Eine Gesellschaft als Treppenhaus

Eine Gesellschaft als Treppenhaus


Oliver Tepel über „Fragmente der Moderne – Karl Hugo Schmölz zum 100. Geburtstag“ bei van der Grinten Galerie, Köln, bis 13.4.17

Die just vergangenen Tage des Karnevals erinnern an das rheinische Vermögen, jegliches Tun und Schaffen in einen großen Kölner Mythos zu überführen. Selbst die jeglichem bunten Trubel so abholden Architekturphotographien Karl Hugo Schmölz‘ zeigen dann irgendwann nicht mehr eine spezifische Zeit, einen spezifischen Stil, sondern Kölsche Interieurs. So fanden sie ihren Eingang in diverse Publikationen zur jüngeren Stadtgeschichte. Dabei pochen die präzisen wie eleganten Türen, Gänge, Treppenabsetze, ja gar die Schreibtischlampen auf das Hochdeutsche, sagen wenn, dann deutlich „kölnische“ Interieurs und tragen dabei das „l“ auf der Zungenspitze, statt es im rheinischen Duktus mit der Zungenfläche an den Gaumen zu kleben. Akkuratesse heißt ein unausgesprochenes Leitmotiv all seiner Arbeiten. Und doch scheinen sie in ihrer zeitgenössischen und tendenziell auch regionalen Verankerung mehr eingebunden, als frei. Der Dokumentar wird zum Chronisten, da mag man seinen Aufnahmen aus dem zerbombten Köln noch so viel Distanziertheit zusprechen, er war es, der Vorkriegsmoderne und viele Baudenkmäler vor dem Krieg aufnahm und dessen Motive dann Zerstörung und Wiederaufbau wurden, nichts davon konnte er ahnen, als er in den 20ern ins väterliche Photostudio einstieg.

Karl Hugo Schmölz, Mantelhaus Goertz, 1956, Archiv-Nr. 19250-4, Vintage Silver Gelatine Print, 22,5 x 16,5 cm, Copyright Archiv Wim Cox, Courtesy Van der Grinten Galerie, Köln

Dass seine Werke nun in einer Galerie gezeigt werden, verrät, wie viele Ebenen sich hinter der Distanz finden lassen. Dabei prägte der kritische, zugleich der urbanen Moderne aufgeschlossene Blick der Vorkriegszeit Schmölz‘ Arbeit auch in den 50ern durch und durch, daran besteht kein Zweifel. Doch zeigt die Ausstellung in der Galerie van der Grinten anlässlich Karl Hugo Schmölz anstehendem 100. Geburtstags vor allem einen Meister der Inszenierung.
Ich könnte mir vorstellen, dass Schmölz diese Perspektive auf sein Werk gar nicht begrüßen würde. Wahrscheinlich hat er eben alles darauf angelegt, die individuelle Sprache aus dem Bild zu nehmen um sachlich die Eleganz und verheißungsvolle Offenheit der neuen Architektur festzuhalten. Doch ausgerechnet ein Werbebild mit Sechskantkopfschrauben entlarvt ihn: Ein Paradebeispiel der Abstraktion, zwischen surrealistischem Experiment und Informel, Bewegung, ja Gewimmel gar, welches zugleich in einem ewigen Zustand der Entropie verharrt. Es ist von hier aus ein Leichtes, die abstrakten Konstruktionsmerkmale seiner Werke zu erkunden.

Karl Hugo Schmölz, Glanzstoff Wuppertal, Vintage Silver Gelatine Print, 1956, Arch. Nr. 19248-2, 16,5 x 22cm, Copyright Archiv Wim Cox, Courtesy Van der Grinten Galerie, Köln

