"Vostell an Bord der Raffaello“

„Vostell an Bord der Raffaello“


Ob überklebte Ansichtskarten, kurze Briefe auf Geldscheinen oder Nachrichten kreuz und quer auf einer imaginären Landkarte: Wolf Vostell war ein reger Brief- und Kartenschreiber. Angesichts seines eher ruppigen Werks überrascht nicht nur die schöne, große Handschrift des Chaos-Künstlers, sondern vor allem die vielen Gestaltungsvariationen seiner Zeilen. Helga Behn zeigt die schönsten Stücke des Künstlers aus dem Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels.

Wolf Vostell (geboren 1932 in Leverkusen, gestorben 1998 in Berlin), ist in den Beständen des ZADIK mit einer bemerkenswerten Fülle an Briefen und Karten vertreten. Der deutsche Décollage-, Happening- und TV/Video Künstler, Objektkünstler, Maler und Bühnenbildner ist stets ein reger Schreiber gewesen. Zu seinen Adressaten zählen die Galerie Inge Baecker aus Bochum, die Wuppertaler Galerie Parnass, die Galerie von Rochus Kowallek in Frankfurt sowie der Sammler Wolfgang Hahn oder der Kritiker Heiner Stachelhaus. Es ist unmöglich, hier der großen Zahl von Briefen auch nur annähernd gerecht zu werden, daher möchte ich stattdessen ein Potpourri der originellsten Schriftstücke ausbreiten. Vostell zeigt sich darin als ein ausgesprochener Spezialist im Collagieren und Übermalen von Bildpostkarten, der auch für seine Briefe immer wieder neue Möglichkeiten der Gestaltung findet.

1. a) Vostell Zahlschein, A5, VIII, 157

1. b) Vostell Zahlschein r, A5, VIII, 157

Es ist Vostells Spezialität, die unkonventionellsten Papiere zum Briefeschreiben zu nutzen. So ist ein Schreiben vom 20. Oktober 1963 an den Wuppertaler Galeristen Rolf Jährling aus dem Urlaub an der Costa Brava auf eine schlichte Auslandsüberweisung getippt. Er spricht Jährling mit dem witzigen Titel: „Verehrte Magnifizenz Señor Don Rolf del Jährling 63“ an, womit er ihn mit der von Paik 1960 in Köln gegründeten virtuellen „University of Avantgarde Hinduisme“ (deren einziges Mitglied Paik selbst ist) in Verbindung bringt. Laut Paik ist der Name gewählt, weil er gut klingt und Hinduismus eine freie Religion ist, also laut Paik „ein artistic Zusammenspiel“. Eigentlich ist der heitere Brief aber in erster Linie eine charmante Aufforderung, ihm Geld zu überweisen, oder anders ausgedrückt, ein Wink mit dem Zaunpfahl: „Hier ist Benzin sehr teuer! Ich bitte Sie, wenn es schon geht mir von den verkauften(?) Vostells per Auslandsüberweisung hierhin die Flöhe (nach Abzug der%) zu senden, damit ich wieder wiederkommen kann.

2. Vostell 63 A18,V, 1, 19

Am 16. April 1963 tippt er einen Brief auf eine herausgerissene Illustriertenseite, genauer auf das Gesicht des amerikanischen Schlagersängers, Schauspielers und Entertainers Bobby Darin. Der Adressat ist diesmal Rochus Kowallek, Besitzer der Frankfurter Galerie d, „[?]BURY YOU! ist als Zitat unter den lebhaft agierenden Star gedruckt (der damals als Sinatra-Nachfolger vor einem kurzen Comeback stand, bevor Rock und Beat den Ton angaben). Sicher gefiel ihm Darins Ausruf, sein Gegenüber zu Begraben, was im Gegensatz zum freundlichen Gesicht des beliebten Sängers steht. So hat er die Seite offensichtlich spontan ausgerissen um damit ein schwelendes Missverständnis zwischen ihm und Kowallek auszulöschen. In der Tat hat Kowallek sich in einem Brief vom 12. April bemüht, den verärgerten Vostell wegen einer ungelösten, nicht näher definierten Angelegenheit, mit Büchern o. Ä. zu besänftigen. Um die Sache zu befrieden insistiert Kowallek in seinem Brief: „Lassen Sie uns das Kriegsbeil begraben!“, worauf Vostell nicht ohne eine gewisse Arroganz entgegnet Es besteht absolut kein Kriegsbeil zwischen uns – also gibt es auch keins zu begraben.

