"Dort ist man solidarisch."

„Dort ist man solidarisch.“


Jari Ortwig verbrachte die ersten Jahre ihrer Kindheit in Rio de Janeiro. Jetzt hat es die in Köln lebende Kuratorin noch einmal nach Brasilien gezogen. Mit dem Reise-Stipendium des Goethe-Instituts schaute sie sich zwei Monate in der Kunstszene von Rio und São Paulo um.

Wie hast Du die Zeit während Deiner Residency genutzt, gab es einen straffen Zeitplan oder hast Du Dich eher treiben lassen?

Ich habe anfangs erst einmal die verschiedenen Stadtteile von Rio erkundet und allem etwas nachgespürt. Termine in Rio zu machen war schwierig, vieles hat sich eher auf einem natürlichen und spontanen Weg ergeben. Später bin ich stärker in das Residency Programm involviert worden und habe an Exkursionen und Workshops teilgenommen. In São Paulo konnte ich die Termine mehr steuern, die Zeit war kürzer und konzentrierter und ich konnte durch Kontakte über verschiedene Ecken in Deutschland und Brasilien, Leute aus dem Kulturbetrieb, Künstler, Kuratoren, Galeristen, Off-Raum-Betreiber treffen.

Parche Lage Kunsthochschule_Rio de Janeiro

Escola de Artes Visuais do Parque Lage, Kunsthochschule Rio de Janeiro, Foto: Jari Ortwig

Welchen Eindruck hast Du von der Kunstszene in den beiden Städten gewinnen können?

Die Städte sind schon ziemlich unterschiedlich, São Paulo ist sehr von Galerien geprägt, das siehst Du auch der Kunst an, die sind schon sehr fertig. Es gibt da riesige Galerien, sogar mit kleinen Restaurants und Bookshops.

São Paulo ist aber auch voll von Kulturzentren mit Bibliotheken, Cafeterias, Computern und Tanzräumen, und dann sind da auch Ausstellungen zeitgenössischer Kunst – sehr lebensnah, weniger elitär, aber gleichzeitig gehen die Arbeiten dann auch ganz oft unter im Trubel. Ähnlich ist es mit den Kulturzentren, die zu großen Unternehmen, insbesondere Banken gehören, als Teil eines Steuersparmodells, das dann letztendlich aber mehr dem unternehmerischen Marketing zu Gute kommt, oder wo Kunst noch vielmehr als Bildungsauftrag verstanden wird, indem Horden von Schulklassen dort durchgelotst werden.

Insgesamt gibt es in beiden Städten nur wenige Off-Räume und in denen ist es dann auch nicht so klassisch wie bei uns, dass man vier Wände hat und jemand in einem Raum eine Ausstellung macht, die non-profit ist, sondern es sind eher Diskurse, Workshops, Aktionen, die da stattfinden.
Überhaupt hatte ich den Eindruck, dass Künstler und Kulturschaffende dort viel miteinander reden und diskutieren. Bei Künstlergesprächen oder Vorträgen kamen auch immer sofort Fragen aus dem Publikum, Leute haben sich direkt eingeklinkt, da war wirklich ein offenes Interesse.

Performance Largo des Artes Rio de Janeiro, Foto: Jari Ortwig

Performance Largo das Artes Rio de Janeiro, Foto: Jari Ortwig

Welche Themen werden dort derzeit diskutiert?

Es gibt viele Themen, nah am Leben dran, psychologische Themen, Trans-Gender, viele politische Geschichten, die Rolle von Institutionen … Sehr präsent war auch die eigene nationale Identitätsfrage, die Emanzipation von Europa und Aspekte des Postkolonialismus, das Thema Techno-Xamanism fand ich besonders spannend.

Oftmals vermischen sich dabei auch die Rollen der Kuratoren und Künstler, z.B. hat eine Kuratorin einen Vortrag über Kollektive gehalten und anhand eines Videos über den Rennfahrer Ayrton Senna gezeigt, wie er beim Boxenstop, bei Interviews, Preisverleihungen, eigentlich immer von Menschen umringt, bis zu seinem Tod, in Kollektiven auftritt, zumindest in den Medien. Das war schon sehr künstlerisch gedacht.

An welchen Orten trifft man sich so, um sich auszutauschen?

In Rio war ich zum Beispiel häufig auf den Veranstaltungen von Capacete – eine Residency und Think Tank, das seit 1998 Helmut Batista leitet. Er war früher selbst Künstler, hat viele Jahre mit der São Paulo Biennale kooperiert und ist sehr gut vernetzt in Brasilien, aber auch in Europa, er ist ziemlich engagiert was die freie Kunstszene angeht. Das ist, glaube ich, für Rio das größte und zugleich subversivste Netzwerk. Dann gibt es aber auch Kollektive, die zum Beispiel ins Museum gehen und dort Workshops veranstalten oder aber auch im öffentlichen Raum, auf der Straße, auf einem Platz, in der U-Bahn, am Strand, also das kann eigentlich überall sein.

