Facetten meiner Erkenntnis

Facetten meiner Erkenntnis


Julia Sprügel über die Fluxus Künstlerin Mary Bauermeister

„Hier ruht in Eile“ soll schon zu Lebzeiten auf ihrem Grabstein zu lesen sein. Die ständige Betriebsamkeit Mary Bauermeisters bringen diese Worte auf den Punkt, genauso wie den Gedanken, dass der Tod nicht unbedingt das Ende ist. Angetrieben von dem Drang, Zusammenhänge aufzuspüren, einen möglichst weiten Blick auf die Welt zu werfen und von dem Wunsch nach seelischer Erkenntnis – immer wieder auf „esoterischen Irrwegen“, wie sie selbst sagt, scheint die 79-Jährige ans Aufhören nicht zu denken.

In seiner großen Breite lebt und lagert das künstlerische Werk Mary Bauermeisters in ihrem Haus in Forsbach bei Köln. Einige ausgewählte Stücke – wie die Linsenkästen – sind in Museen untergebracht. (Jüngst kaufte die Bundesregierung zwei Objektkästen mit dem Titel „Tag in New York“, die aktuell in der Ausstellung „Nur hier“ in der Kunst- und Ausstellungshalle in Bonn zu sehen sind.) Trotzdem weiß die Kunstgeschichte nicht so recht, von welcher Seite sie Bauermeisters Werk fassen soll. Mit Museumsausstellungen war man bisher zurückhaltend: Eine kleine Werkschau zum 70igsten Geburtstag im Kölner Museum Ludwig, eine Ausstellung zu den Linsenkästen 2010 im Wilhelm-Hack-Museum und eine größere Retrospektive 2012 aus eher feministischer Sichtweise im Bonner Frauenmuseum.

Bauermeister gilt als „Netzwerkerin“ des Prä-Fluxus. Forschung und Medien sind besonders interessiert an den Veranstaltungen ab 1960 in Bauermeisters Kölner Lintgassen-Atelier rund um die Protagonisten der Zeit: George Macunias, John Cage, Nam June Paik, Joseph Beuys und andere. Genauso rücken immer wieder die Ehejahre mit dem Komponisten Karlheinz Stockhausen ab 1967 ins Blickfeld. Derzeit gelingt es einer kleinen aber sehr konzentrierten Schau im Leopold-Hoesch-Museum in Düren erstmals das Frühwerk der fünfziger Jahre angemessen zu präsentieren und damit viel über das eigenständige Werk Bauermeisters zu erzählen.

Hier zu sehen sind mehrere konstruktive Werkgruppen aus den Jahren um 1954, als die damals 20-jährige Mary Bauermeister an der Hochschule für Gestaltung in Ulm bei Max Bill studierte. Geometrische Formen, wie Spiralen oder Quadrate in gelb und lila, sind in berechenbaren Verhältnissen auf der Fläche angeordnet. „Ich hätte auch Mathematikerin werden können, oder Musikerin“, sagt Bauermeister heute. 1934 in Frankfurt am Main geboren, verließ sie das Gymnasium in Köln-Kalk ohne Abitur. Dass sie sich damals gegen ein Mathematikstudium entschied, so wie ihr Vater Wolf Bauermeister, Professor für Anthropologie und Genetik, es wollte, heißt nicht, dass sie sich die Mathematik nicht für ihre Arbeit zunutze machte.

