Kunstmarkt Köln '67

Kunstmarkt Köln ’67

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50 Jahre Art Cologne: Günter Herzog, Leiter des Zentralarchivs des internationalen Kunsthandels über den 1. Kunstmarkt im Gürzenich und Kölnischen Kunstverein, 13.-17.9.1967

Die heutige ART COLOGNE als Messe für Klassische Moderne, Nachkriegskunst und zeitgenössische Kunst geht zurück auf den ‚Kunstmarkt Köln ’67‘, der am 12. September 1967 um 18.00 Uhr im Gürzenich, dem mittelalterlichen Tanz- und Kaufhaus der Stadt Köln, eröffnet wurde und den internationalen Kunstmarkt für immer verändern sollte. Die Erfinder dieser Messe waren die Kölner Galeristen Hein Stünke und Rudolf Zwirner. Ihre Idee war aus der Not geboren, denn obwohl die Kunstentwicklung und das öffentliche Kunstinteresse am Ende der unmittelbaren Nachkriegszeit in eine Phase enormer Dynamisierung aufgebrochen waren, ging es dem deutschen Kunsthandel alles andere als gut. Marktbeherrschend waren damals zunächst die französische Kunst mit Paris als Kapitale des Kunstmarktes, die bald nach der zweiten documenta, 1959, von der amerikanischen Kunst und New York als neuer globaler Kunstmetropole abgelöst wurden. Deutschland hatte mit dem Krieg seine Hauptstadt und seine ehemaligen Kunstzentren verloren. Neues Zentrum des deutschen Kunstbetriebes wurde nun das Rheinland, das sich zum industriellen Motor der deutschen und zum Knotenpunkt der westeuropäischen Wirtschaft entwickelte und Bonn als neue Hauptstadt beherbergte. Bis heute ist Nordrhein-Westfalen mit den angrenzenden BeNeLux-Staaten Europas Region mit der höchsten Industrie-, Kapital- und Sammlerdichte geblieben, was schon zu Beginn der 1960er Jahre eine sehr gute Voraussetzung für den Kunstmarkt war. Mit ihrer Messe wollten Stünke und Zwirner ein neues Kunstzentrum zumindest ‚auf Zeit‘ etablieren, langfristig wollten sie die neue nationale Kunstproduktion, also die jungen deutschen Künstler, fördern und international platzieren und für diese ein neues Sammlerpublikum interessieren. Das alles ist ihnen, wie man heute weiß, in einem Maße gelungen, wie sie es selbst damals kaum für möglich gehalten hatten, und ihre Erfindung hat Geschichte gemacht. Und die ART COLOGNE war nicht nur prägend für wesentliche Entwicklungen in der Geschichte des internationalen Kunsthandels, sondern in der internationalen Kunstgeschichte schlechthin.

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Hein Stünke, Vorschläge für eine Kölner Messe moderner Kunst, 10.3.1966; Foto: © ZADIK

Stünkes und Zwirners Vorbilder für den ‚Kunstmarkt Köln waren, neben der documenta, die Deutsche Kunst- und Antiquitätenmesse in München (ab 1956), die Stuttgarter Antiquariatsmesse (seit 1962) und als jüngstes der ‚Salon international de Galeries pilotes‘, der zum ersten Mal von Juni bis September 1963, dann wieder 1966 (und ein letztes Mal 1970) in Lausanne, im Musée cantonal des beaux-arts, von dessen Direktor René Berger, ausgerichtet wurde. Aus Deutschland war dort 1963 die Münchener Galerie van de Loo beteiligt, 1966 Stünkes Galerie ‚Der Spiegel‘.

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Hein Stünke und Rudolf Zwirner am Eröffnungstag des Kunstmarkt Köln ’67. Foto: © Wolf P. Prange

Um sich breitere Unterstützung für ihre Idee zu holen, schlossen sich Stünke und Zwirner 1966 mit sechzehn weiteren Galeristen zum ‚Verein progressiver deutscher Kunsthändler‘ zusammen. Als Verein verhandelten sie mit dem damaligen Kulturdezernenten der Stadt Köln, Kurt Hackenberg, um städtische Unterstützung. Gegen das Abtreten der Eintrittsgelder an die Stadtkasse überließ die Stadt dem Verein den Kölner Gürzenich. Dort im Foyer und im Festsaal wurden für die Galerien aus heutiger Sicht sehr einfache Kojen gezimmert, und in diesen fand vom 13. bis 17. September 1967 der ‚Kunstmarkt Köln ’67‘ statt. Die teilnehmenden Galerien waren: Galerie Aenne Abels, Köln; Galerie Appel & Fertsch, Frankfurt; Galerie Block, Berlin; Galerie Brusberg, Hannover; Galerie Gunar, Düsseldorf; Galerie Müller, Stuttgart; Galerie Neuendorf, Hamburg; Galerie Niepel, Düsseldorf; op-art Galerie Mayer, Esslingen; Galerie Ricke, Kassel; Galerie Schmela, Düsseldorf; Galerie Springer, Berlin; Galerie Stangl, München; Galerie Thomas, München; Galerie Tobies & Silex, Köln; Galerie van de Loo, München. – Bis heute dabei geblieben sind die Galerien Hans Mayer (heute Düsseldorf) und Thomas sowie Walther König mit seinem Kunstbücherstand, den er 1967 und 1968 noch für die ‚Bücherstube am Dom‘ betreute, bis er 1969 dann erstmals selbstständig mit seiner ‚Buchhandlung Walther König‘ teilnahm.

