Besprechung Langeweile als Bewusstseinserweiterung

Besprechung
Langeweile als Bewusstseinserweiterung


Over Your Cities Grass Will Grow – Ein Dokumentarfilm über das Werk von Anselm Kiefer

Mit Over Your Cities Grass Will Grow feierte diese Woche Sophie Fiennes Dokumentation über Anselm Kiefers wahnwitzigstes Kunstprojekt in den deutschen Kinos Premiere. Über mehrere Jahre untertunnelte der Künstler das Gelände der ehemaligen Seidenfabrik La Ribaute, in der Nähe von Barjac, Frankreich.

Er schuf Amphitheater und Säulenhallen, errichtete monumentale Türme und produzierte Hallen voller Skulpturen, Installationen und Leinwände. Nur um diese dann zu verlassen und verfallen zu lassen. Bereits 2010 begeisterte der Künstlerfilm auf zahlreichen internationalen Filmfestspielen und ist nun dank der Filmstiftung NRW auch in Deutschland zu sehen.

Es sind die Mechaniken des Kinos, derer sich die britische Filmemacherin Fiennes bei ihrer Dokumentation bedient. Die erste Sequenz könnte genauso gut der Anfang eines Hollywood-Thrillers sein: Die Kamera fährt minutenlang durch einen dunklen Schacht, von dessen Decke nackte, schmutzige Glühbirnen baumeln, die ein schwaches Licht in den Tunnel werfen. Es ist düster, feucht – beklemmend. Die Szenerie wird untermalt von sirrenden, hohen, dissonanten Geigentönen. Fiennes bereitet auf die Sprache ihres Films vor, in dem die Arbeiten Kiefers zugleich Hauptdarsteller und Kulisse für die eigene Inszenierung der Filmemacherin sind.

Die enorme Anziehungskraft der Werke erfährt der Betrachter in den langsamen Kamerafahrten, die die Oberflächen der Arbeiten scheinbar abtasten. Sehr lange verharrt die Kamera im konzentrierten Blick auf Details. So lange, dass man manchmal Sorge hat, Fiennes hätte vergessen, dass das Werk für Kiefer „seinen Wirkungsort braucht”. Doch die Dokumentation ist auch ein Landschaftsfilm, wie die Filmemacherin selbst in einem Gespräch bemerkt. In der rauen Natur von La Ribault und in den riesigen Hallen der alten Fabrik entfalten die Werke ihre Monumentalität und körperliche Präsenz. Anselm Kiefer selbst ist der Co-Star im Film, er steuert, unterweist seine Helfer und erklärt in einem langen Gespräch mit dem Autor und Kiefer-Experten Klaus Dermutz seine Motivation: Schönheit ist der Popanz, den ich vor mir hertrage, sagt er und stellt waghalsige Theorien auf, über den Menschen und dessen Sehnsucht nach seinem Urzustand als Einzeller und offenbart, dass seine kindliche Langeweile ihm zum Bewusstsein seiner Existenz verholfen hat. Alles ist nichts. Das Publikum muss schmunzeln. Man hört ihm gerne zu, er ist liebenswert ernsthaft, aber eindringlicher als er selbst, sprechen im Film seine Werke, die durch das bewegte Bild zum Leben erweckt werden.

Kiefers monumentale Leinwände und Skulpturen strahlen in ihrem fertigen Zustand eine statische Energie aus, die ihren eigentlichen, performativen Charakter übertönen. Fiennes fängt die Spannung des Arbeitsprozesses ein und macht damit die ursprüngliche Dynamik der Werke sichtbar. Bevor die Leinwände aufgerichtet werden, spritzt Zement, wirbelt eine ganze Menge Staub auf oder bahnt sich flüssiges Blei seinen Weg durch eine Kraterlandschaft auf der Leinwand. Der Schaffensprozess ist ein nicht ungefährlicher Kraftakt, dessen Ausgang ungewiss ist. Kiefers Handwerker hantieren mit ätzenden Säuren, bringen Blei zum Schmelzen, bauen Stollen, schichten Zementblöcke aufeinander, solange bis Kiefer, der wie besessen – und in Flip-Flops – riesige Glasscheiben zertrümmert sagt: So sieht es hübsch aus.

Zwei Bildwelten prallen hier aufeinander, die statische Leinwand des Künstlers Kiefer, der in Rahmen denkt und das bewegte Bild Fiennes´, das den Arbeiten Kiefers eine neue Dimension hinzufügt.

Es ist eine gelungene Beobachtung, die sich Zeit nimmt und mit großer Sensibilität und Konzentration vorgeht. Eine Betrachtung, die Werke Kiefers darstellen, sich selbst aber nicht hinter ihnen versteckt, sondern mit dem Mythos ihres Protagonisten sehr souverän umgeht.

Störend allerdings die Filmmusik. Das hat auch Kiefers Frau bemerkt. Die „musique statique”, kreischende hohe Töne, die an den Nerven sägen, drängt sich in den Vordergrund und erzeugt eine beklemmende Atmosphäre, die immer wieder den Thrill der Eingangssequenz aufgreift. Kiefer ist angetan von den Klängen, die Rhythmus und Melodie verleugnen und damit eine wertfreie und ideologiefreie Umgebung darstellen. Sophie Fiennes äußert sich pragmatisch: Man kommt beim Film nicht 30 Minuten ohne Ton aus. Ein vermeintliches Manko des Mediums, das in diesem Fall eher ungeschickt kompensiert wird, dabei aber umso deutlicher macht, dass es sich bei dem Film um ein eigenständiges Werk über ein Werk handelt. Die Inszenierung der Inszenierung.

Kiefer hat die wilde, unwirtliche Landschaft verlassen. Man kann sich den besessenen, grenzenlosen Forscher-Konstrukteur-Künstler aus La Ribaute schwerlich in Paris vorstellen, aber die Kinder müssen zur Schule und die heißen Sommer und feuchten Winter machten es der Familie Kiefer schwer. Über La Ribaute wird Gras wachsen. Der Film jedoch bleibt ein Zeugnis für die einstige Lebendigkeit des Ortes.

Spielorte und Trailer: Mindjazz Pictures

Nelly Gawellek (*1984) ist Kunsthistorikerin und lebt in Köln

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