Alexandra Bircken

Alexandra Bircken


Körper als entleerte Hüllen – Alexandra Bircken „Stretch“ im Museum Abteiberg, Mönchengladbach, bis 25.6.

Der mittelalterliche Mensch stellte sich seinen Körper als eine vorübergehende Hülle vor, als eine Behausung seiner unsterblichen Seele. Mit dieser Vorstellung trotzte er den Verletzungen und dem unaufhaltsamen Verfall seines Körpers, dem jeder Mensch ausgeliefert ist. Die Objekte und Installationen der in Köln lebenden Künstlerin Alexandra Bircken sind ebenfalls solche Versuche, dem Verfall zu trotzen. Was verhüllen sie?

Gleich zu Beginn ihrer Ausstellung im Museum Abteiberg in Mönchengladbach scheint dem Besucher ein Haus entgegen zu humpeln. Auf einem Bein aus Holz, das in einem weiß bemalten Stiefel steckt, stützt es sich auf einen Birkenstock – ein mit gestrickten Wollfetzen überzogener Giebel. Die Ähnlichkeit dieses seltsamen Gestells mit einem menschlichen Wesen ist offensichtlich – auf sie deutet auch der Titel „Walking House“ (2016) hin. Doch wenn nicht gleich Hilfe kommt, droht diese Behausung in sich zusammenzubrechen.

Dieses Ausgeliefertsein des menschlichen Körpers und das Bedürfnis nach Schutz sind der Ausgangspunkt von Birckens Arbeiten. An dem Londoner St. Martins College ausgebildet, entwarf sie zuerst Kleider und Schmuck. Die Verschiebung ins Künstlerische geschah nach und nach. Ihre Entwürfe entzogen sich immer mehr dem funktionalen Anspruch, plötzlich wurden sie zu eigenständigen Objekten. Doch die Vorliebe für Stoffe, für das Gestrickte und Gehäkelte, die mit Kleidungstücken, Schuhen oder Strumpfhosen kombiniert werden, blieb. Und das Anrennen gegen Konventionen jeglicher Art, auch die der Kunst.

Alexandra Bircken, »New Model Army 1–5«, 2016, Courtesy BQ, Berlin and Herald St, London, Foto: Achim Kukulies

Geradezu besessen scheint Bircken von der Haut zu sein. Die Haut, das größte Organ des Menschen, trennt ihn von der Außenwelt, sie dehnt sich – so auch der Titel der Ausstellung „Stretch“ – , sie formt den Körper und sie beschützt ihn, doch sie ist verletzbar. Die der Haut eingeschriebenen Narben sind Zeugen dieser Verletzungen wie auch der ständigen Gefahr, welcher der Körper ausgesetzt ist. In Alexandra Birckens Objekten aus Latex, Leinwandstoff, aus Leder, das Motorradanzügen entstammt, Nylon, gestrickter Wolle und Polyester geht sie der Materialität der Haut nach. Ihre aus solchen Materialien bestehenden, oft skurril wirkenden Gestalten thematisieren die Dinghaftigkeit des menschlichen Körpers und bieten dem Betrachter die Möglichkeit, die Haut gleichzeitig als ein Teil von sich, wie auch als Objekt zu erfahren.

Die fünf hintereinander stehenden, lebensgroßen und surreal wirkenden Figurinen mit dem Titel „New Model Army 1 – 5“ (2016), die mit körperfarbenem Strumpfhosenstoff überzogen sind und deren einzelne Körperteile mit Schutzeinlagen aus Motorradanzügen gepolstert sind, sind ein Beispiel für solche Erfahrungserlebnisse: Wir sind Körper, wir sind auch Dinge, wir sind wir – und trotzdem sind wir uns selbst unheimlich.

Nichts ist dem Menschen so unheimlich wie seine Sexualität. Sie dem Bereich des Unheimlichen zu entreißen hat der Mensch immer wieder versucht, meistens erfolglos. Zu solchen Versuchen zählen auch Marcel Duchamps Bronzeabdrücke nackter weiblicher Hintern mit dem poetischen Titel „Feuille de vigne femelle“ von 1950. Bircken antwortet Duchamp und macht einen Abdruck ihrer eigenen Vagina, den sie in Bronze gießen lässt. Nüchtern präsentiert sie diesen Abdruck auf einem Podest, doch das Unheimliche bleibt. Wer hat schon eine Vagina von Innen gesehen?

Unheimlich ist auch der Selbstzerstörungstrieb, der dem menschlichen Körper eingeschrieben zu sein scheint. Unfallverdächtige Motorräder – Bircken fährt selbst ein Motorrad – oder Schießwaffen sind sozusagen der verlängerte Arm dieses Triebes. Sie sind Gewalt. Bircken schneidet in der Mitte ein Motorrad durch, legt es auf den Boden, so dass das Innere der Maschine zu sehen ist, und nennt es „Ducati Diana.“ (2014 ). Auch eine Kalaschnikov zerlegt sie in zwei Teile, bringt sie an die Wand, das Innenleben der Schießwaffe zeigend. Dagegen sind die Motorradanzüge, in denen Fahrer verunglückt sind und die sie über einen Internetdienst kauft, hohl. Sie breitet sie entweder auf dem Boden aus oder bringt sie an die Wand an. Fetischartig hängen sie, sicherlich nicht zufällig wie Gekreuzigte an der Wand. Fetischartigen Charakter haben auch die vier großen aus schwarzem Latex gefertigten bombenähnlichen Gebilde. Der Titel „B.U.F.F.“, der ein Akronym ist und sich auf dem US-amerikanischen militärischen Slang entnommenen Bezeichnung für den B-52 Bomber „Big Ugly Fat Fucker“ bezieht, spielt auf die Durchdringung von Gewalt und Sex an. Als Bomben von phallischer Form stehen sie da und wirken in ihrer übertriebenen Größe wieder lächerlich. Überhaupt ist Humor, der auch bei dem Vaginaabdruck als Antwort auf Duchamp mitklingt, ein Begleitelement von Birckens Objekten.

Alexandra Bircken »Eskalation II / Deflated Figures«, 2014 / 2017, Courtesy BQ, Berlin and Herald St, London, Foto: Achim Kukulies

Zentrale Arbeit der Ausstellung in Mönchengladbach ist die Installation „Eskalation II/Deflated Figures“ von 2014/17. Sie besteht aus 20 männlichen und 20 weiblichen Körperhüllen aus schwarzem Latex. Sie hängen an Leitern, die im Raum aufgestellt sind und wirken, trotz ihrer industriellen Herstellung und der Künstlichkeit des Materials in ihrer Schutzlosigkeit menschlich. Hohl, entleert sind sie und verlassen. Sie sind Hüllen, doch wovon? Das weiß der heutige Mensch nicht mehr so richtig. Die Objekte von Alexandra Bircken erinnern uns daran.

Artikelbild: Alexandra Bircken, im Uhrzeigersinn: »Moosbank«, 2016; »Storm«, 2013, courtesy Privatsammlung; »Aprilia«, 2016, Courtesy Collection Philipp and Christina Schmitz-Morkramer, Hamburg, Foto: Achim Kukulies

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