Der gestalterische Umgang mit Illustriertenbildern ist für Vostell künstlerisches Schaffen nicht unwesentlich. So hat er 1961 für kurze Zeit als Layouter für die Zeitschrift ‚Neue Illustrierte’ gearbeitet und Tausende von Fotos gesichtet. Daraus sind wichtige Impulse für sein Werk entstanden, die sog. Verwischungen, in denen er die Titelblätter illustrierter Zeitschriften oder Fotos mit chemischen Lösungsmitteln bearbeitet, auswischt oder mit Farbe überzieht.

3. a) vostell decollage ocean, A18,V,1, 21S.2

3. b) vostell decollage ocean, A18, V,1,21 S.1

Ein späterer Brief an Kowallek ist handschriftlich verfasst, er ist undatiert, vermutlich aber im Frühjahr 1963 verschickt. Die beiden Kontrahenten haben sich über die gemeinsame Affinität zu FLUXUS inzwischen versöhnt, und Vostell benutzt das freundschaftliche Du. Der kurze Text nennt Bazon’s Donnerstags Manifeste“, eine Aktion von Bazon Brock, Hermann Goepfert und Kowallek, bei der sie im Februar/März 1962 in der Frankfurter Innenstadt Flugblätter mit aktionistischen Texten verteilt hatten, die zum Bruch mit allem Traditionellen aufforderten (und damit den Aufbruch der Avantgarde in Frankfurt angestoßen haben). Aus Vostells Studienzeit an der Ecole National Supérieure des Beaux Arts in Paris, 1955 bis 1956, rührt die von ihm zitierte hübsche Juan Gris-Metapher „Um einen Nagel machen zu können, muß man zuerst die Idee vom Nagel haben“, frei übersetzt, ohne Konzept kein Kunstwerk.

Das Briefpapier, dessen sich Vostell bei diesem kurzen Brief bedient, ist hier von besonderer Bedeutung. Er schreibt auf einem ungewöhnlichen, dicht mit Texten bedruckten Papierbogen, der eigentlich kaum noch Platz bietet für eigene Nachrichten. Es ist nicht so, dass Vostell für diesen Brief irgendein zufällig herum liegendes Papier beschrieben hat, handelt es sich doch um ein höchst programmatisches Druckwerk: es ist ein Poster mit der imaginäre
n Landkarte der Insel Fluxus im Décollage Ocean, das Paik ihm Anfang1963 für dievierte Ausgabe von Vostells Fluxus-Zeitschrift ‚Décollage’ gezeichnet hat. Die Landkarte ist voller Hinweise zu einer Fluxus-Opera und liest sich wie eine Lebenspartitur von Paik. Vostells Zeitschrift ‚Décollage’ ist erstmals im Juni 1962 erschienen, als eine der frühesten und wichtigsten Fluxus-Publikationen in Europa. Es ist die Zeitschrift, die Vostell in dem Brief an Kowallek anspricht: „ Es wäre wunderbar wenn Décollage erscheint im Frühjahr. Scheinbar möchte Vostell die ‚Donnerstags Manifeste’ in das neue Heft des ‚Décollage. Bulletin aktueller Ideen’ aufnehmen.

Das vieldeutige Wort ‚dé-coll/age’ (von losmachen, aufsteigen bis sterben etc.) bezeichnet Vostell künstlerisches Gestaltungsprinzip und umfasst seinen komplexen Kunstbegriff. Décollage steht für Zerstörungs- und Selbstzerstörungswillen der Gesellschaft, will Destruktion sichtbar machen, ist Ereignis, ist Happening.

