Besprechung Super Sonic Structure

Besprechung
Super Sonic Structure


Arne Reimann über Julia Bünnagel, SUPER SONIC STRUCTURE, Sebastian Brandl, bis 30.3.2014

Es war ein Ungetüm: Ein Schattenriss aus dunklen Zinnen, die sich malerisch wie eine Gebirgslandschaft vom Boden der Galerie Sebastian Brandl aufrichteten. In mehreren Raumlagen baute es sich zu einer Tiefenwirkung auf, schichtete und stapelte sich, ermöglichte Ein- und Durchblicke. Es bezog wahrlich Stellung zum Betrachter.

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SUPER SONIC STRUCTURE ist ein Modulsystem – eine aus kleinen Einheiten konstruierte ‚Superstruktur’, die sich zu dezidierten, großen Formen zusammenbauen lässt, aber auch zu neuen Konfigurationen zusammenfinden kann – und noch viel mehr. Das seltsame Objektgefüge ist ein utopistischer Systementwurf.

68 einzelne, „räumliche Dreiecke“, hat Julia Bünnagel für die Ausstellung entworfen. In den Seitenwänden dieser Konstruktion befinden sich Bohrungen, durch die sich die Dreiecksprismen miteinander verschrauben lassen, unabhängig von der Ausrichtung. So bilden sie ein festes Grundgerüst, das die Künstlerin für die rhythmische Raumformation – die Prismen zum Betrachter geschlossen oder geöffnet – nutzt, um sie zu Objekten zu bündeln, die auf die architektonischen Gegebenheiten reagieren. Miteinander verbundene Schichten lassen sich mit den Einheiten durch die Nut an der Deckplatte bilden.

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Diese einzelnen Module haben zwar einen Donald Juddschen ‚Industrial’-Gestus, bleiben aber nicht auf der Ebene der kistenähnlichen Ästhetik der Massenproduktion. Gefertigt aus stabiler Siebdruckplatte, tragen sie Spuren der händischen Produktion, das Holzmaterial wehrt sich gegen die hochpolierte Glanzoberfläche. Zum einen knüpft Julia Bünnagel hier Verbindungen an die Tradition der Arts and Crafts Bewegung und der des Werkbundes, zapft aber ebenso die Wunschvorstellungen der Bauhaus-Bewegung an, irgendwo zwischen architektonischer Vision und Flötotto Mobiliar. Die Prismen haben die minimalistische Kraft der idealisierten Form, aber auch die heimelige Wärme von Holzmöblierung, schöpfen aus beiden Bereichen ihre Attraktion.

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Zusätzlich zur Bodenarbeit präsentierte die Künstlerin in der ersten Phase der Ausstellung auch grafische Arbeiten, die sie Sägezeichnungen nennt. Ihr Arbeitsgerät, die Handkreissäge, verwendet Julia Bünnagel auch als Zeicheninstrument. Neuromancer visualisiert die gelb aufgefüllten Spuren des Sägeblattes auf einer schwarz lackierten Holzplatte. Schwarz eingefärbte Holzkeile, die in Objektrahmen zusammengefasst sind als geometrische Objekte scheinbar flach, verklären die gefassten und leuchtend lackierten Schnittkanten die räumliche Dimension und schaffen eine beinahe virtuelle Wirkung. Drei kleinformatige Papierarbeiten nehmen direkten Bezug auf computergenerierte Raummodelle und thematisieren den konstruierten Raum. Ein kleiner, von Sägeschnitten durchzogener schwarzer Würfel schloss den Bereich der Raumkonstruktion ab. Erweitert wurde das Spektrum der virtuellen und manifesten Objekthaftigkeit hin zum Klang, durch den Silversurfer, ein Plattenspieler, auf dem sich eine silbrig glänzende Schallplatte dreht.

