Peter Güllenstern & Jürgen Stollhans

Peter Güllenstern & Jürgen Stollhans


Stollhans und Güllenstern – das neue Kölner Tatort Team: Harald Uhr über „Afrikahafenfest“ in der Akademie der Künste der Welt, Köln, bis 24.6.16

Du gehst durch diese Stadt, und dein Spaziergang, der wird reguliert durch Konsum, Milchkaffee und Architekturdesign. René Pollesch

Am Anfang gibt’s kleine Verdachtsmomente, paar Ungereimtheiten, aber dann setzt sich daraus langsam ein Bild zusammen, immer deutlicher – bis am Ende die Schuld vollkommen klar ist. Max Ballauf

In den letzten Folgen des Kölner Tatorts waren Ermüdungserscheinungen nicht länger zu übersehen. Eher lustlos war eines der dienstältesten Ermittlerduos durch die Fälle getapert. Auch schienen die privaten Profilierungen der Kommissare Ballauf und Schenk ausgereizt zu sein. Dort die Sorgen des Familienvaters mit dem pubertierenden Nachwuchs, hier die Mühen und Nöte des alternden Lonesome Cowboy – nur wenig plausibel konnte diese Konstellation in die mitunter verworrenen Handlungssträngen eingebaut werden. Übrig blieb zuletzt lediglich das prägnante Bild der Pommesbude am rechtsrheinischen Ufer. Es scheint daher nur konsequent, wenn die Verantwortlichen nun die Reißleine zogen und einen Neustart versuchen.

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„Kleine Männer“: Peter Güllenstern (rechts hinten) und Jürgen Stollhans (rechts vorne), Still aus „Afrikahafenfest“

An einem eher abseitigen Ort, dem Ausstellungsraum der Akademie der Künste der Welt in der Herwarthstraße, ist nun in einer Art Preview das Ergebnis einer langjährigen, sorgsam unter Verschluss gehaltenen Vorbereitung zu besichtigen. Gleich auf sechs Projektionsflächen ist der 90 minütige Streifen zu sehen. Von einer ersten Rohfassung war zunächst die Rede. Am Schnitt und an der Verknüpfung der diversen Handlungsstränge wird noch zu arbeiten sein. Erste Konturen zeichnen sich jedoch bereits ab. Im Fokus steht naturgemäß zunächst das neue Ermittlerduo. Schon die Wahl der Namen verspricht ein ambitioniertes Unterfangen. Stollhans und Güllenstern – es ist sicher nicht zu weit gegriffen, wenn hierbei verschmitzt ironische Anklänge an Shakespeare, konkreter natürlich an Hamlets irrlichternde Schulkameraden, vermutet werden dürfen. Ob jedoch eher seine Komödien, die Tragödien oder nicht doch eher die Historien Pate gestanden haben, lässt sich der ersten Folge noch nicht eindeutig ablesen. Anklänge an jedes dieser Genres lassen sich jedenfalls ausmachen. In ihre Rollen werden Stollhans und Güllenstern sicherlich noch hineinwachsen. In der ersten Folge geben sie sich spontan und unkonventionell.

Afrikahafenfest Installationsansicht

„Afrikahafenfest“ Installationsansicht

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„Afrikahafenfest“ Installationsansicht, Foto: Alec Crichton

Was aber sind eben diese Vorkommnisse im neuen Tatort? Die Antwort hierauf fällt zunächst verhalten zögerlich aus, denn einen kontinuierlich erzählbaren Handlungsfaden wird man schwerlich ausmachen können. Fest steht natürlich, dass der Fall im postindustriellen, oder, um das Lokalkolorit stärker ins Licht zu rücken, besser im postfordistischen Köln spielt. Von Grundstücks- und Immobilienspekulationen im großen Stil wird berichtet. Verwoben mit diversen Korruptionsvermutungen spielt natürlich auch die Kommunalpolitik bis in die höchsten städtischen Ämter eine gewichtige Rolle. Begebenheiten, die weit in die Stadthistorie zurückreichen werden aufgerollt. Mit Bedauern stellen wir allerdings fest, dass die Figur des kantigen aber sympathischen Gerichtsmediziners Joseph Roth offenbar ersatzlos gestrichen wurde. Der Grund mag darin zu finden sein, dass es überraschenderweise, jedenfalls auf den flüchtigen ersten Blick, keine Leiche gibt. Spätestens hier wird augenscheinlich, dass wir ganz offensichtlich einem Irrtum aufgesessen sind. Das Fehlen der einprägsamen Titelmusik hätte uns eigentlich bereits stutzig machen müssen. Aber sonst stimmte doch eigentlich fast alles. Auch eine Imbissbude haben wir schließlich ausmachen können. Und an skandalösen Verwicklungen herrschte beileibe kein Mangel. Im Rahmen einer Ermittlung, die sich der detektivischen Spurensicherung verschreibt, werfen die Bilderfolgen jedenfalls bezeichnende Schlaglichter auf die gesellschaftlichen Pathologien einer globalisierten Welt. Jetzt rächt sich, dass wir den ausgelegten Handzettel am Eingang des Ausstellungsraums bislang verschmäht – und uns direkt auf die raumumspannenden Projektionsflächen gestürzt hatten.

