Berlin braucht (k)eine richtige Kunstmesse!

Berlin braucht (k)eine richtige Kunstmesse!


Parallel zur alljährlichen Berlin Art Week, die als Ausstellungsmarathon der Extraklasse ihresgleichen sucht, eröffnet in diesem Jahr erstmals die art berlin in der Station am Gleisdreieck. Die neue Kunstmesse ist eine Kollaboration zwischen der etablierten Art Cologne, geleitet von Daniel Hug und dem Team des ehemaligen Messeformats abc – art berlin contemporary unter der Führung von Maike Cruse, Direktorin des ebenfalls sehr erfolgreichen Gallery Weekends.

Cruse, versteht die neue art berlin als Weiterentwicklung der abc hin zu einer klassischeren Kunstmesse und nicht als einen harten Bruch mit dem alten Format. Doch es klingt nach vielen Eingeständnissen: „Die abc war ein sehr luxuriös gedachtes Konzept, das vor allem inhaltlich ausgerichtet war und weniger kommerziell. Es wäre schön gewesen, wenn man es so hätte weiter führen können, aber in jetzigen Zeiten muss man verkaufsorientierter denken.“

Während es viele Jahre sowohl aus Berlin als auch Köln hieß, Berlin brauche keine klassische Kunstmesse, scheint das neue Messekonzept nun der früheren Ausrichtung des Formats abc entgegen zu stehen und dafür stark an der Art Cologne ausgerichtet zu sein. Um dieser überraschenden Entwicklung auf den Zahn zu fühlen, habe ich beide Direktoren gebeten, Stellung zu beziehen zu Statements, die oft benutzt werden, um eine Kunstmesse in Berlin zu verteidigen oder in Frage zu stellen:

1. Berlin braucht keine „richtige“ Kunstmesse. (Sowohl einem älteren Interview mit Cruse als auch einem mit Hug entnommen)

Cruse: Der Kunstmarkt hat sich verändert. Man muss heute verkaufsorientiert denken, das heißt, dass eine Messe kommerziell funktionieren muss. Deswegen war klar, dass wir als Weiterentwicklung der abc, was die art berlin ja ist, eine richtige Kunstmesse machen wollen. Früher war es zeitgenössische Kunst und eher die etablierten Galerien, die zeitgenössische Kunst gezeigt haben. Auf der abc gab es ja immer nur künstlerische Einzelpositionen zu sehen. Das war immer auch eine Art von Hürde, weil es für die Galerien aufwendig war so etwas zu machen. Mit der art berlin haben wir uns insgesamt im Segment verbreitert und haben proaktiv eine Erweiterung des Programms vorangetrieben. Wir haben dieses Jahr mehr ganz junge Galerien dabei, die junge Kunst zeigen. Aber auch ziemlich viele Galerien, die moderne Kunst zeigen.
Hug: Dieses frühere Statement von mir ist leicht zu erklären: Zu jenem Zeitpunkt haben Maike und ich nicht zusammen gearbeitet. Mein Ziel war damals die Art Cologne zur Nummer 1 des deutschen Messemarkts aufzubauen. Eine Kollaboration mit Berlin stand damals nicht zur Debatte. Heute, wo die Art Cologne wieder erfolgreich ist, denke ich, dass dasselbe für Berlin möglich ist. Mit der art berlin möchten wir erreichen, was wir in den vergangenen neun Jahren in Köln bewirkt haben.

2. Berlin ist Deutschlands wichtigster Kunststandort.

Hug: Das könnte man sagen, klar. Aber Deutschland hat viele wichtige Kunststandorte. Dennoch ist Berlin die Hauptstadt und dazu eine der größten und neuesten Städte Europas. Die Stadt hat soviel zu bieten und ist für viele Menschen super attraktiv. Sie hat das Potenzial enorm zu werden, so wie New York, London und Paris.
Cruse: Es kommt darauf an von welcher Perspektive man es betrachtet. Berlin ist definitiv nach New York der wichtigste Galeriestandort der Welt und der größte Produktionsstandort für Kunst. Die Künstler leben hier.

