Aus dem ZADIK Millionen im Schnee

Aus dem ZADIK
Millionen im Schnee


Aus dem Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels: Günter Herzog über die „Vorgartenausstellung“ der Galerie Parnass im Februar 1964

Aller Anfang war schwer – auch für die heutigen Götter der Malerei, denn bevor sie den Olymp besteigen konnten, waren sie erst einmal heilfroh, daß sie es überhaupt auf den Parnass geschafft hatten. ‚Parnass’, so hieß in Anlehnung an den Musenberg des Apoll die Galerie, die das Architektenehepaar Rolf und Anneliese Jährling im Jahr 1949 im noch kriegszerstörten Wuppertal gegründet hatte. Damals lag der ‚Parnass’, wie man in einer der ersten Einladungen erfahren kann, nur „3 Treppen hoch“, in der Aue 30 a. Weitaus höher angesiedelt war die Galerie jedoch in den Augen sämtlicher Kunstfreunde: im Verlauf der fünfziger Jahre wurde sie zu einer der ersten Adressen für (nicht nur rheinische) Gegenwartskunst, und immer bedeutender werdende Künstler und immer bedeutender werdende Sammler gaben sich dort die Klinke in die Hand. Zu den zahlreichen Höhepunkten in der kurzen Biographie der Galerie, deren Betrieb mit einem rauschenden Fest am Ende des Jahres 1965 eingestellt wurde, weil die Jährlings nach Afrika wollten, zählt das berühmte 24-Stunden-Happening vom 5. Juni 1965 mit Beuys, Brock, Moorman, Paik, Rahn, Schmit und Vostell und sicherlich auch jene einzigartige ‚Vorgartenausstellung’ Ende Februar 1964, bei der Millionen nicht in den Sand, sondern in den Schnee gesetzt wurden. Aber damals waren es noch gar keine Millionen, denn die teuersten Werke kosteten gerade mal 1600 Mark.

Gerhard Richter (damals 30 Jahre alt), Sigmar Polke (21), Konrad Lueg (alias Konrad Fischer, 23) und Manfred Kuttner (25) waren es, die nach kurzfristiger telefonischer Vorankündigung mit einem Kleinlaster nach Wuppertal gefahren waren, um den Jährlings ihre Werke zu zeigen und sie zu einer Ausstellung zu bewegen. Die Kunststudenten luden ihre Arbeiten aus und stellten sie in den noch verschneiten Vorgarten. Dann erst klingelten sie, und den Galeristen bot sich der Anblick, den Rolf Jährling sogleich mit seiner neuen Minox-Kamera festhielt. Zwei Jahre zuvor, 1962 hatten sich die vier jungen Künstler in der Düsseldorfer Kunstakademie kennen gelernt und seitdem in einer Art „Notgemeinschaft“, wie Richter ihre Beziehung rückblickend bezeichnete, einige Jahre gemeinsam versucht, im außerakademischen Kunstbetrieb Fuß zu fassen. Richter und Manfred Kuttner, die sich an der Akademie ein Atelier teilten, erhielten im September 1962 ihre allererste öffentliche Ausstellung auf Vermittlung von und, wie man heute sagen würde, ‚kuratiert’ durch ihren Mitstudenten Franz Erhard Walter in der Galerie für Junge Kunst Fulda. Alle vier zusammen mieteten für zwei Wochen einen leerstehenden Laden in der Düsseldorfer Kaiserstraße 31a und veranstalteten dort die „erste Ausstellung ‚Deutscher Pop Art’“, wobei der Begriff des Kapitalistischen Realismus geprägt wurde. Kunstgeschichte gemacht hat auch die im selben Jahr von Gerhard Richter und Konrad Lueg 1963 im Düsseldorfer Möbelhaus Berges inszenierte Aktion Leben mit Pop – Eine Demonstration des Kapitalistischen Realismus. Ein Jahr später, 1964, stellten alle vier ihre Arbeiten in den verschneiten Vorgarten der Wuppertaler Galerie Parnass von Anneliese und Rolf Jährling (siehe Foto), um die Galeristen zu einer Ausstellung zu bewegen, die dann im Dezember 1964 unter dem Titel Neue Realisten stattfand. Zeitgleich mit dieser Ausstellung eröffnete in Berlin René Block (damals 22 Jahre alt) seine Galerie mit der Ausstellung Neodada, Pop, Kapitalistischer Realismus, wo wieder alle mitmachten. 1966 feierten Richter, Polke und Lueg eine Hommage an Schmela, bei der sich erstmals die „Höheren Wesen“ äußerten. Auch als Heiner Friedrich mit der Demonstrative ´67 gegen seine Nicht-Zulassung zum Kunstmarkt Köln ´67 protestierte, waren Richter, Polke und Lueg wieder dabei, Manfred Kuttner allerdings nicht mehr. Als Vater von zwei Kindern war er um die finanzielle Sicherheit seiner Familie bemüht und tauschte die allzu freie Künstlerschaft gegen die Fesseln eines sicheren Einkommens im Grafikatelier der Hildener Ducolux-Lackfabriken. Auch Konrad Lueg orientierte sich neu. Er nannte sich wieder Konrad Fischer und eröffnete mit Carl Andres Ausstellung Altstadt Rectangle am 21.Oktober 1967 in der Düsseldorfer Neubrückstraße 12 seine Konrad Fischer Galerie. Nach einigem zeitlichen Abstand präsentierte er dort auch seine Freunde Richter (11.4.-7.5.1970) und Polke (9.6.-9.7.1970). Konrad Fischer und seine Frau Dorothee zählten bald zu den wichtigsten und einflußreichsten Galeristen der Minimal-, Concept- und Land-Art in Europa.

