Portrait Alles verkehrt

Portrait
Alles verkehrt


Sabine Elsa Müller über die in Köln lebende Künstlerin Annebarbe Kau

Grillenzirpen und orientalischer Gesang, ein kurzer Wortwechsel zwischen Mutter und Kind in einer fremden Sprache, die vom betriebsamen Summen gesättigte Luft einer südlichen Stadt – das sind Geräusche, die jeder mit seiner eigenen Imagination ausfüllen kann. Eingemummt gegen die Kälte eines nicht enden wollenden deutschen Winters ist es ein Erlebnis eigener Art, sich über Kopfhörer an diesem farbigen Klangteppich zu wärmen, während man dem kleinen Rundweg entlang einer Friedhofsmauer in Bonn-Vilich folgt.

Es ist dies die 2. Station des Kunstprojekts „PassionenStationen“, dessen insgesamt 14 Stationen sich im Bonner Stadtgebiet ausbreiten. Annebarbe Kaus Arbeit „Kopfstand“ verbindet hier das eigene Gehen mit den sehr physisch sich im Kopf ausbreitenden Klangbildern. Im Verlauf des Spaziergangs vermischt sich unter dem Eindruck der siebzehnminütigen Klangcollage das Hier und Jetzt mit entfernten Weltgegenden und der Vorstellung einer Reise oder Wanderung. Gelegentlich eingesprengte, teils mehrstimmige Gedichtcollagen bereichern die Komposition um eine poetisch-begriffliche Dimension. Sie treiben die rhythmische Entwicklung voran, die bei aller Ruhe und Konzentration in an- und abschwellenden Schüben von statten geht, wie in einem Kreislauf – wie das Rauschen des Meeres, das immer wieder die einzelnen Zyklen verbindet.

Die in Köln lebende Annebarbe Kau (*1958) ist Pionierin eines inzwischen etablierten interdisziplinären Kunstverständnisses, das sich nicht auf eine Gattung festlegen lässt, sondern in Begriffen wie Bild, Text, Ton, Bewegung und Raum denkt. Kein Zufall also, dass ihre Arbeiten derzeit gleich in drei Ausstellungen zu sehen sind. In Bonn überzeugt sie neben den bereits erwähnten PassionenStationen auch in der Gesellschaft für Kunst und Gestaltung mit witzigen neuen Arbeiten; außerdem ist sie an der Berliner Ausstellung „Faden“ im Projektraum des Deutschen Künstlerbundes beteiligt. In unterschiedlichster Gestalt, mal mit, mal ohne den Einsatz medialer Technik, umkreisen ihre Arbeiten das Thema der Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit einer direkten Vermittlung sinnlicher Erfahrung in der Kunst.

Bekannt wurde Kau mit ihren Klang- und Videoinstallationen, die nicht selten einen objekthaft-körperlichen Charakter annehmen, dann wieder wie subtile Zeichnungen im Raum funktionieren. Nicht weniger wichtig für sie selbst ist ihre Arbeit auf Papier oder Leinwand, bei der sie mit unterschiedlichen Malmitteln experimentiert wie Ölstift, Aquarell, Tusche oder Acryl. Eine Linie kann bei ihr eine Bleistiftlinie auf Papier sein, eine mit einem Knoten in Form gebrachte Kordel, die Linie eines Kabels zwischen Lautsprecher und Verstärker, ein Faden oder eine Klanglinie im Raum. Die Meisterschülerin von Nam June Paik leistet sich den Luxus einer radikalen Offenheit gegenüber den künstlerischen Ausdrucksformen.

Der Vielfalt der Mittel steht eine strenge Ökonomie im Detail gegenüber. Bei ihren Klangarbeiten ist technisches Equipment nicht nur Mittel zum Zweck, sondern immer auch Träger einer visuellen Botschaft. Die kleinen runden Lautsprecher setzen punktuelle Akzente und verbinden sich mit den Schlaufen und Schleifen der schwarzen oder farbigen Kabel zu einer ebenso beschwingten wie präzisen Zeichnung an der Wand oder im Raum. Bei ihrer Klanginstallation „Rose“, die sie 2011 im schmalen Tunnel des Field Institute auf der Raketenstation in Hombroich bei Neuss zeigte, erklangen aus den beidseitig installierten Lautsprecherreihen Wörter und Zitate zur Farbe Rot. In der Enge des Tunnels verdichteten sich die Stimmen punktuell wie die einzelnen Blüten einer vielblättrigen Rose. Zwischen dem zeichenhaften visuellen Angebot und der Opulenz eines sich ausweitenden Hörraums konnte sich beim Durchschreiten die Vorstellung eines geradezu zum Greifen nahen Spaliers roter Rosen herausbilden.

Die Stärke der Imagination ist zwar auch an die Besonderheit und Exotik der Geräusche und Klänge gekoppelt, wird aber vor allem durch eine ausgeklügelte Komposition und genaues Timing beeinflusst. Man fühlt sich fast an Hitchcocks „Suspense“ erinnert angesichts Kaus Umgang mit Wiederholungen, Überlagerungen, Pausen und der Dynamik aus Stille und Klang. Akustische und visuelle Ebene arbeiten gleichberechtigt Hand in Hand. Tatsächlich bilden in den meisten Fällen völlig unspektakuläre Alltagsgeräusche das Rohmaterial, das durch die Art seiner Verwendung und Bearbeitung fremd bis gespenstisch wirkende Sinneserfahrungen liefern kann. Beispielsweise stammt der Geräusche-Pool der Klanginstallation „hörbar“ (2004/2012) aus einer Bar. Aber in Verbindung mit den linear angeordneten Lautsprechern stellt sich die beklemmende Vorstellung eines verlassenen, nur noch in der Erinnerung lebendigen Ortes ein.