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Der Aspekt des Klanges gewinnt in der aktuellen, zweiten Etappe der Ausstellung noch an Bedeutung. Die Module lassen sich re-kombinieren, die Künstlerin hat der Struktur die Eigenschaft inskribiert, ihren Status zu ändern: Die zunächst eigenständige Form wird im neuen Teil der SUPER STRUCTURE der „Baukasten“ zu einem Präsentationssystem. Geleitet vom Interesse an zeitgenössischer Musikproduktion an der Schnittstelle zur Kunstproduktion präsentiert Julia Bünnagel eine Gruppenausstellung zum Thema Klang. Darunter Beiträge der Popgröße der Beat Generation William S. Burroughs, aber auch Zeitgenossen wie Mouse On Mars, das Institut Für Feinmotorik und befreundete Kunstschaffende, wie das Konsortium oder Katharina Jahnke. Mit der persönlichen Freiheit der Künstlerin als Kuratorin präsentiert Julia Bünnagel von der Vinylplatte bis zu für die Ausstellung entstandene Malereien, Zeichnungen und Skulpturen.

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Die Großzügigkeit der STRUCTURE besteht nun darin, dass sie sich profanisiert lässt. Vom Sockel der Kunst zur dienstbaren Präsentationsstruktur umfunktioniert, nimmt sie sich als Display in Relation zu den ausgestellten Werken der Kollegen zurück. Sie wird zum Regal, zur Plattenkiste, zur Sitzgelegenheit – oder zum Sockel für einen Fernseher und Schallplattengerät. Der White Cube, der vorerst pseudo-neutral die Objekte der Ausstellung aufnahm und als architektonisches Konstrukt in seinen Dimensionen sichtbar wurde, wird nun zum Schauraum, der Werke unterschiedliche Künstler als thematische Ausstellung beherbergt.

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Und eine weitere Transformation folgt: Die vorher angedeutete Bewegungsrichtung, von der Objekthaftigkeit zur Durchdringung des Raumes mit Klang, mündet im Konzert der SCULPTRESS OF SOUND am Samstag, 15. März 2014, 19 Uhr. Die räumlich-auditive Performance der spartenübergreifenden Supergroup, die 2011 von den Künstlerinnen Julia Bünnagel, Tamara Lorenz und Patricia Köllges gegründet wurde, wird auf einer Bühne stattfinden. Mit der Deckplatte oben lassen sich die Prismen, durch die Aussparungen in der Mitte der jeweiligen Seite, mit Klammern fest zu einer Bühne verbinden. Die ursprünglich autarken Einzelteile werden zu einer Aufführungsplattform.

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Nach und nach verliert die Struktur ihren eigentlichen Werkcharakter. Je nach der Funktion, die ihr übertragen und der Eigenschaft, die ihr eingeschrieben wird, steuert sie die Wahrnehmung des Raumes. Ein Potential, das nach einem ersten Besuch zwar erahnt, aber nicht wirklich erfasst werden kann. Es ist ein faszinierend polydimensionales Raumgefüge zwischen Kunstwerk, urbanem Geflecht und dynamischer Betrachtung, das wie eine Melange aus Friedrich Kieslers Raumbühne (1924) und der Raumstadt (1925) anmutet. Ein Ungetüm also, das sich als ganz und gar wandelbar und sehr zutraulich erweist.

STRUCTURE
Einzelausstellung
24. Januar – 13. Februar 2014

SUPER STRUCTURE
Gruppenausstellung mit:
Christian Aberle, Lars Breuer, William S. Burroughs, Damien Deroubaix, Genesis Breyer P.Orridge/Tony Conrad/ Edley Odowd, Andreas O. Hirsch, Institut Für Feinmotorik, Katharina Jahnke, Koen Delaere/Peter Fengler, Konsortium, Klaus Maeck/Volker Schafer/Genesis P.Orridge/Muscha, Mouse On Mars, Max Müller, Franziska Nast, PMJ Entertainment, Patrick Rieve, Julia Scher, Malte Struck, Tina Tonagel, Mark Wehrmann, Jan St. Werner
15. Februar – 14. März 2014

SONIC
Sculptress of Sound
Performance Samstag, 15 März 2014, 19 Uhr
Ausstellung 16. – 30. März 2014

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