Günter Herzog

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Das Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels (ZADIK)

Das ZADIK hat ein einzigartiges Sammlungsprofil, das sich grundlegend von den traditionellen kunsthistorischen Archiven und Bibliotheken unterscheidet. Neben der besonders wichtigen Geschäfts- und Künstlerkorrespondenz sammelt das ZADIK auch sämtliche Materialien, die Aufschluss geben über den Galeriebetrieb, seine Ausstellungs- und Öffentlichkeitsarbeit und die besondere Qualität und Rolle der engen Beziehung zwischen Künstler, Galeristen und Sammlern. Gerade für die Kunstentwicklung nach 1945 besitzt das ZADIK Quellen, die – besonders auch in dieser Konzentration – in keiner anderen Institution vorhanden sind, darunter sehr viele Briefe von Künstlern, zum Teil mit Zeichnungen, Projektskizzen, Skizzen für den Ausstellungsaufbau oder für Installationen in der Galerie und anderen wichtigen Informationen versehen, Fotos und andere Dokumente, aus denen sich Aktionen und andere ephemere Kunstwerke rekonstruieren lassen, die sich überwiegend in den Galerien selbst und nicht in den öffentlichen Kunstinstitutionen abgespielt haben.

Zu den Galeriearchiven kommen die Vor- und Nachlässe von privaten Händler-Verbänden und Kunst-Institutionen, von Kuratoren, Kunsthistorikern und Kunstkritiker(inne)n, Sammlern und Fotograf(inn)en, ein umfangreiches Archiv an Zeitungsausschnitten und Internetausdrucken, eine Plakatsammlung mit etwa 3000 Plakaten, ein Fotoarchiv mit inzwischen weit über 300.000 Fotos und eine Spezialbibliothek zur Geschichte des Kunsthandels. Zur Zeit umfasst die Sammlung die Archive von 93 Galerien, 10 Verbänden (wie Messen und privaten Ausstellungs-Institutionen), 7 Sammlern, 19 Kritiker(inne)n / Kunsthistoriker(inne)n und 11 Fotograf(inn)en. Da sich in diesen Jahren im Galeriegeschäft ein Generationswechsel ereignet und sich viele Galeristen der Nachkriegszeit zur Ruhe setzen, wächst das ZADIK zur Zeit schnell. Neben Ausstellungen und einem Stand auf der Art Cologne betreibt das Archiv auch eigene Forschungsarbeit, die es in Publikationen, Artikeln in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der halbjährlich herausgegebenen Zeitschrift ’sediment‘ veröffentlicht. Bei Artblog Cologne stellt das ZADIK nun in regelmäßigen Abständen die Highlights seiner Sammlung vor.

Kontakt:

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http://www.zadik.info/
Mo-Fr 10-16 Uhr u.n.V., Eintritt frei

 



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