3. Köln ist Deutschlands wichtigster Kunststandort.

Hug: War es mal, kurz nach dem Krieg, als die erste documenta in Kassel stattfand und wenig später die Art Cologne ins Leben gerufen wurde. Aber Köln hatte auch lange Zeit die einzige Kunstmesse deutschlandweit. Es gab keine andere Option. Doch heißt das, dass Berliner Galerien ab sofort nicht mehr nach Köln zur Messe kommen werden? Sehr unwahrscheinlich.
Cruse: Es ist natürlich so, dass der Markt im Rheinland stärker ist und dass es dort mehr Sammler gibt. Zudem ist die Museumslandschaft in Städten wie Frankfurt, München, Köln und Umgebung vergleichbar gut wie in Berlin.

Maike Cruse (Foto: Wolfgang Stahr)

4. Synergien produzieren mehr Output (Besucher, Presse, Aufmerksamkeit, kommerziellen Erfolg).

Cruse: Ja, absolut! Das ist vor allem für Köln interessant, denn die engagieren sich ja hier. Für uns ist das interessante daran in erster Linie, dass wir finanziell stabilisiert sind. Erstmalig wird es uns möglich sein, sich langfristig etwas aufzubauen. Dazu kommen natürlich die Synergien mit dem Team der Art Cologne, mit dem wir eng zusammen arbeiten und z.B. die Gästelisten für beide Messen synchronisieren usw. Es werden viele Rheinländer nach Berlin kommen diese Woche, weil sie sich dafür interessieren was die Kölner hier machen. Das sind natürlich alles ganz viele Synergien die uns allen helfen.
Hug: Ja! Das Timing eine neue Kunstmesse in Berlin zu starten könnte nicht besser sein! Wer wird davon profitieren? Beide Seiten, ganz klar. Es geht darum beide Messen organisch und im selben Tempo wachsen zu lassen. Ich könnte mir vorstellen, dass die Art Cologne und die art berlin irgendwann auf die selbe Größe anwachsen und dabei beide erfolgreich sein werden. Schließlich gibt es genug Galerien in Deutschland und darüber hinaus.

5. Kunstmessen sind etwas für die „Elite“.

Hug: Klar, ist dies ein Luxusmarkt. Das will ich nicht leugnen. Doch es gibt viel Kunst da draußen und die Preisbildung ist von Messe zu Messe verschieden. Ich war selbst mal Galerist und habe zwei sehr erfolgreiche Galerien geführt. Das letzte, das ich tun möchte, ist Galerien dazu zu nötigen bei einer Messe mitmachen zu müssen, koste es was es wolle. Das ist bei bestimmten Kunstmessen so, die mit ihrem Prestige locken, für das man letztlich einen hohen Preis zahlt. Ich meine, man muss sich nur anschauen wie viele prominente Galerien im Laufe des letzten Jahres schließen mussten, wie Andrea Rosen, um nur eine zu nennen. Die Preisbildung einer Messe spielt also eine große Rolle. Es geht um Nachhaltigkeit, die es auch den kleinen und mittelständigen Galerien ermöglichen sollte an einer Kunstmesse teilzunehmen. Kunst wird auch von Otto Normalbürgern gekauft, von Zahnärzten und Versicherungsmaklern. Wenn etwas nur für reiche Leute ist, wen interessiert es dann? Mich nicht.
Cruse: Das würde ich überhaupt nicht sagen. Hier in Berlin haben wir jedes Jahr etwa 30.000 Besucher und da ist sehr wenig „Elite“ dabei. Es gibt gerade bei der Kunstmesse, die wir jetzt machen die Möglichkeit Stände mit mehreren Positionen zu zeigen. Das war früher nicht so, denn da gab es pro Galerie nur eine Position, das war eine große, oft sehr teure Arbeit. Zugegeben war das einigermaßen elitär auf die eine Art und Weise, wobei man die abc auch als Kunstausstellung sehen konnte. Dieses Jahr ist es so, dass es wahrscheinlich auch viele sehr erschwingliche Sachen zu sehen sein werden. Es sind auch einige Editionsgalerien dabei, wo es sehr günstige Sachen gibt. Ich denke für 1.000 Euro Kunst kaufen, das ist nicht besonders elitär, da können viele Leute mitmachen, wenn sie wollen. Zudem ist es so, dass wahnsinnig viele Schulklassen kommen werden. Meine ganze Nachbarschaft kommt, die gesamte Kita meiner Kinder kommt, das ist nicht elitär.

