Besprechung Amsterdam Art Weekend

Besprechung
Amsterdam Art Weekend


Große Eröffnungen, Rijks Open, Ausstellungen, Performances, Konzerte, Partys – Der Kunstmarathon am letzten November-Wochenende versetzte das sonst so gemütliche Amsterdam in Hysterie. Carla Donauer hat sich trotzdem nicht vom Bummeln abhalten lassen.

Ich bin Laufen gewohnt. Während meiner mehrwöchigen Residency in der FLATstation im Amsterdamer Nord-Osten war das Zufußgehen gewissermaßen experimentelle Programmatik. Gemäß der Promenadologie bedeutet Spazierengehen, Raum abzuschreiten, durch die Bewegung zu erforschen und der Bewusstwerdung der eigenen Perspektive, welche immer von verschiedenen (historischen, sozialen) Einflüssen bestimmt ist.

Der Trabantenstadtteil Bijlmer, der in den 1960er Jahren in Form von Honigwabenhochhäusern nach Plänen von Le Corbusier in die Landschaft gesetzt wurde, war ehemals ausschließlich mit dem Auto erreichbar – und scheiterte als Großprojekt an den Realitäten und der unzulänglich geplanten Infrastruktur. Rund fünfzig Jahre später steht von diesem kühnen Plan und virtuosen Konzept nur noch ein Bruchteil des als Gesamtbebauung geplanten Stadtteils. Rund 60 % des Bestands wurden nach einem Flugzeugabsturz in den 1990er Jahren sukzessive abgerissen und durch neue Bauten ersetzt, so dass der Stadtteil nun von diversen Bauten und Stilen durchzogen ist. Es hat sich ein homogener Stadtteil entwickelt, in dem vor allem Menschen aus den ehemaligen Kolonien der Niederlande, den Antillen- und Surinam hier wohnen. Aus dieser modernistischen Umgebung sozialer Wohnungsprojekte entsteht eine gesunde Distanz als Ausgangssituation für eine grundlegende Frage, die sich schon Lucius Burkhardt in den 1970er Jahren gestellt hat: Wie bewegt man sich durch die Stadt und den öffentlichen Raum? Was nehme ich wie wahr und welche Perspektiven nehme ich ein? Dafür wählte er den Begriff der Spaziergangswissenschaften, die er zum einen in Kassel erprobte, als er mit Autowindschutzscheiben durch die Frankfurter Strasse spazierte, um den Blick aus der Autoperspektive nachzuformen und zu verstehen, wie sich das Sehen konstituiert.

Die Perspektive, die sich üblicherweise in Amsterdam anbietet, ist das Fahrrad – schnell hin kommen, ankommen, weg kommen. Beim Amsterdam Art Weekend am letzten Novemberwochenende habe ich mich stattdessen schlendernd durch die Stadt bewegt. Neben den Highlights wollte ich die kleineren Projekte, vor allem die mit einem performativen Schwerpunkt, nicht übersehen.

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Johann Arens, Rijksakademie, Foto: Carla Donauer

Meine Tour beginnt Freitags beim jährlichen Rijksakademie OPEN, der offenen Ateliers der Rijksakademie, an dem knapp 50 Künstler teilnehmen. Wie bei jedem Rundgang ist es eine Herausforderung, bei der Menge an Präsentationen, den Blick frei zu halten und etwas zu entdecken. Was wir zu sehen bekommen, sind rund fünfzig gut inszenierte Einzelausstellungen mit Begleittext und Saalplan, jedoch zu oft rutscht das Auge ab, zu ähnlich die Arbeiten. Auffällig häufig stehen Materialität und Form im Fokus, Magie und Mystik sind ein wiederkehrendes Mittel und Motiv, theatral inszenierte, dunkle Räume reihen sich aneinander. Da fallen die Präsentationen von Johann Arens, Catherine Biocca oder Dit-Cilinn auf, die etwas anders machen, nämlich präzise Setzungen ohne zuviel zu wollen. Johann Arens zeigt gleich an mehreren Orten, er kollaboriert für sein Projekt mit einem örtlichen Computer-Lerncenter, wo er seine Plexiglas-Bildschirmskulpturen recht lapidar in den regulären Arbeitsraum des Community Centers integriert. Im Gegenzug wird Büroequipment des Centers sozusagen stellvertretend in der Rijksakademie gezeigt. An diesem Produktions- und Präsentationsort vermischen sich die Ebenen und alles wird gleichwertig zum Teil der Arbeit: Der Besucher wird zum Akteur, Tische, Papierkörbe, Kaffeekannen, Aktenordner und Computer des Centers appropriiert in einem Verweissystem aus Alltag und Künstlichkeit. Hier werden Fragen adressiert nach der Erreichbarkeit von Wissen und der Verfügbarkeit technischer Ressourcen, nach Kommunikation als Mittel von Macht und Orte untersucht, die als Satelliten für sozialen Austausch funktionieren. Catherine Biocca schafft es durch eine absurde, ins comichaft gehende Präsentation, die Alltägliches genauso integriert wie eine gewisse Künstlichkeit, sich abzugrenzen und schmunzeln auszulösen.

