Cody Choi "Culture Cuts"

Cody Choi „Culture Cuts“


Eine Ausstellung, zwei Urteile: Kunstkritiker sind selten einer Meinung, wenn es darum geht, die zeitgenössische Kunst auf ihre Qualität und Relevanz hin zu überprüfen. Auch die jungen Teilnehmer des „Kunstkritik Labor“, das am Wochenende im Kai 10 tagte, waren sich nicht immer einig über die Kriterien der Kunstbewertung. Spätestens der Praxistest, eine Besprechung von Cody Chois „Culture Cuts“ in der Kunsthalle Düsseldorf, zeigte aber, dass gerade darin auch der Spaß liegen kann.  Zwei Beispiele aus dem Workshop:

Cody Choi_Golden boy poster [7]

Cody Choi, Golden Boy Poster, 1986-1991, Fotodruck 76,2 x 104,1 cm, Courtesy PKM Gallery

How big is your Ego?
von Annika Turkowski

„He walk like this `cause he can back it up…“, heißt es im Song „Ego“ der amerikanischen Popsängerin Beyoncé über das berechtigte Selbstbewusstsein ihres besungenen Angebeteten. Denn hat man(n) ein großes Ego oder präsentiert ein solches der Außenwelt, muss etwas dahinter stehen; ob wahres Talent oder anmaßende Selbstüberschätzung sei dahingestellt. Wie eine Parade solcher großen, überwiegend männlichen Egos bietet sich auch die westliche Kunstgeschichte dar: Von Rodin über Van Gogh bis zu Gerhard Richter. Und sie alle sind vertreten in Cody Chois weltweit erster Retrospektive unter dem Titel Culture Cuts in der Kunsthalle Düsseldorf.

Während der Titel der Ausstellung auf den kulturellen Einschnitt verweist, die der südkoreanische Künstler mit seinem Umzug von Seoul nach Los Angeles erlebte, scheint dieser sich am deutlichsten in der Auseinandersetzung mit westlicher High Culture und ihren omnipräsenten Protagonisten zu manifestieren. In einer Vielzahl von Medien wie Malerei, Skulptur und Fotografie, bis hin zu Computermalerei und Neonschrift thematisiert, reflektiert und appropriiert Choi eine Kultur, die geprägt ist von einer maßgeblich weißen, männlichen und stark körperbezogenen Kunst.

Cody Choi Installationsansicht 2 [6]

CODY CHOI. Culture Cuts, Installationsansicht Kunsthalle Düsseldorf, Foto: Katja Illner

Bereits beim Eintreten in den ersten von drei Ausstellungsräumen wird dem Besucher deshalb zunächst das eigene Spiegelbild vorgehalten. Die erste Lektion in Sachen westlicher Kultur: Du bist, wie du aussiehst. Während sich ständig im Spiegel zu betrachten im ostasiatischen Kulturkreis verpönt ist, lässt sich der Entwurf einer Identität in einer kapitalistisch geprägten Bildwelt ohne Reflektion gar nicht denken. Um Reflektion, oder vielmehr die körperliche Kraft und Mühe, die sie zuweilen erfordert, wird auch in Chois pinkfarbener Skulptur The Thinker, December #3 (1996) aufgegriffen, um dann vom Künstler ad absurdum geführt zu werden. Denn wie er richtig feststellt, erinnert der Denker Rodins in seiner Pose mehr an einen anderen ‚stillen Ort‘ als an die geistige Sphäre in der er sich befindet. Überaus treffend ist deshalb Chois Materialwahl, wenn er den Denker aus Toilettenpapier und Pepto-Bismol (ein amerikanisches Magen- und Durchfallmedikament) nachempfindet. Als Sockel dient der Skulptur die eigene Transportkiste aus Holz. Auffällig ist ein großes Loch darin, das auf den ersten Blick Fragen aufwirft, da es eine spezifische Form aufweist. Über die beabsichtigte Nutzung dieses Loches klärt die Fotografie an der Wand hinter der Skulpturengruppe auf: Mit dem Hinterteil voran Platz genommen, wird der Denkprozess so zu einem regelrechten Metabolismus. Gemäß dem Motto der antikolonialen, brasilianischen Anthropophagie-Bewegung der 1920er-Jahre – statt das Fremde wegzuschieben, das Fremde fressen – versucht Choi nicht, sich die fremde Kultur im Sinne von Anpassung anzueignen und amerikanische Kunst aus der Perspektive eines Asiaten zu schaffen, sondern mehr noch, über Jahre hinweg diese Kultur regelrecht zu verinnerlichen, um ihr mit einer wahrhaften Ironie begegnen zu können.