4.a) Vostell Nagellackprobe, A5, VIII r, 157

4. b) Vostell Nagellackprobe 69, A5, VIII, 157

Auch im Verändern und Verfremden von gekauften Bildpostkarten zeigt sich Vostell ganz als ein Meister der Décollage. Eine Postkarte, die Vostell am 7. Januar 1969 an Rolf Jährling verschickt, zeigt ein Vostell-typisches Décollage-Motiv: auf dem Fridericianum in Kassel ist, als Schattenriss sichtbar, ein riesiger Starfighter gelandet – berüchtigt damals durch die zahlreichen Abstürze. Vostell hat diese Karte – die er auf der documenta 4 als Edition verkauft hat – als seinen Beitrag zu jener oben schon angesprochenen documenta deklariert. Für seinen Galeristen Rolf Jährling verwandelt er die einfache Karte nun nachträglich in ein Décollage-Objekt, indem er ein Foto einer Tiefgarage aufklebt und sie mit einem Nagellackmuster der Farbe ‚frosty peach irisdescent’ bestückt, das man wie einen Uhrzeiger um eine Musterklammer drehen kann. Das Tiefgaragenfoto spielt an auf Vostells spektakuläre Aktion 1. ‚Labor’-Festival, ‚5 Tage-Rennen’, die er 1968 parallel zum Kölner Kunstmarkt unter der Kunsthalle in Köln inszeniert hat. Darüber hinaus erinnert die Applikation des Kosmetikproduktes Nagellack an Vostells Siebdruck ‚Lippenstiftbomber’ (1968), in dem aus einer B 52 statt Bomben echte Lippenstifte fallen.

5. a) Vostell Collage 67 E1 V 3 r

5. b) Vostell Collage 67 E1 V 3 v

Im Fundus der Postdokumente aus dem Nachlass des Kölner Sammlers Wolfgang Hahn finden sich ebenfalls zahlreiche Beispiele von Wolf Vostell. Vom 1. Juli 1967 datiert eine handgeschriebene Ansichtskarte vom Kölner Dom. Auf die Bildseite hat Vostell ein kleines Foto mit zwei Männerköpfen eingeklebt, ein Motiv, das Vorlage für ein Gemälde aus demselben Jahr mit dem Titel ‚LBJ’(Lyndon B. Johnson). An die Karte ist ein aus einer Werbung ausgeschnittener, sich rasierender Männerkopf angeklebt, der über der Szene lacht. Mit weißer Farbe hat er dem Reklamemann „Rasierschaum“ auf das Gesicht gemalt, der sich als weiße Übermalung über Dom und Domplatz verteilt. In seinem kurzen Gruß an den Restaurator Hahn zeigt er sich erfreut, dass die „Miss Vietnam“ bei ihm steht. Dabei handelt es sich um ein Schaufensterpuppen-Objekt, das drastisch die Greuel des Vietnamkrieges thematisiert.

6. a) Vostell Collage E1 V 4 58

6. b) Vostell Collage E1 V4 58 v

Von einer Schiffspassage nach New York schickt Vostell im Luftpostumschlag mit dem Poststempel vom 17. 12. 1969, Algeciras/Cadiz, eine Postkarte nach Köln an das Ehepaar Wolfgang Hahn. Es ist eine Ansichtskarte mit dem Bild seines Schiffes, der T/N Raffaello. Auf dem Foto hat er die Schiffsaufbauten mit Papier überklebt, betongrau bemalt und dazu vermarkt: „ PROJEKT: SCHWIMMENDES LUDWIG-MUSEUM. T/N RAFFALLO ® ELEKTONISCH ferngesteuert. Alle Aufbauten mit BETON B52 ÜBERGOSSEN.“ Wie ist das zu verstehen? Deutet er mit dem Begriff Projekt in die Zukunft? Etwa eines Ludwig-Museums in Köln? Ist doch seit Februar des Jahres 1969 die Sammlung des Aachener Schokoladenfabrikanten Peter Ludwig mit zeitgenössischer Kunst aus Europa und vor allem aus Amerika als Dauerleihgabe im Kölner Wallraf-Richartz-Museum installiert. Seit diesem Jahr wird auch ein Museumsneubau diskutiert, in dessen Planung Wolfgang Hahn als Chefrestaurator einbezogen ist. Aber am Rande ist auch Vostell involviert in das große Projekt Sammlung Ludwig, dem gelernten Typographen und Fotolithographen ist immerhin die „Visualisierung“ des ersten Kataloges ‚Kunst der sechziger Jahre im Wallraf-Richartz-Museum Köln’ zu verdanken, jenes spektakulären gewichtigen Objektbuches mit Plexirücken, Verschraubungen, Schaumgummi- und Packpapierseiten, das zum ‚Kultobjekt’ unter den Katalogbüchern geworden ist. Auf dem Cover ist ein Ausschnitt von Vostells ‚Miss America’, eines von drei Vostell-Werken, die Peter Ludwig früh erworben hat, über Lichtensteins ‚M’may be’ zu sehen. Vostells Schiff-Museum hat demnach etwas Visionäres, zu einer Zeit, als sicher noch nicht konkret, zumindest nicht öffentlich, an eine Schenkung der Sammlung an die Stadt Köln, bzw. die Gründung eines eigenständigen Museums Ludwig gedacht wird. Ein mit Beton des Härtegrades B52 übergossenes, elektronisch ferngesteuertes schwimmendes Museum, mit dem die Kunst auf Reisen geht, ist allerdings ein Absurdum, zumal ihm mindestens, selbst wenn es nicht untergeht, das Publikum fehlt. (Oder bietet der Beton Schutz vor den Bomben einer B-52?). Das kleine Postkartenmotiv taucht übrigens in Vostells Kunst in einer collagierten Farbserigraphie von 1970 auf: ‚T/N Raffaello ?AUFBAUTEN MIT ZEMENT ÜBERGOSSEN. SCHIFF STEUERT OHNE PUBLIKUM AUF DEN MEEREN HERUM’.

