DAS IST ÄSTHETIK!

DAS IST ÄSTHETIK!


„Das ist Ästhetik!“ lautete der Titel des Jubiläumskongresses der Deutschen Gesellschaft für Ästhetik (DGÄ), die dieses Jahr im Februar an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach stattgefunden hat. Nun sind die Vorträge der prominent besetzten Veranstaltung auch online nachlesbar.

Was Ästhetik ist, so legt der Titel nahe, wird deutlich durch das Betitelte: die Beiträge der Konferenz. In diesem Jahr waren das rund 180 Vorträge von ReferentInnen verschiedener theoretischer Ausrichtungen und disziplinärer Hintergründe. Vertreten waren nicht nur Philosophen, Kunsthistoriker und Literaturwissenschaftler, sondern auch Sozial- , Kultur – und Rechts-wissenschaftler. Die zahlreichen Panels umfassten dementsprechend divergierende Themen. So ging es um die postkoloniale Kritik westlicher Ästhetik und das Verhältnis von empirischer und philosophischer Ästhetik; um Theorie als Kunst, um die Ästhetisierung des Politischen und um ästhetische Freiheit; diskutiert wurde auch über Ästhetik und Soziologie, Ästhetik und Ökonomie, Ästhetik und Technik, Ästhetik und Tierforschung, über eine Ästhetik des Rechts und eine Ästhetik des Populären, über Sexualästhetik, Ästhetik von Kleidung und Mode, Designästhetik und vieles mehr.

Juliane Rebentisch (Foto: Robert Schittko)

Ist das also Ästhetik: Die Versammlung zahlreicher, divergierender Forschungsansätze und Fragen unter einem Begriff? Wenn die Ästhetik gerade durch die Vielfalt des Feldes bestimmt ist, kann keine der auf dem Kongress vertretenen Disziplinen, weder die Philosophie, noch die Wissenschaften oder die Künste, die Ästhetik allein für sich in Anspruch nehmen. Was die Themen-vielfalt des Kongresses daher vor allem gezeigt hat, ist, dass das ästhetische Denken sich nicht von disziplinären Grenzen einschränken lässt. Für Juliane Rebentisch, die Organisatorin des diesjährigen Kongresses und ehemalige Präsidentin der DGÄ, ist dies ein grundlegender Zug der Ästhetik. Denn da die Ästhetik um die Vermittlung von allgemeinem Begriff und besonderem Gegen-stand bemüht ist, findet sie immer im Spannungsfeld von Philosophie und Einzelwissenschaft statt. „Ästhetik besteht gewissermaßen nur in der und als die Bewegung zwischen Gegenstand und Begriff. Dies ist eine Bewegung, die sich nicht durch die institutionelle Aufteilung der Fächer und Disziplinen beschränken lassen kann“ so Rebentisch in ihrem Geleitwort zum Kongress. Gerade diese Bewegung der Ästhetik gelte es sowohl gegen eine Verwissenschaftlichung der Philosophie, als auch gegen positivistische oder historistische Abschottungen der Einzelwissenschaften zu verteidigen.

Wie aber lässt sich die Ästhetik gegen positivistische und historistische Verengungen der Wissenschaften und gegen die Verwissenschaftlichung der Philosophie in Stellung bringen? Die Ästhetik hat gegenüber den Disziplinen deshalb ein kritisches Potential, weil sie ihnen nicht äußerlich ist. Sie tritt nicht von außen sondern von innen an sie heran. Durch ihre überschreitende Bewegung, treibt die Ästhetik die Disziplinen gewissermaßen über sich selbst hinaus, indem sie sie in sich selbst hinein treibt. Denn die Grenzen, die die Ästhetik überschreitet, verlaufen nicht bloß zwischen den Disziplinen, sondern in ihnen: sie unterläuft die inneren Ausschlüsse, durch die die Disziplinen sich konstituieren. Eine Wissenschaft, wie beispielsweise die Soziologie, als Ästhetik zu betreiben, bedeutet dann nicht einfach eine „äußere“ Grenze der Soziologie zur Ästhetik hin zu überschreiten, sondern die inneren Ausschlüsse, durch die die Soziologie sich heute als Feld konstituiert in Frage zu stellen. Die Grenzüberschreitung von der hier die Rede ist, ist also nicht vergleichbar mit dem Ausflug eines Berliners in die Schweiz, von dem er unverändert — von einer dünneren Brieftasche einmal abgesehen — wieder nach Berlin zurückfahren kann. Die Überschreitung stellt die äußeren Grenzziehungen in viel tiefgreifenderer Weise in Frage, weil sie die interne Ausgrenzung in Frage stellt, durch die sie bestimmt werden.