Cody Choi_Episteme Sabotage – Corny Island [5]

Cody Choi, Episteme Sabotage – Corny Island, 2014, Öl auf Leinwand, Stoff, Garn , 129,5 x 195,6 cm, Courtesy PKM Gallery, Foto: Katja Illner

Diese findet sich besonders ausgeprägt, nahezu plakativ, im zweiten Ausstellungsraum der Retrospektive wieder. Dort sind mehrere Werkserien des Künstlers vereint und zeigen die Vielfalt der Medien sowie die ansprechende Leichtigkeit, mit der Choi diese einzusetzen vermag. Von digital generierten Computerbildern, die an Gerhard Richters abstrakte Bilderserien angelehnt sind, hin zu Kopien berühmter Meisterwerke wie Van Goghs Sonnenblumen und Manets Olympia, die der Künstler mit teils sarkastischen Phrasen und teils mit zynischen Beleidigungen auf angehängten Stofffetzten kommentiert. An der linken Schmalseite des Ausstellungsraumes erstrahlt ein weiterer Werkzyklus aus leuchtenden Neonschriften in koreanischer Sprache, deren misslungene Übersetzungen aus dem Amerikanischen, zum einen die grundlegenden Schwierigkeiten bei der Verständigung zwischen unterschiedlichen Kulturen veranschaulichen und zum anderen auf die Sinnentleertheit kapitalistischer Motti offenlegen; No Smart, No Fighting(2010-2011) eben.

Cody Choi_Neonlights [4]

Cody Choi, No Smart, No Fighting, 2010-2011, Neonröhren, 50,8 x 50,8 cm / Down Side is Heavy, 2010-2011, Neonröhren, 101,6 x 119,4 cm / Unconsciousness drive prejude, 2009-2011, Neonröhren, 91,4 x 96,5 cm / Pause on You, You can talk with Monkey, 2010-2011, Neonröhren, 61 x 61 cm / Alle Arbeiten: Courtesy PKM Gallery, Foto: Katja Illner

Auf die Spitze treibt es Choi mit der Ironie dann im dritten Ausstellungsraum in der zweiten Etage der Kunsthalle. Hier materialisiert sich die Frage nach der Größe männlicher Künstleregos förmlich. Denn wer eine Box für multiple Penisse in Überlebensgröße aufstellt, stellt diese Frage unverwandt und ungeniert. Penisöffnungen in Sockeln und Transportboxen wohin man schaut: Für jede Größe ist etwas dabei, vom Double Ding Dong zum Macho Tower bis hin zu einem ganzen Ego Shop (1994).

Cody Chois Retrospektive zeigt die Unerschrockenheit eines Heimatlosen es mit einer ganzen, ihm wohl bis heute fremden Kultur und ihren allgegenwärtigen Hauptakteuren aufzunehmen. Dabei verzichtet Choi darauf, die Differenzen zwischen den Kulturen zu glätten, entscheidet sich vielmehr, sie herauszustellen, sich ihnen entgegenzustellen und wenn nötig, sie zu persiflieren, um so Klischees zu entlarven und um möglicherweise sogar manch ein (zu großes) Ego zu relativieren.

Cody Choi_Ego Shop [2]

Cody Choi, Ego Shop, 1994, Holz und Spanngurte, 101,6 x 101,6 x 195,6 cm Courtesy of PKM Gallery, Foto: Katja Illner

Schizo-Shit-Box-Art-Desaster
von Andreas Richartz

Während seit mehr als 30 Jahren verschiedene Denkschulen die Relationalität und Fragmentiertheit des Subjekts ausrufen und die Möglichkeit einer Kern-Identität leugnen, versichert sich der südkoreanische Künstler Cody Choi zumindest in seinem Frühwerk manisch seiner Selbst. Choi, der einem Kulturkreis entstammt, welcher unsere westlichen Subjekt-Kategorien und -Konzepte traditionell mit Argwohn belegt, führt einen künstlerischen Kampf um Distinktion und Selbstvergewisserung: Culture Cuts, kulturelle Brüche als Programm in Chois erster Retrospektive in Deutschland in der Kunsthalle Düsseldorf.

Weite Teile seines künstlerischen Wirkens stellt Choi in den Fokus einer Bildersprache, die ihre formalen Prinzipien aus der ironisch-distanzierenden Aneignung monolithischer Werke der Malerei- oder Bildhauerei-Geschichte gewinnt. Sein Beitrag zur Appropriation Art kopiert oder wiederholt jedoch nicht einfach Teile des Kanons apostrophierter Kunst-Gigantomanie. Er provoziert vielmehr, indem er herabsetzt. Wenn er z.B. Rodins Denker mithilfe von Toilettenpapier und einem von ihm jahrelang konsumierten, rosafarbenen Magenberuhigungsmittel zu einem roh geformten Klumpen degradiert (The Thinker, December #3, 1996) oder Richters Ästhetik der Unschärfe in seinen Blondinen-Bildern wiederholt.

