Blondiertes Echthaar auf Skiern

Blondiertes Echthaar auf Skiern


Alexandra Bircken »Blondie« / Kölnischer Kunstverein / bis 6.6.

»Künstler habe ich damals eigentlich nicht ganz ernst genommen«, erzählt Alexandra Bircken lachend. »In meinen Augen waren sie gedankenversessene Schluffis. In der Mode war es im Vergleich dazu ja auch sehr viel glanzvoller, da wollte man die Crème de la Crème sein.« Die 1967 geborene Kölnerin sitzt auf einer Couch in ihrem Atelier und erzählt von den Anfängen.

Trotz oder eher wegen der offensichtlichen Unterschiede zwischen Kunst- und Modeszene begann sie nach ihrem Modedesign-Studium und einem Aufenthalt in London Mitte der 90er Jahre mit Textilien als künstlerischer Ausdrucksform zu experimentieren. »Die Kunst bot mir den Freiraum zu arbeiten, ohne den direkten finanziellen Druck, Kollektionen verkaufen zu müssen«.

In der Kunstszene wurden die ungewöhnlichen Objekte und Installationen der schmalen Brünetten mit dem ausgefallenen Klamottengeschmack – für viele durch eine Fotoserie von Wolfgang Tillmans ein bekanntes Gesicht – gut aufgenommen. Die Galerie BQ Berlin, vor zehn Jahren noch in Köln beheimatet, nahm die Quereinsteigerin zuerst ins Programm, dann folgte Herald Street in London. Nach einigen internationalen Gruppen und Einzelausstellungen zeigt nun der Kölnische Kunstverein erstmals eine größere Auswahl ihres Schaffens, darunter auch eine neue Werkserie.

Alexandra Birckens Materialmontagen erzählen im weitesten Sinne von Kleidung – der zweiten Haut, mit der wir uns aus den vielfältigsten Gründen behängen. Mit Selbstgestricktem, Gewebtem oder Geklöppeltem umwickelt, spannt oder verknüpft die Künstlerin gefundene Materialien: Holz, Radiergummi, Draht oder Pampelmuse. »Ich kombiniere Dinge, weil sie aufgrund ihrer Oberflächen, Formen und Bedeutungen eine Energie untereinander erzeugen«, erklärt sie ihre Vorgehensweise. Wunderlich, manchmal trashig, manchmal witzig, manchmal okkult muten die Skulpturen an. Mit der neuen Arbeit Blondie untersucht sie blondiertes Echthaar auf seine Fall- und Fliesskraft, wenn sie etwa die Haarteile auf Skier montiert oder, wie bei Auntie Yaa Yaa, von geschwungenen schwarzen Ästen herabhängen lässt.

Besonders virtuose Verbindungen zeigen sich in ihren hängenden Objekten und Wandarbeiten, die über den offensichtlichen Mode-Kontext hinausgehen: Durch den Raum gespannte Netze verknoten sorgfältig, was sich in ihnen verheddert, ob Heftklammer oder Muschel, und reflektieren das Potenzial des Ausstellungsraumes, Verbindungen zwischen Popkultur, Natur und Alltag einzugehen. Kontrollierter wirken dagegen die Units, großformatige Metallgestelle, die an Bilderrahmen oder Bühnendekoration erinnern und Künstliches mit Natürlichem verbinden: »Im Gegensatz zu den eher organisch wachsenden Netzen haben diese Formate eine vorgegebene Größe, wie ein Blatt Papier, auf das ich reagiere.«

In ihrem Archiv lagert die Künstlerin Stöcke, Steine, Wolle, Teile von Schaufensterpuppen und was sie sonst noch so für bewahrungswürdig erachtet. Intuitiv bearbeitet sie diese Materialien und lädt mit konkreten Titeln wie Spindel, Schiff oder Gewächs den Betrachter ein, in ihren Konstruktionsprozess einzusteigen, ihn phantasievoll zu vervollständigen. Es geht Bircken mit ihren Arbeiten buchstäblich darum, zu verwirren, mit herkömmlichen Sichtweisen und Funktionszuschreibungen der Dinge – Weiblichkeit, Handwerk, Kunst – zu brechen und uns stattdessen in einer zunehmend immateriellen Welt mit Stofflichkeit zu konfrontieren.

Die Ausstellung im Kölnischen Kunstverein zeigt eindrücklich, dass sich Bircken über viele Jahre der Entwicklung hinweg die Authentizität ihrer ganz eigenen bildhauerischen Sprache beibehalten hat. Und nicht zuletzt wegen Künstlern wie ihr hat sich auch die hiesige Mode- und Kunstwelt angenähert. Alexandra Bircken findet es albern, wie sich Künstler heute mit Gucci-Täschchen präsentieren, und von Mode, die Identität verändert, hält sie wenig. Doch wisse sie, betont sie beim Atelier-Gespräch, aufgrund ihres Design-Hintergrunds den Kunstbetrieb und seine Regeln auch zu schätzen. Die Kölner Kunstszene würdigt nun gebührend ihr Werk – und vielleicht auch, dass Alexandra Bircken ihrer Stadt weiterhin die Treue hält.

Originaltext erschienen in Stadtrevue, Ausgabe 5/2010



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