Kreolische Gegen-Aneignung

Kreolische Gegen-Aneignung


Hauke Ohls über „Stealing from the West. Kulturelle Aneignung als Postkoloniale Vergeltung“, Akademie der Künste der Welt, Köln, ACADEMYSPACE, Herwarthstraße 3, bis 10.12.

„White man came across the see / He brought us pain and misery“ – Iron Maiden, die Heroen des britischen Heavy Metal, verfolgen in ihrem Song Run to the Hills von 1982 eine eher direkte Botschaft: der „weiße Mann“ kam, sah und zerstörte. Die Ausstellung Stealing from the West. Kulturelle Aneignung als Postkoloniale Vergeltung, die derzeit im Academyspace der Akademie der Künste der Welt zu sehen ist, arbeitet dagegen nicht mit vordergründiger Kritik oder moralisch anklagendem Ton. Es sind insgesamt zwölf Positionen versammelt und jede erzählt eine andere kleine Geschichte. So werden Leerstellen im postkolonialen Diskurs seziert, jeweils verknüpft mit Fallbeispielen.
Verbunden ist die Präsentation mit der siebten Ausgabe der Pluriversale, einer Veranstaltungsreihe aus Vorträgen, Performances, Filmvorführungen, Gesprächen und Lesegruppen, die die Ausstellung thematisch umspannt. Ein Format, das zu umfangreich ist für ein bloßes Begleitprogramm; es sind vielmehr weitere Stationen der Ausstellung, die verdeutlichen, warum der „Diebstahl vom Westen“ notwendig ist.

Foto: Jan Kryszons

Der Westen ist als „apokalyptisches Unwetter“ (Bruno Latour) über die anderen Kulturen hineinberochen und hat zunächst mit Kolonialisierung und später mit der Globalisierung ein Machtregime aufgebaut, welches subalterne Gruppen fortlaufend unterdrückt. Der postkoloniale Diskurs begegnet diesem Umstand mit Hybriditäts- und Alteritätsstrategien. Von ihrer Notwendigkeit mal abgesehen, muss jedoch überprüft werden, ob diese Hybridität überhaupt als positive Wahlmöglichkeit wahrgenommen wird, oder ob sie eine Repression der Dominanzkultur ist. Müssen indigene oder marginalisierte Gesellschaften fremde und eigene Elemente mischen und sich dadurch einer schmerzhaften Anpassung unterziehen?
Eine Diashow des französisch-algerischen Künstlers Kader Attia dokumentiert eine spielerische Aneignung von Machtsymbolen der ehemaligen Kolonialmächte durch die Kolonialisierten. Jedes Klicken des Projektors zeigt ein neues Schmuckstück, sachlich auf weißem Hintergrund präsentiert, wie Dokumentationsfotos einer ethnologischen Sammlung. Die Objekte sind jedoch aus Franc-Münzen hergestellt, sodass, im Stile von traditionell arabischen Brautschmück, die Werte Liberté, Égalité und Fraternité am Hals baumeln. Wird das Kapital der Warenzirkulation entzogen, dann ist auch die Dominanz der kolonialisierenden Kultur unterbrochen. Das Kunstwerk ist Teil von Attias umfassenderen Projekt Signs of Reappropriation, in dem er Begriffe und Taktiken der Wiederaneignung im postkolonialem Kontext untersucht.
Das Benutzen von französischen Münzen zeigt jedoch eine Erweiterung der Taktik und führt zu dem wohl wichtigsten Begriff der Ausstellung: der Gegen-Aneignung. Während Wiederaneignung meint, die zerstörte kulturelle Identität zurückzuerobern, erscheint die Gegen-Aneignung als Strategie, aus den zugewiesenen Rollen auszusteigen und gängige Sichtweisen zu unterlaufen. Wer sagt denn, dass sich eine Gruppe nur das wieder aneignen darf, was sie ursprünglich einmal ausgemacht hat?
Dies verdeutlicht eindrucksvoll die berühmt-berüchtigte Lo Life Crew, die vom neuseeländischen Fotografen Tom Gould zusammen mit einem ihrer Mitglieder Tristan Howl the 3rd präsentiert wird. Drei Archivfotos aus dem Jahr 1988 zeigt die Gang aus Brooklyn, die dafür bekannt war, dass sie komplett in Ralph Lauren – einer typischen Modemarke des weißen Bürgertums in den USA damals – gekleidet ist. Der Poloschläger-schwingende Reiter wurde dafür aus den Boutiquen Manhattans entwendet, um als krasser Gegensatz zu dienen. Kulturelle Codes werden konterkariert, indem offensiv die Symbole der Gegenseite angeeignet werden (hier findet sich der Ausstellungstitel Stealing from the West am direktesten wieder).

