Besprechung Pierre Huyghe

Besprechung
Pierre Huyghe


Magdalena Kröner über Pierre Huyghe im Museum Ludwig, Köln, bis 13. Juli 14

„Human“ ist müde. Die Jagdhündin liegt im Halbdunkel eingerollt auf einer Decke aus Wolfspelz und hat den berühmten, rosa gefärbten rechten Vorderlauf wie ein kostbares Schmuckstück von sich gestreckt. Das weißfellige Tier ist wie vieles von dem, was Pierre Huyghe für seine erste Retrospektive in Deutschland versammelt, eine alte Bekannte, ebenso wie die liegende Frauenskulptur aus Beton mit ihrem von Bienen umwölkten Kopf, die schon zur Documenta 13 im letzten Jahr als Teil seines Garten-Ensembles „Untilled“ in der Karlsaue für Aufsehen sorgte.

Share, 2014. Polish rests, fossil turtle. Edition of 2 plus 1 artist's proof (PH 101). Ausstellungsansicht I Installation view Museum Ludwig, Cologne, 2014 Photo © Andrea Rossetti

Share, 2014. Polish rests, fossil turtle. Edition of 2 plus 1 artist’s proof (PH 101). Installation view Museum Ludwig, Cologne, 2014
Photo © Andrea Rossetti

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Pierre Huyghe Zoodram 4, 2011. Photo: © Guillaume Ziccarelli


 
Auch einen hellroten Krebs, der sich in einem Kunstharz-Abguß von Brancusis „Muse endormie“ von 1910 eingerichtet hat, und sich nun mit seiner neuen Behausung in einem effektvoll beleuchteten Aquarium bewegt, kennt man. Egal: er wird in Köln von Besuchern umlagert, fotografiert und gefilmt. Zentrale Schaustücke wie eine schwärzlich angelaufene Eisfläche (hier ohne die in Paris regelmäßig ihre Kreise ziehenden Eisläufer) beeindrucken ebenso wie hübsch anzusehende Fische, die zwischen Schrott und Ziegelsteinen herumschwimmen. Pierre Huyghes Kunst trifft einen Nerv: sein Werk befriedigt das Bedürfnis nach Unmittelbarkeit, nach direkter Anschauung, nach Kunst als sinnlichem Erleben, zeigt sich dabei zugleich jedoch kontextlastig und kunsthistorisch unterfüttert. Sie ist zudem, zur großen Freude des Betriebes, ausreichend selbstreflexiv, versagt dem Besucher ansprechende Schauwerte jedoch nicht.

Der 1962 in Paris geborene Künstler bringt in einer für ihn typischen Mischung aus Reenactment, Animismus und Kontextkunst eine Menge zum Staunen mit nach Köln. Zunächst scheint es ihm dabei vor allem um den seit den Nullerjahren immer beliebter werdenden Kontrast aus Natur und Kultur im Kontext des Museums zu gehen. Jedoch verzichten seine Versuchsaufbauten dankbarerweise auf das wichtigste Element zum Formulieren empirischer Hypothesen, in dem er sich zwar in elaborierten Anordnungen ergeht, aber sich weder auf eine konkrete Frage dahinter festlegt, und schon gar keine Prognosen über das zu erwartende Ergebnis abgibt.

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A Forest of Lines, 2008. Event, Sydney Opera. Presented by the Sydney Biennale 2008 in cooperation with the Sydney Opera, with support by Fondation Ellipse, Collection d’Art Contemporain, Portugal and Galerie Mari-an Goodman, New York / Paris. Film, video HD, Farbe / color, Ton / sound, 7 min 32. Ed. 6 + 2 EA

 
Die mehr als zwei Dekaden umfassende Retrospektive ist, wie stets bei Pierre Huyghe, auch eine Schau über das Ausstellen selbst, über das Museum, die Inszenierung und Wahrnehmung von Kunst: die Ausstellungsarchitektur hat er von der Pariser Mike-Kelley Schau übernommen, die vor seiner Retrospektive im Centre Pompidou gezeigt wurde. Die in Köln verwendeten Stellwände wollte er eigentlich ebenfalls aus Paris übernehmen, mußte aber bis zum Ausstellungsaufbau feststellen, dass diese in der Zwischenzeit zerstört worden waren, so dass nun künstlich gealterte und mit Gebrauchsspuren versehene Wände in Köln eingebaut wurden: ein kaum zu übertreffender Meta-Moment hart an der Grenze zur Absurdität. Ein abgewetzter Teppich, den Huyghe ebenfalls im Museum fand, säumt den Eingang in die Ausstellung: die zehn Jahre alten Laufspuren führen nun ins Leere. Ein Announcer ruft beim Betreten der Schau den eigenen Namen, als sei man ein Besucher an einem königlichen Hof vor ein paar hundert Jahren. Die Kopie eines Modigliani-Gemäldes ist zu sehen, das einst als Prop für einen Huyghe-Film hergestellt wurde. Ein kreisrunder Krater ist in eine der Wände geschliffen und legt darunter liegende Farbspuren frei. Hier wird – ausreichend kursorisch, um gerade eben nicht berechenbar zu werden, Neues ausprobiert und Bekanntes noch einmal vorgeführt.

Untitled (Made Ecosystem Centre Pompidou), 2013 Collection of Elisa Nuyten and David Dime. Installation view Museum Ludwig, Cologne, 2014. Photo © Ola Rindal

Untitled (Made Ecosystem Centre Pompidou), 2013 Collection of Elisa Nuyten and David Dime. Installation view Museum Ludwig, Cologne, 2014. Photo © Ola Rindal


 
Die chaotische Struktur der raumhohen Stellwände führt immer wieder ins Leere; erlaubt den momentanen Rückzug, um sich einmal selbst denken zu hören: was wird hier eigentlich gezeigt? Wie wirkt das, was man bereits zuvor gesehen hat, jetzt?
Diese Schau denkt über Natur und Kultur nach, und stellt dabei fest, das die Antworten darauf, was hier nun eigentlich was sei; was Artefakt und was Natur, was Kopie und was Original, was Statement und was Kommentar, vor allem eine Frage des Blickwinkels ist. Und wer hier Recht hat, das ist für einen Moment in der halbdunklen, angenehm unaufgeräumten Halle ziemlich egal.



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