Die Gesellschaft der Singularitäten

Die Gesellschaft der Singularitäten


Auf der Suche nach dem Allgemeinen im Besonderen – Andreas Richartz über die Neuerscheinung „Die Gesellschaft der Singularitäten“ von Andreas Reckwitz

Wenn ein deutscher Soziologe ein Buch schreibt, auf dessen Vorderseite der Begriff der Gesellschaft purzelt, heißt es Obacht haben, heißt es unseres Godfathers of Systemtheorie huldigen, wenigstens kurz innehalten und seiner gedenken. Unmöglich, sich vorzustellen, dass Reckwitz dies nicht intendiert hat. Denn bereits durch die Wahl des Buchtitels darf vorausgesetzt werden, dass nahezu jeder gesellschaftswissenschaftlich gebriefte Adressat seines Buches zuallererst an Luhmann denken wird. Allein damit hat Reckwitz im Hinblick auf sein um wissenschaftliche Anerkennung buhlendes Singularitäts-Programm die erste Aufmerksamkeits-Hürde mit Hilfe eines clever gesetzten symbolischen Anschlusses an eine Linie von Großautoren genommen, die nichts Geringeres als eine universal gültige Beschreibung der strukturellen Verfasstheit unserer Gesellschaft im Sinn hatten. In der Folge allerdings verweigert Reckwitz Luhmann seine Beachtung, ohne dessen Interventionen vorher in einen kritischen Disput zu involvieren. Mehr Anerkennungsverweigerung geht kaum. Sytemtheoretische Lesarten wird man in Reckwitz neuem Buch darum vergeblich suchen. Im Gegenteil, Luhmanns „Super-Theorie“ wird mit dem Hinweis auf ihre Nichteignung, unsere spätmoderne Gesellschaft angemessen zu beschreiben und auf ihre fehlende internationale Diskurs-Reputation hin, früh ins Bett gebracht.

Dennoch ist es zunächst der Titel, der eine nähere Betrachtung verdient, denn schon in ihm liegt der gesamte spätere Hund begraben: Die Stellung der beiden in ihm vorherrschenden Substantiva macht das Programm des Soziologen Andreas Reckwitz eindeutig; sie ist nicht umkehr- oder divers interpretierbar. Reckwitz nennt sein neues Buch „Die Gesellschaft der Singularitäten“ und eben nicht „Die Singularitäten unserer Gesellschaft“. Damit macht er die Prämisse seiner Thesenführung unmißverständlich: Reckwitz untersucht Singularisierung nicht als ein marginales Phänomen innerhalb unserer Gesellschaft. Im Gegenteil: Indem er dem Begriff der Gesellschaft das in den Plural gesetzte Substantiv nachstellt, konstatiert er, dass die Maschine namens Singularisierung – im Sinne eines immer subtiler Singularität ausdiffererenzierenden Subjekt-Vollzugs-Systems – als eine längst in unserer gesellschaftlichen Mitte angekommene zu betrachten ist.

Worum es knapp 500 Seiten lang geht, ist – wenngleich nicht schnell erarbeitet – dennoch schnell erzählt: Reckwitz sieht einen gesellschaftlichen Strukturwandel sich vollzogen haben, der die Moderne mit ihren industriell-funktionalen Normativen hinter sich lässt und unsere Gesellschaft der Spätmoderne als eine solche ausweist, die die Kulturalisierung von Orten, Zeiten, Dingen und Subjekten (incl. deren Verhalten) im Hinblick auf ihre jeweiligen Besonderheiten in den Fokus nimmt. Doch schon wenn Reckwitz auf der allersten Seite seines Buches ausgerechnet Apple und sein „ganzes attraktives und einzigartiges Environment, das der Nutzer gegen nichts anderes eintauschen würde“ (S. 7) als einleitendes Beispiel heranzieht, möchte man schon nach diesen wenigen Zeilen dagegen halten, dass es sich bei der Präferenz von singulärer Einzigartigkeit um jeden Preis nur um einen faulen industriellen Zauber handeln kann, der das Ausbeutungs-Subjekt in Trab und Stress halten soll beim alltäglichen Abgleich im Kampf um kulturelle und lebensweltliche Distinktion. Denn: WAS bitteschön soll an einem rundumfänglich digitechnischen Environment von Apple „einzigartig“ sein?!?!

