Eine kurze Geschichte der Menschheit

Eine kurze Geschichte der Menschheit


Oliver Tepel über „Eine kurze Geschichte der Menschheit. 100.000 Jahre Kulturgeschichte“ in der Bundeskunsthalle, Bonn, bis 26.3.2017

Eine große kleine Geschichte. 528 Seiten zählt die deutsche Ausgabe des überaus erfolgreichen Buchs des Universalhistorikers Yuval Noah Harari. Der Deutschlandfunk attestiert ihm „Coolness“ und tatsächlich vermag er es, eine sachliche Beschreibung mit originellen und zugleich griffigen Bildern anzureichern. Nur war es nicht Hararis Ziel, den aktuellen Stand des Wissens über die Entwicklung der Menschheit auf ein gut lesebares Werk zu verdichten, so populär sein Buch scheinen mag, beinhaltet es zugleich Neues. Wie das, wo es schon so genug zu erzählen gäb?

Harari bedient sich beider Strategien, die helfen, eine neue Perspektive zu gewinnen: er variiert die Distanz zum Objekt der Betrachtung und er wechselt den Blickwinkel. Wäre das keine Herausforderung für eine Ausstellung?

Das Israel Museum in Jerusalem stellte sich dieser Aufgabe, deren Umsetzung nun unter dem Buchtitel „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ in der Bundeskunsthalle zu sehen ist. Tatsächlich scheint die Visualisierung auch ein potenzielles Mittel der Perspektivveränderung. Dabei wurden einige, paläontologische und archäologische Fundstücke mit Werken aktueller Kunst in, gerne sagt man, „Dialog“ gebracht.

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Ausstellungsansicht, Foto: Zirka Jansch © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Einmal wird dieser Dialog spürbar. Marc Wallingers „Ecce Homo“, ein kräftiger, kahlköpfiger, bartloser Mann, nackt, bis auf einen Lendenschurz und eine Dornenkrohne aus vergoldetem Draht steht inmitten eines kreisrunden Raums, erst beim Umschreiten der Plastik bemerkt man die auf dem Rücken gefesselten Arme. Leicht gebeugt wirkt er, trotz aufrechter Haltung. Aus beleuchteten Fenstern in der Raumwand blicken ihn Figuren von Göttern und Heiligen verschiedener Religionen an. Haben sie Mitleid mit dem Gepeinigten? Ist Ihnen Triumph anzusehen? Nein, sie sind für sich. Meist wirklich in sich gekehrt, berichten sie in ihrer Gesamtheit allein von der Kraft des Glaubens – für die Einen Beweis des Göttlichen, für die Anderen Ausdruck menschlicher Verlorenheit. Schrieb ich „spürbar“? – Tatsächlich, der Raum ist angefüllt mit Präsenz, stummer Präsenz.

Hörbar ist allein der Wettstreit der vielen audiovisuellen Kunstwerke, welche der zurückhaltend gestalteten Ausstellung doch eine gewisse Unruhe verleihen. Neben erläuternden Wandtexten finden sich stets Zitate aus Hararis Buch, die ihn leider zu Unrecht mitunter wie einen Sprücheklopfer erscheinen lassen. Insbesondere dort, wo die angebotenen neuen Perspektiven nicht wirklich funktionieren: „Das Feuer eröffnete dem Menschen unzählige neue Regale im Supermarkt der Natur“, läßt mich eher sinnieren, ob ich je der Eröffnung eines neuen Regals in einem Supermarkt beigewohnt habe.

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Ausstellungsansicht, Foto: Zirka Jansch © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Einmal gelingt es den Exponaten wirklich gewohnte Perspektiven zu verunsichern. Es ist der Raum, welcher sich dem Neandertaler widmet. Man hat für die übliche Präsentation der Schädel von Homo Sapiens und Neandertaler den eines älteren Homo Sapiens ausgewählt. Nicht nur sein Grau läßt ihn genüber dem knochenfarbigen Neandertaler-Schädel inferior wirken, ist der doch auch noch kleiner und, ein sehr kluger, subtiler Zug, links, also in Leserichtung vor dem Neandertaler platziert. Entsprechend dauert es einen Moment, bis man sich selber der richtigen Schädelform zugeordnet hat. Hier dockt nun das im Austellungskontext überzeugendste Video an: „Kabara“ von Lior Waterman. Eine genetische Untersuchung belegt zufällig, daß der Protagonist des Videos Neandertaler ist. Während einer, den Neandertaler diskreditierenden Museumsführung identifiziert er sich mit seiner genetischen Herkunft und verteidigt seine Spezies. Ein soziales Rührstück, mag man vermuten, bis das Video im Stil von Joe Dantes „Meine teuflischen Nachbarn“ eine zweite Wendung nimmt, denn allen alten Klischees über den Neandertaler entsprechend verliert der Protagonist die Contenance, am Ende muss er sich verstecken, wie vielleicht seine letzten Vorfahren einst.