Diese unangestrengte Einfachheit ist typisch für Kau. Dennoch bedeutet die Fähigkeit, Dinge knapp und präzise auf den Punkt zu bringen, keinen Verzicht auf starke Emotionalität. Der sensible Umgang mit dem Material und ein selbstironischer Blick halten sich die Waage. Die Klanginstallation „Down Under“, die 2010 im MMIII Kunstverein Mönchengladbach gezeigt wurde und derzeit in der Ausstellung „Faden“ in Berlin zu sehen ist, bietet trotz verwirrender Stricke und Verstrickungen eine poppige, farbenfrohe Oberfläche, während aus dem tief gehängten Lautsprecher unheilvolle Laute gurgelnd emporsteigen. Das akustische Material – wiederum handelt es sich um Geräusche aus der alltäglichen Umgebung wie dem Hecheln des Familienhundes oder dem Geräusch, das beim Zerreißen von Papier entsteht – verwandelt sich durch geringfügige Bearbeitungen in eine Parodie eines aus Fantasy- und Horrorfilmen bekannten Grusel-Sounds. (Zum Klangausschnitt)

Das Gegenstück zur nicht ganz ernst zu nehmenden Gefahr aus der Tiefe bildet „küssen“, derzeit in der Gesellschaft für Kunst und Gestaltung in Bonn zu sehen. Die optische Anmutung ist, passend zum Thema, bunt und fast schwerelos: Wie Botschafter einer viel beschworenen Leichtigkeit des Seins werden Lautsprecher an aneinandergeknoteten Stofffetzen befestigt. Aber die aus ihnen entsendeten Kussgeräusche wirken nur anfangs erheiternd. Im Laufe der Zeit leidet das eigene Körperempfinden unter der zunehmend unerträglicheren Kuss-Beschallung, bis der Eindruck kippt in die peinigende Vorstellung von etwas Klebrigem, Saugendem, das sich partout nicht abschütteln lässt. Allmählich verwandeln sich die tönenden Stofffetzen in Personifizierungen der küssenden Protagonisten. Das im Raum umherwandernde Kuss-Konzert dreht sich wie in einem Reigen weiter und weiter sinnlos und heiter um die eigene Achse. (Zum Klangausschnitt)

Diese kreisende Bewegung ist ein Schlüsselelement in der Arbeit Annebarbe Kaus. Sie steckt in den Schnörkeln und Schlaufen der Zeichnungen und Gemälde. Sie taucht bei den Klangarbeiten immer wieder auf, beispielsweise wenn Kau eine Holzkugel zwischen dem linken und rechten Kopfhörer kreisen lässt, so dass der Kopf selbst zum Gefäß einer kreiselnden Bewegung wird. Wie das Motiv des Gehens im „Kopfstand“ gehört diese unermüdliche, oft sehr schlingernde und mühsame, dann wieder beschwingte Bewegung zu den elementaren Grundformen des Daseins. Es ist klar, dass sich in diesen Bewegungsspiralen eine Metapher für die Kreisläufe des Lebens verbirgt. Ihre Grundform ist die Linie. Sie erobert den Raum auf vielen Zeichnungen wie aus einem natürlichen Prozess heraus. Sie bahnt sich suchend ihren Weg. Gelegentlich bilden sich Blasen oder Tropfen wie punktuelle Stauungen. Die starren Gitterstrukturen früherer Zeichnungen sind fast ganz verschwunden; stattdessen wachsen die Linien zu ineinander verschlungenen, sich gegenseitig stützenden Bändern. Die kräftige Farbgebung mit starkem Komplementärkontrast verstärkt noch diesen Eindruck von Stabilität.

Wie die Stille zum Geräusch, gehören zur Bewegung aber auch retardierende Mittel wie Verlangsamung und Verzögerung. Sie bestimmen ihre jüngste Videoarbeit „Blow Up“, die 2012 für eine gemeinsam mit Frauke Wilken durchgeführte Ausstellung im Berliner Kunstverein Tiergarten entstand. Der Blick durchs Fenster zeigt eine Gruppe etwa zwölfjähriger Jungs, die um eine Tischtennisplatte herum miteinander agieren, allerdings ohne Tischtennis zu spielen. Die Platte ist das leere Zentrum einer Handlung an den Rändern, die sich durch Spiegelungen, Überblendungen, Doppelungen und Einfärbungen in die Zeit und den Raum hinein ausweitet. Wieder korrespondiert mit den Bildern die Tonspur als gleichwertige Ebene. O-Ton wechselt mit Krähengeschrei und plötzlicher Stille, wenn der Ton für Momente ganz abgeschaltet wird. Zwischen Bild und Ton entwickeln sich ähnlich vielfältige Beziehungen wie zwischen den jungen Menschen in ihrer für Außenstehende völlig undurchschaubaren Interaktion. Die fast austauschbar erscheinende Szene wandelt sich durch die zeitliche und räumliche Dehnung in eine zwingende Parabel über das Prekäre des jugendlichen Lebensalters.

„Ich möchte den Besucher mit den Ohren sehen lassen. Bücken wir uns und schauen durch unsere eigenen Beine auf die Welt. Sie steht Kopf, alles ist verkehrt.“ sagt Annebarbe Kau über ihrer Klangcollage in Bonn Vilich. Und in ihrem Kopfstand, den man gehend, sehend und hörend erleben kann, zeigt sich uns tatsächlich eine Perspektive auf den lange herbeigesehnter Frühling.



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