Alwin Lay

Alwin Lay


„put it on a plinth, frame it, make some advertisement“ – Marcel Hiller über Alwin Lay „Coming Soon“ im SSZ Sued, bis 15.1.15

Gegenüber von Kölns Südbahnhof befindet sich das SSZ Sued, ein Projektraum für zeitgenössische Kunst. Auch den, der das Geschäft nicht aus früheren Tagen kennt, lässt seine Fassade schnell auf eine Umnutzung schließen. Schmale Holzsprossen unterteilen das hohe Schaufenster und eine etwas klobige Tür bildet den Zugang zum heute entkernten und renovierten Raum. Auf der Tür klebt ein Plakat. Ich denke als erstes an eine Spelunke; Friseur, Rahmenhandlung oder ein Laden mit Steckdosen und Glühbirnen in vergilbten Verpackungen, Möglichkeiten für Geschäfte, die sich dort einmal befanden. Nachts, wenn der durch Neon beleuchtete Raum mit seiner Klarheit wirbt und das Farbgemauschel der ziellosen Lichter im Areal des Vorplatzes überblendet, dann löst sich diese Fassade von ihrer unbestimmten und vielleicht auch belanglosen Biografie und findet zu dem, was sie war noch bevor ein Geschäft einzog. Sie wird zur architektonischen Idee. Sie ist klar, pragmatisch und nicht zu teuer, um abrupt entstandene Baulücken zu füllen. Heute ist die Schönheit des Pragmatismus von Nachkriegsarchitektur längst verwittert.

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Alwin Lay gibt seiner Ausstellung im SSZ den Titel COMING SOON. Es wurde eine ganzseitige Anzeige in der aktuellen Ausgabe der Monopol geschaltet, die am 27. November, am Tag der Eröffnung erschien. Gutes Timing, denke ich. Die Seite zeigt eine Straßenansicht des ehemaligen Ladenlokals. Die Holzfassade wurde digital entfernt und es gibt sie nur noch als Spiegelung in einer raumfüllenden, gelben und ebenfalls digital simulierten Wandskulptur. Skulptur und Spiegelung scheinen konzeptuelle Reflexe im Kontext des SSZ zu sein. Der Raum ist schön mit seinen hohen Decken. Die Trennung zum Küchen- und Thekenbereich gewährleistet eine funktionale Schiebetür, die sich ebenfalls in der Oberfläche der gelben Wand spiegelt. Damit ist sie zumindest als Projektion im Bild vorhanden und verschwindet nicht gänzlich hinter dem gelben minimalistischen Wandungetüm. Die räumliche und zeitliche Verspannung mit dem SSZ wird virtuell in Form einer reflektierenden Wand simuliert.

Das Corporate Design des SSZ besteht aus einem roten Balken, der als Diagonale über das Motiv jeder Einladung gesetzt wird und auch über die reale Fassade des SSZ geklebt wurde. Der Balken ist dominant und es ist kaum möglich, ihn zu ignorieren, insbesondere nicht für die ausstellenden Künstler. Alternativität, ob vom Off oder von Institutionen erzeugt, dynamisiert das Ausstellen, kann heute aber schnell ins Leere laufen da eine kalkulierte Dynamik nichts anderes ist als ein Klon des Etablierten. Der rote Balken funktioniert wie eine Abstraktion von Alternativität, wie ein modernistisches Zeichen für diese Problematik.

Alwin Lay befreit mit Hilfe von Photoshop das SSZ von seiner Fassade und damit auch von ihrer Markierung durch den Balken, lässt ihn aber als Schatten auf seiner imaginierten Ausstellung der gelben Wandskulptur Teil des virtuellen Settings bleiben. Die Anzeige in der Monopol trägt wiederum den Balken und dieser markiert wiederum dieses imaginierte Entfernen seiner selbst. Ein zweckmäßiges Verschachteln, eine Spekulation mit der Potenz vom Ausstellen in Projekträumen. Ist ein Projektraum etwas anderes als die Membran zum etablierteren Kunstbetrieb?