A Gentil Carioca_Galerie_Rio de Janeiro

A Gentil Carioca, Galerie Rio de Janeiro, Foto: Jari Ortwig

Die künstlerische Arbeit im Kollektiv hat dort auch einen anderen Stellenwert als bei uns, oder?

Ja, es gibt zum Beispiel in Rio die Agencia Transitiva, die agieren zwischen Kunstvermittlung und Kunstaktion, z.B. mit einer Performance, wo sie mit dem Hula Hoop Reifen in der Straßenbahn tanzen. Das haben sie einmal irgendwo im Ruhrgebiet und einmal in Rio gemacht. Eine scheinbar einfache aber effektive Performance. Im Ruhrgebiet haben natürlich alle irgendwie weggeguckt und in Brasilien hatten sie Publikum, das geklatscht und gefilmt hat. Ich finde, das ist das beste Beispiel dafür, wie es dort ist im Kulturbetrieb: Während man sich dort solidarisch erklärt und auch viel gemeinsam arbeitet, versuchen hier die meisten ja eher, ihren Bereich abzustecken.

Wie denkt man in den beiden Städten über die Kunst in Deutschland oder Europa?

Ich hatte schon das Gefühl, dass sich gerade im Galerienkontext einige Künstler an der europäischen Kunst orientieren, was mir oft unauthentisch vorkam. Klar will man Teil eines internationalen Diskurses sein, gleichzeitig kann man aber auch seine Wurzeln nicht verleugnen, man lebt halt auf einem anderen Kontinent und hat eine ganz andere Geschichte …

Und worin, denkst Du, sind Künstler in Brasilien authentischer?

Ich glaube es sind die performativen Ansätze, und dass sie für sämtliche Themen offen sind, sich weniger auf formale oder kunsthistorische Aspekte konzentrieren, sondern Kunst total durchdringen lassen von Musik, Körperlichkeit, Tanz, Traditionellem, Soziologie, Anthropologie etc. Die Szene ist einfach auch anders, das Experimentelle hängt nicht so am Objekt, am Materiellen oder an einer räumlichen Situation. Ich denke, das liegt auch an der Mentalität, dass man sich nicht so sehr in einen zeitlich-räumlichen Rahmen pressen lässt. Vieles ist eben nicht von langer Dauer, alles ist super dynamisch, es ist nicht so fest oder greifbar.

Ateliê397, Ausstellung Karla Girotto, Foto: Jari Ortwig

Ausstellung Karla Girotto, Ateliê397, São Paulo, Foto: Jari Ortwig

Bevor Du gefahren bist, hast Du erzählt, dass Dich interessiert, warum Künstler in Europa noch sehr stark den Themen und der Ästhetik der Moderne verhaftet sind. Hast Du dieses Phänomen auch in der Kunst Brasiliens wahrgenommen?

Ja, viele Künstler hier haben, selbst wenn es nur formale Strategien sind, die Moderne irgendwie automatisch drin und in Brasilien ist das auch ähnlich. Dort werden momentan auch ältere Generationen, die so arbeiten, verstärkt gezeigt.

Viele Entwicklungen haben sich dort aber auch verschoben oder verzögert, da Brasilien von 1964 bis 1985 unter der Militärdiktatur stand. Vielleicht hat Brasilien auch nie eine „richtige“ Moderne gehabt, da sie ja nie von ihren Traditionen abgelassen haben. Das schwingt auch heute immer mit, überall hörst Du traditionelle Musik, der Afro-Brasilianische Einfluss und das Rituelle sind spürbar, auch der indigene Background. Ich finde das sehr interessant, denn das ist ja auch deren Besonderheit. Es gab zwar den Versuch der Modernität, aber immer mit einer starken lokalen bzw. nationalen Abwandlung.

Die jüngeren Künstler beziehen sich auch zum Beispiel oft auf den Neoconcretismo der 1950er Jahren, wo etwa Hélio Oiticica, Lygia Clark und Lygia Pape die konstruktivistischen Ansätze ins Performative oder in den Raum überführt haben. Oder da war der Autodidakt Alfredo Volpi, der „gemäßigt“ konstruktivistisch gemalt hat, zum Beispiel mit sinnlicheren Formen und natürlichen Farben.

Spuren der Moderne_Foz do Iguaçu, Brasilien

Spuren der Moderne, Foz do Iguaçu, Brasilien, Foto: Jari Ortwig

Mich hat zwar eher die Frage nach der experimentellen Szene nach Brasilien geführt, aber ich finde es schön, wie sich das alles so zusammengefügt hat, denn die Moderne ist ja auch alles andere als experimentell und steht in ihren Grundmaximen der Mentalität Brasiliens ziemlich entgegen, dem, sagen wir „Unidealen“, dem Spontanen und Provisorischen – was aber gleichzeitig die Schönheit und Eigenheit der Kultur auch wiederum ausmacht.