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Catherine Biocca, Rijksakademie, Foto: Carla Donauer

Ein Stück mit dem Fahrrad geht es weiter zur Ausstellung im Stedelijk Museum Bureau, wo Antonis Pittas mit Hold on (bis 10.1.16) in einer Soloschau der Frage nach dem kulturellen Vermächtnis von Sprache und Geste nachgeht. Der performative Aspekt der Ausgangssituation, wie die Einbeziehung von Handlung und Bewegung in die künstlerische Arbeit, setzt sich hier fort. Das Thema der Geste und das Motiv der Hand als Bedeutungsträger und -vermittler wird eingesetzt, um verschiedene Aspekte zu beleuchten: Wie funktionieren Prozesse von Vermittlung von Botschaft durch Mimik und Gestik und welche, auch verdeckte oder geheime, Sprache offenbart sich dadurch? Welche gesellschaftliche und historische Wandlung ist damit verbunden? Jeder räumliche Anteil ist potentiell einbeziehbare Fläche: Wände, Decke, Fußboden sind in verschiedenen Farben (blau, rot, gelb, weiß) gestrichen und halten die gesamte Ausstellung als Klammer zusammen, in der unterschiedliche Objekte mit dem Motiv der Hand wiederkehrend eine choreographische Schleife ziehen. Angela Merkels berühmt gewordene pragmatische Formung der Hände wird mühelos neben antiken und kunsthistorischen Bezügen zitiert.

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Antonis Pittas, hold on, 2015 (installation view) courtesy of the artist, SMBA and Annet Gelink Gallery. Photography: Gert Jan van Rooij

Einige Grachten weiter, lädt die Manifesta Foundation, mit Lo and behold zu einem Kooperationsprojekt mit der Galerie Juliètte Jongma, dem Plattenlabel I`m with her records und dem Kunstverein Amsterdam zu einem Konzert mit Künstlern wie Nora Turato, Mike Pratt oder Florian und Michael Quistrebert. Der Besucher wird durch die diversen eindrucksvollen Räume des Hauses geführt, durch dessen Gänge man recht labyrinthisch von einem Konzert zum nächsten gelangt, in einer etwas bizarr wirkenden Folge aus stiller Konzentration und ausflippender Partymeute. Es beginnt mit einer Performance von Nora Turato, die sich lässig gestylt in und auf Arbeiten von Nicholas Riis setzt, stellt, legt. Der zunächst etwas peinlich wirkende poetry-slam-like Auftritt entwickelt zunehmend Intensität durch die Schnelligkeit der Worte und der teils grotesken Phrasen über Feminismus, Macht und Weiblichkeit, die man zunächst nicht mit Rap verbindet („Beauty, Safety, Status, Suffer, but Why”), während die Künstlerin einen Prada Rock aus der „Feminismus“ Linie trägt, sich die High Heels auszieht, Wasser aus Plastikflaschen trinkt. Prada beauftragte für die Kollektion verschiedene Künstler „to engage themes of femininity, representation, power, and multiplicity“. In Turatos Auftritt dient die Kleidung als Mittel der Manipulation und eines Repräsentationsgedankens der sich selbst auffrisst – nach dem Motto: Du musst dich nur entsprechend kleiden, damit man dir deinen Feminismus auch wirklich abkauft. Es gelingt Turato, die Spannung des frei gesprochenen Textes über mehr als zwanzig Minuten zu halten, weil sie in ihrer Ernsthaftigkeit niemals ihre Rolle verlässt, gekonnt choreografierte, überraschende Momente einbaut und sich der Zuschauer letztlich seiner eigenen Korrumpierbarkeit überführt fühlt. Das Gekicher des Publikums, ausgelöst durch kalkulierte Momente des Witzes und der Groteske, bekommt einen unangenehmen Nachgeschmack, wenn Turato zum Ende nebensächlich kommentiert: „It`s the white girls blues“.

