Neue Kunst, neue Tate, mehr Kaffee

Neue Kunst, neue Tate, mehr Kaffee


Annika Turkowski über den neuen Erweiterungsbau der Tate Modern

Als im Frühjahr des vergangenen Jahres der neue, von Stararchitekt Renzo Piano entworfene Museumsbau des Whitney Museum of American Art im hippen New Yorker Meatpacking District eröffnete, regnete es Lob von Architekten, Museumsfachleuten und Kritikern. Jerry Saltz schrieb für das New York Magazine geradezu eine Ode an den „Traum von einem Museum“; und auch vom Publikum wurde der neue Bau überwiegend positiv aufgenommen. Die Eröffnungsausstellung America is hard to see zeigte über 400 Werke aus der ständigen Sammlung des Museums. Es war die bis dato größte Ausstellung des Museums, möglich gemacht, da sich die Ausstellungsfläche im Vergleich zum alten Marcel Breuer Bau auf der Madison Avenue mehr als verdoppelt hatte.

­­Auch in London öffnete vor wenigen Tagen, begleitet von einer dreitägigen Performance- und Event-gefüllten Eröffnungsfeier – übrigens ohne Architekturdebatte – der neue Erweiterungsbau des Tate Modern seine nichtvorhandenen Türen. Wie der im Mai 2000 errichtete Hauptbau des Museums wurde auch das Switch House (benannt nach dem Gebäudeteil des ehemaligen Elektrizitätswerks auf dem es errichtet wurde) vom Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron entworfen und bis zur Fertigstellung begleitet. Der kubische, nach oben gedrehte und gefaltete Museumsturm erhebt sich von der Südseite des Flussufers aus gesehen hinter dem Hauptbau des Museums und überragt diesen um einige Meter in Höhe. Angelehnt an dessen rotbraune Backsteinfassade, erscheint das Switch House in einer äußerst zeitgemäßen, jedoch aufgebrochenen Oberflächengestaltung, die wie eine verpixelte Version des Hauptgebäudes anmutet.

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So erscheint der Museumsbau trotz seiner imposanten Höhe auf den ersten Blick alles andere als abwehrend oder einschüchternd. Betritt man den Bau durch den abfallenden Seiteneingang, der den Besucher in die beachtliche Turbinenhalle führt, die nun das Verbindungsglied zwischen beiden Gebäuden bildet, so wird man regelrecht von den dunklen Innereien des Switch Houses verschlungen. Das Untergeschoss des zehnstöckigen Turms, die sogenannten „Tanks“, versprühen eine düstere Bunkeratmosphäre und erinnern damit mehr an Berlins berühmtesten Technotempel, denn an einen Tempel der Kunst. Doch wie der Slogan des Erweiterungsbaus, „Art changes, we change“ verspricht, findet man in diesen modernen Katakomben keine Richard Serra Skulpturen oder Gerhard Richter Gemälde, sondern raumgreifende Videoinstallationen, Live-Performances und interaktive Kunstwerke, wie Dominique Gonzalez-Foersters, auf Besucher angewiesene Licht- und Schatteninstallation Séance de Shadow II (bleu) (1998). Der Raum, der dieser vorwiegend medien- und livebasierten Kunst hier geboten wird, ist zukunftsweisend. Die überdimensionalen Tanks, gefüllt mit Leinwänden und Mehrkanalinstallationen, sind an keiner Stelle überfüllt oder überfordernd. Stattdessen wird den Kunstwerken, die allein technisch und audiovisuell ihren Raum einfordern, Platz zur Entfaltung geboten wie ich es in noch keinem Museum für moderne und zeitgenössische Kunst erlebt habe.

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Doch hört die Erweiterung nicht im Untergeschoss auf, sondern erstreckt sich auf über zehn Stockwerke in die Höhe. Diese erklimmt man über großzügige Treppen aus Beton, die im Gegensatz zu den endlosen Rolltreppen des Hauptgebäudes ein Gefühl für den vertikalen Bau schaffen. Alternativ bieten sich dem Besucher zwar ein Dutzend Fahrstühle für einen schnelleren Aufstieg und Zugang zu den Galerien, doch wirken diese wie eine Installation von Andrea Fraser, in der der Museumsbesuch ad absurdum geführt wird: Zum einen scheint es zunächst unmöglich einen der zahlreichen Fahrstühle zu rufen, da diese wegen des hohen Andrangs lediglich im ersten und letzten Stockwerk halten. Befindet man sich jedoch schließlich in einem, wird auf dem Weg zur Aussichtsplattform auf jeder Etage Halt gemacht, ob von den Insassen per Knopfdruck verlangt oder nicht. Funktionale Museumseinrichtungen in designten Neubauten sehen anders aus.

Darüber hinaus charakterisiert sich das neue Museumsgebäude durch weite Foyers und ungenutzte Freiflächen. So wird davon gesprochen, das Switch House erweitere die Ausstellungsfläche des Tate Modern, ähnlich wie der Neubau des Whitney Museums, um ganze sechzig Prozent, doch sind von den insgesamt zehn Geschossen lediglich vier für die Sammlungspräsentation vorgesehen. Von diesen vier Etagen, eine davon sind die bereits erwähnten „Tanks“, umfassen etwa vierzig Prozent das Treppenhaus, die Fahrstuhlhalle und ausgedehnte Vorhallen, die laut den Architekten zum entspannten Aufenthalt einladen sollen. Doch während die Fläche der Ausstellungräume in Quadratzahlen ausgedrückt – es sind pro Stockwerk unglaubliche 960m2 (!) – jedem Kurator imponiert und ungeahnte Möglichkeiten eröffnet, bleibt der Eindruck gähnend leerer Aufenthaltsorte gegenüber reduzierter Ausstellungsräume bestehen. So ist auch der überwiegende Teil des Gebäudes reserviert für einen zweiten Museumshop, eine Bar, ein Restaurant, Events und eine ganze Etage für die vielumworbenen Mitglieder des Museums. Daneben finden sich auf nahezu allen Ebenen kleine Coffeebars, in denen sich der Besucher den scheinbar obligatorischen Latte Macchiato für den Galeriebesuch bestellen kann.

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So großzügig und einladend die Erweiterung der Tate Modern von innen anmutet, so sehr lenkt diese ungefüllte Leere von der eigentlichen Bestimmung des Museumsbesuchs ab: dem Verweilen vor der Kunst. Obwohl die Tanks einen einmaligen Ort für aktuelle Medien- und Performancekunst bieten und die Tate damit zum Vorreiter in Sachen Museumspräsentation dieser Kunstformen machen, wirken die neuen, kargen Ausstellungsräume auf den ersten Ebenen des Neubaus wie die überschaubaren Hallen einer mittelgroßen Kunstmesse. Zum Verweilen wird auch hier geladen, die wichtige Sammlung der Tate sorgt schon dafür, doch zeugen die überfüllten Vorhallen und die frequentierten Kaffeebars gegenüber den übersichtlichen Ausstellungsräumen von einem falschen Verhältnis.

Zu hoffen bleibt, da dies erst der Anfang eines Neubeginns ist, dass die Kuratoren der Tate Modern mit der Zeit lernen mit den geräumigen Hallen dieses beeindruckenden Gebäudes umzugehen und den Besuchern auch außerhalb der klassischen Ausstellungflächen mehr zum Zeit verbringen anbieten, als eine heiße Tasse Cappuccino.

 

Fotos: Annika Turkowski

Artikelbild: Tate Modern



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