Herzlichen Glück-wunsch!

Herzlichen Glück-
wunsch!


Anlässlich seines 175-jährigen Bestehens hat der Kölnische Kunstverein den Künstler Claus Richter eingeladen, in einer Ausstellung die Geschichte des Hauses zu erzählen.

Keine leichte Aufgabe, denn „die meisten Daten über den Kölnischen Kunstverein sind durch den tragischen Einsturz des Stadtarchivs verloren gegangen,“ erzählt Claus Richter gleich zu Beginn seines Eröffnungsvortrages (s. Video unten). Dies hat ihn jedoch nicht daran gehindert, in einer aufwändigen Recherche einige aufregende Artefakte und Geschichten über die Gründungsjahre und ersten Mitglieder ausfindig zu machen. Seine Ausstellung erstreckt sich sowohl über den Kölnischen Kunstverein, als auch über viele andere Museen der Stadt und wird von einem Gedichtband mit Holzschnitten begleitet. Die Schau erzählt von Gemeinschaft, Feierlichkeiten, Bräuchen, Spiel, Skandal und vielen vergessenen Künstlern. Eine bislang unbekannte, wunderbar kuriose Seite des Kunstverein. Wir haben die Ereignisse für die Nachwelt festgehalten:

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odobis admirabilis 1839 – Der Duft, der speziell zur Gründung des Kunstvereins durch den Duftkünstler Johann Maria Farina – Gründungsmitglied des Kölnischen Kunstvereins – entwickelt wurde. Ein Flakon, der in einer kleinen Auflage erschienenen Edition wurde noch im Farina Dufthaus gefunden und ist dort aktuell zu bestaunen. Der Duft erinnert an sanft wogende Getreidefelder, dunkle, dramatische Schluchten und die unendlichen Weiten des Äthers. „Ein Wahnsinnsgeruch, der damals den Kunstverein ausgezeichnet hat. Wenn man durch die Stadt gelaufen ist und diesen Duft in der Nase hatte, hat man gemerkt, das muss jemand Feingeistiges sein.“

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Foto: Simon Vogel

 

1897 stickte der Nürnberger Gustav Heinrich Fürstenberg die Fahne für den Nürnberger Kunstverein. Zu dieser Zeit war der Fahnenklau in Mode, so dass sie, nur eine Woche nach dem ersten Hissen, der Düsseldorfer Kunstverein entwendete. Es folgte eine Jagd auf die Flagge. 1895 gelang es in einer waghalsigen Aktion einigen Mitgliedern des Kölnischen Kunstvereins, sie aus den Räumen des Hamburger Kunstvereins zu stehlen und in der Sakristei von Sankt Aposteln bis zum Jahr 2014 zu verstecken. Zu Ehren des Jubiläums wird die Fahne aktuell im Altarraum gezeigt.

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Foto: Simon Vogel

 

Künstler-Mizzis Aavgründiger Lebenswandel – Ein Puppentheaterstück von 1901, vermutlich inszeniert im Hänneschen Theater. Eine Groteske über das Leben einige Kölner Künstlerinnen und Künstler und ihre Umtriebe, die sie mit dem Kölnischen Kunstverein veranstaltet haben. „Der Kunstverein-Direktor, eine blasse, Gestalt, schmal, mit einer langen, Gurken ähnlichen Nase, wird in ein Drama hineingezogen, weil zwei exzentrische Künstler darauf bestehen, in einer Ausstellung Kühe und Ziegen mit Kuchen zu füttern, bis diese kugelrund sind.“ Ein Skandal in der Stadt, über den auch die Zeitungen schreiben. Die Seiten 7, 8 und 9 des Stückes, der Umschlag und eine Puppe wurden gefunden. Sie sind aktuell im Stadtmuseum zu sehen.

