Mirosław Bałka

Mirosław Bałka


Suchbewegungen – Mirosław Bałka, einer der bekanntesten polnischen Künstler der Gegenwart, erschafft im Museum Morsbroich, Leverkusen verrätselte Zeichenpfade aus den dunkelsten Kapiteln der Vergangenheit. Eine Besprechung von Alexandra Wach, bis 7.1.

Persönliche Erinnerungssplitter, die Zeitlichkeit der menschlichen Existenz und das Wissen um die Katastrophen der Geschichte ziehen sich wie ein roter Faden durch eine auf puren Minimalismus setzende Ausstellung. Mit ihrem Titel „Die Spuren“ lässt sie keinen Zweifel daran, dass der Besucher zu einer eigenen Dechiffrierleistung bereit sein sollte. Kuratorin Stefanie Kreuzer spricht gar von einem „semiotischen Abenteuer“, dem man sich aussetzen möge. Und siehe da, die sorgfältig gesetzten Zeichen bleiben tatsächlich nicht stumm.

Mirosław Bałka, 1992, Stahl, Erde, elektrische Decke, Courtesy der Künstler und Galerie Nordenhake Berlin/Stockholm

In den meisten der von Mirosław Bałka bespielten 19 Räume findet sich nur eine einzige Arbeit. Da wäre ein mit Erde gefüllter Stahlsarg, der in Sichtachse mit einem frisch ausgegrabenen Erdloch im Schlosspark korrespondiert. Bedeckt ist das Memento mori mit einer Heizdecke, die 37 Grad aufzeigt. Oder ein leerer Raum, dessen Wände, entlang einer unsichtbaren Landkarte, unterschiedlich beheizt werden und, so der Titel „Touch me, find me“, wie lebende Organismen angefasst werden wollen. Schmerzlinderung versprechen die drei Aspirin-Pillen, die in einem Betonblock stecken. In nächster Nähe zum Pharma- und Chemiekonzern Bayer entwickelt das erdenschwere Arrangement beinahe komische Qualitäten, wüsste man es nicht besser. Humor ist bei Bałka nur mit einem Blick in den Abgrund zu haben. Schließlich war die ehemals zu IG Farben gehörende Großfirma engstens mit der Kriegsplanung verflochten und griff bereitwillig auf Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge zurück.

„Spuren“ ist der Abschluss einer über drei Museen aufgefächerten Retrospektive. Die anderen zwei Stationen waren in Mailand und Łódź verortet. Arme Materialien wie Seife, Beton, Salz, menschliche Haare, eine Hostie oder ein Gummiball charakterisieren das neben Sound, Zeichnung und Video überwiegend skulpturale Werk. Sie begegnen sich in den penibel inszenierten Räumen in symbolträchtiger Harmonie, ignorieren den barocken Prunk ihrer kontrastreichen Umgebung, sind aber auch mitunter schlicht der Biografie des 1958 geborenen Polen geschuldet, wenn man denn in Erfahrung bringt, dass sein Großvater Grabsteine gemeißelt hatte und sein Vater in einer Seifenfabrik seinen Unterhalt verdiente.

Mirosław Bałka, Still Life. Blue, 2013, Gummi, Asche, Courtesy der Künstler und Dvir Gallery, Tel Aviv und Brüssel

Oft sind es reale Gegenstände, die Bałka in dem Haus seiner Kindheit in Krakau gefunden hat. Das Gelände eines Balkons etwa ließe sich als Verweis auf eine private Erfahrung lesen. Zugleich war dieses verwaiste architektonische Element Zeuge von kollektiven Dramen während der deutschen Besatzungszeit. Vor allem die in der Stadt in großer Zahl ansässige jüdische Bevölkerung entging nur selten der Deportation. Die Installation „Kategorien. Tragbar“ verzichtet auf eine Transformation des persönlichen Kontextes ins Allgemeingültige. Sie besteht aus im Raum hängenden bunten Baumwollfäden. Man könnte sie für eine dekorative Beigabe halten, wäre da nicht der Titel, der die Spur zu KZ-Häftlingen legt, die von dem NS-Verwaltungsapparat bekanntlich nach Gruppen sortiert wurden. Homosexuelle waren mit der Farbe Rosa markiert, Kriminelle mit Grün, politische Gefangene mit Rot, Roma mit Schwarz, Zeugen Jehovas mit Violett. Nähert man sich diesem jeden Windstoß empfangenden Kategorisierungssystem, spürt man, wie diese von der „Volksgemeinschaft“ abweichenden Lebensentwürfe buchstäblich am seidenen Faden hängen.