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Plakatentwurf von Robert Indiana für den Kunstmarkt Köln 1967, ©ZADIK

Präsentiert wurde auf dem Kunstmarkt Köln ein Überblick über moderne und aktuelle internationale Kunst mit einem beträchtlichen Anteil nationaler Kunstproduktion. In der Presse und in den Bildmedien und auch in der Erinnerung einiger Besucher blieb allerdings die damals ihren Siegeszug in Deutschland antretende Pop Art visuell bestimmend, ebenso das im Foyer präsentierte, überwältigende Angebot an Grafik. Der Impuls, durch eine solche Messe die Kunst ‚unters Volk zu bringen‘, verdankte sich nicht zuletzt der neuen gesellschaftlichen Metaerzählung von Demokratisierung und Partizipation, in der Politik wie in der Kunst.

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Kunstmarkt Köln ’67; Oberbürgermeister Theo Burauen hält die Eröffnungsrede. Foto: © W. Foerst, ZADIK

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Kunstmarkt Köln ’67; Hein Stünke vor dem Plakat zum Kunstmarkt Köln 1967 © ZADIK

Das damals Revolutionäre dieser ersten Messe lässt sich heute nur noch anhand der unmittelbaren Reaktionen und Auswirkungen nachvollziehen, die in einer Flut von internationalen Medienberichten dokumentiert sind. Bahnbrechend für wohl mehr als 15.000 Besucher, denen das Eintrittsgeld, die improvisierte Ausstellungsarchitektur und die Basaratmosphäre die sonst vor dem Betreten einer Galerie (und auch heute noch) übliche Schwellenangst genommen hatte, war zunächst die in zahlreichen Presseartikeln thematisierte Erfahrung, Dinge kaufen zu können, die zu sehen man bisher nur auf Ausstellungen und in Museen Gelegenheit hatte. Für die Händler alten Schlages allerdings, wie etwa Daniel-Henry Kahnweiler, kam diese neue offensive Vermarktungsform, die auch eine öffentliche Auspreisung forderte und damit den Warencharakter der Kunst deutlicher als je zuvor werden ließ, einer Säkularisation, um nicht zu sagen einer Blasphemie gleich. Bei Preisen zwischen 20 DM für Grafik und 60.000 DM für Spitzenwerke wurde in nur fünf Tagen der damals sensationelle Rekordumsatz von rund einer Million DM erzielt. Die Sensation wird heute wieder nachvollziehbar, wenn man weiß, dass damals ein fabrikneuer VW-Käfer 5.150 DM kostete und damit rund dreimal so viel, wie ein repräsentatives Ölbild von Gerhard Richter.

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Kunstmarkt Köln ’67; Koje der Galerie Änne Abels, Gürzenich Foto: © Peter Fischer, HAStK

Um die mit der Messe gleichfalls beabsichtigte Informationsmöglichkeit über die aktuelle Kunstentwicklung weiter zu mehren, hat der Verein progressiver deutscher Kunsthändler im Kölnischen Kunstverein parallel zum Kunstmarkt, aber mit weit längerer Laufzeit bis zum 18.10., auch eine eher museal präsentierte Ausstellung aktueller Kunst veranstaltet. Auch dort erhielt jede Galerie eine Koje, beschränkte sich aber auf einen oder zwei Künstler. Auch in dieser Ausstellung mussten die Kunstwerke ausgepreist werden, und am Verkaufserlös war der Kunstverein beteiligt.

In der Kritik der Presse und der vom Verein nicht zur Teilnahme zugelassenen Galerien wurde die tatsächliche ‚Progressivität‘ des Galerie- und Ausstellungsprogramms in Frage gestellt. Nicht zugelassen war unter anderen die zweifellos ‚progressive‘ Galerie Heiner Friedrich aus München, die indirekt dennoch teilnahm, indem sie „anlässlich des Kunstmarktes in Köln“ im Studio DuMont in der Breite Straße ihre inzwischen auch in die Kunstgeschichte eingegangene ‚Demonstrative 1967‘ mit Werken von Hoyland, Lueg, Palermo, Polke, Richter, Ruthenbeck und Twombly zeigte.

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Klebemarken zum Kunstmarkt Köln ’67

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Kunstmarkt 67, Katalog, Foto: © ZADIK

Mit der Begründung, dass die deutschen Händler den Lohn für ihre arbeitsintensive Marktplatzierung und -durchsetzung internationaler Kunst in Deutschland – aktuelles Beispiel war die Pop Art – selbst einfahren und nicht ihren internationalen Konkurrenten überlassen wollten, wurden keine ausländischen Galerien zugelassen, was die Presse sogleich problematisierte und was bald auch für die Messe zum Problem werden sollte. Zunächst aber erwies sich die neue Vermarktungs- und Vermittlungsform des ‚Kunstmarkt Köln ’67‘ als überwältigender Erfolg, und allen Beteiligten war klar, dass man die Messe unbedingt fortsetzen müsste.

Lesen Sie weiter in der an 12.4.2016 erscheinenden Publikation:
Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels (Hrsg.): ART COLOGNE 1967-2016. Die Erste aller Kunstmessen – The First Art Fair. 408 Seiten, sehr zahlreiche SW- und Farbabbildungen. Verlag der Buchhandlung Walther König, ISBN 978-3-86335-922-5, EUR 38,00. Zu bestellen unter: order@buchhandlung-walther-koenig.de

Artikelbild: Kunstmarkt Köln ’67; Blick auf die Kojen im Ballsaal des Gürzenich. Foto © Peter Fischer, Historisches Archiv der Stadt Köln HAStK

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