rücken, und einen kanariengelben Rock mit einem Stück Stoff in ähnlicher Farbe verschließt und zur „soft sculpture“ verwandelt. Der Codierung von Alltagsästhetik und ihrer Wechselwirkung mit der Kunst war auch die jung verstorbene Susanne Paesler (1963 – 2006) auf der der Spur. In ihrer 120 x 180 cm großen Lackmalerei auf Aluminium changieren geometrische und ornamentale Formen zwischen Stoffmuster und freier Abstraktion. Auch hier ist es der Blick auf die Alltagswelt, der einen Ausweg aus eingefahrenen Gleisen bietet.

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Susanne Paesler, 1996, Lack auf Aluminium, 120 x 180 cm

Auch Sara Sizer, in Dallas, Texas, geboren und in Berlin lebend, wendet sich den Bestandteilen der Malerei zu. Wie bei Andreas Exner kommen auch ihre Bilder ohne einen eigentlichen Farbauftrag aus und erscheinen dennoch strukturiert und malerisch komplex. Beispielsweise wenn ein zusammengelegtes Stück Samt durch chemische Bleiche entfärbt wird, so dass die Knicke beim Entfalten plastisch hervortreten und eine faszinierende Ambivalenz zwischen Malerei und Skulptur herstellen. Das Thema der Oberfläche, verstanden als sensiblen Ort und wesentliches Element für die Entstehung eines Bildes, beschäftigt gerade jene Künstler, die sich dezidiert mit Charlotte Posenenskes Werk – das übrigens von der Malerei ausging – auseinandergesetzt haben. Dazu gehört auch Anita Stöhr Weber. In pigmentierten Leinwandscans auf mattem Papier nähert sie sich dem Gegenstand durch Abtasten wie bei einer Art technisierten Frottage. Die Scans geben die Leinwand verblüffend plastisch wieder, in ihrer realen Größe, ihrer Farbe, Textur und den Spuren ihrer Handhabung. Haben sie nun mehr mit einer mittels der Leinwand entstandenen Oberfläche – Malerei oder Zeichnung – gemein oder mehr mit dem gewebten Stück Stoff?

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Franziska Reinbothe, 2015, Acryl auf Leinwand, 153 x 123 cm (links) Martin Pfeifle, 2016, Polystyrolfolie, gefaltet, Maße variabel (Vordergrund, Boden); Anita Stoehr-Weber. 2015, digitaler Pigmentdruck, 91,5 x 66 cm

Ein anderes Leitmotiv der Ausstellung ist die minimale Geste als weitreichend wirksame Handlung. Die zarten Blätter von Erwin Bechtold bringen mit lapidaren Bleistiftstrichen große Energien in Bewegung. Wenige Striche genügen, um die Kräfteverhältnisse zwischen Masse und Leerraum, Fläche und Volumen in Vibration zu versetzen. David Semper, einer der jüngsten Künstler der Ausstellung, führt eine einzelne plastische Linie in den Raum mithilfe eines in die Wand eingelassenen Bleidrahts. Bei ihm hat sich die Linie von ihrem Träger verabschiedet. Zu dieser fragilen Setzung bildet die weiße Bodenarbeit des Bildhauers Martin Pfeifle aus gefalteter Polystyrolfolie (2016), einen Kontrapost, wenn auch nicht unbedingt ein Gegengewicht. Sie scheint ein paar Millimeter über dem Boden zu schweben und sendet leise Wellen gegen die massiven Wände. So beschwingt hat man die Galerieräume mit ihren schwierigen Proportionen bisher selten gesehen. Nach dem 24. November werden alle Werke ausgetauscht, so dass von allen Künstlerinnen und Künstlern – dazu gehören außer den genannten Joachim Bandau, Allan McCollum, Janet Passehl, Franziska Reinbothe, Michael Reiter, Gerwald Rockenschaub, Peter Roehr, Rob Scholte, Herbert Warmuth und Martina Wolf – neue Arbeiten zu sehen sein werden.

Artikelbild: Charlotte Posenenske, 1966/2016, Aluminium, grau gespritzt, 52 x 75 x 25 cm



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