Du warst auch in Brasilia, DER Stadt der Moderne …

Genau, ich habe wirklich lange überlegt, ob ich dort noch hinfliege, am Ende war ich aber sehr froh, dass ich es noch gemacht habe, weil mir gerade dort viel klarer wurde, wie sehr man wirklich versucht hat, gerade Brasilien diesen modernen Gedanken aufzuzwingen. Dazu gibt es auch ein gutes Bild: Die Stadt wurde auf einem Hochplateau erbaut im Grundriss eines Flugzeugs, also auch total unpraktikabel, als Fußgänger ist man total aufgeschmissen, keine Ampeln, irrsinnig lange Wege, schön anzusehen, aber nicht für Menschen gemacht. Schön war aber, wie diese rote Erde des Landes durch diese hermetischen Rasenflächen mit der Zeit hindurchgebrochen ist.

Army Headquarter von Niemeyer Brasilia

Army Headquarter von Oscar Niemeyer, Brasilia, Foto: Jari Ortwig

Ist die moderne Architektur auch in Rio und in São Paulo präsent?

Ja, Niemeyer ist schon auch dort stark vertreten, obwohl die Brasilianer selbst anscheinend gar nicht unbedingt große Fans seiner Architektur sind. Ich glaube, das kommt schon eher aus Europa, diese Aufmerksamkeit und Wertschätzung dafür. In Niteroi, wo auch das Museo de Arte Contemporanea von Niemeyer steht gibt es auch den Caminho Niemeyer mit verschiedenen Gebäuden, aber das Gelände wird so wenig instand gehalten und gepflegt. Die Leute skaten dort und hängen ab, was ja auch ganz schön ist und auch wieder typisch Brasilien ist, aber manchmal ist es einfach auch etwas heruntergekommen.

Vielleicht fehlt da auch ein wenig der Abstand, um das wertzuschätzen. Man ist dort ja zeitlich auch noch näher dran an der Moderne. In São Paulo ist aber zum Beispiel die italienisch-brasilianische Architektin Lina Bo Bardi bei der jüngeren Generation viel präsenter. Sie hat Mitte des 20. Jh. sämtliche Kulturzentren dort bzw. die Gebäudearchitektur entwickelt und da vermischen sich wirklich besucherfreundliche und modernistische Gedanken. Von ihr ist zum Beispiel das MASP – Museu de Arte de São Paulo oder das SESC Pompeia.

Stillgelegte Stadtautobahn Sao Paulo

Stillgelegte Stadtautobahn, Sao Paulo, Foto: Jari Ortwig

Wie stark ist denn der Einfluss der São Paulo-Biennale auf die Stadt?

Ganz klar ist jeder, der etwas erreichen will, ob kuratorisch oder künstlerisch, versucht, sich da anzudocken, das ist schon das Aushängeschild, aber vielleicht auch vor allem in der Außenwirkung, denn ich habe eigentlich gar nicht mit so vielen Leuten in Brasilien über die São Paulo Biennale gesprochen. Das kommt eher hier in Europa in Gesprächen auf.

Aber ich hab beispielsweise Alfons Hug getroffen, den Leiter des Goethe-Instiuts in Rio, der dieses Jahr auch den lateinamerikanischen Pavillon in Venedig kuratiert hat. Er hat schon zweimal die São Paulo-Biennale kuratiert und das auch noch als Deutscher, das wird dort schon auch stark diskutiert.

Ausstellung Damian Ortega Museu de Arte Moderna do Rio de Janeiro

Ausstellung Damian Ortega, Museu de Arte Moderna do Rio de Janeiro, Foto: Jari Ortwig

Ich fand auffällig, dass es viele sehr junge Kuratoren gibt, die recht schnell in hohe und wichtige Positionen aufgestiegen sind und Institutionen leiten, da die Kunstszene und die Aufmerksamkeit dafür von heute auf morgen so schnell gewachsen ist und gar nicht so viele erfahrene, professionelle Leute in dem Ausmaß verfügbar waren.

Jetzt bist Du seit ein paar Wochen wieder zurück in Köln. Gibt es Künstler aus Brasilien, mit denen Du Lust hättest, hier zu arbeiten?

Ja, unbedingt! Ich habe zum Beispiel eine Woche bei dem Kurator Tobi Maier in São Paulo gewohnt und er hatte gerade mit der Ausstellungsreihe „Solo Shows“ in seiner Wohnung angefangen. Dort lief ein Video von Barbara Wagner und Benjamin De Burca, wo sich Capoeira, also traditionelle und typisch brasilianische Themen, mit transsexuellen Aspekten und Popkultur vermischen. Das fand ich total spannend – ich habe ja auch eine Woche damit gelebt. Ich dachte sofort es wäre toll, etwas von den beiden in Köln zu zeigen, und jetzt ist also eine Ausstellung im November bei Bruch & Dallas am Ebertplatz geplant. Es gibt auch noch andere Ideen, die sind aber noch nicht spruchreif ….

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Jari Ortwig, *1982 in Rio de Janeiro, lebt und arbeitet als freie Kuratorin, Autorin und Redakteurin in Köln.

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