6. Um eine gute Kunstmesse zu produzieren, braucht man viel Geld.

Cruse: Man muss nicht unbedingt viel Geld investieren. Wir haben jetzt aber die Möglichkeit in Vorleistung zu gehen, wie z.B. einen dreijährigen Mietvertrag mit einer Location zu unterschreiben. Das konnten wir früher nicht. Geld im Rücken zu haben für eine Stabilisierung ist gut, wenn man dann noch mehr Geld hat um in bestimmte Dinge zu investieren ist das…noch besser. Grundsätzlich ist es aber so, eine gut funktionierende Messe wie die Art Cologne generiert natürlich Geld. Es ist ja letztlich ein Geschäftsmodell. Das soll diese Messe natürlich auch irgendwann tun.
Hug: Ja und nein. Sagen wir so, wenn Galerien mehr verkaufen, erwarten sie auch mehr Service, wie dickere Wände usw. Es kommt also darauf an…insbesondere auf die Größe einer Kunstmesse, denn wenn sie zu groß ist, verkauft niemand und wenn sie zu klein ist auch nicht. Im Grunde kann man eine Kunstmesse mit kleinem Budget machen oder man kann verschwenderisch sein. Es gibt beides.

Daniel Hug (Foto: Koelnmesse)

7. Die art berlin und die Art Cologne sind nur etwas für etablierte Galerien und ihre Künstler.
Cruse: Nee, überhaupt nicht. Wir zeigen viele junge Galerien, die es erst seit einigen Jahren gibt, wie z.B. Leslie oder Gillmeier Rech aus Berlin. Das sind alles andere als etablierte Galerien, die oftmals auch ganz junge Künstler vertreten.

8. Das Besondere an der art berlin ist…
Cruse: … wahrscheinlich nach wie vor, dass sie in Berlin stattfindet! Wie schon erwähnt, ist Berlin wichtigster Produktions- und Galerienstandort der Welt. Darüber hinaus, wird es weiterhin Stände mit Einzelpositionen geben, wo Künstler ortsspezifische Ausstellungen zeigen, ein dichtes künstlerzentriertes Beiprogramm und einfach unglaublich hochkarätige Ausstellungen in den Galerien. Das macht die Weltklasse Qualität aus und ist nach wie vor das Besondere an der Stadt und dieser Veranstaltung.
Hug: … dass sie voll von neuen Entdeckungen sein wird. Ein Ziel ist auch: den Mythos von „arm aber sexy“ endlich zu zerstreuen. Er ist einfach falsch, bzw. er gilt schon lange nicht mehr für Berlin. – Ich freue mich sehr auf die Messe! Auf nach Berlin!

Ob es in Berlin tatsächlich eine richtige Kunstmesse für Sammler braucht, wird sich in den Verkaufszahlen am Ende der viertägigen Veranstaltung ablesen lassen. Dann wird sich zeigen, ob die art berlin das notwendige Wachstumspotenzial hat, das ihr Cruse und Hug im Voraus attestieren. Sicher ist nur, dass Galerien eine elementare Rolle in der Kunstwelt spielen. Sie sind oftmals die treuesten Unterstützter der Künstler und fördern unermüdlich deren kreativen Output. Einen Output mit dem sich die Stadt Berlin gerne schmückt. Doch dafür braucht es eben Geld. Sexy, ja bitte, aber arm besser nicht.

art berlin
14. September: 16 – 20 Uhr Opening
15. September: 11 – 19 Uhr
16. September: 11 – 19 Uhr
17. September: 11 – 16 Uhr

STATION – BERLIN
Luckenwalder Straße 4 – 6
10963 Berlin

Artikelbild: Stand Gagosian Gallery bei der Art Cologne 2017. Foto: Koelnmesse GmbH/Harald Fleissner

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