Besprechung Ganz­körper­flimmern

Besprechung
Ganz­körper­flimmern


Magdalena Kröner über Terry Haggerty, Philara, Düsseldorf, bis 23.3.

Als „Meister der Streifen“ wird der 1970 in London geborene, in Berlin lebende Künstler Terry Haggerty gern bezeichnet, doch wer in ihm eine Art jüngeren Daniel Buren vermutet, liegt falsch. Wo Burens Streifen in ihrer Dynamik sich niemals von ihrem geradlinigen Weg ablenken lassen, strömt und fließt und wabert es bei Haggerty, als wäre die Op-Art nicht schon ein paar Jahre alt, sondern würde gerade erst erfunden werden. Mit „Sliding Mode Control“ hat Haggerty nun im privaten Düsseldorfer Kunstraum „Philara“ seine vielleicht beste Ausstellung inszeniert.
Hier bringt er zum ersten Mal alles zusammen: Gemälde, Zeichnungen und eine monumentale Wandarbeit.

Ausstellung Terry Haggerty

Terry Haggerty, Ausstellungsansicht Philara, Foto: Maria Litwa

Auf der Stirnwand bläht sich eine opake schwarze Form erst maximal auf und zieht sich im nächsten Moment blitzschnell wieder zusammen zu einer millimeterdünnen, leuchtenden Linie, als wäre der eruptive, düstere Ausbruch nur ein kleiner Scherz gewesen. Die nüchterne, ehemalige Büroetage, in der Sammler Gil Bronner seit 2008 seinen privaten Ausstellungsraum führt, gewinnt durch diesen Eingriff eine geradezu psychedelische Dynamik. Der Raum bläht und wölbt sich nach vorn und hinten; scheint Decke und Boden jeden Moment wegsprengen zu wollen.

Ausstellung Terry Haggerty

Terry Haggerty, Ausstellungsansicht Philara, Foto: Maria Litwa

Den Kontrast dazu bilden Haggertys heiter und filigran wirkenden Gemälde mit verschlungenen Bändern aus feinen parallel gesetzten Linien; perfekte optische Täuschungen, die ihren Charme vor allem dadurch gewinnen, dass man meint, wie in einer Darstellung von M. C. Escher, die Täuschung erkennen zu können, indem man bloß genau und lang genug hinschaut. In seinen 2014 entstandenen Gemälden wie „still motion“ oder „cantilever“ treibt Haggerty die Dynamik der Streifen noch weiter voran als bislang. Sie scheinen sich vom Bildgrund aus zu verselbständigen und in den Raum überzulaufen, jede Begrenzung hinter sich zu lassen. Schien das Leinwandgeviert in früheren Arbeiten noch in der Lage, die ausufernden, verspielten Formen einzuhegen, verschmelzen die fließenden Linien den Bildgrund nun mühelos mit der eigenen Bewegung, als wäre er ein Stück Toffee.
Haggertys shaped canvases haben durch ihre spezifische Oberflächenbehandlung durch einen matten, aber dichten Firnis mehr mit Bildobjekten gemein denn mit klassischer „Flachware“. In Acryl auf Leinwand ausgeführt, ist in den Gemälden jede Spur eines Pinselauftrags getilgt, so dass die Malerei wirkt, als sei sie in matten Kunststoff gegossen, der zum Anfassen reizt.

Ausstellung Terry Haggerty

Terry Haggerty, Ausstellungsansicht Philara, Foto: Maria Litwa

Haggertys „Masks“ genannte Zeichnungen wiederum wirken wie die hermetischen Gegenbilder zu den strömenden, offenen Gemälden. Sie erscheinen zunächst opak und monolithisch, doch offenbaren sie bei genauerer Betrachtung minimale Spuren des malerischen Eintrages. In mattem Schwarz bringt Haggerty die einem Möbiusband gleichen, endlos scheinenden Formen in Acryl auf kariertes Papier auf.
Aus der Nähe besehen wirken die Körper plötzlich dreidimensional: wie bei der Wandarbeit sind es feine, in leuchtenden Farben ausgeführte Linien am Rand des Schwarz, die den Strukturen etwas Objekthaftes verleihen, sie in Bewegung versetzen und sie zugleich gegen den Umraum abgrenzen.

Ausstellung Terry Haggerty

Terry Haggerty, Ausstellungsansicht Philara, Foto: Maria Litwa

Aus der Nähe verliert sich das Auge in der Abstraktion und den sich windenden Formen; mit zunehmender Entfernung jedoch scheinen die Körper wieder in sich selbst zurückzufallen und zu hermetischen Maskengebilden oder undurchdringlichen Schilden zu werden. Es gehört zum größten Vergnügen, das diese Ausstellung für den Betrachter bereithält, den Punkt herauszufinden, an dem jedes Bild umschlägt, ob auf Papier, auf Leinwand oder auf einer Mauer.

Ein Werk wie das von Terry Haggerty zeigt, dass die Phänomene der Op Art längst noch nicht erledigt sind und dass es auch heute noch möglich ist, ein facettenreiches Werk aus einer einer einzigen, stringent verfolgten konzeptuellen Idee zu entwickeln.

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