Was den Geltungsanspruch seiner Theorie betrifft geht Reckwitz sehr weit und behauptet, dass diese Maschine durch eine global operierende Umstellung auf eine kulturale Ökonomie konstituiert wird. Das ist natürlich bereits auf den ersten Blick unhaltbar, wenn man z. B. eine chinesische Gesellschafts-Apparatur ins Feld führt, die das je Besondere einer individuellen Selbstverwirklichung im Grunde verachtet, wie der Teufel das Weihwasser. Oder wenn man einen Blick auf den afrikanischen Kontinent wirft, der vielfältigste kulturelle Eigenarten aufweisen mag, aber sicher kein gleichlautendes Äquivalent für Begriffe wie den einer flächendeckenden sozialen Logik der Singularisierung. Diese Maschine bestimmt und lenkt – vielleicht – den strukturellen Master-Ablaufplan unserer, der nordamerikanischen und einer weiteren Handvoll von Gesellschaften, die Unterstellung einer universalen Gültigkeit des von Reckwitz diagnostizierten Strukturwandels indes gerät schon nach wenigen Zeilen einige Nummern zu gewichtig.

Den Ausgangspunkt bildet im ersten – historischen – Kapitel die Schilderung der Etablierung und Kampfes zweier Formen moderner, sozialer Vergesellschaftungs-Logiken um die strukturelle Realisierungs-Hoheit ihrer Entwürfe: Der sozialen Logik des Allgemeinen (Fordisierung, Normativierung, Organisation), wie sie die industrielle Moderne prägte, steht zunehmend stark die soziale Logik des Besonderen, eine Kulturalisierung des Subjekts zum Kurator seines Lebens gegenüber. Diese extreme Form der Singularisierung hat nahezu alle Lebensräume des Menschen erfasst, hat also als Sieger den Ring verlassen. Und das ist die zweite Crux des Reckwitzchen Theorie-Entwurfs. Aus zwei zunächst konkurrierenden Systemen zimmert Reckwitz im Verlauf des Buches eine Art symbiotische Dichotomie, wenn er wieder und wieder betont, dass die Inthronisierung der Gesellschaft der Singularitäten der weiterhin im Hintergrund ablaufenden infrastrukturellen Maßgaben einer gesellschaftlichen Struktur bedürfe, die dereinst das Allgemeingültige bevorzugte.

Aber was heißt das eigentlich und stimmt das überhaupt alles? Ist das nicht vielmehr ein arg starker Soziologen-Tobak, der seine Widersprüche von der ersten Seite an nicht mehr loswird und darum mitschleppt? Und der nicht über eine Handvoll wenig frischer narrativer Zutaten hinauskommt? Dabei ist es nicht nur die Länge des Buches, die einen Atem vortäuscht, den es gar nicht haben kann und die nebenbei ein wortreich-ermüdendes und andauerndes „noch-einmal-anders-ausgedrückt“ transportiert. Es ist auch ein in jeder Hinsicht fehlender kulturkritischer Gestus, dessen Fehlen noch potenziert erscheint durch die von Reckwitz zuweilen überspannt affirmierte Global-Hipster-Verkaufs-Sprache. Leider kann man sich Andreas Reckwitz damit regelrecht in Seminaren für die Vorständler von Amazon oder Google vorstellen. Dass seine unwidersprochen als richtig und treffend zu bezeichnenden Beschreibungen unseres gesellschaftlichen state of mind ihn nicht inspirieren, tiefer danach zu fragen, ob eben jener von ihm konstatierte Strukturwandel, mithin einer Krise des Politischen, nicht das letzte Aufbäumen eines nach allerletzten Ressourcen fragenden Kapitalismus ist, der eben jene Gesellschaften, die diesen Strukturwandel bereits vollzogen haben (und andere) in den Untergang reißen wird, enttäuscht. Ebenso, dass er einzelnen Begriffen wie dem des Götzen „Authentiziät“ nicht viel näher im Hinblick auf ihren unterstellten, subjekttheoretisch allerdings weitgehend unhaltbaren Gehalt zu Leibe rückt. Das Konzept der „Authentizität“, das kritisch betrachtet als ein weiterer Modus der Selbstdarstellung gewertet werden könnte, welches eben Verschleierung und nicht Aufrichtigkeit zum Ziel hat, wäre eine Steilvorlage für eine tendenziell kritische Haltung gewesen. Reckwitz schlägt allerdings jede kritische Autorendynamik aus, er will im Elfenbeinturm der Soziologie ankommen, da, wo Luhmann schon die gleichen Fehler beging, indem er das System als deterministische Subjekt-Kategorie ohne jede Kritik an den Kommunikationen der Systeme einführte und den Menschen dabei vergaß.