Man vollzieht wortwörtlich einen Schritt von Außen nach Innen. Hier die klaren, in ihren Proportionen angenehmen, feingliederigen Bauten des Wirtschaftswunders, welche die florierenden Güter ihrer Zeit hinter wundervoll großflächigen Fensterfronten feilboten. Dort die geschwungenen Linien der Treppenläufe, keinesfalls einem idealen Masse folgend, sondern manieristisch verworren, wie ein Echo der exzentrischeren Manifestationen des Biedermeiers oder gar des Jugendstils. Innere Freiheit vielleicht, die in den dramatischen Perspektiven Schmölz‘ aber nie harmonische Strukturen offenbart, sondern spitze Winkel oder jene Unruhe, welche die Eleganz vor der Behäbigkeit der Langeweile rettet.
Erst in der Kleinkind- oder Schäferhund-Perspektive erscheinen die nun akzentuieren Streben und parallelen Linien der Wandverkleidung wie eine geordnete Wiederkehr des Gewimmels auf seinem Schraubenbild. Man stellt sich vor, wie jeder seinen Platz hatte und vernimmt die Stille der Treppenhäuser zwischen den Pausen. Sein Beharren auf der Plattentechnik der Architekturphotographie unterstützt dieses Menschenbild, dort, wo diese in den Bildraum geraten. Ordnung und Kontemplation regieren im Büro in dem man das Knistern des Papiers und das Kratzen der Feder auf dem Papier hören kann. Nein, dies ist nicht „Mad Men“. Strenge und Überwachung herrschen in der Registratur der Kreissparkasse und es wird klar, wer hier wen überwacht: die Dokumente den Menschen. Fast dramatisch der Moment aus Anspannung und Scham, den er im Flur des Arbeitsamtes Hannover einfängt. Aber nein, falsch, diese Dynamik kann er nicht gar nicht mit der Plattenkamera so eben einfangen: diese Bilder sind durch und durch konstruiert, auch ihre, fast wie Sittengemälde erscheinenden Szenerien. Was der digitalen Kamera nicht auffallen könnte, kommt hier zur Geltung, die Holzmaserung der Tür, welche eine Ernsthaftigkeit repräsentiert, die, wenn auch mit gleichen architektonischen Mitteln geschaffen, doch als Antidote der Fensterfronten erscheint: Hinter diesen Türen endet jede Leichtigkeit.

Karl Hugo Schmölz, Dickerhoff, Bochum, Blick auf Treppen, 1954,Arch. Nr. 17526-12, 22,8 x 16,8, Copyright Archiv Wim Cox, Courtesy Van der Grinten Galerie, Köln

Karl Hugo Schmölz, Blick durch Türe auf Aufzüge, 1954, Arch. Nr. 17650 4, Vintage print, 22,5 x 16,5 cm, Copyright Archiv Wim Cox, Courtesy Van der Grinten Galerie, Köln

So wurde Karl Hugo Schmölz auch zum Künstler der gebrochenen Strukturen, der Freiheit, die erstarrt, um nicht beklommen über die Schulter zurückzublicken. Die Dynamik der Treppenhäuser, die schwebende, fast seancengleiche Leichtigkeit eines Vorhangs (die einzufangen offenbar eine Abkehr von der Ordnung der parallelen Linien erforderte – ein ästhetischer Schock!), sie alle wirken wie die kleinen Geheimnisse, die Innenansichten der Menschen, die ihre Arbeit verrichteten. Mattes, aber in all der Ordnung stets dramatisches Leuchten oder minimale Variationen, denen man minutenlang nachhängt prägen zudem diesen neuen Blick auf Karl Hugo Schmölz, ein Blick, den die klassizistische Ausstattung der neuen Räume der Galerie van der Grinten in der Gertrudenstraße durchaus begünstigt: ein Privatmuseum.

Karl Hugo Schmölz, Arbeitsamt, Hannover, Flur im großen Anbau, mit Pers., 1951, Arch. Nr. 15434-34, 22 x 15,7 cm, Copyright Archiv Wim Cox, Courtesy Van der Grinten Galerie, Köln

Erwähnte ich die Spuren des ausgekehrten Zuckers in der Säulenhalle des Lagersilos, wo sie wie der zarte Schaum jener Wellen erscheint, die bei beginnender Flut vom noch nicht ganz getrockneten Sand erneut Besitz ergreifen, aber noch in scheuer Transparenz zurückweichen? Oder die nicht weniger sonderbaren Lebensäußerungen der Schaufensterpuppen im Mantelhaus Goertz, wie sie sich sträuben und schämen vor dem Blick der Kamera. Ihr „Nein“ hallt ganz leise durch fast alle Bilder, eine stille Verweigerung, die Schmölz‘ selber gegenüber den neuen Aufnahmetechniken empfand. Hier wird diese Verweigerung zu einer Symphonie aus Licht und Linie.

 

Artikelbild: Karl Hugo Schmölz, Krahnen, B&S, Verbus Schrauben, durcheinander, Arch. Nr. 15878, 22 x 16,8 cm, Copyright Archiv Wim Cox, Courtesy Van der Grinten Galerie, Köln

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