Dieser Raum ist besonders interessant, Funde aus der Kebara Höhle in Israel wiesen in den 60ern erstmals die Sprachfähigkeit des Neandertaler nach, Vergleiche der Bestattungspraktiken in dieser Höhle mit jenen aus der vom Homo Sapiens bewohnten Qafzeh Höhle zeigten, daß beide Gruppen die selbe Kultur haben konnten, was weit eher für einen Austausch sprach, als für die Verdrängungshypothese, welche durch die etwas spekulative, aus Mutationsraten errechnete „Genetische Uhr“ ab 1987 von Seiten der frühen Archäo-Genetik enorm gestärkt wurde. Doch die Funde aus Israel boten ein anderes Bild, welches zum Teil absichtlich ignoriert wurde. Erst der nun unmittelbare Nachweis von circa 4% Neandertaler DNA in unseren Genen liess die Höhlenfunde wieder deutlicher wissenschaftliche Realität werden (Harari vermutet in seinem Buch übrigens ein „Sowohl als auch“ zwischen Austausch und Verdrängung).

So berichtet dieser Raum sehr viel über unsere Konstruktion von Realität, ja nicht zuletzt auch vom brisanten Hintergrunrauschen der politischen Interpretationen wissenschaftlicher Befunde.

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Ausstellungsansicht, Foto: Zirka Jansch © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Doch nicht, wie man annehmen mag, die Schrift ist für Yuval Noah Harari Auslöser all dieses kulturellen Schlamassels oder, etwas weniger flapsig, sowohl der wissenschaftlichen Perspektive, wie auch der großen Politik und der sie begleitenden Kriege und Geschichtsschreibungen, sondern der Weizen, der in seinen Worten „den Menschen zähmte“. Diese Perspektive ist wirklich neu, die neolithische Revolution des Getreideanbaus und der damit verbundenen Sesshaftwerdung als Desaster zu beschreiben. Die schlechtere Ernährung aussen vor, wird der Mensch ab nun von Zukunftsangst geplagt. Zudem steigert sich seine Zahl enorm, bald wird er auf der ganzen Welt Raum beanspruchen und andere Tiere ausrotten.

Die Auswahl der Kunst ist interessant, selten sieht man so viele klare und eindeutige Kommentare nebeneinander, dies mag auch der Ausrichtung auf audiovisuelle Medien geschuldet sein, aber vielleicht auch einer grundsätzlichen Perspektive der Kuratoren des Israel Museums, welche die Vermittlungsabsicht von Kunst ernst nimmt. Wenig Werke schweben im Irgendwie, welches sich auf den Respekt oder das Wohlwollen der Interpretatoren verlässt. Hier zeigt aktuelle Kunst ihre Möglichkeiten, wie auch Begrenzungen, vor allem jene, der vorhersehbaren Gesellschaftskritik. Dagegen wirkt Yuval Noah Hararis Buch weit origineller.

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Ausstellungsansicht, Foto: Zirka Jansch © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Doch es bleibt ein Buch, selbst wenn sein Seiten vernehmlich rascheln, je weiter man in der Ausstellung fortschreitet. Rezensenten waren mitunter entsetzt, wie unsentimental die „Kurze Geschichte der Menschheit“ auch schon von deren Ende kündet. Nein nicht im nuklearen Desaster, welches durchaus thematisiert wird, auch nicht entlang der Vorhersagen des Club of Rome, sondern in einer Cyborg Zukunft. Die aus Elektroschrott hervorgehenden technoiden Insekten in Floris Kaayks „The order electrus“ deuten an, daß die Evolution den Menschen dabei auch wieder überholen kann. Wobei Harari eh nichts anderes tut, als die Idee von der Krönung der Schöpfung zu dekonstruieren. – Oh, nun also ein Spruch von mir! Meine These mag dabei einen Schritt zu weit weg sein vom Buch und der so gewonnenen Übersicht eine zu große Vereinfachung an die Seite zu stellen. Manchmal hat man in de Ausstellung den selben Eindruck. Dennoch oder gerade deswegen mag der Besuch der Ausstellung zur Lektüre animieren. Der elegante, zugleich mühselige Sensenkreis von Efrat Natan, die möglicherweise 4000 Jahre alte piktografische Tafel aus Uruk, Absalons bald schon legendäres minimalistisches Wohnhaus Projekt oder das bereits auf einer Documenta gezeigte Video von Adrian Paci mögen jenen, die das Buch kennen, wiederum Anlass genug für den Weg in die Bundeskunsthalle sein. Vielleicht illuminiert Yuval Noah Harari, gleich den ernsten Arbeitern in Adrian Pacis Video, auf eine so feierliche, wie unsentimentale Weise für ein paar Momente das Dunkel, welches uns umgibt.

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