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Nora Turato, Io and behold, Manifesta Foundation, Foto: Carla Donauer

Neben all den aktuellen Positionen und Schauen des offiziellen Programms des Art Weekend lohnt ein Blick in abseitig gelegene Ausstellungen, wie die Schau bei The Merchant House zeigt. Bis 18.12.15 bietet sie Einblicke in sämtliche 156 Ausgaben der Art & Project „Bulletins“, die zwischen 1968 und 1989 von Art & Projects in Amsterdam herausgegeben wurde und deren Agenda damals noch sehr junge niederländische und internationale Künstler wie Ger van Elk, Jan Dibbets, Robert Barry, Lawrence Weiner und eine lange Liste weiterer, mittlerweile zum Kanon zählender (fast ausschließlich männlicher) Künstler gehören. Die Reihe gibt Einblick und Aufschluss über die Aktivitäten von Art & Projects und dessen legendäres Programm. Die Bulletins, die damals in einer Auflage von 800 verschickt wurden und die das Format als künstlerisches Medium begriffen, welches teils auch die Adressaten mit einbezogen, wie in einer Ausgabe von Jan Dibbets, der dazu aufforderte, die Hälfte des Blattes gestempelt zurück zu schicken. Hier kann man einem vergangenen Spirit nachspüren und gleichzeitig einen Blick in die Geschichte von Art & Projects, sowie der Publikation als künstlerisches Format werfen.

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The Merchant House, Art & Project „Bulletins“, Foto: Carla Donauer

Der Projektraum Rongwrong zeigt eine Ausstellung, die als Quasi-Kommentar auf die aktuelle Hysterie während des Art Weekends reagiert und wie die Faust aufs Auge passt, wenn man die Nacht zuvor auf der Isa Genzken Afterparty des Stedelijk Museums gewesen ist. Gossip und Mythen, immer schon Teil des Kunstbetriebs, werden hier als künstlerische Phrase als Kommentar und Haltung vorausgesetzt. Als Ausgangsfigur dient der mexikanisch-niederländische Konzeptkünstler Ulises Carrión und seine Videoarbeit „On Gossip, Scandal and good Manners“ (1981), welche Fragen nach Formen des alltäglichen Informationsaustauschs und Gossip als künstlerisches Mittel stellt. „Chewing Gum“ (1983), eine wunderbare Arbeit in der verschiedene Personen etwa acht Minuten lang Kaugummi kauend in die Kamera gucken, ist eine wahrhafte Entdeckung, wenngleich die weiteren gezeigten Arbeiten der eingeladenen Künstler, angekündigt als Antwort auf die Arbeit von Carrión, bei Weitem nicht mithalten können.

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Rongwrong, Seriously discussing idle chatter #1, Foto: Carla Donauer

Auf dem Weg zum nahegelegenen Bahnhof lohnt sich ein Blick in die Oude Kerk, die derzeit eine ortsspezifische Arbeit von Germaine Kruip unter dem Titel Geometry of Scattering (bis 27.3.16) zeigt. Nach den oft lauten Ausstellungen ist die Arbeit ein wirklicher Schock und es braucht einen Moment, sich auf den Ort einzulassen. Kruip hat sechs Situationen für den Kirchenraum entwickelt, die diesen minimal durch Licht, Sound und architektonische wie performative Eingriffe verändern. Jedoch durch jene kleinen Verschiebungen den Raum als Ort ins Zentrum stellen. Nicht nur in seiner sakralen Funktion, sondern vor allem als architektonischer Andachts- und Wissensraum. Kontinuierlich spielt ein Orgelstück nach einer Komposition von Robert Ashley (The Entrance, 1966), realisiert mit Will Holder, welches den Grundton des Aufenthalts maßgeblich bestimmt und den Körper auf eine Frequenz einstellt, die auch das Sehen zunehmend bestimmt. Ein anhaltendes Dröhnen ist zu hören, welches in 150 Minuten kaum hörbar seine Tonlage verändert. Die Phase der Akklimatisierung an den Raum, die Temperatur und das Licht wird beinahe zum Teil des Werkes, welches das Vorhandene und die Bewegung des Menschen im Raum als Grundvoraussetzung des Erlebnisses formuliert. Darüber hinaus beginnt stündlich eine Performance, in der je nur ein Besucher den Raum abschreitet, sich in Tempo und Richtung der Begleitperson anpasst, Körper und Geometrie gleichwertig als räumliche Größe zu erfassen, – sehr ähnlich der Methodik der Spaziergangswissenschaften. Auf einer holzvertäfelten Zwischenwand hängen zehn Spiegel, welche die möglichen geometrischen Formen des Kreises durchspielen. Die zurückhaltende Selbstverständlichkeit der Eingriffe ist die große Qualität Kruips Formulierung für den Ort, wobei es dann fast schade ist, das die Künstlerin nicht auf die sichtbarste Arbeit verzichtet hat: eine weiße Marmorsäule aus zwei geometrisch in sich verschachtelten Formen, welche sich vom Boden bis zum Gewölbeende erstreckt und durch ihre starke Präsenz leider etwas verkrampft wirkt.