Afrikahafenfest Collage klein

„Afrikahafenfest“, Collage

Die nachgeholte Lektüre zwingt uns daher jetzt endlich zur Richtigstellung: Auch wenn die Parallelen augenscheinlich sind und sich einige Fäden sicherlich weiterspinnen ließen, haben wir es mitnichten, wie eingangs suggeriert, mit einem Markenprodukt des öffentlich rechtlichen Fernsehens zu tun, sondern mit der Präsentation eines künstlerischen Projektes, an welchem die beiden in Köln beheimateten Künstler Peter Güllenstern und Jürgen Stollhans im Auftrag der Akademie der Künste der Welt in den letzten Jahren hart gearbeitet haben, um es nun im Rahmen der mittlerweile vierten Pluriversale unter dem Titel ‚Afrikahafenfest‘ der Öffentlichkeit vorzustellen. Im Fokus des umfangreichen Festivalprogramms steht die Thematisierung und Untersuchung der Kontinuitäten und Transformationen kolonialer Denkweisen, Bilder und Strukturen bis in die Gegenwart. Die Unabgeschlossenheit postkolonialer Räume, Verhältnisse und Interessenkonflikte gilt es in Form der unterschiedlichsten Formate, Vorträge, Diskusrunden, Filmvorführungen, Konzerte und Performances und Symposien zu analysieren und aufzuarbeiten. Das hierbei auch und besonders die Stadt Köln in den Fokus gerät, legt nicht zuletzt schon die Namensgebung dieser rheinischen Metropole nahe. Güllenstern und Stollhans haben es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, in Historie und Gegenwart der Stadt nach den Bezügen und Rückständen deutscher Kolonialgeschichte zu forsten. Die Erträge können sich sehen lassen und sind mitunter spannend wie ein Krimi, was sicherlich zu dem anfänglichen gezielten Missverständnis beigetragen haben mag.

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Indigene Hütte, Flora, Köln, Still aus „Afrikahafenfest“

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Dt. Kolonialpresse, Pressa, Still aus „Afrikahafenfest“

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Still aus „Afrikahafenfest“

Ausgangspunkt der Recherche ist das Areal des Mühlheimer Hafens, in welchem sinnigerweise auch die Studios der beiden Künstler angesiedelt sind. Ein seinerzeitiges Sommerfest der Kölner Schiffswerft Deutz gab denn auch den skurril anmutenden Namen für die Filmcollage. Zusammengesetzt aus Fotomaterial, animierten Zeichnungen, Schrifttafeln, gefundenen Filmaufnahmen und gestellten Szenen entfaltet sich in der Folge ein weitmaschiges Panorama kölnischer Verstrickungen. Erinnert wird etwa an die Werkbund-Ausstellung, die 1914 unmittelbar vor Kriegsbeginn auf dem rechtsrheinischen Ufergelände stattfand und neben dem berühmten Glashaus von Bruno Taut auch mit der Attraktion eines ‚Kongo-Dorfes‘ und eines Kolonialhauses aufwartete. Das Tautsche Glashaus im Verbund mit den lyrischen Werbesprüchen Paul Scheerbarts leiten dabei nahtlos zum Glasfenster Gerhard Richters im Kölner Dom über. Auch die Pressa-Ausstellung von 1928 auf dem Gelände der Messe und des Rheinparks beherbergte eine koloniale Sonderschau. Beide Schauen wurden vom damaligen Oberbürgermeister Konrad Adenauer protegiert, der sich gegen Ende der Weimarer Republik als einer der Wortführer der Kolonialrevisionistischen Bewegung betätigte. Ausschnitte eines damaligen Filmberichts zeigen ihn bei der Eröffnung der Pressa, bei der auch eine Familie aus Togo zur Schau gestellt wurde. Thematisiert wird im Film entsprechend auch das ‚Adenauer-Grün‘ der Kölner Brücken, der Zoo und Afri-Cola sowie der Sarotti-Mohr. Gestreift werden sowohl die linksrheinischen Kranhäuser, die mit ihren Formgebern, den Wolkenbügeln El Lissitzkys konfrontiert werden. Weitere städtebauliche Maßnahmen, wie die Treppenanlage am Deutzer Ufer geraten ebenfalls in den Blick. Auch das Zebraflugzeug Bernhard Grzimeks fehlt nicht, ebenso wenig wie Heinrich Heines Wintermärchen, dessen Zeilen zu Köln über Kopfhörer die Bilderfolge begleiten. Eingestreut finden sich immer wieder Filmschnipsel vom Mühlheimer Hafen, der als Auffangbecken der Gestrandeten in Szene gesetzt wird. Auch eine Phalanx des ‚kleinen Manns‘ formiert sich in dieser subkulturellen Enklave der hedonistischen Linken. Ein Protagonist namens Lucius Okeh rückt ab und an ins Bild und soll als Zeuge fungieren. Präsentiert werden Projektionsflächen, in dem Reales und Imaginäres einander begegnen und sich mischen können. Auf allen sechs Flächen jeweils unterschiedliche Filme. Mit jedem neuen Loop nach 15 Minuten springt die Projektion um eine Leinwand weiter. So ergeben sich mithilfe der Synchronschaltung überraschende, frappierende und erhellende Nachbarschaften, da man zumeist mehr als eine Bildfläche im Blick hat.

