Frauen im Leben meines Vaters

Frauen im Leben meines Vaters

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Brigitte Jacobs van Renswou über die erste Ausstellung von Martin Kippenberger und Albert Oehlen bei Erhard Klein, 1983

Bis heute gilt der 1997 im Alter von 44 Jahren verstorbene Künstler Martin Kippenberger, kurz KIPPI genannt, in der Kunstszene als Provokateur, Enfant terrible, Flegel und Rebell. Diesen Ruf begründeten vor allem seine energiegeladenen, zuweilen lautstarken Auftritte und Selbstinszenierungen, die für Mythos und Legendenbildungen sorgten. Mit der historischen Distanz werden jenseits dieser Selbstdarstellungen seine immensen und facettenreichen künstlerischen Arbeiten, die mit Malerei, Grafik, Plastik, Installation und Happening bis hin zu Ausstellungsorganisation und Buchpublikation nahezu alle Möglichkeiten des Kunstschaffens ausschöpften, gewürdigt.

Albert Oehlen und Martin Kippenberger: ERHARD KLEIN VOLLKONZENTRIERT. EinladungsMultiple. 1983 © Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne; Albert Oehlen, Zadik, Köln

Martin Kippenberger und Albert Oehlen: ERHARD KLEIN VOLLKONZENTRIERT. EinladungsMultiple. 1983 © Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne; Albert Oehlen, Zadik, Köln

Dennoch gibt es immer wieder „Kippenberger-Stories „, in denen Person und Werk eng miteinander verbunden sind: Ende der 1970er Jahre lud Martin Kippenberger, der zwischen 1978 und 1983 überwiegend in Berlin wohnte, den Bonner Galeristen Erhard Klein in eine Berliner Kneipe ein, um ihn davon zu überzeugen, seine Arbeiten auszustellen, wie Erhard Klein sich erinnert: „Wir sind zusammen in die Paris Bar gegangen und da hat mich Kippenberger vollgequatscht, ‚Erhard, du musst mich ausstellen – ich bin der beste Maler überhaupt’. Ich war froh, wie ich nach zwei Stunden raus bin und wie ich weg war, dachte ich noch, den Typen stell‘ ich nie im Leben aus. Niemals.“ Auch die Kinder des Galeristen, die ständig von Künstlern umgeben waren, reagierten zunächst sehr zurückhaltend: „der war ihnen zu radikal, der hat Späße gemacht, da haben sie es mit der Angst zu tun bekommen.“ Kippenberger mag Erhard Klein zuerst abgeschreckt haben, zumal doch gerade der gute Kontakt und die Freundschaften zu seinen Künstlern die unabdingbare Grundlage seiner Galeriearbeit bildeten. Erhard Klein betrieb seine Galerie von 1970 bis Anfang 1994 in Bonn und ab Sommer 1994 in Bad Münstereifel-Mutscheid. Sein Hauptinteresse galt von Anfang an den deutschen Künstlern der Gegenwart wie u.a. Joseph Beuys, Felix Droese, Georg Herold, Jürgen Klauke, Imi Knoebel, Blinky Palermo, Sigmar Polke, Ulrich Rückriem und Katharina Sieverding.

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Werner Büttner, Martin Kippenberger, Albert Oehlen, Max Hetzler © Franz Fischer, Zadik, Köln

Was waren Kippenbergers Beweggründe im kleinbürgerlichen Bonn bei Erhard Klein auszustellen? Max Hetzler, um 1982 Galerist von Kippenberger und Oehlen in Stuttgart, erinnert sich: „Natürlich wollte Martin neben Beuys, Polke und Palermo ausstellen. Mit denen wollte er sich messen, genau da wollte er hin.“

Am 10.3.1983 kam es zur legendären Ausstellung von Martin Kippenberger und Albert Oehlen „Frauen im Leben meines Vaters“, es erschien eine gemeinsame Edition, die als Einladungskarte angekündigt wurde. Man sieht Albert Oehlen, der am Rande der Badewanne aus einem Buch „Frauen im Leben meines Vaters“ vorliest, während Martin Kippenberger im Badeschaum versunken dem Vorlesenden zuhört. Martin Kippenberger und Albert Oehlen organisierten gemeinsame Ausstellungen und äußerten ihr Selbstverständnis in zahlreichen gemeinsamen Schriften. Das Auftreten als Künstlergruppe (zusammen mit Werner Büttner und Martin Oehlen) und die Produktion von Gemeinschaftsbildern waren Anfang der 1980er Jahre ein Medium zur Etablierung neuer malerischer Positionen, Kunstproduktion und Lebensform waren aufs engste miteinander verknüpft. In der isolierten Berliner Kunstsituation bildete sich das Zentrum der Neuen Wilden, der großformatigen „heftigen Malerei“, die sich mit der aus der Londoner Musikszene entstandenen Punkbewegung sehr verbunden fühlten. Martin Kippenberger betrieb in Berlin seit 1979 zusammen mit Gisela Capitain das „Kippenberger Büro“, organisierte Ausstellungen und Konzerte und war zeitweise Geschäftsführer des punkigen Kreuzberger Szene-Lokals „S.O. 36“.

Männerchor, Foto: Camillo-Fischer

Männerchor: Max Hetzler, Werner Büttner, Albert Oehlen, Martin Kippenberger (vlnr), © Camillo Fischer, Zadik, Köln

Den Auftakt der Ausstellungseröffnung bei Erhard Klein bildete eine Art „Happening“: ein Männerchor bestehend aus Albert Oehlen, Werner Büttner, Martin Kippenberger und dem Galeristen Max Hetzler sang das Bergmannslied „Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt“ und Martin Kippenberger und Albert Oehlen posieren spielerisch-provokant vor ihren Gemeinschaftsarbeiten.

Die Zusammenarbeit zwischen Erhard Klein und Martin Kippenberger setzte sich weiter fort mit den für Kippenberger charakteristischen Titeln intertextueller Wortspiele und Sprachwitze:„Was ist Ihre Lieblingsminderheit? Wen beneiden Sie am meisten?“ (1985). Fortsetzung erfuhr auch die für Erhard Kleins Galeriearbeit typische anekdotische Entstehungsgeschichte seiner Ausstellungen: Als Martin Kippenberger 1986 wieder unbedingt eine Ausstellung bei Erhard Klein ausrichten wollte, das Programm aber schon voll war, forderte er: „Dann gib mir doch das Sommerloch“. Erhard Klein stimmte zu und zeigte: „Martin Kippenberger: Gib mir das Sommerloch“.

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Albert Oehlen und Martin Kippenberger vor ihren Arbeiten 10.12.1983, © Camillo Fischer, Zadik, Köln

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