Artblog Cologne in Prag IV

Artblog Cologne in Prag IV


Was der Turner Prize für England ist der Jindřich Chalupecký Award für Tschechien. So lässt es sich auch die Prager Nationalgalerie nicht nehmen, die fünf Finalisten mit neuen Arbeiten in ihrem Haus zu präsentieren.

In diesem Jahr hat sich eine internationale Jury für Martin Kohout, Richard Loskot, Lucia Sceranková, Roman Štětina und Tereza Velíková ausgesprochen. Im obersten Stock des im Prager Funktionalstil erbauten Museums ist hierfür eine gelungene, temporäre Architektur eingerichtet worden, die dem schwerfällig wirkenden Gebäude viel Leichtigkeit verpasst. Drei Beiträge fallen hier besonders ins Auge:

Richard Loskots bühnenartige Situation aus Spiegeln, Kamerabildern und grünen Projektionsflächen, in der man sich zunächst im vermeintlich bekannten Ausstellungssetting bewegt, dort jedoch über einen nicht im Raum befindlichen Blumentopf oder Stuhl stolpert. Die Begegnung mit einer Projektion des Künstlers hinter einer weiteren Spiegelwand wirkt so echt, dass man geneigt ist, sich mit ihm zu unterhalten. Vergebens wartet man dann allerdings darauf, dass dieser hinter der nächsten Wand tatsächlich auftaucht, um das Spiel aus Täuschung und Interaktion perfekt zu machen.

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Richard Loskot, Colour is what is not, 2014

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Richard Loskot, Colour is what is not, 2014

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Richard Loskot, Colour is what is not, 2014

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Richard Loskot, Colour is what is not, 2014

Martin Kohouts gezwirbelte Metallkabel und Drahtstücke an Holzstücken erinnern an Hängematten und muten zugleich stachelig an. Die Wandobjekte haben teilweise Patina, sind unterschiedlich eingefärbt und verfolgen diverse abstrakte Formen. Überzeugend ist hier nicht nur das einzelne Objekt, sondern auch die Installation im Raum. Begleitet wird diese vom Sound der Videoarbeit „Free Mail“, in der Kohout mit seinem Mobiltelefon den Inhalt von Briefkästen abfilmt. Mit dem auf elektronische Post ausgerichteten Gerät als Spionagewerkzeug analoger Kommunikation setzt er der Diskussion um Sicherheit im Netz noch ironisch eines drauf.

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Martin Kohout, Dreadlocks, 2014

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Martin Kohout, Dreadlocks, 2014

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Martin Kohout, Dreadlocks, 2014

Von Roman Štětina ist in der Ausstellung lediglich ein Poster zu sehen. Es ist das Plakat zu seinem Film Ztracený případ (Lost Case), der während der Laufzeit im Kino präsentiert wird. Zwar geriet sein Zusammenschnitt von Szenen aus der Krimiserie Columbo recht lang, doch technisch gut gemacht, ist er dennoch ein unterhaltsame Schule des Sehens: Aus unzähligen Folgen der populären Serie von 1971 bis 2003 zeigt Štětina das immer gleiche Muster der Serie: der begriffsstutzig wirkende Columbo fährt mit einem antiquierten Peugeot vor, untersucht Dinge wie eine umgefallene Whisky Flasche, Lederschuhe oder einen Haken im Wind am Unfallort, um anhand dieser scheinbar nichtssagenden Details den Fall zu lösen. Štětina schneidet diese zusammengerafften Plots zu einem Film in Spielfilmlänge zusammen, in dem nicht eine Silbe gesprochen wird, die Musik dafür aber umso mehr Spannung erzeugt. Eine weitere Arbeit von Roman Štětina ist derzeit übrigens in der MeetFactory zu sehen: Plato’s Third Eye

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Roman Štětina, Ztracený případ (Lost Case), 2014 (Poster)

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Roman Štětina, Ztracený případ (Lost Case), 2014 (Still)

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Roman Štětina, Ztracený případ (Lost Case), 2014 (Still)

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Roman Štětina, Ztracený případ (Lost Case), 2014 (Still)

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Roman Štětina, Ztracený případ (Lost Case), 2014 (Still)

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Roman Štětina spricht mit dem Publikum über seinen Film

