Kunst ohne Grenzen

Kunst ohne Grenzen


Die Sammlung Kortmann in Köln. Kunstsammler aus NRW – Eine Serie von Patricia Susana Schnurr und Marion Ritter

Von 1930 bis 32 baut Dominikus Böhm die moderne Krankenhauskirche St. Elisabeth in Hohenlind mit der Vision von einer Architektur, die den Menschen nicht klein macht, sondern den einzelnen erheben sollte. Es ist das Zusammenspiel von Architektur und der Gestaltung des Innenraumes durch Künstler wie Ewald Mataré, Ludwig Baur und Hildegard Domizlaff, die den Wunsch nach einer sinnlichen Moderne gelingen lassen. 1994 setzt Heinz Bienefeld, langjähriger Assistent Böhms, unweit dieses Sakralbaus mit dem Umbau des Wohnhauses Kortmann die Bautradition seines Lehrers unter weltlichen Vorzeichen fort: Eine Symbiose aus Architektur, Design und Kunst wünscht sich die Familie; einen Ort der Lebensfreude.

Unerwartet farbig ist es im offenen Eingangsbereich: gedeckte und kräftige Farben aus reinen Pigmenten in Orange, Rosa, Malachit und Blau grenzen hier und dort aneinander, bilden Kontraste, rahmen Wände, markieren Fluchten, dazu sorgsam platzierte Kunst, Designobjekte und moderne Möbelstücke. Ein grauer Metallboden vermag Erdung zu geben. „Wir haben das Haus 1994 gekauft und zunächst mit Heinz Bienefeld umgebaut, nach seinem Tod 1995 hat sein Sohn Nikolaus mit uns daran weiter gearbeitet“, erzählt Gabriele Kortmann. Das hier ehemals ein „normales“ Einfamilienhaus stand, lassen das Glasdach, aufgebrochene Außenwände und das an die de Stijl Avantgarde erinnernde Farbkonzept im Innenraum heute nur noch erahnen.

Kunst hängt im Haus Kortmann in jedem Raum, ob im Keller oder gar auf der Toilette. Gabriele Kortmann betont „Wir kaufen die Kunst nicht als Dekoration und auch nicht fürs Depot, sondern um damit zu leben.“ Seit rund 25 Jahren sammelt sie gemeinsam mit ihrem Mann Dieter Kortmann, einem Kölner Unternehmensberater. „Während des Studiums fing es bei mir mit den Medaillen und Plaketten, unter anderem aus der Kölner Schule an“, verweist sie auf eine kleine aber sorgsam präsentierte Sammlung. Ihre Faszination gilt auch der alten Kunst: Sie deutet auf einen Buddhakopf aus dem 16. Jahrhundert und eine tönerne, fast lebensgroße Pferdeskulptur aus der chinesischen Han-Dynastie, in der Lounge steht ein originales Opiumbett, in der Küche eine Khmer-Statue. Auch wenn Gabriele Kortmann einige ihrer Arbeiten zeitgenössischer Kunst, etwa von Juan Muñoz und Florin Mitroi politisch liest, sieht sie sich und ihren Mann dennoch nicht als „verkopfte“ Sammler: „Bilder fallen einem eher zu“ meint sie und lässt sich lieber von der Kunst anregen. So etwa von den an Kinderbuch Illustrationen erinnernden Figuren des chinesischem Maler Liu Ye oder den Motiven von Viktor Pivovarov. Verstörende Sujets zeigen hingegen die Arbeiten von Viktor Man, die mystisch-morbiden Zeichnungen der chilenischen Künstlerin Sandra Vásquez de la Horra oder das Triptychon aus Wachs des Belgiers Helmut Stallaerts. Leichter wirken da die prozesshaften Schraffuren Gotthard Graubners und Beat Zoderers geometrischer Farbenstab, der über der hellen Betontreppe auf die nächste Etage verweist. Wie beiläufig hängt im Flur ein römischer Phallus neben einem Helmut Newton-Frauenakt. „Das Haus ist ein ständiges Work in Progress“, so Kortmann. „Manchmal verleihen wir Werke für Ausstellungen oder hängen die Kunst um.“ Lediglich ein Kommerzienrat von Franz von Stuck aus dem Jahr 1910 hat hier eine dauerhaft zentrale Bleibe.

Mit ihrem Mann ist sie viel auf den internationalen Kunstmessen und Ausstellungseröffnungen unterwegs, erzählt sie. Zugleich schätze sie aber auch die Beratung von Galeristen wie Jörg Johnen, der ehemals in Köln ansässig war, oder von Experten wie Kasper König oder Desiré Feuerle. Auf ca. 300 Werke kommt die Sammlung Kortmann, extrahiert man die Bildende Kunst von diesem Gesamtkunstwerk aus Kunst, Mode, Design, Architektur und Leben. Verkauft haben sie bisher noch keine ihrer Errungenschaften, darunter vor allem Fotografie, Malerei und Skulptur.
Und obwohl im Haus jeder Zentimeter gestaltet wurde, wirkt es hier weder überladen noch museal. „Unsere Kinder haben sich immer frei im Haus bewegt“, erzählt Kortmann. „Und es hat ihnen wohl auch gefallen, denn unsere Tochter sammelt heute auch bereits Kunst.“
Auch für seine gastfreundlichen Empfänge und Feiern ist das Familiendomizil bekannt. Kortmanns werden für ihre Großzügigkeit und ihr Engagement gegenüber den Museen ihrer Stadt geschätzt. Mitgliedschaften etwa im Kunstverein, im Freundeskreis der Art Cologne oder in der Gesellschaft für Moderne Kunst am Museum Ludwig sind für sie eine Selbstverständlichkeit.

Es ist ein temperamentvolles und respektvolles Leben mit Kunst, das sich im Hause Kortmann präsentiert. Zugleich zeigt sich hier in zeitgenössischer Bauweise eine private Sammlung, die mehrere tausend Jahre umspannt und sich mit einem Spektrum von antiker Madonna über Mataré bis Cosima von Bonin auch ambitioniert in eine Kölner Sammlungstradition einschreibt. Für Gabriele Kortmann ihre „Insel der Glückseligkeit“ – eine Zuschreibung an Architektur und Kunst, wie sie wohl auch Kirchenbauer Böhm gefallen hätte.

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