Wenn Lay ein erstes COMING SOON mit der Anzeige abschließt, beginnt er ein zweites mit dem, was während der Eröffnung zu sehen ist. Der Raum ist in drei Zonen unterteilt. Relativ dicht hängt hinter dem Milchglas der Fassade gerahmt die herausgerissene Magazinseite. Repräsentativ im Raum hat Lay eine für diese Ausstellung neu entstandene Serie von acht schwarz gerahmten Fotografien platziert. Die Schiebetür öffnet sich zu einem teils holzvertäfelten Barbereich mit kleiner Theke vor einer Küchenzeile mit großer, blank polierter Espresso-Maschine. In dieser Funktionszone hängt eine ältere Foto-Arbeit von Lay. Das ist alles.

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Die Magazinseite wirft einen Schatten auf die Ausstellung, ihren Status und auf mich. Wirft die Ausstellung einen Schatten in die Logik des Magazins? Wahrscheinlich nicht. Die Anzeige ist eine Simulation von dem, was Lay und das SSZ sein könnten. Sie tut so, als ob Lay zum Kanon gehöre und in einer etablierten Institution namens SSZ ausstelle. Sie simuliert ihr Potential, in den Leistungskontexten höherer Ökonomien stattzufinden.

Die Fotoserie im Hauptraum zeigt eine veraltete und klobige Projektionsmaschine. Der Zweck dieser Technik war es, eine analoge und opake Vorlage durch eine sehr leistungsstarke Lichtquelle vergrößert auf einer Wand abzubilden. Der Bildaufbau ist auf allen Fotos identisch. Sie unterscheiden sich nur durch die Form der tricktechnisch erzeugten Lichtkegel. Zwar zielt das Licht des Pro-jektors auf eine Wand, erzeugt aber auf dieser kein Bild. Illustrativ verlängern die Lichtkegel das dicke Objektiv des Projektors und simulieren es als ein Ding, das wesenhaft nach seiner Zweckmäßigkeit tastet. Das COMING SOON seines Zweckes bleibt in den fotogrammatischen Aufzeich-nungen sich windender Kehlen stecken.

Der suchende Projektor. Wie in vielen seiner Arbeiten macht Lay einen Gegenstand zum Akteur einer Selbst-Verneinung, lässt die Dinge erzählen und dabei verhaspeln sie sich oder ermüden vor der Pointe. COMING SOON, etwas ist absehbar, es muss sich aber nicht erfüllen. In diesem Zustand inszeniert Lay Attribute der Repräsentation, die Ausstellung ist hier sein Gegenstand. Werbung, Projekt, Objekt, er lässt die Dinge selbst agieren und schaut ihnen dabei belustigt zu.

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Unter einem aufgesockelten Glaskubus steht ein Wasserglas, das seinen Inhalt durch einen rot gestreiften Strohhalm verliert. Der Strohhalm weist aus dem Thekenbereich heraus in den Ausstel-lungsraum. Auch wenn mich symbolische oder assoziative Brechungen von Repräsentationslogi-ken immer besonders interessierten, mag ich es grundsätzlich, wenn mir auf Eröffnungen etwas zum Trinken angeboten wird. Das Wasser tropft auf die Fläche des Sockels und bahnt sich seinen Weg durch die Spalte zwischen Glaskubus und Mdf, dem Material des Sockels, unbehandelt und in ähnlichem Braun wie die Holzvertäfelung des Umraumes des diese Szenerie abbildenden Fotos. Aber welche Institution hat heute keine alternativen Facetten in ihrer Programmatik, räumliche und zeitliche Zwischenformate in routinierten Abläufen, Ortswechsel, Schaufenster, Aufbau als Ausstel-lung oder keine Ausstellung als Ausstellung? Ein Foto scheint im Block der Fotogramme zu fehlen, die vereinzelt platzierte Magazinseite ist nicht schwarz-, sondern weiß gerahmt. In der Differenz entsteht ihre spezifische Gestalt. Die sich windenden, weißen Lichtwürmer hinterlassen kleine schattige und nicht ganz logische Punkte auf der Wand. Das Gehäuse des Projektors leuchtet leicht blau aus seinen Spalten.

Marcel Hiller ist Künstler, lebt und arbeitet in Köln.

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