Über 40 Künstler bringt die Ausstellung „Who Is The Director?“ zusammen, um Möglichkeiten und Bedeutung der eigenen Verantwortung zu hinterfragen. Für die baufälligen Räume einer ehemaligen Diskothek in einer Mitten im Zentrum gelegenen Passage haben die Kuratoren Krištof Kintera und Denisa Václavová vor allem tschechische Künstler ausgewählt, das Thema mit persönlichen, politischen, historischen oder wissenschaftlichen Ansätzen und unterschiedlichsten Medien zu beleuchten. Die Schau hat einige starke Arbeiten zu bieten:

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Blick in den Palác U Stýblů

Im „Autokino“ von David Böhm (*1982) und Jiří Franta (*1978) sind Steine die Zuschauer von filmischen Episoden verschiedener Explosionen. Während die Leinwand von umherfliegenden Felsbrocken und Staub erfüllt ist, verharren die „Betrachter“ in ihrer Position.

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David Böhm + Jiří Franta, Autokino, 2014

In „You’ll Understand When You’re older“ Daniela Baráčková (*1981) schreibt Killerphrasen an die Kuhscheunen ihres Heimatortes, wie sie sie von ihrer Großmutter über den Kommunismus gehört hat: „Das Leben ist hart, Mädchen.“ „Was soll man tun.“ „Das Leben ist kein Rosengarten.“ „Wenigstens sind wir gesund.“

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Daniela Baráčková, To poznáš až budeš starší, 2005

Pavla Scerankovás über zwei Meter große, kubistisch anmutende Skulptur „Erste Frau“ aus Blech trägt einen Spind auf dem Rücken, wie er zum Aufbewahren von Arbeitskleidung verwendet wird.

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Pavla Sceranková, První žena (First Woman), 2013

Eine Gruppe von Mädchen mit blonden Haaren flüstert sich in Anetta Mona Chişa & Lucia Tkáčovás Video „The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex“ nach dem Prinzip der „Stillen Post“ nacheinander ein Geheimnis ins Ohr. Schon anhand der unterschiedlichen Länge der Erklärungen und der verschiedenen Reaktionen darauf wird deutlich, dass es sich um individuelle Interpretationen des Ausgangssatzes handelt.

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Anetta Mona Chişa & Lucia Tkáčová, The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex, 2010

In der letzten Woche präsentierte Artblog Cologne den in Köln lebenden Künstler Peter Schloss bei den Open Studios der MeetFactory. In seiner Ausstellung „You get sadder the smarter you get“ brachte Schloss zwei Arbeiten im Raum zusammen: Auf einem Stativ zeigte er zwei Videoansichten einer Maus, die permanent im Kreis läuft, umfällt und erneut um die eigene Achse rennt. Ein im Raum schwingendes Lot wurde von roten, grünen und blauen LEDs angestrahlt. Addieren sich diese drei Dioden normalerweise in einem gemeinsamen Gehäuse zu weißem Licht, waren sie in dieser luftig montierten Apparatur isoliert und projizierten das Metallstück mehrfarbig und, je nach Bewegung des Lots, in jeweils unterschiedlichem Winkel zueinander an die Wand.

Peter Schloss, You get sadder the smarter you get, Artblog Cologne at MeetFactory, Prague, 2014

Peter Schloss, You get sadder the smarter you get, Artblog Cologne at MeetFactory, Prague, 2014

Peter Schloss, You get sadder the smarter you get, Artblog Cologne at MeetFactory, Prague, 2014

Peter Schloss, You get sadder the smarter you get, Artblog Cologne at MeetFactory, Prague, 2014

Peter Schloss, You get sadder the smarter you get, Artblog Cologne at MeetFactory, Prague, 2014

Peter Schloss, You get sadder the smarter you get, Artblog Cologne at MeetFactory, Prague, 2014

Peter Schloss, You get sadder the smarter you get, Artblog Cologne at MeetFactory, Prague, 2014

Peter Schloss, You get sadder the smarter you get, Artblog Cologne at MeetFactory, Prague, 2014

Peter Schloss, You get sadder the smarter you get, Artblog Cologne at MeetFactory, Prague, 2014

Peter Schloss, You get sadder the smarter you get, Artblog Cologne at MeetFactory, Prague, 2014

Peter Schloss, You get sadder the smarter you get, Artblog Cologne at MeetFactory, Prague, 2014

Peter Schloss, You get sadder the smarter you get, Artblog Cologne at MeetFactory, Prague, 2014

Artblog Cologne bedankt sich ganz herzlich für eine erlebnisreiche Zeit in Prag und hofft auf ein baldiges Wiedersehen!

Artblog Cologne, Marion Ritter (Foto: Marcel van der Vlugt)

 

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