Marcel Broodthaers in Köln

Marcel Broodthaers in Köln


In unserer neuen Serie „Aus dem Wallraf“ stellt das Team des Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln ausgewählte Stücke der Sammlung vor, kommentiert seine Ausstellungen oder berichtet über den aktuellen Stand der hauseigenen Forschung. Dr. Thomas Ketelsen, Leiter der Graphischen Sammlung spricht in dieser Ausgabe über Ordnung und Unordnung in seinem Depot  (anlässlich der Ausstellung „Das Gedächtnis, die Stadt und die Kunst II – Für Marcel Broodthaers“, bis 14.8.).

Was hätte Marcel Broodthaers auf seinen Streifzügen im Depot der Graphischen Sammlung im Wallraf entdecken können! Beim Kurator des fiktiven Musée d’Art Moderne kann die Liebe zum Museum bürgerlicher Herkunft und seinen Gemäldesälen wohl vorausgesetzt werden, ebenso die Liebe zu den „Verliesen des Depots“ (Jürgen Harten). Schon der Blick in einen der Depotschränke hätte den Experten der Nomenklatur mit einem Ordnungssystem konfrontiert, deren innere Logik und Signifikanz ihn in Staunen versetzt hätte. Die Beschriftung der einzelnen Kästen mit ihren farbigen Schildern verweist jeweils auf eine bestimmte Nationen: Grün steht für Deutschland, Gelb für Italien, Blau für die Niederlande usw. Doch was verbirgt sich hinter der weiteren Bezeichnung: „D/18. Jahrhundert/II. Wahl“, einer Klassifikation, die noch weiter differenziert wird in „Verschiednes I, II, oder III“? Wir öffnen wir für Broodthaers einen solchen Sammlungskasten, und wie aus der Büchse der Pandora entfliehen vor unseren Augen Zeichnungen ohne jeden Künstlernamen, deren ästhetische Qualität an bescheidene eigene Versuche von Lagekarten erinnern. Zeichnungen, deren Erhaltungszustände den Restaurator Zustände bekommen lassen und deren Vielzahl an beiläufigen Sujets keinen Zusammenhang ergeben: Ein Adler – ein Broodthaers’sches Motiv – liegt über einem Kirchenaufriss und unter diesem eine wie im Scherenschnitt wiedergegebene opulente Dame mit Kaffeetässchen usw. usw. Ordnung ist immer da, wo es nichts zu ordnen gibt, wusste schon Bertold Brecht. Im Zeichnungskasten „D/18.Jh./II. Wahl/Verschiedenes I“ gibt es tatsächlich nichts zu ordnen, es sei denn man würde damit beginnen, die Zeichnungen nach Größe zu sortieren oder nach den verwendeten Zeichenmitteln (was im 18. Jahrhundert zuweilen auch noch getan wurde). Schon bei diesen Gedanken aber wäre Marcel Broodthaers bei seinem Thema: die Erstellung von Klassifikationen und Ordnungssystem, die uns heute entweder absurd oder aber zur Gewohnheit geworden sind – Raster und Register also, die dennoch die Eigenmacht der einzelnen Zeichnung, mag diese noch so bescheiden sein, nicht haben unterdrücken können. Was als Ausschuss über die Jahrhunderte hinweg in der II. Wahl weggeschlossen wurde, kommt hier nun zu Ehren von Marcel Broodthaers, der vor 40 Jahren in Köln verstarb, für kurze Zeit ans Tageslicht. So entfalten die Zeichnungen einen eigenen poetischen Zauber, befreit von allen Klassifikationen und Schulzuweisungen. Eben „für Marcel Broodthaers“.

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Depot der Graphischen Sammlung im Wallraf

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Depot der Graphischen Sammlung im Wallraf

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Depotnummer: Z_03172_Deutschland

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Depotnummer: Z_03303_Deutschland

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Depotnummer: Z_03181_Deutschland

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Depotnummer: Z_05054_Schmetterling

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