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El Lissitzky, Wolkenbügel, 1925, Still aus „Afrikahafenfest“

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Die Heinrich Heine im Mülheimer Hafen, Still aus „Afrikahafenfest“

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Still aus „Afrikahafenfest“

Mit diesem Multiscreen-Collagenfilm führen Güllenstern und Stollhans die Stadt Köln als Hauptbühne für das kapitalistische Schauspiel vor und unterziehen ihr ökonomisches und politisches System sowie ihre zivilisatorische Kultur einer subtilen Gegenwartskritik. Was die Welt, oder eben die Stadt, ist und was sie sein könnte, scheint dabei allenfalls in Spuren, Splittern und Trümmern auf. Dies bedeutet nichts anderes, als das auch ihre Analyse nur noch als Spurensicherung verlaufen kann. Im gleichen Atemzug wird hier die unterschwellige Frage aufgeworfen, wie es um den Zustand einer Zivilgesellschaft bestellt ist, in der die Armut stetig zunimmt – die soziale, am unteren Rand der Gesellschaft und die emotionale am oberen. Zum Einsatz kommt eine künstlerische Strategie der streunenden assoziativen Recherche. Sie verleiht den Bildern die Antriebsgeschwindigkeit von Gedanken, die Bilder kommen dabei als rhetorische Attrappen zum Einsatz. Entstanden ist ein Bildessay, der historisiert, lokalisiert und exemplifiziert. Er nimmt die Sachen genau und bringt die Kontingenz überall dort in Stellung, wo sich Identitäten verfestigt haben. Seine Montage des Realen fungiert nur zu gerne als Sinnvervielfältiger. In der Zusammenschau wird deutlich, dass Öffentlichkeit kein Konsens- sondern ein Dissensraum ist. Der urbane öffentliche Raum wird durch Konflikte erzeugt, nicht durch einen Konsens, der auf rationale und prozeduale Metaregeln zurückgreifen könnte. Entsprechend kündigen sich gesellschaftliche Verwerfungen zuallererst im Sprachgebrauch an, worauf die Künstler bei einigen, ausschließlich mit Schrift bestückten Sequenzen, verweisen. Die Versatzstücke und Themen, die die Künstler aufgreifen, sind nicht Kölnspezifisch allein, sondern spiegeln einen generellen Zug kommunaler Entwicklungen: Privatisierung kommunaler Güter, Gentrifizierung und kontrollpolitische Durchdringung öffentlicher Räume. Kapitalistische Verwertungsstrategien fragmentieren den urbanen Raum, indem sie ihn parzellieren, zerschneiden und pulverisieren. Heute gelten die Zentren der Metropolregionen als privilegierte Innovationsfelder der Wissens- und Kulturproduktion sowie als Vorreiter neuer postindustrieller Arbeits- und Lebensformen. Eine verstärkte Durchdringung von Kultur und Ökonomie dient als wesentliche Voraussetzung für die Prosperität der Städte. Das gesamte städtische Leben wird vornehmlich als Ressource angesehen, die es auszubauen und marktförmig zu verwerten gilt. In den Fokus gerät der nicht zu leugnende Sachverhalt, dass die Globalisierung auf den Grundlagen des Kolonialismus ruht. Die Bewusstmachung und der Abbau kolonialer Altlasten und Strukturen im kulturellen und institutionellen Gefüge der Gesellschaft sind, dies zumindest belegt der Film auf humorig vergnügliche Weise, von elementarer Bedeutung, wenn wir tatsächlich mit unseren unendlichen Differenzen gleichberechtigt in einer Rassismus abbauenden Gesellschaft leben wollen. Zeigt er doch einen Umgang mit dem Bilderfundus, der sich aus einem wachen Blick auf die Paradoxien und Absurditäten der Macht speist und diese im Spiel mit Repräsentationen und Identitäten, mit Verfremdung zum Ausgangspunkt politischer Intervention macht. Auf gelungene Weise kann diese spielerische Verwertung von Zeichen, Bildern und Bedeutungen, das Zulassen von Hybridität und Komplexität dazu beitragen, vermeintliche Grenzziehungen aufzubrechen. Es geht um eine politische Positionierung, die auch in Bildern denkt und Zeichensysteme zu nutzen weiß. Die Wahrheit ist vielleicht eben doch strukturiert wie eine Fiktion. Ein würdiger Kölner Tatort eben.

 



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