HÄNNESCHEN PUPPE

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Foto: Simon Vogel

 

Wie jeder Verein hatte der Kölnische Kunstverein bei seiner Gründung auch ein Lied. Der Kölner Dichter Frank Hommes hat dieses auf eine Melodie von Schumann getextet. Es wurde zu Beginn der montäglichen Versammlung gemeinschaftlich von den Mitgliedern, aber auch zu vorgerückter Stunde von Künstlern in den Kneipen „aus voller Brust geschmettert“. Das Vereinslied, gesungen vom Seniorenchor „Dreiklang“ kann man sich in der Aufzeichnung des Vortrags anhören (26. Minute).

 

Am 12. März 1906 ereignete sich ein furchtbarer Zwischenfall. Der Kunstverein hatte gerade eine Ausstellung mit dem berühmten Landschaftsmaler Max Liebherr eröffnet, als der Künstler Karl Mahlau, fortgeschrittenen Alters, und vom Kunstbetrieb bislang wenig wahrgenommen, als Rachegott verkleidet versuchte, Liebherr und zwei Mitglieder zu erdolchen. Mit dem Ausruf „Ich halte das nicht mehr aus“ stach er zu, verletzte Liebherr jedoch nur leicht an der Hand. Aus der Irrenanstalt Lindenburg heraus, entstanden seine „Blätter gegen die Ungerechtigkeit“ von denen aktuell eines im Kölnischen Kunstverein hängt.

Ungerechtigkeit

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Foto: Simon Vogel

 

Von 1880 bis 1920 wurde jährlich eine Weihnachtskarte von einem dem Kunstverein zugewandten Künstler gestaltet, produziert und an die Mitglieder geschickt. Von den beliebten Sammlerstücken wurden drei Karten im Nachlass des Kölner Buchgestalters Heribert Hübner wieder gefunden. Die Karten von Dorothea Ensbrück, Max Frechen und Heinrich Schlüter sind in der Jugenstilabteilung des Museum für Angewandte Kunst ausgestellt.

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Foto: Simon Vogel

 

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Foto: Simon Vogel

 

Der Künstler Fritz Möckel, damals bekannt für seine kleinformatigen Tierskulpturen, wurde 1910 zu einer Ausstellung in den Kunstverein eingeladen. Er ließ ein Loch in die Außenwand des Kölnischen Kunstvereins bohren, durch das er mit Speck und Käse Mäuse anlockte. Möckel wohnte während der Ausstellungszeit im Kunstverein, zähmte und verkleidete die Mäuse mit Kostümen der Zeit. Zylinder, Gehröcke, Stöckchen. Die so verkleideten Mäuse entließ er wieder in die Stadt. „Für mich ist das einer der Vorläufer der Performance-Kunst und ich verstehe nicht, dass das damals nicht erkannt werden konnte.“ Möckels Skulptur ist im Museum Ludwig im Raum der Kölner Progressiven zu bestaunen.

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MÄUSEARTIKEL

 

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Die große Erschöpfung der Kölner Künstlerschaft: Ein ganzes Jahr lang war es keinem von ihnen möglich, sich zu einer künstlerischen Tätigkeit aufzuraffen. Lotte Mehring hat es geschafft, in dieser Zeit Tagebuch zu schreiben. Sie schildert ihr Leiden so: „Nicht mal die Hand kann ich heben. Verflucht sei diese Ermattung.“ Erst eine dicke Kuh, die ihr im Traum erscheint, gibt ihr wieder Kraft und sie verarbeitet das Erlebnis in einem Theaterstück. Diese Idee wird ihr jedoch später von einer anderen Künstlerin geklaut.

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Die laaange Ent – ein legendäres Künstlerfest, das im Kunstverein stattfand. In einer langen Kiste im Keller kamen Fundstücke des vergessenen Feiern zutage. Zu sehen sind die Einladungskarte und die frisch restaurierte „lange Ent“, die nach Entwürfen des Karikaturisten Hans R. Könsgen entstand. Könsgen gestaltete auch die Räume des Kunstvereins in eine riesige Phantasielandschaft um.

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Foto: Simon Vogel

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Claus Richter: Verse und Bilder, 2014: Broschur, 26 Seiten, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln

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Foto: Simon Vogel

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EInladungspostkarte



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