Doch Paradoxie-Geständnisse in den Gesellschaftswissenschaften sind auch hip und narrative Cluster-Mosaiken spiegeln eine ansonsten ungenießbar erscheinende quantitative Forschung als nicht sehr neue Kunst der Großerzählung. Darum (und nicht dennoch) hat Reckwitz es mit seinem Text nicht nur auf die Short-List für den bayrischen Buchpreis 2017 geschafft, sondern diesen in der Kategorie Sachbuch soeben gewonnen.

Und ja, das Buch trumpft durchaus auf der Ebene szientistischer Fleißkärtchen-Ansammlungen gelungen auf. Es ist zum Teil beeindruckend gewoben, es enthält Beschreibungen, die großartig sind und es verschafft dem geneigten Leser, was man einen Theorie-Genuss nennen könnte. Doch immer wieder erscheinen Reckwitz Begriffs-Bemühungen wie sehr erwachsen gewordene Kinder, die neue Namen von ihm erhalten: Wenn er z.B. von „Bewertungskonflikten“ zwischen den Abgehängten einer von ihm ausgemachten „neuen Unterklasse“ und den mit kulturellem Kapital reich gesegneten kosmopolitischen Mittelstands-Gewinnern spricht, erinnert sich der ein oder andere (ebenso reichlich mit kulturellem Kapital ausgestattete) Leser an die gegenseitigen Anerkennungs-Verweigerungen zwischen Intellektuellen und Proletariern, die so alt sind wie es diese gesellschaftlichen Gruppen sind. Oder an Bourdieus „Kampf um Distinktion“ und das Habitus-Konzept in dessen wahrlich großer Studie „Die feinen Unterschiede“. Wie Bourdieu knüpft Reckwitz noch einmal an den Klassenbegriff an, geht also einen Schritt zurück zu einer überwunden geglaubten Begriffsbildung und transponiert sie in sein Konzept neuer kultureller Klassen. Das wirkt ein wenig so, als wolle man die Abhängigkeiten verschieben, die Definitionsgrundlagen neu sortieren. Die „neue Unterklasse“ entwirft Reckwitz so, als sei sie erst durch den singularistisch-kulturalen Strukturwandel besonders beleidigt und nicht etwa durch die Tatsache, dass sie durch die Demütigungen z.B. des Hartz-IV-Systems permanent an ihre Minderwertigkeit erinnert wird. Übrigens räumt er der Beschreibung eben dieser „Abgehängten“ mit ihrem Hang zu populistischen Kultur-Essentialismen und neo-gemeinschaftlichen Identitäts-Bünden den geringsten Raum ein, dabei sollte es innerhalb seines Entwurfs doch insbesondere um die Verantwortung einer Befriedung eben jener Gruppen gehen. Doch nichts dergleichen geschieht in diesem Buch. Reckwitz beschreibt lieber auf vielfach repetitive Weise die neue singularistische Mittelklasse wieder und wieder, bis auch der unaufmerksamste Leser ahnt: Reckwitz kennt sich mit ihr am besten aus, weil er ihr entstammt. Bei ihm erscheinen alle akademisierten Subjekte mit einem irgend gearteten kulturellen Berufshintergrund als Gewinner der Stunde. Was für ein Unsinn! Als habe dieser Mann noch nie von den Massen arbeitsloser Künstler, Musiker, Schauspieler und anderer Wettbewerber im Kreativ-Feld unserer Gesellschaft gehört, vor allem, als sei ihm die Bedeutung des Wortes Bildungs-Prekariat gänzlich unbekannt. Insgesamt herrscht der Eindruck vor: Reckwitz bleibt erstaunlich gelassen angesichts seiner Diagnosen. Denn was da an neuem Kultur-Klassen-Kampf angeblich nicht nur vor der Türe steht, sondern bereits im Wohnzimmer, Badezimmer und auf der Kommode Platz genommen haben soll, scheint ja alternativ- und ausweglos. Ähnliche diagnostische Fälle mit einem weitaus kritischeren Impetus fallen einem ein: Byung Chul Han: „Die Müdigkeitsgesellschaft“. Aber der ist ja auch Philosoph. Oder vor fast 20 Jahren Bernd Guggenbergers fulminantes „Sein oder Design“, eine bereits damals deutliche Klatsche an unsere vermeintlich freiheitlichen Lebensstile voller Kultur und Tralala.