Neben den Bildern hängen in Düren die Skizzen und Berechnungen, mit denen sie die Anordnung der Bildelemente nach dem Prinzip der Fibonacci-Folge oder des Goldenen Schnitts offenlegt. Mit dem Handwerkszeug der Mathematik, Prinzipien der Natur aufzuzeigen – ähnliches beschäftigte Bauermeister auch später, als sie dem Wachstum von Bergkristallen bei ihren Gartenbau-Projekten in den 1980er Jahren nachging. Diese Vorgehensweise belegt ihren Willen, das außerhalb des menschlichen Handlungsbereiches liegende mit einem Konstrukt, wie der Mathematik, zu erfassen. Breiten und Höhenverhältnisse, genauso wie die Farbgebung folgen in der konstruktiven Reihe mathematischen Prinzipien. Bei dem Komponieren des Bildraums streift Baumeister die Vorstellung von einer Annäherung an die Unendlichkeit – ein Grundgedanke, der sich in ähnlicher Weise auch in einer Geschichte widerspiegelt, die Bauermeister gerne erzählt: Sie habe versucht, sich eine Farbe vorzustellen, die es eigentlich nicht gibt. Allein dieser Gedanke habe sie in Euphorie versetzt.

Um Unendlichkeit, Zeit, Licht, Wachstum, Farbe oder Energie zu beschreiben, sucht Bauermeister nach universellen Prinzipien nicht nur in den Naturwissenschaften, sondern auch in der Musik und in anderen Bereichen. Ein Festlegen auf nur eine Disziplin kam nie in Frage. In einem Brief an ihren Zeichenlehrer Günther Ott von 1955 heißt es im Bezug auf die Ulmer Werkschule: „In die engere Wahl für Kunstwerke kommt überhaupt nur Konstruiertes, mathematisch-“beweisbares“, viereckiges. (…) Und dieser Grundgedanke unterliegt allem hier. Wahrscheinlich entstanden aus einer Verzweiflung über die menschlichen Grenzen“. Kurz darauf schrieb Bauermeister sich 1955 an der Staatlichen Schule für Kunst und Handwerk in Saarbrücken bei Otto Steinert ein.

Um 1959 entstehen die malerischen Konzeptionen, die auch in Düren zu sehen sind. Fein gepunktet, in schwarz und weiß, wirkt die Serie der Magnetbilder auf den ersten Blick den Drippings Jackson Pollocks nicht unähnlich. Das zugrunde liegende Prinzip ist jedoch ein völlig anderes: die präzise gemalten Pünktchen lassen sich auf durch die variablen Bildträgern zu verschiedenen Kompositionen zusammen bauen – ohne dabei eine Ausgewogenheit der Elemente zueinander einzubüßen. So versucht Bauermeister die Möglichkeiten serieller Malerei zu beschreiben. Karlheinz Stockhausen schildert hierzu in einem Text für Bauermeisters Ausstellung im Amsterdamer Stedelijk-Museum 1962 die Vorgänge bei einem Kompositionskurs in Darmstadt: „Sie (Bauermeister) zeigte zum Erstaunen der Komponisten, daß in ihren Arbeiten die gleichen kompositorischen Probleme, die für die gegenwärtigen musikalische Komposition maßgebend sind, zu neuen optischen Erfindungen und Entdeckungen führen.“ Gemeint ist die Übertragung der Kompositionstechnik der seriellen Musik auf die bildende Kunst – und andersrum.

Im vergangenen Sommer folgten einige Studenten des Kunsthistorischen Instituts der Universität zu Köln einer Einladung in das Haus nach Forsbach, um einen Teil des Baumermeisterschen Archiv-Konvoluts zu sichten. Etwa 10 bis 15 Prozent wurden für das Zentralarchiv des Internationalen Kunsthandels digitalisiert. Dabei stießen die Initiatoren der Ausstellung, Hanna Fink und Hauke Ohls, auf die bisher weniger beachteten Werke der fünfziger Jahre, die sie jetzt in Düren zeigen. Wer einmal das Vergnügen hatte, mit Mary Bauermeister durch ihren Garten zu streifen und dabei ihre Geschichten zu hören, dem fällt der eigentlich so untrennbare Zusammenhang zwischen Werk und Leben sofort auf. Doch die Dürener Ausstellung zeigt auch: Das konzentrierte Herauslösen einzelner Werkgruppen aus dem betriebsamen Mikro-Kosmos in Forsbach, bringt einem das künstlerische Werk Bauermeisters auf ganz andere Art ein Stück weit näher.



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