Vortrag Michael Kelly (Foto: Robert Schittko)

Inter- oder Transdisziplinarität kann dann nicht einfach bedeuten, dass ästhetische Fragen als Fragen anderer Disziplinen untersucht werden, indem sie beispielsweise soweit „soziologisiert“ werden, dass dabei das spezifisch Ästhetische an ihnen verloren geht. Grenzüberschreitend, in dem genannten Sinne, wird die Ästhetik auch nicht bereits dadurch, dass ästhetische Fragen im Rahmen einer fachspezifischen Methodologie untersucht werden, wie beispielsweise der empirischen Methodologie der heutigen Sozialwissenschaft. Grenzüberschreitend wird die Ästhetik hingegen dann, wenn Soziologie als Ästhetik betrieben wird, denn nur so können die inneren Ausschlüsse, die die Disziplin der Soziologie produzieren, unterlaufen werden. Wenn die Soziologie hingegen die Ästhetik zur Soziologie macht, dann hebt sie die Bewegung auf, die das kritische Potential der Ästhetik ausmacht, weil sie letzlich nichts weiter als Soziologie betreibt. Eine gelingende Transdisziplinarität der Ästhetik, oder das Gelingen der Bewegung der Ästhetik, wie Juliane Rebentisch es beschrieben hat, kann deshalb auch scheitern. Das Gelingen dieser Bewegung wird so zu einem zentralen Problem der gegenwärtigen Ästhetik. Der Kongress hat diese Problematik reflektiert und Möglichkeiten aufgewiesen, wie ihr begegnet werden kann.

Sianne Ngai (Foto: Robert Schittko)

Die hier skizzierte Problematik hat auch eine institutionelle Seite. Die Ästhetik als Teildisziplin der Philosophie hat im Verlauf der letzten Jahrzehnte an den philosophischen Fakultäten in Deutschland an Bedeutung verloren, so Rebentisch. Ähnlich sieht es auch in den USA aus, wie Micheal Kelley in seiner Keynote über die Entwicklung der transdisziplinären Ästhetik in Amerika berichtete. Diese Entwicklung zeigt sich beispielsweise daran, dass heute an den Universitäten weniger Philosophen mit ästhetiktheoretischem Schwerpunkt lehren, sowie auch an den philosophischen Prüfungsordnungen, in denen die Ästhetik kaum mehr eine Rolle spielt. Stattdessen bilden sich zunehmend fachübergreifende Forschungs- und Arbeitszusammenhänge heraus — eine Entwicklung, die sich auch an neuen interdisziplinären Studiengängen, wie beispielsweise dem Ästhetik Master an der Goethe Universität Frankfurt und interdisziplinär ausgerichteten Promotionsprogrammen und Graduiertenschulen an Universitäten und Kunsthochschulen ablesen lässt. Die grenzüberschreitende Bewegung der transdisziplinären Ästhetik zeigt sich also auch in einer Veränderung von institutionellen Strukturen.

Mit seiner transdisziplinären Ausrichtung hat der Kongress einen Trend thematisiert, der die Entwicklung der Ästhetik der letzten 25 Jahren bestimmt hat. Dieser Trend lässt sich auch an der Veränderung der DGÄ selbst nachvollziehen. Während der erste Kongress der Gesellschaft, nach ihrer Gründung 1993 durch Karlheinz Lüdeking, Birgit Recki und Lambert Wiesing, vor allem von Vertretern aus Philosophie und Kunstgeschichte bestimmt war, nahm der Anteil anderer Fächer über die Jahre kontinuierlich zu. Damit einher ging auch eine Veränderung des traditionellen Geschlechterverhältnisses. Waren auf dem ersten Kongress der DGÄ genau 0% der Vortragenden Frauen, so war das Verhältnis von Frauen und Männern in diesem Jahr ausgeglichen.

Foto: Robert Schittko

Darüber hinaus hat der diesjährige Kongress nicht nur disziplinäre, sondern auch nationale Grenzen überwunden. Denn es waren nicht nur zahlreiche wichtige VertreterInnen der deutschsprachigen Ästhetik zugegen, sondern auch einige internationale Gäste. So begann der Kongress mit einer Keynote von Lydia Goehr (Philosophie, Columbia University). Ihre Analyse des Begriffs des „Wartens“ verband sie mit einer Reflexion darüber, wie die ästhetischen Begriffe des „Bildes“ und der „Malerei“ im Kontext einer Geschichte von Politik und Kunst darauf verweisen, was es be-deutet, kritische oder negative Dialektik zu betreiben. Mit der Literaturwissenschaftlerin Sianne Ngai (Stanford University), die in ihrem Vortrag über den „Gimmick“ als kapitalistische Form gesprochen hat, und dem Philosophen Michael Kelley (University of North Carolina), wurden zwei weitere wichtige Vertreter der US-amerikanischen Ästhetik eingeladen. Und schließlich kamen mit dem Vortrag des französischen Schriftstellers und Philosophen Tristan Garcia (Universität von Lyon) und der Lesung von Monika Rink — die tosenden Applaus erntete und einen tiefen Eindruck hinterließ — auch Kunst- bzw. Literaturschaffenden zu Wort.

Artikelbild: Vortrag Monika Rinck (Foto: Paul Pape)



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