Doch trotz vieler möglicher Einwände: Mit Reckwitz wird noch einmal anders und doch auch schon wieder traurig klar: Die Maschine sind wir. Reckwitz Verkündigung eines neuen strukturellen Paradigmas, eines gesamtgesellschaftlichen Strukturwandels von einem industriell-technokratisch-rationalistischen „doing generality“ (zur Konstituierung allgemein verbindlicher Funktionsweisen und Normative) hin zu einem – Achtung, noch einmal Paradoxie-Verdacht – generalisierenden Entwurf eines je und je besonderen, singulären Subjekts, dessen Kerngeschäft sein Selbst ist: Das sind wir alle. Und die Kulturalisierung unserer kapitalistischen Gesellschaftssysteme ist nicht einfach nur im Gange, nach Reckwitz ist sie unaufhaltbar in Fahrt gekommen.

Und am Ende? Da gibt es ein klitzekleines Kapitel, das sich „Die Krise des Allgemeinen“ nennt. Es endet, wie der ganze Text gebaut ist. Nach einem halben Vorpreschen folgt eine Viertel-Zurücknahme, dann wieder ein halbes Vorpreschen. Zum Schluss dann eine vorsichtige Nachfrage nach indirekt regulierender politischer Einflussnahme gegen die „Winner-take-it-all“-Mentalität der globalen Gierschlünde. Wiewohl das „hyperkulturelle Dreieck“ (die Ökonomie der Singularitäten, die Kulturmaschine der digitalen Technologien und der singularistische Lebensstil der neuen Mittelklasse) und dessen elementare Dynamik noch einmal als politikresistent beschrieben wird. Und dass sich angesichts des Ist-Zustandes die Frage nach dem Verbindenden innerhalb der Klassen neu stellen müsse. Das sagt sich so schnell! Doch warum muss man das eigentlich, wenn doch gerade die vermeintliche Antwort auf die Frage nach dem erschlagend Trennenden 500 Seiten lang gegeben wurde? Vielleicht ist die Analyse des Ist-Zustandes bereits die Antwort auf die Frage nach den Aussichten! Was man muss, riecht immer nach einem moralischen Imperativ! Und nach einem selbstgebrauten Ehrenrettungsversuch der Sozialwissenschaften, die lediglich ein Geschäft des „Im Nachhinein“ betreiben, nie ein solches der Einmischung.

Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten, Suhrkamp, gebunden, 480 Seiten, ISBN: 978-3-518-58706-5, erschienen: 09.10.2017, 28,00 €

Artikelbild: Foto: Andreas Richartz



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