Cody Choi_Cody's Legend vs. ... [1]

Cody Choi, Cody’s Legend vs. Freud’s Shit Box, 1994-1995, Bronze, Holz, Stahl, 96,5 x 96,5 x 264,2 cm, Courtesy of PKM Gallery, Foto: Katja Illner

Allerdings läuft Chois Kunst Gefahr, jenen Geist nicht mehr los zu werden, der ihr sein Thema vorschreibt. Die interkulturelle Einsamkeit gerinnt zum Surrogat einer Inspiration, die davon lebt, was sie gefangen hält und sein Sujet verdankt sich seiner narzisstischen Gekränktheit. Ein paradoxer Kreislauf, dem Choi viele seiner ego-zentristischen Werke verdankt, die fast penetrant ein Ich postulieren, das sich erst durch künstlerische Rachenahme konstituiert.

Unwidersprochen bleibt, dass durch die konstante Nabelschau des Künstlers sein eigentliches Thema transportiert wird: Der Zusammenstoß der Kulturen und die Hybriden postkolonialer Kultur. Obgleich die Omnipräsenz eines nicht beachteten Ich als Motiv weder besonders neu noch besonders originell erscheint, adelt Choi seine Fähigkeit, einem möglichen Dissens durch philosophische Untermauerungen zu begegnen. Das ist zugleich das größte Manko dieser Ausstellung: Im eigentlichen Sinn interessant wird diese Kunst erst im Hinblick auf den soziologischen Blick, den ihre Kern-Aussage provoziert: Ich, ich, ich bin nicht wirklich ich; an keinem Ort, nirgends. Eigentlich ein Aberwitz: Dem durch seine Eltern erzwungenen zweifachen Culture Cut verdankt Cody Choi seine Kunst und den ihr folgenden Ruhm.

Die Ergebnisse seines Konzepts, seine unfreiwillige kulturelle Bipolarität als künstlerische Inspirationsquelle auszubeuten, erinnern mitunter an die obszön-pornographischen Inszenierungen zur Hochzeit der Fluxus-Performances (etwa Chois Macho-Tower). Spätestens dann aber, wenn beim Aufstöbern von Zitaten der klassischen Moderne eine banale Rätselstimmung sich breit macht, ist es geboten, noch einmal einen Schritt zurück zu treten und zu fragen: Was will uns Cody Choi eigentlich erzählen? Ist das nicht Gejammer auf höchstem Niveau, das die eigene Biographie ausschlachtet, um endlich zu einer funktionalistischen Narration der Anklage zu gelangen? Wo steckt in dieser Kunst das Allgemeingültige hinter dem Besonderen?

Cody Choi_The Thinker [3]

Cody Choi, The Thinker, December #3, 1996, Toilettenpapier, Pepto-Bismol, Holz, Leim, 111,8 x 91,4 x 27,9 cm, Courtesy of PKM Gallery, Foto: Katja Illner

Wessen Subjekt bin ich? fragt eine thematisch komplementäre Gruppen-Ausstellung, die der Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen im gleichen Gebäude gegenüber zeigt. Wer dem Taumel der Ich-Echos von Cody Choi entrinnen und sich eine kognitive Verdauungspause gönnen will, kann sich dort der empfehlenswerten Spiegelung der Frage hingeben.

Während Choi uns vorführt, wie er der psychischen Dehydrierung, der er als Grenzgänger ausgesetzt war, ein zwar verletzliches aber unbedingt starkes Subjekt entgegen stellt, finden wir in den Arbeiten der vom Düsseldorfer Kunstverein gezeigten Künstler Alternativen zu den Narrationen eines verheerten Ich. Alternativen, die vor dem Anspruch der Anerkennung je eigener Singularität durchaus auch produktiv kapitulieren können, wenn zum Beispiel Johannes Bendzullas Photostrecke über den Tagesablauf eines Künstlers ironisch damit prahlt, dass nur ein Subjekt, welches die Produktionsmittel in Händen hält, ein Subjekt ist.

Im Mut zur kreativen Affirmation der eigenen Zerrissenheit und fehlender kultureller Identität liegt mithin die Antwort auf die Frage, wie in den Topos eines künstlerischen Wirkens die Unmöglichkeit des Ankommens eingeschrieben werden kann, ohne darum als ein von diversen Kultur-Mächten kolonisiertes Alien hervorzugehen. Davon, von Würde und ihrem möglichen oder unmöglichen Erhalt, handeln beide Ausstellungen.



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