Vostell Schiffsreise nach New York führt ihn nach Chicago, wo er sich nach der ‚Ruhender Verkehr’ genannten Aktion eines einbetonieren Autos in Köln, in der Aktion ‚Concrete Traffic’ im Museum of Contemporary Art erneut künstlerisch dem Beton widmet. Zum Décollage Konzept gehörend, sind die Vostell’schen Betonierungen visuelle Chiffren für gesellschaftliche Verhärtungen, Rücksichtslosigkeiten usw.

7. Vostell Objekt E1 V 4, 107

8. Vostell Heuschrecke 68 E1 V 3

Zwei im Umschlag verschickte Bildpostkarten aus dem Jahr 1968 an Wolfgang Hahn, eine von der Biennale in Venedig und eine aus Cordoba, zeigen die schönen Urlaubsklischees durch aufgeklebte, in viel UHU-Alleskleber eingeschlossene Objekte verfremdet: Über das abendliche Venedigpanorama hat Vostell ein elektronisches Bauteil montiert, das die romantische Stimmung stört, das mittelalterlichen spanische Stadtpanorama wird durch eine eingetrocknete Heuschrecke bedroht. Erstaunlich, dass die beiden Postsachen mit den tastbaren Fremdkörpern ihren Adressaten erreicht haben. Das Thema der ‚Heuschrecken’ hat Vostell in seiner Kunst übrigens als Metapher für Destruktion 1969-70 in einem großen Environment, in dem es um Katastrophen, Krieg, Bombardierung und sexuelle Befreiung geht, verarbeitet. Mögen die Collagen auch noch so klein sein, auch die trivialsten Kartengrüße verraten Vostells Décollage-Konzept.

9. Vostell Stachelhaus 78

10. Vostell Collage Stachelhaus 86

An den Kunstkritiker Heiner Stachelhaus verfasst Vostell am 6. Mai 1978 einen handgeschriebenen Kurzbrief auf einem gültigen 50-Kronenschein aus Dänemark, vielleicht um damit zu beweisen, dass ihm die Freundschaft auch materiell etwas wert ist – nach heutigem Devisenstand wären das für die Banknote immerhin etwa 6,70 Euro! Vostell weilt zu der Zeit in Dänemark, wo ihm eine große Retrospektive gewidmet ist. Zum Neuen Jahr 1987 schickt Vostell ebenfalls an Stachelhaus eine kleine Collage als ironisch-verspielten Kommentar zum Konsumterror: Auf dem Foto des weihnachtlich geschmückten Ku-Damms überklebt er die Verkehrsstrasse mit dem Schnipsel eines Dollarscheins. Auch in Vostells zeitgleichen künstlerischen Collagen ist der Dollarschein als Materialismusmetapher präsent.

  •  
  •  
  •  
  •  

tags: , , , ,