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Germaine Kruip, Geometry of Scattering, Oude Kerk, Foto: Carla Donauer

Jeanine Hofland hat eine Gruppenausstellung zusammengebracht, welche sich den Fragen nach dem Potentiellen, Hypothetischen aus einer recht assoziativen Perspektive nähert. I wish I never kissed that frog (bis 23.1.16) vereint Arbeiten von elf internationalen Künstlern, zusammengebracht unter dem lyrischen Songtext von Keane`s The frog prince. Versprechen, Missverständnis und Erwartung werden hier einerseits angedeutet, andererseits gleich wieder ins Leere laufen gelassen, so das alles stetig in der Schwebe verharrt. Wie in Artun Alaska Arasli`s Leinwandarbeit, eine motivische Stickerei auf weißer Leinwand, welche an nicht mehr gebräuchliche Techniken des Handwerkens erinnert, deutet an, lässt aber die Motive unvervollständigt, franst aus und bleibt ohne unentschlossen zu sein hängen in diesem Zwischenraum. Lucy Stein zeigt Malereien, die seltsames, rätselhaftes und absurdes abbilden. Sie erinnern an einen verstörenden Traum und besetzen genau diesen spekulativen Aspekt der Ausstellung, den Moment des Aufwachens und der Orientierungslosigkeit. Die hysterische Schaufensterpuppe von Liz Craft knüpft überspitzt und sehr direkt an diesem Punkt des Phantastischen an, vielmehr jedoch als bizarre Anekdote. Die Schau ist deshalb interessant, da sie ein Gefühl von Neugier und Zweifel hinterlässt, abgründiges und rätselhaftes anschneidet, nach dem Gehalt von Realität und Fiktion fragt – und auch wenn man es sich kaum zu sagen traut: und Spaß macht.

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I Wish I Never Kissed That Frog (Installation view), Jeanine Hofland, Foto: Carla Donauer

Falke Pisano`s Ausstellung The value in mathematics bei Ellen de Bruijne Projects (bis 19.12.15) gleich um die Ecke hingegen scheint dagegen fast etwas blutleer und erzwungen. Die gut durchdachte und komponierte Ausstellung, die dem abstrakten Wert/Nichtwert von mathematischen Logiken und der Übertragbarkeit auf diverse Konzepte unserer Gesellschaft nachgeht, spielt verschiedene Szenarien durch und lässt am Ende – leider, durch die starre Kalkuliertheit, nichts offen.

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Falke Pisano, The value in mathematics, Ellen de Bruijne Projects, Foto: Carla Donauer

Die Retrospektive Mach dich hübsch von Isa Genzken, im Stedelijk Museum (bis 6.3.15) habe ich mir für den Schluss der Tour aufbewahrt, hierüber könnte ein seitenlanger Bericht folgen. Eine Ausstellung, in der ein Großteil aller wichtigen Arbeiten zu sehen ist, perfekt installiert, kann man dort jahrzehntelanges Arbeiten am Werk erleben, vieles das man schon kannte neu sehen, oder auch selten ausgestellte Arbeiten, wie die Filme, neu entdecken. Es ist gut zu sehen, wie dieses Werk sich in einer Lässigkeit entfaltet, unglaublich frisch und bestimmend ist, einem Tränen in die Augen treibt – und wie dabei der Schalk im Nacken sitzt. Diese Ausstellung ist das Beste, das ich seit langem gesehen habe.

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Isa Genzken, Installation view Stedelijk Museum, photo Gert Jan van Rooij

Also-, mach dich hübsch, geh raus, spaziere und verändere die Perspektive. Für mich geht es am Ende des Wochenendes wieder nach Amsterdam Zuid-Oost, zwar auf dem Fahrrad, allerdings mit einem geschulten Blick des Spaziergängers. Lucius Burkhardt`s Methode, durch das Spazierengehen und das reine Schauen das eigene Verhalten im urbanen Raum zu ermitteln, lässt sich besonders gut aufgrund des Perspektivwechsels und der Rückkehr in die Trabantenstadt analysieren. Dieser seltsame Ort, an dem Dimension eine andere Bedeutung hat, als in der gemütlichen Innenstadt, scheint weit weg von alldem.

Carla Donauer ist freie Kuratorin und lebt in Köln.

Artikelbild: Isa Genzken, Schauspieler III, 2, Installation view Stedelijk Museum, photo Gert Jan van Rooij



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