 

Auch „Bon Fire“ funktioniert nach diesem makabren Überraschungsprinzip. Unter den Scheithölzern brennen rote Glühbirnen. Man möchte sich anlehnen und für einen Moment das Gesehene vergessen. Doch auch hier gibt es kein Entkommen vor Bałkas Rätseltheater. Das gute Feuer könnte schließlich auch als „Bone Fire“, als Knochenfeuer gelesen werden. Die Assoziation zu Auschwitz lässt sich nicht verhindern, zumal die Hölzer aus Israel kommen. Und spätestens hier stellt sich das bange Gefühl ein, in die Falle eines unbeugsamen Moralisten getappt zu sein, der sein Gegenüber mit verspielten Tricks zur investigativen Recherche animieren möchte und mitunter auch höchst selbst die Stimme ergreift, um etwa in der Soundinstallation „Lichtzwang“ einen Text des Holocaust-Überlebenden Paul Celan vorzulesen.

Mirosław Bałka, Bon Fire, 2013/2015, Holz, 10 blinkende elektrische Glühbirnen, Courtesy der Künstler und Dvir Gallery, Tel Aviv und Brüssel

An einer anderen Stelle erklingen aus einem Megaphon Vornamen von Künstlern, die vom Fronteinsatz freigestellt wurden, weil sie dem Hitler-Regime propagandistisch behilflich waren. Oder handelt es sich doch um eine Todesliste? Ein Brunnen gegenüber versprüht den Duft von Alkohol und verweist auf die Praktiken der Wehrmacht, die Tötungshemmung der Soldaten mittels Drogen außer Kraft zu setzen. Bałka schafft es meisterlich mit der Harmlosigkeit des ersten Blicks zu irritieren. Er sät Zweifel, sogar an einer Wandzeichnung, deren Idee eigentlich von Le Corbusier stammt. Der Architekt entwickelte unter dem Namen „Le Modulor“ ab 1944, also auf dem Höhepunkt des Mordens in Auschwitz, ein Proportionssystem, das sich als mathematische Referenz für architektonische Entwürfe nach dem Maß des Menschen orientierte. Bałka verwendet in seiner Version die eigenen biometrischen Daten, eine von ihm oft verwendete Vorgehensweise, fügt einen Strich von 162,5 Zentimetern hinein und versteckt eine Botschaft in dem Titel. „Modulor/AF/1944“ gibt die Größe von Anne Frank in ihrem Todesjahr wieder. Ihr Vater hatte einen ähnlichen Wachstumsstrich in dem Haus in der Prinsengracht hinterlassen. Eine Anklage, die es in sich hat. Denn Bałka scheint hier die gesamte Tradition des rationalen Denkens seit Descartes vor Gericht zu stellen, das überhaupt erst zu einem bis ins Detail durchdachten Massenmord wie dem Holocaust führen konnte.

Mirosław Bałka, 2001, Teppich, Salz, MDF, Plexiglas und Licht, Courtesy der Künstler und Gladstone Gallery, New York und Brüssel

Alles in diesem Parcours zwischen Leben und Tod ist auf Resonanz ausgerichtet. Die Objekte bekommen erst eine Bedeutung, wenn der Betrachter sie durch seine Positionierung zu ihnen, ob tastend, riechend oder nachforschend, zum Sprechen bringt. Er betritt einen Kosmos tiefsten Verlusts. Die Belohnung ist ein stimulierendes Netz aus Assoziationen, eine existenzialistische Konfrontationstherapie, die den Melancholiker in uns im Moment des Verstehens zu trösten vermag. Es ist Bałkas Art, sich auf die Suche nach der verlorenen Zeit zu machen. Wir folgen ihm, mitten in die schwarzeste menschliche Komödie.

 

Artikelbild: Mirosław Bałka (pain relief), 1991, Beton, 3 Asprintabletten, Courtesy der Künstler und Galleria Raffaella Cortese, Mailand

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