Tom Gould, Thirstin Howl the 3rd and son Jesus DeJesus with custom made Ralph Lauren silks, 2015. © Tom Gould

Diese Gegen-Aneignung kann mit dem Begriff der Kreolisierung verfeinert werden. Die Bezeichnung geht maßgeblich auf den antillisch-französischen Schriftsteller und Theoretiker Édouard Glissant zurück. Auf seiner Heimatinsel Martinique hatte sich eine neue Sprache und Kultur entwickelt, die aus der Konfrontation der ehemaligen Sklaven mit den Kolonialherren entstanden ist. Diese Beobachtung übertrugt er als Theorie auf die gesamte Welt: sie kreolisiert sich. Das Kreolische ist dabei eine eigene, spielerische und poetische Aneignung, aus der etwas Unvorhergesehenes hervortritt. Es entsteht die Möglichkeit der Vielfalt, entgegen einer gleichmachenden Globalisierung.
Wie sich Kreolisches einschleichen kann, zeigt die Arbeit des Jordaniers Lawrence Abu Hamdan. Das Video Double Take: Officier/Leader of the Chasseurs/Syrian Revolution Commanding a Charge von 2014, hat bezüglich der Konzeption viel von zeitgenössischen Bewegtbild-Installationen. Langsame, fast meditative Bildwechsel werden kontextualisiert mit einer kommentierenden Stimme aus dem Off, die eine Geschichte erzählt. Sie wird regelmäßig unterbrochen von traditioneller Musik aus dem Nahen Osten. Die Geschichte ist die eines anglophilen syrischen Geschäftsmanns, der sich ein englisches Landhaus kauft und alle dazugehörigen Bräuche pflegt. Zur Ausstattung des Hauses gehört eine Reproduktion von Théodore Géricaults Gemälde Offizier der Gardejäger beim Angriff von 1812. Der Geschäftsmann fühlt sich von den Augen des Offiziers, von der Darstellung seiner kulturellen Vergangenheit, verfolgt und beauftragt als Gegenstück eine exakte Kopie des Gemäldes – nur statt des Offiziers sitzt nun Sultan Basha al-Atrash im Sattel. Der Anführer des syrischen Aufstands gegen die Franzosen erscheint als Befreiungskämpfer, während der Offizier, in exakt derselben Pose, als imperiale Machtikone stilisiert ist. In das englische Anwesen perfekt eingefügt, wird die kreolische Gegen-Aneignung erst auf den zweiten Blick sichtbar.

Ausstellungsansicht, Foto: Jan Kryszons

Die insgesamt vier gezeigten Arbeiten von Yuri Albert kommentieren die Dominanz der westlichen Kultur ironisch. Der russische Konzeptkünstler bezieht sich dabei auf Heroen der Malerei wie Paul Cézanne oder Roy Lichtenstein. Die Fotografie des algerischen Künstlers Younes Baba-Ali mit dem Titel Italianisation zeigt hingegen einen jungen Mann, der an einem Touristen-Hotspot Selfiesticks verkaufen muss und dabei einen Sweater mit dem Aufdruck „Italia“ trägt. Umgehend werden Assoziationen von den prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen illegaler Migranten hervorgerufen. Es wird deutlich, dass die Kreolisierung auch zu einer Sichtbarmachung führt, die „unabwendbare Zusammenstöße“ hervorruft. Eine Situation, die nach Glissant neben Konflikten auch Chancen für „Bewusstsein und Hoffnung“ in sich birgt.

Younes Baba-Ali, Italianisation, 2016. Digital reprint on baryta paper. Courtesy Younes Baba-Ali

Mittels der Gegen-Aneignung wird deutlich, dass man immer in Vorurteile verfallen kann, auch wenn man vermeintlich postkolonial-aufgeklärt sind. Trotzdem kann die Situation des Gegenübers einengt werden. Ein Erkenntniseffekt, der weniger durch schriftliche Abhandlungen und prägnanter durch die Begegnung mit Kunst eintritt – diese Ausstellung zeigt es deutlich.

Artikelbild: Kader Attia, Research material

  •  
  •  
  •  
  •  

tags: , ,